World of X

Das älteste Archiv für deutsche Akte-X Fanfiction

Gefährliche Träume

von Petra Weinberger

Kapitel 1

Washington D.C./ J. Edgar Hoover Building; 12 Uhr; 9. Juli

Scully wußte genau, was sie wollte. Und gerade jetzt wollte sie sein Büro nicht betreten. Schon seit ein paar Tagen hatte er ausgesprochen schlechte Laune. Zwar gab es keinen plausiblen Grund dafür. Aber es gab auch nur selten einen Grund, wenn er gute Laune hatte.

Langsam stapfte sie die Stufen hinab und bog dann in den langen Gang ein. Kisten mit Papier und Utensilien säumten die Wände des Kellerganges.

Nur selten verirrte sich ein Kollege hier hinunter. Mulders Ruf sorgte noch zusätzlich dafür, daß sie selten Besuch hier unten bekamen. Seine Kollegen nannten ihn scherzhaft: 'Spooky' Mulder. Wegen seiner ausgefallenen Fälle und seiner unkonventionellen Arbeitsmethoden.

Inzwischen gingen auch ihr die Kollegen schon aus dem Weg, oder hielten zumindest etwas Abstand zu ihr. Schließlich arbeitete sie eng und auch gerne mit Mulder zusammen, und so brodelte es auch in den Klatschküchen der übrigen Etagen. Seit neuestem kursierten Gerüchte darüber, daß sie ein engeres, sogar intimeres Verhältnis mit Mulder hätte.

Scully atmete einmal tief durch. Nicht das sie einem solchen Verhältnis gegenüber abgeneigt wäre, aber bisher war eben nichts weiter passiert, als eine flüchtige Umarmung, nach einem aufreibenden Fall. Und selbst diese war eher als Trost gemeint, anstatt als Liebesbeweis.

Scully konnte sich denken, wer dieses Gerücht verbreitet hatte. Ein Kollege, der zufällig Zeuge dieser Umarmung geworden war?

Scullys Schritte wurden immer langsamer, je näher sie seiner Bürotür kam. Dabei war es nicht mal mehr sein alleiniges Büro. Als seine Partnerin teilte sie es mit ihm. Doch bisher hatte sich niemand die Mühe gemacht, auch ihren Namen an die Tür zu schreiben. Sie hatte nicht mal einen eigenen Schreibtisch. Und neue Möbel gab es nicht. Der Etat war dafür nicht groß genug. Es grenzte schon an ein Wunder, daß ihre Abteilung überhaupt noch finanziert wurde. Die X-Akten waren bei den hohen Herren nicht gerade gern gesehen. Ja, sie waren sogar geradezu verpönt. Denn niemand glaubte wirklich an außergewöhnliche, unerklärbare Phänomene. An Übernatürliches. Daher war es wirklich Wunder genug, daß sie einen ihrer besten Agenten an eben diesen Akten arbeiten ließen. Dabei stand für Mulder eindeutig fest, daß es eben diese Phänomene gab und zudem war er noch der festen Überzeugung, daß die Regierung sehr wohl davon wußte und alles daransetzte, eben diese zu vertuschen. Immer wieder waren Mulder und sie bei ihren Ermittlungen auf Hindernisse gestoßen und hatten zum Schluß keinen einzigen handfesten Beweis, für ihre, manchmal absurden, Theorien.

Scully strich Rock und Blazer glatt, sah noch einmal an sich herab und atmete tief durch, ehe sie die Tür aufdrückte. Vielleicht war ihr Partner ja bereits zu Tisch gegangen.

Mulder saß hinter seinem Schreibtisch. Die Füße auf eben diesen gelegt, und schien vertieft in eine Akte.

"Hallo, Mulder", grüßte Scully, mit der vagen Hoffnung, die schlechte Laune ihres Partners hätte sich verflüchtigt.

"Hm", brummte er nur und sah nicht mal auf.

Was hatte sie eigentlich auch anderes erwartet?

"Was lesen Sie da?", fragte sie und trat an den Schreibtisch heran.

Mulder reagierte gar nicht auf ihre Frage. Unbeirrt blätterte er in der Akte.

"Ein neuer Fall?", fuhr Scully fort, und gab sich interessiert.

Mulder zog die Beine vom Tisch, fegte dabei einen Stoß Papiere herunter, und sprang auf. Noch immer mit der Nase in der Akte, sammelte er die Zettel vom Fußboden, warf sie unbeachtet auf den großen Berg, der sich bereits auf seinem Schreibtisch türmte, und baute sich vor dem Aktenschrank auf. Ein kurzer Blick auf die Schubladen, dann zog er eine weitere Akte heraus.

Scully ließ sich resignierend in dem Stuhl vor dem Schreibtisch nieder und wartete.

Mulder knallte die Lade zu und schleuderte die eben gezogene Akte quer über den Tisch, direkt vor Scully.

Erstaunt sah die Agentin ihren Partner an, der noch immer seine Nase zwischen den Hefterdeckeln hatte.

"Vertiefen Sie sich darin. Dann tun Sie wenigstens was kreatives, anstatt nur herumzusitzen und Däumchen zu drehen, wenn Sie sich schon mal hierher bequemen"brummte Mulder und ließ sich wieder in seinen Sessel fallen.

Scully runzelte verärgert die Stirn und warf einen Blick auf die Akte, "ich hatte den Vormittag in der Pathologie zu tun. Aber das sagte ich Ihnen gestern schon. - Was ist das?", 

"Eine Akte. Sowas hatten Sie ja schon öfter in der Hand", brummte er, ohne aufzusehen.

"Und über was?", fragte sie säuerlich.

"Über einen Fall, über was denn sonst? Schließlich werden wir dafür bezahlt, Fälle aufzuklären. Deshalb sind wir ja beim FBI. Also, vertiefen Sie sich in die Akte und strengen Sie ihr Köpfchen mal etwas an", kam es von der anderen Seite des Schreibtisches.

Scully atmete einmal tief durch, um ihre Wut zu unterdrücken. Am liebsten hätte sie ihm die Akte ins Gesicht geworfen. Statt dessen verschränkte sie die Arme vor der Brust und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, "hören Sie, Mulder. Ich weiß nicht, welche Laus Ihnen über die Leber gelaufen ist, aber ich habe keine Lust, mich noch länger so von Ihnen behandeln zu lassen."

"Was sonst?", fragte ihr Partner, ohne großes Interesse.

"Mulder, es reicht jetzt", fuhr sie ihn an und drückte sich in die Höhe. "Verdammt, so kann ich nicht mit Ihnen arbeiten. Ich bekomme ja schon Alpträume, wenn ich nur daran denke, wieder in Ihr Büro zu müssen. Seit Tagen sind Sie unausstehlich, und bevor Sie sich nicht endlich wieder einigermaßen normal verhalten, weigere ich mich, weiter mit Ihnen zusammen zu arbeiten."

"Schön", sagte er nur.

Scully knurrte einen Fluch und wußte einfach nicht, was sie noch sagen sollte.

Mulder seufzte und schüttelte den Kopf. Langsam sah er auf und ihr in die Augen, die vor Zorn funkelten. "Ich habe Sie nicht gezwungen, mit mir zusammen zu arbeiten, und das tue ich auch jetzt nicht. Wenn es Ihnen Spaß macht, dann lassen Sie sich in eine andere Abteilung versetzen, oder schnippeln Sie von mir aus weiter an ihren Toten herum."

Scully schnappte nach Luft. Es war ihr einfach unbegreiflich, wie Mulder sich verändert hatte. Vor nicht ganz einer Woche hatte er sie noch tröstend in die Arme genommen, und jetzt das ... . Sie konnte es einfach nicht verstehen. Wie konnte er ihr das nur antun? Er wußte doch, wie gerne sie mit ihm zusammen arbeitete - gearbeitet hatte. Wieso benahm er sich nun so ... - so - aggressiv, ihr gegenüber?

Sie funkelte ihn wütend an, schnappte sich ihre Tasche und eilte zur Tür. Dort drehte sie sich jedoch noch einmal zu ihm um, "ich denke, ich werde genau das tun", knurrte sie und knallte die Tür hinter sich zu.

Sie sah nicht mehr seinen Blick, der noch immer auf der geschlossenen Tür lag. Sie sah nicht den traurigen, verzweifelten Ausdruck darin, der um Vergebung und Hilfe bat.

***

12:30 Uhr

Mulder feuerte mit einem lauten Knall die Akte, in welcher er die ganze Zeit gelesen hatte, auf den Schreibtisch.

Eigentlich hatte er sowieso nicht darin gelesen. Er wußte nicht mal, um welchen Fall es sich dabei handelte, oder welche Akte er Scully gegeben hatte.

Wütend mit sich selbst, fegte er einmal sämtliche Unterlagen vom Schreibtisch und den umliegenden Schränken. Scully war sowieso schon ewig der Ansicht, das er hier mal aufräumen sollte. Doch nicht jetzt. Nicht in diesem Augenblick.

Seine Gefühle und Gedanken waren so verwirrend, daß er selbst darin nicht mehr durchblickte. Am liebsten hätte er auch noch die Wände von Postern, Zetteln und Notizen befreit. Doch was sollte er Dana Scully sagen, falls sie plötzlich zurückkam? - Falls. 

Mulder zweifelte stark daran, daß sie in nächster Zeit überhaupt noch einmal hier im Büro erscheinen würde. Er hatte sie mit seiner Art wohl tatsächlich vergrault. Dabei war es genau das, was er im Grunde eigentlich überhaupt nicht wollte. Eher das Gegenteil war der Fall. Er brauchte sie, sehr sogar, und jetzt erst recht. Er konnte nicht mal genau sagen, welche Gefühle es eigentlich waren, die ihn soweit getrieben hatten.

Verzweifelt ließ er seinen Blick durch das Büro gleiten. Über die Akten und das Chaos, welches nun auf dem Fußboden herrschte.

Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und die Haare, und schüttelte den Kopf.

Was hatte er da nur getan? Wurde er jetzt tatsächlich verrückt?

Hastig zerrte er seine Jacke von der Stuhllehne und verließ fast panikartig sein Büro. Zum zweiten Mal an diesem Tag schlug die Tür laut ins Schloß.

Mulder jagte den langen, vollgestopften Kellerflur entlang und die Treppe ins Erdgeschoß hinauf. Mit einem gehetzten Blick sah er sich im Foyer um.

Touristen standen bei ihren Führern und warteten ungeduldig darauf, daß die Besichtigung begann. Die Beamten am Eingang hielten ihre Metalldetektoren bereit und musterten jeden, der durch die Kontrollen ging. Kollegen eilten mit Akten bewaffnet zu den Aufzügen, um sich in ihr jeweiliges Büro in den oberen Etagen tragen zu lassen.

Mulder atmete einmal tief durch und schlüpfte in sein Jackett. 

So gelassen, wie es ihm nur möglich war, stapfte er auf die Kontrolle zu, grüßte den Beamten dort knapp und verschwand dann durch die große Drehtür ins Freie.

Seinen gehetzten, fast panischen Ausdruck hatte er jedoch nicht verbergen können.

Er schob die Hände in die Taschen, als er die Stufen vor dem Eingang hinab stieg und wütend die Straßen entlang lief. Er hatte kein festes Ziel. Er wußte nur, daß er in Bewegung sein mußte, wenn er seine Gedanken ordnen wollte.

Und genau das brauchte er.

Seine Schritte wurden unwillkürlich schneller. Nicht lange, und er hetzte zwischen den Passanten hindurch, die im letzten Augenblick noch zur Seite wichen. Des öfteren machte er kurze Bekanntschaften mit einem Ellbogen, oder einer Schulter, die im dichten Treiben nicht schnell genug zur Seite wichen. Mulder kümmerte sich nicht darum, noch entschuldigte er sich, für die kleinen Rempeleien. Er lief einfach immer weiter. Irgendwann hatte er die Innenstadt hinter sich. Die Straßen wurden ruhiger. Seine Schritte wurde immer schneller, bis er schließlich rannte. Immer weiter. Immer der Nase nach. Er registrierte nicht die Autos, die wütend hupten, wenn er direkt vor ihnen über die Fahrbahn jagte. Er registrierte nicht mal mehr seinen Weg.

Plötzlich wurde er unsanft gestoppt.

Ein Streifenwagen stand mitten in seinem Weg und zwei Beamte hielten ihn an.

Keuchend blieb Mulder stehen. Er stützte seine Hände auf die Knie und rang nach Sauerstoff.

"Okay, Freund. Können Sie mir sagen, was Sie hier treiben?", fragte einer der Cops und musterte ihn mißtrauisch.

' Ich renne wie ein Verrückter durch die Stadt, um meine Gedanken zu ordnen,' dachte Mulder und wußte, daß ihn die Cops dann vermutlich direkt abführen würden.

"Frühsport", antwortete er deshalb.

Der Cop warf einen kritischen Blick auf seine Uhr. Es ging bereits auf Mittag zu. "Und wo wollen Sie hin?", forschte er skeptisch weiter.

Mulder atmete noch immer schwer und fragte sich langsam, was er hier tat. Mit dem Finger deutete er die Straße entlang, "dorthin", sagte er keuchend.

"Können Sie sich ausweisen?", fragte nun der zweite Polizist.

Mulder nickte flüchtig und kramte seine Papiere aus der Innentasche seiner Jacke.

Der Beamte vor ihm klappte das Mäppchen auf und stutzte. Ein FBI Ausweis leuchtete ihm entgegen. Er verglich das Foto mit seinem Gegenüber und reichte Mulder dann den Ausweis zurück, "entschuldigen Sie unser Mißtrauen, Agent Mulder. Aber wenn einer wie ein Irrer durch die Straßen rennt, dann ist das immer verdächtig."

Mulder nickte und sah kurz auf, "kann ich jetzt weiter, oder wollten Sie sonst noch was von mir?", 

Die Cops warfen sich einen kurzen Blick zu, dann nickten sie und wünschten Mulder noch viel Spaß, bei seinem Sport.

Mulder nickte flüchtig, stapfte um den Streifenwagen herum, der quer vor ihm auf dem Bürgersteig stand, und lief weiter. Er lief, bis er an einem Park heraus kam und ihm die Lungen stachen. Keuchend ließ er sich auf eine Bank fallen und lehnte sich zurück. Der Schweiß lief ihm in dicken Bächen am Körper herab und er fragte sich, ob er eigentlich noch völlig normal war. Es war Sommer und die Temperaturen lagen bei etwa 25°C. Doch er rannte mit langem Hemd und Jackett durch die Gegend, als sei dies ein Sportdreß.

Seine Hand zitterte leicht, als er sich den Schweiß von der Stirn wischte. Nur langsam beruhigte sich sein Herzschlag. Als seine Atmung wieder halbwegs normal ging, konnte er auch langsam wieder einen klaren Gedanken fassen.

Er fragte sich, was er hier eigentlich tat? Er war müde und hatte keine Ahnung, in welchem Teil der Stadt er sich befand, oder wie lange er gelaufen war. Zudem quälten ihn schon wieder diese furchtbaren Kopfschmerzen. Schon seit ein paar Tagen hatte er sie. Und nur kurzzeitig verschwanden sie mal. Doch jede Nacht quälten sie ihn, verschafften ihm Alpträume und raubten ihm den Schlaf. Und, wenn er sich genau umsah, vermutlich auch langsam den Verstand.

Er dachte wieder an Scully und wie sehr er sie in den letzten Tagen verletzt haben mußte. Woher sollte sie auch wissen, daß er es ihr zuliebe tat? Er kannte die Gerüchte, die im FBI Hauptquartier kursierten. Er wußte, wie sehr Scully solches Gerede schmerzte. Das verhaltende Lachen hinter vorgehaltener Hand, die verborgenen Andeutungen. Es war nicht fair. Ihr gegenüber nicht fair. So etwas hatte sie nicht verdient. Scully war eine fabelhafte Agentin, mit einem wachen und glasklaren Verstand, und einer ausgeprägten Loyalität ihrer Arbeit und ihrem Partner gegenüber.

So etwas konnte man von den wenigsten Kollegen behaupten. Die meisten waren nur an einem raschen Karriereaufstieg interessiert und zogen andere dabei schamlos über den Tisch.

Scully gehörte keinesfalls zu solchen Menschen. Sie stand hinter ihm und er wußte, daß er sich 100prozentig auf sie verlassen konnte. Egal, wie die Situation auch aussah, Scully stärkte ihm den Rücken - und er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, wenn sie plötzlich nicht mehr mit ihm zusammen ermittelte.

Er wollte sie nicht verlieren. Nicht an eine andere Abteilung, nicht als Partnerin. Er brauchte sie, mehr, als ihm je bewußt war.

Doch er konnte es auch nicht tatenlos mit ansehen, wie sie unter den hämischen Kommentaren der Kollegen litt. Deshalb war er so grob zu ihr, so abweisend. Er wollte sie nicht damit verletzen. Er wollte den Anderen zeigen, daß ihr neuestes Gesprächsthema nur heiße Luft war.

Mulder hatte kein Verhältnis mit Scully. Zumindest kein intimes. Er hatte sie umarmt, wie schon zig mal zuvor, wenn sie Schutz oder Trost gebraucht hatte, oder einfach nur einen Halt.

Er wußte, daß er mit seiner Reaktion einen Fehler gemacht hatte, doch er wußte nicht, wie er es ungeschehen machen konnte.

Vielleicht ...

Mulder suchte seine Jackentasche ab und zog das Handy hervor. Nachdenklich sah er es an. - Nein, er konnte sie jetzt nicht anrufen. Sicher war sie noch verstimmt.

Seufzend schob er das kleine Telefon in die Tasche zurück und drückte dabei versehentlich den kleinen Abschaltknopf. Er merkte nicht mal, daß er sein Handy damit ausschaltete.

Der Agent ließ seinen Blick durch den Park gleiten. Es war angenehm ruhig hier. Nicht so laut und hektisch wie in der Innenstadt.

Er warf einen Blick auf die Uhr. Es ging bereits auf 14 Uhr zu. Mulder atmete einmal tief durch und drückte sich wieder in die Höhe. 

Er mußte sich kurz an der Bank festhalten, da ihm plötzlich schwindlig wurde. Er wartete bis der Schwindel nachließ. ' Sicher eine Reaktion seiner durchwachten Nächte,' dachte er. Er atmete noch einige Male tief durch, dann schlenderte er gemütlich dem Ausgang entgegen und hielt dort ein Taxi an. Er hatte beschlossen, für diesen Tag Feierabend zu machen.

Was sollte er auch heute noch im Büro? Akten aufräumen konnte er auch morgen noch, und wenn es etwas wichtiges gab, so konnte man ihn immer noch anrufen. 

Er ließ sich vor einem Lokal absetzen und gönnte sich auf diese Weise eine kleine Abwechslung. Zwar war er in der Stimmung, einige härtere Sachen zu trinken, doch er blieb bei Wasser. Auch mit Rücksicht auf seine Kopfschmerzen.

Mulder war kein Typ, der gerne Medikamente nahm. Als er jedoch in seiner Wohnung ankam, waren die Kopfschmerzen noch immer so heftig, das er gleich zwei Tabletten schluckte. Danach verschwand er unter der Dusche.

***

Washington D.C. / J. Edgar Hoover Building; 9. Juli; 21:10 Uhr

"Sir, Sie wollten mich sprechen?", fragte Scully sachlich und betrat das Büro von Assistent Direktor Walter Skinner.

Ihr Vorgesetzter nickte und deutete auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. "Ja, Agent Scully. Es geht um Agent Mulder", begann er, noch ehe Scully Platz genommen hatte.

Sie sah ihren Chef erstaunt an, "was ist mit ihm?", 

Skinner hob ratlos die Schultern und ließ sie wieder fallen, "wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?", 

"Heute Mittag, Sir. Stimmt etwas nicht?", 

"Wo haben Sie ihn gesehen und wann genau war das?", 

Scully überlegte, "es war um 12 Uhr. Da sah ich ihn in seinem Büro. Wir sprachen etwa 15 Minuten miteinander, dann mußte ich wieder zur Pathologie, um einem Kollegen bei einer Autopsie zu helfen."

"Und danach haben Sie ihn nicht mehr gesehen?", 

"Nein, Sir. Ist irgend etwas geschehen?", 

Skinner seufzte, "ich habe leider keine Ahnung. In welchem Zustand befand er sich, als Sie ihn zuletzt sahen?", 

Scully atmete einmal tief durch. Sie war nicht der Typ, der andere in die Pfanne haut, oder sich über den Partner beschwert. "Er schien unter starkem Druck zu stehen", wich sie aus.

"Druck, weshalb? Hat er irgendeinen Fall angenommen, von dem ich nichts weiß?", 

"Soviel mir bekannt ist, nicht, Sir. Als ich ihn sah, las er sehr konzentriert in einer Akte. Er war kurz angebunden und ich habe keine Ahnung, um welchen Fall es sich dabei handelte."

"Wissen Sie, ob er verreisen wollte?", 

"Mir ist nichts bekannt, Sir."

Skinner lehnte sich zurück und überlegte lange. Es schien fast so, als habe er Scully vergessen, die noch immer vor seinem Schreibtisch in dem Sessel saß.

"Sir", machte sie nach einer Weile auf sich aufmerksam.

Skinner warf ihr einen forschenden Blick zu und nickte, "Agent Scully, ich muß leider davon ausgehen, daß Agent Mulder irgend etwas zugestoßen ist."

"Wie kommen Sie darauf?", fragte Scully verwirrt und beinahe ängstlich.

Skinner sah auf einen Zettel vor sich, "Mulder betrat heute morgen um 6:11 Uhr das Gebäude. Um 12:30 Uhr verließ er es wieder. Nach Aussage der Kontrolle machte er einen gehetzten Eindruck. Seit dem ist er nicht mehr hier erschienen. Eine Streife vom 8. Revier machte jedoch vor 4 Stunden eine Anfrage, bezüglich Agent Mulder. Danach wurde er von ihnen gegen 13 Uhr gestoppt. Er fiel ihnen auf, weil er wie ein Verrückter durch die Straßen jagte und dabei mehrfach den fließenden Verkehr gefährdete. Aufgrund seiner Legitimation als FBI Agent, sahen sie von einer Verwarnung oder Strafe ab. Er schien jedoch leicht verwirrt und die Beamten hatten den Eindruck, als stünde er unter Drogen. Als sie ihn gehen ließen, rannte er unbeirrt weiter. Sie sahen ihm nach, bis er Richtung Adams-Park verschwand. Es war das letzte Mal, daß er gesehen wurde."

Scully schüttelte verwundert den Kopf und konnte sich darauf einfach keinen Reim machen.

"Naja, Agent Mulder joggt jeden Tag 5 Meilen. Er sagt, er braucht es, um klar denken zu können und fit zu werden. Es gäbe nichts erfrischenderes. Ich denke, er litt in letzter Zeit sehr unter Streßsymptomen. Vielleicht hat er nur versucht, etwas Entspannung zu finden", antwortete sie deshalb.

Skinner musterte sie nachdenklich, "könnte es noch einen anderen Grund für sein Verhalten geben?", 

Scully hob ratlos die Schultern.

Skinner seufzte, "waren Sie, nachdem Sie mit ihm sprachen, noch einmal in seinem Büro?", 

Scully schüttelte den Kopf, "nein, Sir. Ich komme soeben von der Gerichtsmedizin. - Aber weshalb fragen Sie?", 

Skinner drückte sich in die Höhe und bat sie, ihm zu folgen. Zu zweit fuhren sie ins Tiefparterre und eilten den langen Gang entlang. Vor Mulders Bürotür blieb Skinner stehen und nickte Scully aufmunternd zu. Scully wußte, daß Mulder nur äußerst selten sein Büro absperrte, und so wunderte es sie auch nicht, als sie es offen vorfand. Schnell drückte sie die Tür auf, gespannt, was sie dort erwartete.

Unwillkürlich hielt sie den Atem an, als sie das Chaos sah. Ihr Blick flitzte zu Skinner, der noch immer hinter ihr stand.

"Ich denke nicht, daß es schon so aussah, als Sie bei ihm waren", sagte er trocken.

"Nein, - oh Gott. Was ist denn hier geschehen?", Scully war sichtlich entsetzt.

"Glauben Sie, daß man hier etwas gesucht hat?", fragte Skinner ernst.

"Sie meinen, jemand ist hier eingebrochen und hat dieses Chaos hinterlassen?", 

Skinner schwieg und sah an ihr vorbei, in den Raum hinein. Scully trat vorsichtig ein und sah sich um. Schließlich hob sie ratlos die Schultern.

"Ich weiß es nicht, Sir. Ich ... - ich kann mir nicht vorstellen, daß Mulder ein solches Chaos veranstaltet. - Ich meine, ich wüßte nicht weshalb."

"Wissen Sie, wo Mulder sich jetzt aufhalten könnte - falls er entspannen will?", 

Scully runzelte nachdenklich die Stirn, "in seinem Appartement, bei seiner Mutter, oder in ihrem Sommerhaus. Aber es gibt noch zig andere Möglichkeiten, die ich nicht kenne. Vielleicht bei Freunden oder anderen Bekannten. Haben Sie es schon über sein Telefon versucht?", 

Skinner nickte und sah sie beinahe vorwurfsvoll an, "ja, bei ihm zuhause läuft ein Anrufbeantworter und sein Handy ist ausgeschaltet."

Scully seufzte und schüttelte ratlos den Kopf, "ich wüßte noch nicht mal, wo ich in diesem Chaos hier nach Spuren suchen sollte."

"Fahren Sie zu ihm nach Hause und stellen Sie fest, ob er dort ist. Wenn nicht, versuchen Sie herauszufinden, wo er ist. - Und bitte, halten Sie mich auf dem laufenden."

Scully nickte und warf noch einen resignierenden Blick in das Büro.

' Oh, Mulder. Worüber sind Sie jetzt wieder gestolpert?' fragte sie sich in Gedanken und wandte sich dann endgültig ab.

Rezensionen