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Arachnophobia - The Second Edition

von XFilerN

Kapitel 1

Östliches Nevada

10. April 2000



Die Sonne brannte heiß auf seiner Haut als John durch die Wüstenlandschaft von Nevada stapfte. Keine Wolke war am tiefblauen Himmel zu sehen. Es herrschten mindestens 40° C im Schatten, den er sich sehnlichst herbeiwünschte, denn der Schweiß rann ihm in kleinen Rinnsälen am ganzen Körper hinunter. Wieder und wieder wischte sich John den Schweiß von der Stirn und setzte unermüdlich seinen Weg fort. Er hoffte inständig, dass ihr nichts geschehen war.

John war Anfang Dreißig und mit Juliette seit fünf Jahren verheiratet. Sie hatten sich eine Plantage gekauft als Juliettes Vater gestorben war und ihnen vor drei Jahren eine beträchtliche Summe vermacht hatte. Sie betrieben seitdem Viehzucht und hielten insgesamt zweihundert Rinder und vierzehn Pferde auf ihrem Gut.

An diesem Morgen, wie auch an jedem anderen, hatte seine Frau die Herde aufs Land bringen wollen und war nicht wieder zurückgekehrt. John hatte bis Mittags auf sie gewartet, doch sie kam nicht wie üblich nach einer Stunde zurück. Auch nicht nach zwei oder drei Stunden. Und so kam es, dass er sich auf den Weg gemacht hatte, um sie zu suchen.



Er zerrte müde an dem Halfter, das seine Stute um hatte und zog sie in der sengenden Hitze hinter sich her, fest entschlossen seine Frau noch vor Einbruch der Nacht zu finden. Stardust, so hieß seine Stute, folgte ihm gehorsam und schnaubte hin und wieder in seinen Nacken. Plötzlich stieg sie auf die Hinterhufe und wieherte aufgeregt. John sah sich irritiert um und entdeckte schließlich eine Viper, die sich über den Boden schlängelte. Sie zischte gefährlich in Johns Richtung, der vergeblich versuchte seine Stute zu beruhigen.

"Ganz ruhig altes Mädchen..., ganz ruhig...", doch auch seine Stimme besänftigte sie nicht.

Die Schlange bewegte sich mit enormer Geschwindigkeit auf Stardust zu, die wild wieherte und immer wieder stieg. Sie bäumte sich auf, riss John die Leine aus der Hand und ging einige Schritte rückwärts. Die Schlange, John klassifizierte sie als Crotalus cerastes, eine gehörnte Klapperschlange, kam der Stute gefährlich nahe. Sie zischte aufgeregt und machte plötzlich warnende Geräusche mit ihrem Schwanz. John war clever genug sich aus dem Geschehen rauszuhalten. Er wusste, dass der Biss einer Klapperschlange oftmals tödlich endete.

Die Stute wieherte noch immer aufgeregt und trampelte ängstlich auf der Stelle, bevor sie erneut stieg. Die Schlange kam näher und immer näher an sie heran, klapperte bedrohlich mit ihrem Schwanz und zischte. John sah dem Geschehen nervös zu.

Ohne seine Stute, dessen war er sich bewusst, befand er sich in Gefahr. Die Wüste Nevadas barg eine Menge solch gefährlicher Tiere. Und er könnte verdursten bevor er, wenn er zu Fuß gehen müsste, zu Hause auf seiner Farm ankommen würde. Plötzlich verstummte das Klappern und Zischen der Schlange. Stardust hatte sich nochmals vor ihr aufgebäumt und war ihr dann mit den Hufen zu nahe gekommen. Sie hatte die Klapperschlange zerquetscht und regelrecht in den Sand getrampelt. Langsam beruhigte sich das Tier wieder, nachdem die Gefahr vorüber war.

John nahm seine Stute wieder in sicheren Halt und galoppierte los. Er musste Juliette finden und hoffte, dass ihr nicht auch eine dieser Schlangen begegnet war und sie irgendwo vergiftet auf ihn und seine Hilfe wartete.



Die Sonne brannte noch immer auf seiner Haut, als er sich die Hand über die Augen hielt und in die Ferne schaute. Ihm war, als würde er etwas sehen, das nach einer Herde, nach seiner Herde, aussah. John trat seiner Stute neuerlich in die Seiten, machte ein schnalzendes Geräusch und trieb sie an weiter zu galoppieren. Er lenkte das Pferd Richtung Südost, wo er die Rinder entdeckt hatte. In dieser Richtung wurde es steiniger. Felsen, ja beinahe Berge, die Höhlen in sich bargen, lagen in dieser Richtung. Hier und da kam er an verdorrten Grasbüschen und meterhohen Kakteen vorbei, schenkte ihnen jedoch keine große Beachtung. Er konnte nur noch an seine Frau denken und hoffte, dass sie in Ordnung war.

Die Rinder befanden sich außerhalb ihres Guts und waren weit entfernt von der gewohnten Gegend, in der sie normalerweise weideten. Es gab hier weder Wasser noch besonders viel Gras.

John brachte Stardust zum Stehen und stieg ab, als er bei dem Vieh ankam. Er sah sich ungeduldig um, konnte seine Frau jedoch nicht entdecken. Einige Male rief er ihren Namen, vielleicht hatte sie im Schatten der umliegenden Felsen Unterschlupf gesucht, um der Sonne zu entkommen. Dann plötzlich, nicht weit entfernt, sah er etwas.

Es hatte menschliche Größe, war jedoch ganz weiß. Vorsichtig und langsam ging er mit zitternden Knien darauf zu. Je näher er kam, desto unwohler wurde ihm zumute. Trotz der Hitze bekam er eine Gänsehaut, als er vor dem weißen Klumpen, diesem unidentifizierbaren Etwas, zum Stehen kam. Es sah aus wie ein Kokon oder wie ein Klumpen von Spinnenweben und irgendetwas verbarg sich darin. Ihm wurde ganz schlecht als er feststellte, dass es in der Tat von Spinnen geschaffen zu sein schien. Und vor allem traf ihn der Schock, als er es öffnete.

"Nein!" Sein entsetzter Schrei verlor sich in der Weite der Wüste. "Juliette, oh mein Gott. Nein... nein... nein!", rief er und wollte seinen Augen nicht trauen.

Seine Frau lag in die Weben eingewickelt. Ihr Gesicht deutete noch immer den Schrecken an, der ihr widerfahren sein musste bevor sie ihren letzten Atemzug getan hatte. Sie sah um Jahre gealtert aus, jedoch nicht verwest. Ihre Haut war kalt und fühlte sich an wie Leder. Dennoch nahm er seine tote Frau fest in die Arme, wiegte sie wie ein Kind und begann bitterlich zu weinen. Sein schlimmster Alptraum war real geworden; Juliette hatte ihn gebraucht, doch er war zu spät gekommen um ihr zu helfen und jetzt hatte er sie verloren.





John brachte es einfach nicht über sich seine Frau oder besser gesagt ihren Leichnam hier inmitten der Wüste liegen zu lassen. Er wollte nicht zulassen, dass ihr toter Körper zum Opfer irgendeines Aasfressers wurde. Vorsichtig hievte er die Leiche auf Stardust und stieg dann selbst auf.

Er würde Juliette mit nachhause nehmen und von dort die örtliche Polizei benachrichtigen, und ihnen ihren Körper anvertrauen. Er wusste, dass er noch viel mehr tun musste als nur dafür sorgen, dass man ihren Leichnam abholte.

In all den Jahren, die er Juliette gekannt und geliebt hatte war es ihm nicht einmal in den Sinn gekommen, dass sie eines Tages sterben könnte. Sie war immer voller Enthusiasmus gewesen, mit einer Freude an die tägliche Arbeit herangegangen, als würde es ihr schon allein deshalb Spaß machen, weil es etwas war, das sie gemeinsam taten. Ihr ganzes Leben schien ein einziger Spaß gewesen zu sein, nur ganz selten war sie schlechter Stimmung oder gar traurig gewesen.

Wie konnte es möglich sein, dass eine junge Frau, deren Lebendigkeit nahezu ansteckend gewesen war, jetzt bereits aus dem Leben gerissen worden war?

Sie hätte dieses Jahr ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert, überlegte John wehmütig und schaute hinab zu Juliette, deren lebloser Körper durch den Gang des Pferdes herumbaumelte. Es sah richtiggehend lieblos aus, doch es war immer noch besser als sie inmitten des Nirgendwo liegen zu lassen.

Gerade als er geglaubt hatte, dass seine Tränen versiegt waren, begannen sie sich erneut ihren Weg über sein Gesicht zu bahnen. Vergessen waren die strengen Worte seines Vaters, der ihm, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, immer eingeredet hatte, dass Weinen etwas für Mädchen und Frauen war, ein richtiger Kerl sich seinen Kummer aber niemals ansehen lassen oder ihn gar zum Ausdruck bringen würde.

Er verfluchte seinen Vater dafür, denn er hatte es seinetwegen auch versäumt Juliette schon viel eher einen Heiratsantrag zu machen, ihr zu sagen, wie wichtig sie ihm war und dass er sie mehr als alles andere auf der Welt liebte. Sie hätten schon viele Jahre vorher geheiratet, hätte John mehr Courage besessen und die Worte seines Vaters ignoriert.

Nun war es zu spät. Jetzt konnte er es ihr nicht mehr sagen, nicht ein einziges Mal mehr. Wütend auf sich selbst, wegen der Hörigkeit seinem Vater gegenüber, wischte John sich die Tränen fort, denn noch immer hallten die Worte des verbitterten alten Farmers in seinem Kopf wider. Wie ein nicht enden wollendes Echo erklang wieder und immer wieder die Stimme seines Vaters in seinen Gedanken und nur ein Blick hinab zu Juliette brachte sie zum Schweigen.





Einige Stunden waren vergangen als er die Ranch endlich erreichte und es bereits zu dämmern begann. Schon aus einiger Entfernung hatte er das Haus gesehen, das am Morgen des Tages noch lebendig und nun leblos wie seine Frau wirkte. Es schien zu trauern, dachte John bei sich, als wüsste es, dass nichts mehr werden würde wie früher.

Er gab der Stute den Befehl den Schritt zu verlangsamen, denn erst jetzt kam ihm in den Sinn, dass sie lange nichts trinken konnte, eine schwer Last zu tragen und er sie auch noch gehetzt hatte, um möglichst bald zuhause anzukommen.

Seufzend stieg er am Haus angekommen ab und erinnerte sich noch einmal daran, wie es gewesen war gemeinsam mit Juliette auf der Terrasse zu sitzen und den Sonnenuntergang zu beobachten.

Schließlich hob er seine Frau vorsichtig vom Rücken des Pferdes herunter und brachte sie ins Haus, um anschließend Stardust zu versorgen, bevor sie einen Schwächeanfall erlitt. Denn das würde Juliette nicht gefallen.







Seattle, FBI-Außenstelle

14. April 2000



John Daniels musste der Sache auf den Grund gehen. Er musste herausfinden, welches Tier seine Frau dermaßen zugerichtet hatte. Er kannte sich ein wenig mit Spinnen aus, doch er hatte noch nie etwas gehört oder gelesen über eine Spinnenart die Menschen angreift. Er betrat das Bundesgebäude und meldete sich als Besucher, bei seinem ehemaligen Highschool Freund an. Die Frau in der Empfangshalle kam ihm freundlich entgegen und gab ihm einen Ausweis.

„Den müssen Sie gut sichtbar tragen. Ich werde Agent Willmore bescheid sagen, dass Sie da sind."

„Vielen Dank...", erwiderte John und versuchte zu lächeln. Doch der Verlust seiner Frau haftete noch schwer an ihm und ließ sein Lächeln gequält aussehen.

Die Angestellte hatte gerade den Hörer zurück auf die Gabel gelegt, als John sie erwartungsvoll ansah.

Sie lächelte ihm erneut zu, deutete zum Fahrstuhl und meinte dann: „Dritter Stock, die erste Tür links, Sir. Agent Willmore hat jetzt Zeit für Sie."

John nickte der Frau dankend zu und ging zu dem Fahrstuhl hinüber, als sie sich wieder ihrer Arbeit widmete. Er wippte nervös auf seinen Füßen hin und her, bis der Fahrstuhl endlich zum Stehen kam. Dann trat er vor die erste Tür auf der linken Seite und klopfte an.

„Herein", erklang die gedämpfte Stimme, von der anderen Seite. John drückte mit zitternder Hand die Klinke herunter und schob die Holztür auf. Craig kam ihm entgegen, lächelte ihm zu und begrüßte ihn freudig. Nachdem es ihm von Craig angeboten wurde, setzte sich John ihm gegenüber vor den Schreibtisch.

„Was führt dich denn hierher, John? Es ist schon lange her, seit der Highschool", meinte der Agent freundlich.

John überlegte kurz. „Lange her ist gar kein Ausdruck. Aber ich brauche dringend deine Hilfe, Craig."

Der Agent musterte seinen alten Freund. Er sah, dass ihn etwas sehr belastete und bat interessiert darum, dass er fortfahren solle. „Bei was?", fragte Agent Willmore deshalb. Er spürte, dass John nicht aus privaten Gründen gekommen war, sondern seinen Beruf in Anspruch nehmen wollte.

John Daniels sah sich etwas ratlos um, wie sollte er nur erzählen was geschehen war, ohne wieder depressiv zu werden und diese grausamen Bilder vor Augen zu haben? Der Schmerz war noch zu groß, um ihn einfach so überspielen zu können.

„Meine Frau, Juliette, kam vor zwei Tagen ums Leben", begann er schließlich. Seine Stimme klang rau und verbittert, doch Craig hörte ihm aufmerksam und unvoreingenommen zu, als er weiter sprach. „Sie war... ich habe sie gefunden. Craig... - ich habe etwas ähnliches noch nie gesehen. Sie war eingesponnen, in einer Art Kokon. Sie lag einfach so da, in der Wüste Nevadas und war eingewebt worden. Ich nehme an, dass es Spinnen waren, aber..."

„Spinnen? Was für Spinnen?", hakte Agent Willmore nach, als John inne hielt.

„Ich weiß auch nicht. Ich bin kein Experte, aber eines weiß ich, Craig - keine Spinne greift einen Menschen an. Vogelspinnen greifen Vögel, Eidechsen oder auch Mäuse an. Sie sind so ziemlich die größte Art, die ich kenne, aber sie greifen keine Menschen an", erklärte John sachlich. Dann sah er wieder nachdenklich aus. „Spinnen sind Einzelgänger, Craig, das wurde uns schon in der Schule erklärt. Sie greifen nicht in Scharen an. Aber so wie... - so wie Juliette aussah, waren es viele Spinnen. Sie hatten sie ganz und gar eingewoben, nachdem sie meine Frau vergiftet hatten und sie gestorben war. Das ist nicht gerade typisch für diese Tiere."

Agent Willmore nickte verstehend und machte ein ernstes, nachdenkliches Gesicht. „Ich werde sehen was ich tun kann, um dir zu helfen. Wenn ich dich richtig verstanden habe, soll ich mich der Sache, dem Tod deiner Frau, annehmen?"

Ein Nicken seines Freundes bestätigte Craigs Vermutung. Er spürte, dass es in diesem Fall nicht mit rechten Dingen zuging. Es war tatsächlich mysteriös, auf welche Art Johns Frau ums Leben gekommen war und das war nach langer Zeit mal wieder ein interessanter und außergewöhnlicher Fall.

„Ich werde in ein paar Tagen mit einigen Kollegen zu dir kommen und mich dem Fall annehmen, John", erklärte ihm der Agent. Er war sich dessen bewusst, dass es ein Fall für einen bestimmten Agenten und seine skeptische Partnerin war und wollte sich deshalb umgehend bei ihnen melden. Während Craig Willmore das Telefon ergriff und die Vorwahl von Washington DC eintippte, verabschiedete sich John Daniels und nahm die nächste Maschine zurück nach Nevada.

Willmore sah seinem Freund besorgt nach. Er hatte nicht gut ausgesehen. Ringe unter den Augen, unrasiert und blass. So kannte Craig ihn nicht. John war immer der Clown der Klasse gewesen, stets für einen guten Scherz zu haben. Der Agent seufzte.