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Die erste Blume des Frühlings

von therees

Kapitel 1

8th Avenue, Ecke 42nd Street, New York City

5:30 Uhr





Goldrote Sonnenstrahlen berührten die noch vom Regen der Nacht triefende 8th Avenue und verwandelten das dunkle Grau der Morgenstunden in ein seichtes Blau, dass meine trabenden Füße umspielte. Ich sog das Licht in mich auf und spürte deutlich wie sich rings um mich das Leben bewegte. In einer Stadt wie New York entging man dem Atem der Straßen und Häuserreihen nicht einmal um 5.30, empfand sich selbst zu jedem Zeitpunkt als Teil eines großen Herzens dass laut pulsierend seinen Rhythmus vorgab.



Wir hatten uns einen letzten Blick geschenkt. Ein langer, zärtlicher Austausch der Körperlichkeit, die ich mit jedem Schritt in Richtung Zukunft tiefer in mir begrub. Noch schmeckte ich sein Wesen auf meiner Zunge, skizzierte die Konstellation seiner Gesichtspartien automatisch in meinem Geist und genoss die Weichheit meiner Haut, die eben noch Teil unsrer gemeinsamen Nacht gewesen war. Er war in Boxershorts in die Küche gegangen um den Kaffee aufzusetzen, den ich wie die meisten meiner Arbeitskollegen notwendiger brauchte als frische Unterwäsche. An der Türe hatte er mich nur stumm geküsst und mich lange festgehalten. Die Uhr war dennoch Richtung Flughafen gewandert und ich ließ ihn hinter mir ohne mich umzusehen.



Drei Wochen hier in dieser Stadt. Die Zeit war abgelaufen.







J. Edgar Hoover – Building, Washington D.C

Mulders Büro

18:22 Uhr

Ein Jahr später



Der Abend war über die Stadt hereingebrochen und hüllte alles in einen dicken, dunstigen Nebel. Ich liebte die späten Januartage. Das Bureau lag still inmitten seiner Nachbarschaft und wirkte beinahe unsichtbar, während ich gedankenverloren in meinen Notizen blätterte. Dunkle Fetzen des letzten Frühjahrs schlangen sich durch meinen Kopf und malten hin und wieder klare Bilder der Vergangenheit in mich hinein. Ich begutachtete sie und war vollkommen mit Träumen beschäftigt als Mulder mit einer Tasse Kaffee unser Büro betrat.

Ich ließ meine Gedanken fallen und nahm den Becher entgegen der mir nun entgegengestreckt wurde. Eigentlich hatte ich erst vor einer Stunde meinen nachmittäglichen Nachfüllbedarf gedeckt, konnte dem Geschmack und der lieben Gäste aber nicht widerstehen und nahm einen Schluck.



„Danke“ sagte ich ohne aufzusehen.



„Sehr gern“. antwortete mein Partner, knapp wie immer um diese Tageszeit.



Ich beobachtete ihn während er sich gegenüber von mir niederließ und seine Augen tief in die Seiten einer aufgeschlagenen Akte versenkte. Sein hellbraunes, stets leicht zerzaustes Haar wippte im Takt seiner langsamen, fast unmerklichen Kopfbewegungen und seine rechte Hand führte ihm gleichmäßig Kaffee zu während er mit der linken Sonnenblumenkerne aus einem kleinen Behältnis auf seinem Tisch nahm und sich jene in den Mund schob. Diese Kombination amüsierte mich auch heute, nach Jahren der Zusammenarbeit noch und erinnerte mich an die vielen Multitasking Studien die Frauen für das begabte Geschlecht auf diesem Gebiet hielten.

Die Wärme in mir war plötzlich da, weich und sanft und ich ließ sie mich besiegen ohne einen Anflug von Widerstand. Ich war lieber in Mulders Gegenwart als an jedem anderen Ort der Welt und es war vom ersten Tag an so gewesen. Etwas in mir lebte von seiner Anwesenheit und dieses Etwas war erwacht, als ich das erste Mal diesen Raum betreten hatte.

Schon die Schritte auf dem Weg Richtung Keller hatten sich unreal fremd angefühlt und ich könnte heute beschwören dass sich in dieser Unsicherheit meines Ganges die bereits feststehende Geschichte einer großen Reise ankündigte, die schwerer und tiefer werden würde als alles was ich zuvor durchschritten war. Der erste Handschlag und ein Blick in fremde und doch so bekannte Augen veränderte mein Leben für immer. Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Damals war mir nicht bewusst was mir da begegnete, doch ich wusste instinktiv dass mein Schicksal eine Wende nehmen würde. Ich fühlte ein seltsames Zittern durch mein Rückenmark ziehen und lächelte gemeinsam mit dem Fremden.



Der Fremde war nun Vertrauter. Ein Vertrauter der unkündbar war, unlöschbar und unmöglich zu verlassen. Ich hatte es versucht ohne es wirklich zu wollen. Und war immer noch hier. Und ich würde es bleiben sagte mir mein Herz, ich würde bleiben.



Er löste sich von seiner Arbeit und blickte mich durch den Raum hin an. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Augen und Lippen und wir genossen den Augenblick der Stille und Intimität. Dann öffnete Mulder seinen Laptop und ich widmete mich wieder meinem auf dem ich gerade versuchte eine Reihe von Berichten durchzugehen, was mir heute seltsamerweise schwer fiel.



„Wow, gibt’s ja nicht.“ Hörte ich seine Stimme in meine Gedanken dringen.



„Was denn?“



Er lächelte wieder, diesmal jedoch mit wogenden Augen und glänzenden Pupillen. Irgendetwas hatte seine ganze, sichtlich erfreute Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ich war neugierig worum es sich handelte. Es ist kein Fall, dachte ich bei mir.



„Ich kann’s gar nicht fassen. Mein bester Freund aus den Jahren an der Akademie wird für einige Zeit nach DC versetzt. Ich hatte völlig den Kontakt zu ihm verloren, das letzte was ich weiß ist dass er lange Jahre in Seattle gearbeitet hat. Dort hatte ich ihn eigentlich nach wie vor vermutet, aber er hat die letzten drei Jahre in New York verbracht und möchte wieder zurück nach Seattle. Doch seine Abteilung schickt ihn stattdessen zu uns. Ein anderer Agent hat anscheinend um seine Unterstützung angesucht. Unglaublich.. „ Er schüttelte den Kopf und schrieb für mich nicht sichtbare Worte in die Tastatur.



„Schön, freu mich darauf ihn kennen zu lernen. Vielleicht weiß er ja ein paar nette Details die ich an den Mann bringen könnte wenn ich wieder mal zu faul bin mir selbst Kaffee aus der Cafeteria zu holen.“ Sagte ich möglichst gleichgültig.



„Als ob ich das nicht auch ohne Erpressung für Sie tun würde.“ antwortete er in angriffslustigen Tonfall.



Ich schenkte ihm einen hochmütigen Blick und meinte: „Naja, für irgendwas ist verborgenes Wissen immer gut.“



„Meine Rede, meine Rede Scully.“ Wir schmunzelten mit vereinten Kräften und machten uns im Stillen über unsere Bildschirme und Gedanken her. Meine führten mich erneut zurück zum 21.Januar des vergangenen Jahres, dem Tag an dem ich New York verlassen hatte um auf der Landkarte tiefer in den Süden der Ostküste zu wandern, hinein in meine Pflicht, meine still schlafende Einmannwohnung und meine Fragen, die immer dieselben zu bleiben schienen.

Ich hätte bleiben können, hätte mich vom Frühling einer neuen Umgebung umstreicheln und von den Händen einer neuen Liebe tragen lassen können. Adrians Stimme war ein fernes Leuchten, verzerrt und blass in der Rekonstruktion meiner Erinnerung. Er sprach in den letzten Stunden die Wahrheit in mich hinein, verriet mir sein Geheimnis und bat mich um Mitwissenschaft und Genossenschaft. Doch mein Aufbruch war längst besiegelt. Ich musste weiter.







J. Edgar Hoover – Building, Washington D.C

08:25 Uhr

Zwei Tage später



Meine Gedanken hingen am Reißverschluss meines grauen Rockes, den ich heute etwas unbedacht zu tragen gedacht hatte und dessen Schaden mir erst auf der Toilette des Federal Bureau wieder in den Sinn gekommen war. Ich hatte ganze fünfeinhalbe Minuten meines Lebens daran verschwendet das verklemmte Metallteil in die erwünschte Position zurückzubugsieren während mir schon eine vorzeitige Heimfahrt anhand des unvorhergesehenen Missgeschicks vor Augen schwebte. Ich beglückwünschte mich gedanklich in selbstsarkastischem Ton zu meinem klaren Verstand und meiner Fähigkeit nebensächliche Details komplett zu verdrängen und war froh als sich der Rock schlussendlich dennoch in den Idealzustand zurückzwingen ließ. Immer noch etwas verwirrt doch zur selben Zeit erleichtert schritt ich Richtung Cafeteria, wo ich Mulder vermutete sowie eine große, starke Tasse Kaffee.

Ich erkannte seine dunkelblau gekleidete Gestalt am Wasserautomaten, neben ihm ein etwas kleinerer Kollege im schwarzen Anzug. Die beiden unterhielten sich offensichtlich angeregt und im Bruchteil einer Sekunde erklärte sich plötzlich die Frage in mir, woher ich diese Haltung, das schwarze kurze Haar, die noch nicht deutliche doch klar wahrnehmbare Stimme kannte, die Mulders Gegenüber sichtbar machten. Stopp, dachte ich. Dieser Teil der Handlung war nicht vorgesehen. Keine Umkehrmöglichkeit, kein Fluchtversuch in Richtung Fenster möglich, ich musste mich stellen. Die letzten Meter, klebrige Hände, wasserfallartige Porenentleerung in der Stirngegend, krampfartiges Ziehen in allen Nervenbahnen. Dann kam ich an.



Mulder wandte sich mir zuerst zu. Sein Arm näherte sich dem meinen und bevor ich in der Lage war mein schnell aus dem Repertoire automatisierter Höflichkeiten heraus gekramten „Guten Tag die Herren“ anzubringen stand ich schon vor Adrian Clark. Auge in Auge, so nah wie das letzte Mal an jenem Frühjahrsmorgen und wie erwartet stieß ich auf Erstaunen, Unglauben, Überraschung.



„Dana Scully?“ Ich konnte sehen wie sich die einzelnen Muskelpartien seines Körpers im Takt der Silben meines Namens zusammenzogen. Plötzliche Anspannung die auf meine Glieder überzuspringen schien.



„Guten Tag, schön sie wieder zu sehen“ Ob es so schön war wusste ich nicht, ich wusste nur dass es mir gelungen war meine Aufmerksamkeit von der Reaktionsabweichung meines Körpers abzulenken und meine Fassung wieder zu bekommen. Die Installation der Sperre war erfolgreich gewesen, keine Emotion trat an die Oberfläche meiner bloßgestellten Züge. Selbstbeherrschung war erlernbar und ich war der beste Schüler dieser Disziplin.



„Ihr beide kennt euch?“ Mulders fragende Augen streiften meinen gerade erkalteten Blick.



„Ja, wir sind uns in New York begegnet. Was für ein Zufall. Darf man fragen woher sie sich beide kennen?“ Der Studienfreund antwortete ich mir selbst und so plötzlich wie mir das Wasser auf die Stirn getreten war wurde mir das ganze Ausmaß dieses Augenblicks bewusst und ich wollte so schnell es geht die zwei Welten die sich vor mir hier zu einer vereinigen wollten auseinanderdividieren, sie separieren und dorthin zurück bringen wohin sie für mich stets gehört hatten. An einen eigenen Platz, weit weg von einander. Doch die sich unwirklich anfühlende Addition der beiden Männer vor mir ließ mir keine Wahl als vor ihr zu rekapitulieren.



„Adrian und ich waren zusammen an der Akademie. Ich hab dir davon erzählt. Ich kann es gar nicht glauben dass ihr beide euch getroffen habt.“ Meinte mein Partner mir zugewandt.



„Ja, wirklich unglaublich“ Adrians Augen ruhten still und wissend in meinen und ich schlug die Lider nieder. „Und sie sind Mulders Partnerin? Ich hatte keine Ahnung..“



Ich nickte und für einen kurzen Augenblick standen wir alle nur da und lächelten, auch wenn ich die Mienen der beiden Männer nicht deuten konnte. In mir gab es nur meine eigene Verlegenheit und den bestechend klaren Gedanken an die Sperre. Ich war Fassade. Vielleicht waren sie das auch.



„Lass uns zusammen Kaffee trinken, Scully schließen sie sich uns doch an.“ Meinte Mulder schließlich und beendete die kurze und doch ewig lang scheinende Zusammenkunft.



„Oh vielen Dank, ich komm gerne später darauf zurück. Wollte eben noch einmal ins Büro hinunter. Alles Gute Agent Clark und ..willkommen in DC.“ Die letzten Worte klebten wie Gift an meiner Zunge als ich mich nach einem freundlichen Nicken des Eindringlings mit versteinerten Beinen Richtung Theke schleppte. Rebecca grüßte routiniert und nahm meine immer gleiche Bestellung gelassen entgegen. Meine Selbstbeherrschung verwandelte sich hinter ihrem Rücken zu einer losen Grimasse. Dann hatte ich den Becher in der Hand und verließ den Raum ohne das Bedürfnis auf einen letzten Seitenblick. Erleichterung machte sich in mir breit und zugleich eine ungewohnte Unruhe und Angst, während der klare Ton seiner Stimme in mir nachhallte.