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Carpe Diem

von Andrea Muche

Kapitel 1

„Halt, Jimmi, nein!“

„Aua! Au! Aua, tut das weh! Du Vollidiot!“

„Spinnst du? Er ist doch kein Punchingball, du verdammter Außerirdischer!“

Von allen Richtungen kamen Schüler gelaufen, und vom Spielfeldrand setzten sich die ersten Erwachsenen in Bewegung.

Steven lag am Boden und hielt sein linkes Knie umklammert. Jimmi, die Augen noch immer voller Wut, stand hoch aufgerichtet neben ihm, sich sichtlich keiner Schuld bewußt, den Baseballschläger, mit dem er vorhin ausgeholt hatte, stolz in seiner Hand. „Niemand nennt mich einen schlechten Spieler, kapiert?“

„Paß bloß auf, du, wenn du mir das nächste Mal in meinen Schläger läufst...! Du intergalaktisches Arschloch!“

„Es gibt hier auch noch Regeln, weißt du?“

„Halt durch, Steven! Tut’s sehr weh?“

Der blonde Steven lag am Rücken, das Gesicht qualvoll verzogen, und atmete stoßweise. „Ja. Ah... au... ich glaub, das ist gebrochen. Aua...!“

„Laßt mich durch. Laßt mich durch, Jungs.“

Ein durchtrainierter, dunkelhaariger Mann hatte die Gruppe erreicht und schob die um den Verletzten gescharten Zwölfjährigen zur Seite. Er kniete sich nieder und beugte sich über Steven. „Laß mal sehen. – Nein, liegenbleiben. Nimm die Hand da vorsichtig weg, damit ich die Trainingshose hochschieben kann. Ja, so ist’s gut. Tapferer Steven. Mhm. Gebrochen. – Frederick, sei so gut und lauf zu meiner Jacke, da ist das Mobiltelefon der Schule drin, und ruf’ den Notarzt an!“

Der angesprochene Junge setzte sich sofort in Bewegung. „Mach’ ich.“

Der Mann wandte sich wieder dem verletzten Steven zu und lächelte ihn an. Der Ausdruck in seinen grau-blauen Augen vermittelte dem Kind Sicherheit. „Keine Sorge, Steven, das wird schon wieder. Und eines Tages bist du das As der Baseballszene.“

Das Gesicht des Verletzten entspannte sich sofort etwas. Obwohl er aufgrund des Schocks und der Schmerzen noch immer kalkweiß war, versuchte Steven zu lächeln. Er drückte die Hand seines Trainers. „Danke, Mister Mulder.“



Drei Tage vorher.

„He, du gehirnamputierter Außerirdischer! Das ist mein Rucksack!“

Steven grabschte nach der Tasche, die sein Teamkollege Jimmi an sich genommen hatte und entriß sie ihm.

Der schwarzhaarige Jimmi sah ihn herausfordernd an. „Führ dich nicht so auf, Albino-Schleimscheißer. Ich wollte ja nur mal gucken.“

„Um dann was zu tun? Mein Buch zu stehlen, das ich da drin hab’? Kannst du denn überhaupt lesen? Gibt’s auf deinem Planeten Bücher?!“

„He! Jungs!“ Der Trainer, der auf sie aufmerksam geworden war, kam durch die Reihen der Umkleideschränke auf sie zu. „Fangt jetzt nicht an, euch zu prügeln Ihr habt gerade ein klasse Spiel geliefert. Und zwar alle von euch.“

Ein paar der anderen Jungen warfen abschätzige Blicke auf Jimmi, irgendwer machte „ts“. Die ersten verließen die Umkleide bereits und riefen „Wiedersehen, Mister Mulder!“.

Er winkte ihnen kurz zu und konzentrierte sich dann auf die beiden Streithähne. „Wem gehört der Rucksack?“

„Mir“, sagte Steven.

„In Ordnung. Jimmi, was wolltest du damit?“

„Nachsehen, ob er ein Buch hat, das er mir leihen kann.“

„Leihen, phhh...!“ machte Steven. „Wer’s glaubt, wird selig.“

„Warum hast du ihn nicht danach gefragt?“

Jimmi zuckte die Schultern.

„Jimmi, ich möchte gerne eine Antwort auf die Frage, warum du einen Rucksack an dich nimmst, der dir nicht gehört, ohne den Besitzer um Erlaubnis zu fragen?“

„Er nennt mich immer einen Außerirdischen.“

„Mann, bist du doch auch, so hohl, wie du dich aufführst!“

„Steven, das reicht!“

Der blonde Junge sah zu Boden. „Entschuldigung, Sir.“

„Ihr seid beide prima Sportler. Ihr seid ein Team. Die andere Mannschaft ist der Gegner, nicht ihr beide untereinander. Und auch wenn ihr verschiedene Charaktereigenschaften habt und nicht immer einer Meinung seid und den anderen nicht immer verstehen könnt, versucht, euch zu respektieren und zusammen euer Bestes für die Mannschaft zu geben. Ein Spiel, das ist etwas, das keiner alleine tun kann. Zusammen aber könnt ihr dem Gegner zeigen, was eine Harke ist. Okay, Jimmi?“

Mulder sah einen schwarzen Haarschopf unter sich nicken. Er klopfte dem Jungen freundschaftlich auf die Schulter und schob ihn in Richtung seines Schrankes. „Und jetzt geh nach Hause.“

Als Steven sich auch in Bewegung setzen wollte, hielt der Trainer ihn mit der Hand zurück. „Moment noch, Steven. Setz dich.“

Sie nahmen beide auf der Bank vor den Schränken Platz.

„Warum nennst du Jimmi einen Außerirdischen?“

„Weil... er sich so verhält.“

„Inwiefern?“

„Naja... Er wird so schnell wütend. Er ist immer aggressiv. Wenn man ihn bei irgendwas übersieht oder so, dann denkt er immer sofort, es war Absicht. Er tickt einfach nicht so wie wir. Er ist... irgendwie anders. Wirklich wie von einem anderen Planeten.“

„Steven, glaubst du an Außerirdische?“ Der Trainer sah ihm forschend ins Gesicht.

Der blonde Junge fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und sah ihn dann unsicher an. „Nein, ich denke nicht.“

„Du bezeichnest ihn also als etwas Nicht-Existentes. Noch dazu ohne Gehirn, wenn ich das vorhin richtig verstanden habe. Ich glaube, du möchtest auch nicht gern als weniger als Luft betrachtet werden, nicht wahr?“

Steven blickte beschämt zu Boden.

„Weißt du, Steven, ich sehe ja auch, daß Jimmi sich manchmal merkwürdig verhält. Aber er hat es nicht leicht. Er ist erst hierher gezogen, als ihr anderen euch alle schon längst kanntet und eure Freunde gefunden hattet. Er ist kein Kind, das leicht Anschluß findet. Zu Hause hat er es überdies auch sehr schwer. Seine Mutter ist krank und sein Vater Alkoholiker. Du weißt, wie das ist, wenn Menschen süchtig sind, oder? Daß sie ausrasten können und ihre eigenen Kinder schlecht behandeln? Jimmi war immer wieder auch im Jugendheim untergebracht. Wenn es zu Hause gar nicht mehr ging. Aber dann vermißt er seine Mutter schrecklich.“

„Das wußte ich nicht“, murmelte Steven.

„Ich weiß. Deswegen erzähle ich dir das ja. Aber behalt’ es bitte für dich, okay? Du kannst dir bestimmt ebenfalls vorstellen, daß es für Jimmi in der Schule dann auch nicht gut lief, unter diesen Voraussetzungen zu Hause. Das Jugendamt dachte, eine neue Schule, in der mehr Wert auf Sport gelegt wird, täte ihm gut. Damit er seine aufgestaute Wut vielleicht in Energie umsetzen kann, sich auf dem Platz austoben kann. Verstehst du das?“

„Ja, Sir.“

Mulder seufzte. „Ich weiß, daß es auch für euch nicht leicht ist mit ihm. Genaugenommen weiß ich auch nicht wirklich, wie ich ihm endlich beibringen soll, was Kameradschaft, Teamgeist, Vertrauen und gegenseitiger Respekt sind. Aber ich bin fest entschlossen, es wenigstens zu versuchen. – Vielleicht könntest du ihn, mhm, künftig irgendwie anders nennen? Oder einfach nur Jim sagen, auch wenn du wütend bist?“

Steven atmete tief durch. „Ich will’s versuchen.“

Der Trainer strahlte ihn an und stand auf. „Das wollte ich hören. Danke.“

Steven streckte ihm die Hand hin. „Auf Wiedersehen, Mister Mulder.“

„Wiedersehen, Steven.“

Der blonde Junge packte seine Sachen und trabte zum Ausgang der Umkleide. Mulders Blick folgte ihm – und da sah er eine mild lächelnde Frau mit langen Locken im geblümten Sommerkleid an der Tür stehen. „Hallo, Supertrainer!“ sagte sie und kam auf ihn zu. „Du kannst so gut mit Kindern, daß ich mich wirklich immer wieder frage, wieso du eigentlich selbst keine hast.“ Sie umarmte ihn kurz.

Er drückte sie. „Hallo, Samantha. Ach, naja, ich habe doch hier genug davon. Mit dem Vorteil, daß ich, nachdem ich sie zu ihren Eltern geschickt habe, gemütlich in der Kneipe abhängen kann. Oder zu Hause bei meiner Baseball-Fanartikel-Sammlung. Wenn ich eine Familie hätte, wo täte ich die Sammlung hin? Dann müßte ich ja ein Kinderzimmer einrichten. Und... eh... ein Schlafzimmer wohl auch erstmal.“

Samantha lachte und knuffte ihn in die Seite. „Fox, du bist unmöglich!“

Er erwiderte ihr Lachen. „Ja, ich weiß. Deswegen hält es wahrscheinlich auch keine Frau mit mir aus. Im übrigen: Sag’ nicht, daß ich nicht für deine Jungs ein super Onkel bin. Das zählt doch auch was, oder nicht?“

Sie schmunzelte. „Mhm. Und deswegen bin ich auch hier. Ich wollte fragen, ob du mit mir und den Jungs nicht Mom und Dad besuchen kommen willst. Rupert kann nicht mitkommen, er hat Dienst.“

Er überlegte kurz. „Ja, klar, warum nicht?“



„Onkel Fox, Onkel Fox, zeig mir noch mal, wie man den Ball richtig wirft!“

„Mir auch!“

Von beiden Seiten belagerten ihn die Kinder seiner Schwester.

„Fox, Billy, Andrew!“ rief in dem Moment die Großmutter der Kinder von der Terrasse her. „Kommt jetzt mal Kuchen essen, der Kaffee ist fertig. Und für euch beide gibt’s Kakao!“

„Ach, bitte, Onkel Fox, noch einen Wurf!“

„Später, hm? Ihr habt doch Oma gehört. Wir wollen doch nicht, daß sie denkt, ein Ball wäre uns wichtiger als ihr köstlicher, selbstgebackener Kuchen, oder?“

„Wieso nicht – wenn es doch stimmt?“

Fox lachte hell auf, legte ihnen die Arme um die Schultern und dirigierte sie in Richtung Haus. „Na, kommt schon, tut es Oma zuliebe.“

„Na gut.“

Kurz darauf saßen sie alle gemütlich um die Kaffeetafel, die Jungs stoben jedoch schon bald zu einem neuen, abenteuerlichen Spiel davon. „Ich bin ein FBI-Agent“, hörte man Andrew vom Rasen schreien. „Ich bin Soldat und kämpfe gegen Amerikas Feinde“, rief Billy zurück.

„Das tut ein FBI-Agent auch“, sagte Andrew. „Aber er trägt dabei ’nen Anzug!“

Die Erwachsenen schmunzelten.

„Du wolltest auch mal FBI-Agent werden“, sagte Mulders Vater zu seinem Sohn.

„Naja, vielleicht setzt doch die nächste Generation unsere Träume um. Billy scheint sich allerdings mehr an die direkte Linie zu halten.“

Samantha lächelte. Ihr Mann war beim Militär.

„Hauptsache, dir gefällt deine Arbeit, Junge“, sagte Mulders Mutter. „Und wenigstens bist du kein Geheimnisträger. Das kann manchmal auch ganz schön belastend sein, weißt du.“ Sie warf ihrem Mann Bill einen liebevollen Blick zu.

„Ja“, nahm der den Faden auf, „wenn man nach Hause kommt und einen die Dinge, die einen beschäftigen, immer noch nicht loslassen, aber man auch nicht darüber reden darf... Es kann hart sein. Der Partner fühlt sich dann leicht unverstanden und ausgeschlossen. Viele Ehen habe ich daran zerbrechen sehen.“

„Was bei meinem Brüderchen hingegen aber wohl kaum das Problem sein dürfte – wo er doch noch nicht mal eine Frau hat.“

Fox Mulder lachte gutmütig. „Ja, ja, macht euch nur mal wieder alle über mich lustig. Nur weil ich mich entschieden habe, mehr körperlich als geistig zu arbeiten. Wobei ich euch eins sage: Unterschätzt mir nie das Hirn, das man braucht, um Strategie in ein Spiel zu bringen...! Und erst recht in eins von Zwölfjährigen.“

„Immer noch keine Frau in Sicht?“ Das war eine Frage seiner Mutter. Natürlich. So etwas konnte nur eine Mutter fragen.

„Mom, du hast doch schon Enkel.“

„Ach, Junge. Denkst du denn nie, daß du was verpaßt?“

„Was denn, Mom? Eine Frau würde bestimmt wollen, daß ich meinen Baseball-Erlebnis-Raum in ein Kinderzimmer umwidme. Und am Ende mutiere ich noch zum Schlips- und Anzugträger mit einem stinklangweiligen Bürojob.“



Durchgeschwitzt kam Fox Mulder von seiner abendlichen Joggingrunde an seinem Apartment an. Er fuhr sich über die Stirn und atmete tief aus, während er in der Trainingshose nach dem Schlüssel suchte. Sein grauhaariger, hagerer Nachbar, ein Mann um die Sechzig, kam aus seiner Tür und rauchte, etwas Zigarettenasche fiel zu Boden. Der Typ rauchte eigentlich immer.

„Irgendwann sterben Sie noch an Lungenkrebs“, sagte Mulder zu ihm.

Der Mann lächelte traurig. „Wofür sollte ich denn aber auch andererseits noch so ewig lange leben? Wer hat denn etwas davon?“

„Haben Sie denn gar keine Familie?“

„Nicht mehr.“ Der Mann schloß seine Tür ab, drehte sich um und ging zum Treppenhaus.

Mulder sperrte seine Tür auf, trat ein und machte Licht. „Hallo, Leute“, begrüßte er seine Fische, die im Aquarium ungerührt ihre Bahnen zogen. Der Anrufbeantworter blinkte. Eine Nachricht. „Hey, Mann, wie wäre es mal wieder mit einem gepflegten Bier? Oder bist du etwa unter die Beweibten gegangen? Was hieltest du im übrigen davon, wenn du dir endlich mal ein Mobiltelefon zulegen würdest?“

Er schmunzelte. Langly. Dafür, daß der der totale Technik-Freak war und ständig auch noch mit zwei anderen Typen abhing, die sogar an Ufo-Sichtungen und kleine, graue Männchen glaubten, war er eigentlich ganz okay.

Mulder zog sich das durchgeschwitzte T-Shirt über den Kopf und warf es auf das Sofa. Noch so eine Jungs-Angewohnheit, die eine Frau nicht dulden würde. Dann entledigte er sich des Rests seiner Klamotten auf dieselbe Weise und ging erst einmal unter die Dusche. Frisch geduscht und in Shorts tappte er dann in die Küche, wobei er feuchte Spuren auf dem Fußboden hinterließ, schnappte sich Cornflakes und Milch, setzte sich mit seiner Schüssel und einem Löffel vor den Fernseher und angelte nach der Fernbedienung. Wurde vielleicht irgendein gutes Spiel übertragen?

Er hatte allerdings kein Glück. Überall nur schlechte Krimis, Seifenopern oder Nachrichten. Die Nachrichten waren noch das Interessanteste. Mulder dachte zurück. Bevor er kurzzeitig den Traum hatte, zum FBI zu gehen, weil er schwarze Anzüge damals irgendwie cool fand – jeder macht mal eine Phase durch –, wollte er eigentlich Reporter werden. Starreporter natürlich. Pulitzer-Preisträger. So einer wie die, die den Watergate-Skandal aufgedeckt hatten. Er erinnerte sich noch gut daran, wie seine Schwester sich ständig darüber beschwert hatte, daß sie nie ihre Familienfilme sehen konnte, wenn Mom und Dad aus dem Haus waren und er bestimmte, was angeschaut wurde. Es waren immer irgendwelche Reportagen, die sich mit Politik befaßten. – Bis er irgendwann entschieden hatte, daß sowieso die ganze Regierung korrupt war, und er überhaupt keine Lust hatte, sich in und mit diesem Intrigensumpf abzustrampeln, sondern sich lieber dem reinen, unverfälschten Glücksgefühl des Sports hingab. Und dem Unterrichten, in der Hoffnung, wenigstens den jungen Staatsbürgern etwas anderes für ihr Leben mitzugeben als das Gefühl, ständig nach oben buckeln und nach unten treten zu müssen.

Er ging ins Baseball-Zimmer und schaltete das Licht ein. Poster seiner Jugend-Idole hingen an den Wänden, Alben und gesammelte Fanzeitungen lagen in den Regalen. Daneben Bücher über Sport, Strategie, Training. Ein richtiges Jungs-Zimmer. „Was könnte all das hier einer Frau schon bedeuten?“ murmelte Mulder vor sich hin.

Aber so wirklich befriedigte es ihn heute andererseits auch nicht. Er knurrte, schaltete das Licht wieder aus und klappte die Tür zu.

Wollte er eigentlich wirklich weder Frau noch Kinder? Er unterrichtete unheimlich gern. Er konnte gut mit den Jungs, die er trainierte. Auch mit Samanthas beiden Kindern. Billy und Andrew liebten ihn abgöttisch. Und er liebte sie. Andererseits liebte er auch seine Freiheit. Tun und lassen zu können, was er wollte. Einfach die Tür hinter sich zuklappen zu können und nicht mehr reden zu müssen, wenn einem nicht danach war. Falls einem doch danach war, konnte man ja immer noch in die Kneipe gehen. Oder war ihm einfach die richtige Frau nie begegnet? Es war schließlich nicht so, daß er Frauen nicht mochte. Aber er hatte auch nicht wirklich das Gefühl, daß ihm allein etwas fehlte. Meistens zumindest.

Schließlich rief er Langly zurück. „Was hältst du von morgen abend?“



„Und das hier ist Fox Mulder, Sportlehrer und unser eiserner Junggeselle.“

Mit diesen Worten stellte die Schulleiterin ihn der neuen Kollegin für englische Literatur vor.

„Wollen Sie mich verkuppeln?“ fragte Mulder, als er ihr die Hand zur Begrüßung hinstreckte. „Wie heißen Sie noch mal? Byron? So wie der Dichter?“

„Interessieren Sie sich für Literatur?“ fragte die Neue, eine hübsche Brünette mit grünen Augen.

Mulder grinste schief. „Nicht besonders. Nicht, wenn nicht auf jeder Seite eine Sportart vorgestellt wird.“

„Oh, ein im Sport-Universum gefangener Geist.“

„Interessieren Sie sich für Sport?“

„Ist auf dem Sofa liegen und lesen einer?“

Fast war er versucht, irgendeine flapsige Bemerkung über horizontalen Sport vom Stapel zu lassen – andererseits sollte man es sich mit einer neuen Kollegin wohl nicht gleich am ersten Tag verscherzen. Zumal mit einer, die irgendwie Witz hatte.

„Ich sehe schon, das wird wohl eher nichts mit Ihnen beiden“, sagte die Schulleiterin kopfschüttelnd. „Naja, wie gesagt, eiserner Junggeselle.“

„Du machst es schon ganz richtig, Mulder.“ Einer der anderen Lehrer klopfte ihm von hinten auf die Schulter, als die beiden Frauen bei ihrer Vorstellungsrunde weitergingen. „Sieh dir mich an: dreimal verheiratet, dreimal geschieden. Und jede hat mich nur ausgenommen wie eine Weihnachtsgans.“

„Junge, du verliebst dich eindeutig zu schnell.“

„Da könntest du recht haben. Ich glaube, bis Nummer vier dauert es nicht mehr lange, ich hab’ da ein Mädel kennengelernt, süß, sag’ ich dir...“

Nachdem er eine Weile Mulder von seiner Eroberung vorgeschwärmt hatte, fragte er: „Verliebst du dich eigentlich nie? Hast du noch nie eine Frau getroffen, bei der du dir gedacht hast, wow, in das Gesicht möchte ich jeden Tag beim Frühstück sehen können?!“

„Hm. Nein. Wäre auch ein bißchen schwierig, da ich nie frühstücke. Ich trinke immer nur eine Tasse Kaffee. Im Stehen.“

„Oh Mann, du bist ja noch verrückter als ich.“

Mit diesem Kommentar unter Freunden ließ er Mulder stehen.

Mulder überlegte. War er schon einmal verliebt? Doch, ja, verliebt schon. Aber daß er sich jemals hätte vorstellen können, mit einer seiner Freundinnen das ganze restliche Leben oder wenigstens ein paar Jahre zu verbringen? Täglich? Ohne Spielunterbrechung? Ohne Spielerauswechslung? Mulder schüttelte es schon allein bei dem Gedanken.

Am ehesten konnte er sich das Zusammensein noch mit einer Frau vorstellen, die witzig und scharfsinnig war und seinen Geist herausforderte. Vielleicht doch eine wie diese Byron...? Aber die Sorte Frau stand erfahrungsgemäß nicht auf Athleten wie ihn. Vielleicht hätte er ja doch zum FBI gehen sollen...