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Mistletoe and more

von Sonja K

Kapitel 1

Mulder wand sich innerlich. Es war wirklich keine gute Idee, das war ihm klar, aber es würde wahrscheinlich leichter sein, die drei Tage zu überstehen als eine Einladung von Maggie Scully abzulehnen. Also blieb ihm nichts anderes übrig als in den sauren Apfel zu beißen. Er nickte ergeben. Scully, die neben ihm saß, sah ihren Partner mitleidig an. Sie konnte sich denken, wie er sich fühlte; war sie doch selbst oft genug am anderen Ende einer der berüchtigten Predigten ihrer Mutter gewesen. Sie nahm ihrem noch immer schweigenden Partner den Hörer aus der Hand. „Mom, ich bin’s wieder.“
Bevor sie ein weiteres Wort sagen konnte wurde sie unterbrochen: „Und? Hat es sich Fox nun überlegt?“
„Ja, das hat er. Und er kommt mit.“
„Wunderbar. Sag ihm, dass ich mich freue und ihn am 22. Dezember pünktlich zum Mittagessen erwarte – zusammen mit dir, natürlich. Wir reden später, okay? Bis dann, mein Schatz.“
Scully hatte kaum Zeit, ein „Bye, Mom.“ herauszubringen, bevor ihre Mutter auch schon auflegte. Sie starrte einen Moment lang verdutzt auf den Hörer, aus dem nur noch das Freizeichen drang, und legte dann ebenfalls auf. Eine Weile war es ganz still im Raum. Scully vermied es, Mulder anzusehen, denn sie wurde das Gefühl nicht los, ihm gerade etwas eingebrockt zu haben, an dem er ziemlich hart würde kauen müssen. Statt dessen suchten ihre Augen nach etwas, an dem sie sich festhalten konnten. Dabei kam es ihr beinahe so vor, als sähe sie ihr eigenes Wohnzimmer zum ersten Mal. Und gewissermaßen stimmte das auch: Sie sah es zum ersten Mal, nachdem sie erfahren hatte, dass sich eine Katastrophe ereignen würde. Dabei hatte alles so harmlos angefangen: Bei ihrem letzten Telefonat mit ihrer Mutter hatte Scully erwähnt, dass sie leider nicht die gesamten Weihnachtsfeiertage mit ihrer Familie würde verbringen können, da Mulder wie jedes Jahr allein sein würde und sie etwas Zeit mit ihm verbringen wollte, um ihm die Festtage zu erleichtern, die ihn immer wieder an seine verschwundene Schwester erinnern mussten. Maggie, praktisch wie immer, hatte daraufhin kurzerhand vorgeschlagen, Mulder doch einfach auch einzuladen, damit er nicht allein war und seinen Kummer für eine Weile vergessen konnte. Scully hatte alle möglichen Ausreden erfunden um Mulder das zu ersparen, aber irgendwann hatte Maggie die Nase voll gehabt und beschlossen, die Initiative selbst zu ergreifen. Deshalb hatte sie an einem Abend bei ihrer Tochter angerufen, an dem sie wusste, dass Mulder bei ihr sein würde, und hatte verlangt, mit ihm zu sprechen, um ihm die Einladung persönlich zu überbringen. Nach Mulders Gesichtsausdruck zu urteilen war Scullys Mutter nicht gerade zimperlich mit ihren Überredungskünsten gewesen, und der arme Mulder hatte dem Überraschungsangriff nichts entgegensetzen können. Und nun saß er hier, auf der Couch seiner Partnerin, und war zu ihrer Familienfeier eingeladen. Schlimmer noch: Er würde mindestens zwei der Feiertage dort verbringen müssen, und kein Argument der Welt würde Margaret Scully davon abbringen. Und dabei war es wirklich alles andre als eine gute Idee...
„Scully...“ unterbrach Mulder schließlich die Stille. Sie wandte den Blick vom Fenster ab und sah ihren Partner widerwillig an. Erst als sein Blick den ihren gefunden hatte sprach er weiter: „Ich weiß, das alles ist eine ziemlich schlechte Idee... Und wenn Sie lieber nicht wollen, dass ich mitkomme... Ich könnte noch absagen.“
„Das glauben Sie.“ entgegnete Scully. „Aber Mom würde Ihnen das erstens niemals verzeihen, und zweitens würde sie keine Entschuldigung mehr gelten lassen, nachdem Sie einmal zugesagt haben. Nein, ich fürchte, Ihnen wird nichts anderes übrig bleiben.“ Mulder nickte langsam. „Dann... „ Er brach ab, unsicher, was er noch sagen sollte. Scully hatte nicht gesagt was sie davon hielt, dass er mitkam. Das machte es ihm schwer einzuschätzen, was sie wirklich wollte. War es ihr recht, dass er an ihrer Weihnachtsfeier teilnahm, oder ergab sie sich einfach nur in ein unausweichliches Schicksal – so wie er? Wenn er ehrlich war, freute er sich im Grunde seines Herzens eigentlich darauf, die Feiertage mit Scully zu verbringen. Nur die Anwesenheit ihrer Familie versprach einigen Ärger, auf den er gern verzichtet hätte. Besonders auf ein Zusammentreffen mit ihrem älteren Bruder Bill...


22.12., 9.00am

Als Mulder an die Tür seiner Partnerin klopfte waren seine Zweifel an der Einladung noch immer nicht weniger geworden. Er hatte bis zum letzten Moment gehofft, dass ihn Maggie noch davonkommen lassen würde, aber natürlich war das nicht der Fall gewesen. Sie hatte im Gegenteil noch einmal angerufen um sich zu vergewissern, dass er auch wirklich kommen würde, und er hatte es nicht übers Herz gebracht, ihr eine Ausrede vorzusetzen. Also würde er jetzt ihre Tochter abholen und sich in das Unvermeidliche fügen. Apropos abholen: Wo blieb eigentlich Scully? Sie musste sein Klopfen doch gehört haben. Vorsichtshalber klopfte er noch einmal und rief sogar ihren Namen, bevor er die Tür öffnete und das wie immer ordentlich aufgeräumte Apartment betrat. Scully hatte sich große Mühe gegeben, die Vorweihnachtszeit in ihrer Wohnung sichtbar zu machen, und sie hatte es auch wirklich geschafft. Im Flur hingen Tannenzweige (kein Mistelzweig zu sehen, wie Mulder mit Erleichterung feststellte), und überall roch es nach Wald. Oder nach Weihnachten? Mulder musste zugeben, dass er keine Ahnung hatte, wonach Weihnachten roch. Zwar hatte seine Familie ihm und Samantha zuliebe Weihnachten gefeiert, damit aber schnell wieder aufgehört, nachdem Samantha verschwunden war. Und auch die pflichtbewusst für die Kinder inszenierten Weihnachtsfeste hatten nie den Anspruch gehabt, wirklich feierlich zu sein. Man hatte einen Baum aufgestellt und geschmückt, und die Kinder waren mit Geschenken überhäuft worden, aber mehr hatte nie stattgefunden. Keine Weihnachtslieder und selbstgebackenen Plätzchen, keine festlich dekorierte Wohnung, keine Überraschungen, die man überall im Haus finden konnte... Wenn man es realistisch betrachtete war dies das erste wirkliche Weihnachtsfest, das Mulder feiern würde, und der Gedanke machte es ihm auch nicht leichter, den kommenden Tagen entgegenzusehen. Aber zuerst musste er Scully finden. Es sah ihr gar nicht ähnlich, ihn warten zu lassen, und Mulder begann sich langsam Sorgen zu machen. Ihr würde doch nichts passiert sein? Erinnerungen an einen anderen Abstecher zu ihrem Apartment stiegen in Mulder auf. Damals war er zu ihr gefahren, nachdem er einen Hilferuf auf seinem Anrufbeantworter gefunden hatte, und er war zu spät gekommen. Was, wenn... Mulder wagte kaum, den Gedanken zu Ende zu bringen, aber bevor er wirklich in Panik geraten konnte, hörte er Scullys vertraute Schritte. Nur klangen sie weicher als sonst... Mulder drehte sich um und sah überrascht auf seine Partnerin hinunter, die gerade aus dem Schlafzimmer kam. Ohne ihre Schuhe wirkte sie viel kleiner und irgendwie jünger, verletzlicher, was auch durch ihre Kleidung unterstrichen wurde. Sie trug nicht eines ihre gewohnten Kostüme, sondern einen schwarzen Samtrock, einen tannengrünen Pullover und Socken. Und sie wirkte erstaunt, ihn zu sehen. „Mulder, was tun Sie denn schon hier?“ erkundigte sie sich und sah auf ihre Uhr.
„Schon? Ich bin mal wieder zu spät. Sie aber auch, nebenbei bemerkt.“ Scully schüttelte den Kopf. „Es ist erst 8.00, und wir waren um kurz vor neun verabredet.“
„Und jetzt ist es kurz nach neun. Vielleicht geht Ihre Uhr nach?“ Mulder griff nach dem Handgelenk seiner Partnerin um seine These zu untermauern, und sah auf ihre Uhr. „Sehen Sie, die steht.“
„Nicht schon wieder.“ Scully klang genervt; offenbar hatte sie diese Erfahrung mit ihrer Uhr schon öfter gemacht. „Langsam müsste ich mich daran gewöhnt haben, aber ich falle jedesmal wieder darauf rein. Könnten Sie mir einen Gefallen tun und schon mal die Geschenke ins Auto bringen, während ich mich fertig anziehe? Ich komm dann mit meiner Tasche nach. Aber nicht heimlich reingucken.“ Sie deutete auf einen kleinen Berg bunt verpackter Päckchen, und Mulder überkam ein schlechtes Gewissen. Er selbst hatte überlegt, ob er jedem Mitglied der Scully- Familie wenigstens eine Kleinigkeit mitbringen sollte, hatte sich aber dann doch dagegen entschieden. Er wäre sich auch reichlich blöd vorgekommen, Bill ein Geschenk zu überreichen und dafür im besten Fall einen Kinnhaken zu kassieren, und außerdem hätte er gar nicht gewusst, was er hätte schenken sollen, da er niemanden von Scullys Familie näher kannte. Also hatte er nur für Scully und ihre Mutter etwas gekauft, und selbst dabei war er sich alles andere als sicher, das Richtige gefunden zu haben. Er hätte gern seine Zweifel mit Scully diskutiert, aber sie sah ihn nur auffordernd an, und so begann er die Päckchen einzusammeln und balancierte sie allesamt vorsichtig in Richtung Wagen.
„Ich bin in einer Minute da.“ rief ihm Scully noch nach, als die Tür hinter ihm zufiel.
Tatsächlich brauchte sie nicht weniger als sieben Minuten – Mulder hatte genau auf die Uhr in seinem Wagen gesehen, in den er sich vor der beißenden Dezemberkälte zurückgezogen hatte – bevor sie auf die Straße trat, nun mit einem dicken Wintermantel bekleidet, und sich suchend umsah, bis sie Mulders im Halteverbot geparkten Wagen entdeckte und sich mit einem Seufzer der Erleichterung auf den Beifahrersitz fallen ließ. Hastig schloss sie die Tür, um den eisigen Wind auszusperren, und sah zu Mulder hinüber, der schweigend hinter dem Lenkrad saß und aussah, als läge ihm etwas auf dem Herzen.
„Was ist? Bereuen Sie es schon, die Einladung angenommen zu haben?“ erkundigte sich Scully leichthin, wohl wissend, dass Mulder das tat. Zu ihrer Überraschung schüttelte er jedoch den Kopf und begann zögernd: „Scully... Ich hoffe, in dem blauen Päckchen war nichts Zerbrechliches. Der Bürgersteig war so glatt, dass ich das Gleichgewicht verloren habe, und...“ Er hielt inne, aber Scully konnte sich den Rest der Geschichte auch so denken. Sie überlegte einen Moment, ihn etwas leiden zu lassen, aber er sah so geknickt aus, dass sie es nicht über sich brachte. „Keine Sorge; das ist bloß der Teddy für Matthew, dem kann eigentlich nichts passieren. Und nun sollten wir auch endlich fahren; wir werden ohnehin schon zu spät kommen, und wenn es außerhalb von DC auch noch glatt ist, wird sich Mom zu Tode sorgen, bevor wir ankommen.“
Das klang vernünftig, also widersprach Mulder nicht, sondern überzeugte sich mit einem raschen Seitenblick auf seine Partnerin, dass diese angeschnallt war, bevor er den Motor startete.

**********

„Bist du sicher, dass das klappt?“ wollte Charly Scully mit einem nicht ganz überzeugten Blick auf seine Mutter wissen, die ihn und seine Schwester Melissa soeben in das eingeweiht hatte, was sie den „großen Plan“ nannte. Er war sich alles andere als sicher, dass sie Erfolg haben würden, ganz zu schweigen von dem, was Dana mit ihnen anstellen würde, wenn sie jemals herausbekam, dass dieses Gespräch überhaupt stattgefunden hatte.
Melissa antwortete für ihre Mutter: „Natürlich wird das klappen. Ich hab schon von Anfang an gesagt, dass die zwei füreinander bestimmt sind. Allein ihre Auren sagen das ganz klar. Hast du keine Augen im Kopf?“
Charly verdrehte die Teile seines Gesichts, deren Vorhandensein Missy eben bezweifelt hatte. Das letzte, was er jetzt brauchte, war eine Diskussion mit seiner Schwester über ihren Glauben.
„Ganz davon abgesehen, dass ich nicht der Meinung bin, wir sollten Dana dermaßen beschämen, ohne sicher zu sein, was sie will – und damit meine ich nicht das Lesen von Auren oder anderen unsichtbaren Dingen, ich rede von sichtbaren Beweisen – denke ich, dass Bill mit Sicherheit etwas dagegen haben wird.“
„Und das ist auch der Grund, warum er nichts davon weiß.“ mischte sich Maggie ein.
„Ich weiß genau, wie Fox für sie empfindet, das war mehr als deutlich zu erkennen, als sie verschwunden war, und dass Dana seit Jahren von keinem anderen Mann als ihm spricht, dürfte auch dir aufgefallen sein. Was liegt also näher, als den beiden ein wenig zu helfen? Fox würde niemals den ersten Schritt tun, aus Angst, sie könnte nicht dasselbe fühlen, und Dana... Du kennst doch deine Schwester.“
Charly seufzte. Das konnte ja heiter werden. Wenn er gewusst hätte, dass er die Feiertage damit verbringen würde, seine Schwester mit ihrem Partner zu verkuppeln, hätte er sehr wahrscheinlich freiwillig Dienst getan, anstatt nach Hause zu fahren.
„Und was das beschämen angeht“, unterbrach Maggie wieder seine Gedanken, „wir müssen ja nichts peinliches tun; ich schlage gar nicht vor, sie ständig mit Andeutungen oder Mistelzweigbemerkungen zu verfolgen, aber man könnte die Atmosphäre doch ein wenig freundlicher gestalten.“
„Genau das meine ich auch.“ fiel Melissa wieder ein. „Alles, was wir tun müssen ist, dafür zu sorgen, dass Bill nicht im Weg steht.“
„Wenn’s weiter nichts ist.“ knurrte Charly, der langsam merkte, dass ihm die ganze Sache doch nicht so unbehaglich erschien wie sie sich zuerst angehört hatte. Er wusste, dass seine Mutter niemals etwas tun würde, das Dana oder Mulder peinlich sein könnte, und natürlich wollte er, dass seine Schwester glücklich wurde. Und wenn Mulder der Schlüssel dazu war...
„Okay, aber ich stelle mich nicht zwischen ihn und Bill.“ gab er schließlich nach.
„Keine Sorge; dein Bruder weiß genau, was Gastfreundlichkeit bedeutet.“ versicherte Maggie.
„Hoffen wir’s; ich glaube, die Gäste kommen gerade.“ Mit diesen Worten rannte Melissa aus dem Zimmer und zur Haustür, um sie aufzureißen, noch bevor Mulder, den Arm gefüllt mit Päckchen, die er Scully partout nicht hatte allein tragen lassen wollen, eine Chance hatte zu klopfen. Unglücklicherweise war es auf der Veranda glatt, und Melissa verlor den Halt und rutschte geradewegs in seine Arme. Mulder hatte gerade noch Zeit, die Päckchen fallen zu lassen und zu hoffen, dass auch sie nichts zerbrechliches enthielten, um Scullys Schwester aufzufangen, die sonst mit Sicherheit das Gesicht voran im Schnee gelandet wäre.
Scully hinter ihm sah der Szene kopfschüttelnd zu. Wenn das nicht mal wieder typisch Missy war, sich einem Mann so direkt an den Hals zu werfen. Sie würde doch keine Gelegenheit auslassen, jemanden kennen zu lernen, auch wenn dieser Jemand der Partner ihrer Schwester war. Jetzt löste sie sich auch noch mit einem breiten Lächeln aus Mulders Armen und flötete ein „Vielen Dank für die Rettung!“, bevor sie ihn am Arm fasste und ins Haus zog. Scully blieb nichts anderes übrig als die verwaisten Päckchen aufzusammeln und ihnen zu folgen.

**********

Eine Stunde später saß die gesamte Familie Scully um den Tisch und trank Tee, zu dem Maggie einige ihrer selbstgebackenen Kekse gereicht hatte. Bedingt durch die glatten Straßen waren Mulder und Scully viel zu spät zum Mittagessen gekommen, also hatte Maggie beschlossen, ihnen zuliebe sehr früh Tee und Kekse zu servieren, damit ihnen die Zeit bis zum Abendessen nicht allzu lang wurde.
„Scully, könnten Sie mir bitte den Tee reichen?“ erkundigte sich Mulder gerade, und einen Moment später entbrannte ein verwirrtes Gerangel um die Kanne, als acht Leute versuchten, seinem Wunsch nachzukommen. Charly erlangte den Sieg und goss Mulder nach, allerdings nicht ohne ein breites Grinsen.
„Ich schlage vor, Sie sollten Dana beim Vornamen nennen, solange Sie beide hier sind. Sonst könnten es ziemlich komplizierte Feiertage werden.“
Mulder sah seine Partnerin fragend an, und diese nickte zustimmend. „Charly hat recht; Sie sind hier in einem Haus voller Scullys, da müssen Sie schon etwas präziser werden.“
„In Ordnung. Dana.“ Er betonte ihren Namen extra, und sie musste lächeln. Mulder konnte es nicht lassen; für ihn würde sie immer Scully sein, und wenn das mal nicht funktionierte, fühlte er sich unwohl und musste einen Witz darüber machen. Sie würde ihm dieses Mal verzeihen, schließlich hatte er sich ansonsten gut geschlagen und nicht einmal das Gesicht verzogen, als Maggie ihm zum ersten Mal eingegossen hatte; dabei wusste Scully, dass Mulder Tee verabscheute.
„Dana,“ begann Maggie eine Weile später, als das Gespräch sich langsam zu verlaufen begann, „da Charly und seine Familie in seinem alten Zimmer wohnen und Bill, Tara und Matthew in Bills Zimmer, wirst du dir wohl mit Melissa ihr Zimmer teilen müssen, damit Fox deines haben kann.“
„Das ist doch nicht nötig; ich kann genauso gut auf der Couch schlafen.“ protestierte Mulder, nur um im nächsten Moment von einem von Charlys Kindern unterbrochen zu werden: „Nein, kannst du nicht. Santa wird nicht kommen, wenn du im Wohnzimmer bist!“
Die andere Tochter – ob es sich nun um Nora oder Lauren handelte, war Mulder noch nicht ganz klar – sah ihre Schwester mit großen Augen an.
„Santa muss aber kommen! Mommy, Santa kommt doch bestimmt, oder?“
Charlys Frau Beth sah ihre Zwillingstöchter beruhigend an. „Natürlich kommt Santa.“
„Aber wenn Mr. Mulder auf der Couch schläft...“
„Dann schlafe ich eben nicht auf der Couch.“ versuchte Mulder die Lage zu retten. „Wir wollen Santa schließlich nicht verjagen.“
Scully und Beth warfen ihm einen gleichermaßen dankbaren Blick zu, während Maggie ihre unterbrochene Ausführung über die Übernachtungsarrangements wieder aufnahm: „Okay, dann wäre das ja geklärt. Fox bekommt dein altes Zimmer, und du schläfst bei Missy.“
„Auf keinen Fall!“ protestierte Scully energisch. „Sie verbrennt immer diese Räucherstäbchen, von denen ich Kopfschmerzen bekomme. Es tut mir leid, Mom, aber ich möchte Weihnachten nicht im Bett verbringen.“
„Dann kann Mulder doch einfach bei mir schlafen, und Dana bekommt ihr eigenes Zimmer. Oder stört Sie der Geruch auch?“ bot Melissa an. Scully hätte sie am liebsten erwürgt; das könnte ihr so passen, mit Mulder in einem Zimmer zu schlafen und womöglich auch noch in einem Bett. Sie wusste, wie ihre ältere Schwester auf Männer wirkte, und sie wusste ebenfalls, dass diese das auszunutzen wusste. Scully hatte die plötzliche Befürchtung, dass Mulder auch auf die offene und fröhliche Art Melissas hereinfallen und am Ende wie so viele Männer vor ihm mit einem gebrochenen Herzen dastehen würde. Das musste sie in jedem Fall verhindern, also sagte sie ohne nachzudenken: „Mulder und ich können uns auch mein Zimmer teilen; ich glaube nicht, dass es ein Problem sein wird, noch ein Gästebett aufzustellen.“
„Natürlich nicht, Liebes.“ erwiderte Maggie, die von dem Vorschlag ihrer Tochter nicht weniger überrascht war als diese selbst, Mulder oder der Rest der Familie. Bill erholte sich als erster.
„Das kommt gar nicht in Frage! Mom, du weißt doch, was du uns über Besuche und vor allem Übernachtungen von Freunden anderen Geschlechts gesagt hast.“
Es waren die ersten Worte, die er überhaupt sprach, seit Mulder das Haus betreten hatte, und sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er es am liebsten gehabt hätte, wäre er gleich wieder gegangen. Margaret ließ sich jedoch nicht einschüchtern und sah ihrem Ältesten fest in die Augen: „Bill, diese Regel galt, als ihr noch Teenager wart, und sie hatte einen guten Grund. Inzwischen seid ihr alle erwachsen, und ich glaube kaum, dass Dana oder irgend jemand sonst in dieser Familie keine bessere Gelegenheit hätte das zu tun, was du offensichtlich befürchtest, als ausgerechnet hier in diesem Haus. Ich habe nichts dagegen, wenn Dana und Fox sich ein Zimmer teilen; schließlich kennen sie einander lange genug um zu wissen, ob sie sich dazu in der Lage sehen.“
Bill wollte protestieren, aber Maggie hob beschwichtigend eine Hand. „Bitte lass uns das nicht weiter diskutieren, und schon gar nicht vor den Kindern. Weihnachten ist das Fest des Friedens, versuche also, dich dementsprechend zu benehmen, auch wenn du Vorbehalte gegen das Hiersein von Fox hast.“
Bill nickte und verbiss sich jeden weiteren Kommentar, was ihm sichtlich schwerfiel, besonders, als sich Charly zu Melissa hinüberbeugte und für alle gut hörbar flüsterte: „Und außerdem ist es auch das Fest der Liebe...“

**********

Mulder bekam den Rest des Tages keine Gelegenheit mehr, mit seiner Partnerin allein zu sprechen. Den Nachmittag verbrachte er damit, auf allen Vieren durchs Haus zu krabbeln und Pferd für zwei in seinen Augen absolut identische Mädchen zu spielen, die abwechselnd auf seinem Rücken saßen oder neben ihm herrannten und ihn mit Schlägen auf die Kehrseite antrieben. Trotz seiner gespielten Ablehnung genoss er es insgeheim, auch wenn er sicher war, am nächsten Tag blaue Flecke auf seinen Knien zu entdecken. Später wurde er von eben diesen Mädchen und deren überenthusiastischem Vater zu einer Schneeballschlacht im Garten genötigt, die mehr als unfair ausging, da Nora und Lauren immer wieder im entscheidenden Moment die Rollen tauschten, ihn in Sicherheit wiegten und dann aus heiterem Himmel auf Mulder losstürmten, der sich jedesmal nicht erklären konnte, warum seine vermeintliche Mitstreiterin sich plötzlich gegen ihn wandte. Beth setzte dem Spaß schließlich ein Ende, indem sie ihre drei Kinder, wie sie sich ausdrückte, ins Haus rief, um sich trockene Kleider anzuziehen beziehungsweise in den Pyjama zu wechseln und schlafen zu gehen. Mulder nutzte die Ruhepause und wechselte seine durchnässten Sachen, wobei er als notorischer Single vergaß, die Badezimmertür abzuschließen. Dies wurde prompt von Melissa entdeckt, die auf der Suche nach einer Bürste hereinschneite, seinen nur mit Boxers bekleideten Hintern eine volle Minute lang musterte und sich schließlich mit einer gemurmelten Entschuldigung wieder zurückzog. Mulder fragte sich, warum ausgerechnet ihm solche Peinlichkeiten passieren mussten, und warum zum Teufel nicht Maggies andere Tochter hereinplatzen konnte.
Nachdem die Kinder im Bett waren, versammelten sich die Erwachsenen im Wohnzimmer vor dem Kamin, um bei einem Glas Wein gemütlich zu plaudern. Charly, offensichtlich der spontanere der Scully- Brüder, zog seine Frau auf seinen Schoß und hielt sie den Rest des Abends dort fest, was anscheinend niemanden störte. Mulder begann sich zu wünschen, auch er könnte Scully so nah bei sich haben, verbannte diesen Gedanken aber schleunigst wieder, als er Bills Blick zum wiederholten Male auf sich spürte. Allmählich wurde es Mulder wirklich unbehaglich; er wollte sich auf keinen Fall auf eine Auseinandersetzung mit Bill, Jr. einlassen, die ohne Zweifel das Familienweihnachtsfest ruinieren würde, aber ihm wurde mit jeder Minute klarer, dass eine solche unausweichlich war. Schließlich konnte er Scullys Bruder nicht während der gesamten Feiertage aus dem Weg gehen.
Scullys Ellbogen in seiner Seite, vorsichtig aber trotzdem ziemlich spitz, riss ihn aus seinen düsteren Überlegungen, und wieder einmal war es, als habe sie seine Gedanken gelesen, denn sie lächelte aufmunternd und flüsterte ihm zu: „Keine Angst, Mom hat Charly, Melissa, Beth und mich darauf angesetzt, dafür zu sorgen, dass Sie nicht mit Bill allein sind, Tara wird ihn unter Kontrolle halten, und für den Notfall habe ich meinen Erstehilfekoffer eingepackt.“
Mulder konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken. Das war seine Scully. Nicht nur heiterte sie ihn auf, wann immer es nötig war, sie hatte ihn auch soeben daran erinnert, warum er überhaupt hier war: Um Weihnachten mit ihr zu verbringen. Und das würde er tun, auch mit einem Hindernis wie Bill Scully, Jr. im Hintergrund. Wesentlich entspannter als zuvor begann Mulder, an der Unterhaltung der Scullys teilzunehmen und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass er es sogar genoss, mit ihnen zu lachen und Erinnerungen aus ihrer Familiengeschichte zu hören. Dank Dana an seiner Seite, die ihm alles Nötige erklärte, fühlte er sich nicht einmal ausgeschlossen, ertappte sich sogar dabei, wie er ab und zu den einen oder anderen Kommentar abgab, der ihre Familie zum Lachen brachte, und dabei fast die Schlafarrangements vergaß, die ihm den ganzen Tag über irgendwie im Hinterkopf herumgespukt waren.
Als es schließlich Zeit wurde schlafen zu gehen und Scully aufstand, um sich zurückzuziehen, waren sechs aufmerksame Augenpaare auf Mulder gerichtet, der sich zunehmend unwohler gefühlt hatte, je weiter der Abend fortgeschritten war. Jetzt sah er sich unbehaglich in Maggie Scullys Wohnzimmer um. Der Blick der Gastgeberin ruhte voller Wärme auf ihm, während Charly ihn mit einer Mischung aus Akzeptanz und Spott anblickte. Tara und Beth wirkten neugierig, aber nicht ablehnend. In Melissas Augen schimmerte etwas, das Mulder weder deuten konnte noch wollte, und Bill... Selbst einem Laien wäre der ungezügelte Hass im Blick des ältesten Scully- Sohnes nicht entgangen, und Mulder, der es als Profiler gewohnt war, sich in die Köpfe anderer hineinzuversetzen, konnte die stumme Drohung beinahe so deutlich lesen, als hätte Bill laut und deutlich gesagt „Fass meine kleine Schwester an, und du wirst es nicht überleben, du Hurensohn!“
Mulder schauderte innerlich und beschloss, nach einer taktisch klugen Wartezeit von ein paar Minuten ebenfalls ins Bett zu gehen, um Bill zu entkommen, bevor dieser noch etwas sagte oder tat, was die mühsam aufrechterhaltene Beherrschung im Raum zerbrechen ließ. Maggie zugewandt, die gerade mit Tara sprach und gleichzeitig ihren Sohn fest im Auge behielt, rutschte Mulder auf seinem Platz herum und zählte die Sekunden. Es hätte ein wenig seltsam ausgesehen, wäre er sofort nach Dana aufgesprungen und nach oben gegangen, also wartete er genau 5 Minuten, bevor er sich mit einem gespielten Gähnen erhob und allen in der Runde eine gute Nacht wünschte. Weniger subtil als er, sprang Melissa sofort auf und kündigte an, auch sie werde sich jetzt schlafen legen, da morgen ein langer Tag werden würde.
Noch immer Bill Scullys Blick im Rücken spürend, öffnete Mulder die Tür zu Scullys – und seinem – Schlafzimmer, um erstmal vorsichtig hineinzuspähen.
„Keine Sorge, Mulder, ich bin angezogen.“ neckte ihn seine Partnerin, und er schlüpfte durch den Türspalt und schloss hastig die Tür hinter sich, erleichtert, Bill und Melissa fürs erste entkommen zu sein. Ihm war nicht bewusst, dass diese Geste so wirkte, als habe er Angst, bei etwas verbotenem ertappt zu werden, aber Scully, die sich inzwischen im Bett aufgesetzt hatte, konnte ein Lachen nicht unterdrücken.
„Mulder, entspannen Sie sich. Sie benehmen sich wie ein Teenager, der sich zum ersten Mal ins Zimmer eines Mädchens schleicht.“
„Ihr Bruder sorgt auch dafür, dass ich mich genau so fühle.“ brummte Mulder und kramte in seiner Tasche nach Jogginghose und T-Shirt – auf keinen Fall würde er in Scullys Gegenwart in seinen Boxershorts schlafen. Zwar sollte er eigentlich längst über das Alter der allmorgendlichen Erektionen hinaus sein, aber nach einer Nacht in Gegenwart einer ruhig atmenden Scully konnte er für nichts garantieren, also war es besser, vorzusorgen... Er klemmte sich den Beutel mit Wasch- und Zahnputzzeug unter den Arm und verschwand im Badezimmer.
Scully sah ihm amüsiert nach. Sie hätte nie gedacht, dass Mulder, der Meister der anzüglichen Andeutungen und Besitzer der größten ihr bekannten Sammlung von Pornovideos, verunsichert werden würde, wenn er mit ihr ein Zimmer teilen musste. Natürlich war ein Großteil dieser Unsicherheit auf Bills offen feindselige Haltung ihm gegenüber zurückzuführen. Sie konnte nur hoffen, dass die Situation zwischen den beiden nicht im Laufe der Feiertage eskalierte. Der erste Nachmittag hatte schon gezeigt, wie schwierig es war, die beiden auseinander zu halten. Es würden anstrengende Weihnachtstage werden, aber wenn sie ihren besten Freund bei sich haben konnte, war es ihr das wert. Mit diesem Gedanken kuschelte sie sich zufrieden in ihre Kissen und begann in ihrem mitgebrachten Buch zu lesen, während sie auf die Rückkehr ihres Partners wartete.
Als Mulder schließlich wieder ins Zimmer kam, fand er Scully in ihrem Buch versunken. Leise, um sie nicht zu stören, schloss er die Tür hinter sich, legte seine Kleider über die Lehne des Stuhls, der neben seinem Bett stand – er wäre sich ziemlich komisch vorgekommen, wenn er sie wie zu Hause einfach hätte fallen lassen – und kroch unter die Decke. Ein paar Minuten lang beobachtete er etwas unschlüssig seine lesende Partnerin. Er war sich nicht sicher, was sie von ihm erwartete; am liebsten hätte er ein Gespräch angefangen, mit ihr über den vergangenen Tag geredet, aber er wusste nicht, wie er es anfangen sollte, solange sie ihre Nase im Buch hatte. Schließlich wusste er gar nichts über ihre Schlafgewohnheiten von dem Moment an, in dem sie die jeweilige Hotelzimmertür hinter sich schloss. Vielleicht wollte sie einfach nur lesen, bis sie müde war, und dann das Licht löschen und schlafen?
Scully nahm ihm die Entscheidung ab, ob er sie ansprechen oder lieber in Ruhe lassen sollte: Sie sah von ihrem Buch auf und erkundigte sich leicht gereizt: „Mulder, warum starren Sie mich die ganze Zeit an?“ Er war überrascht. Aber nicht so überrascht, dass er nicht seine patentierte Unschuldsmiene aufsetzen konnte, die zu besagen schien: „Wer? Ich?“
Scully fiel nicht darauf herein: „Tun Sie nicht so; ich habe gemerkt, dass Sie mich seit mindestens fünf Minuten angestarrt haben; wie soll man sich da aufs Lesen konzentrieren?“ Plötzlich ging ihr ein Licht auf: „Geben Sie’s zu, das war genau das, was Sie wollten. Sie wollten mich nervös machen, damit ich aufhöre zu lesen, weil Ihnen langweilig ist.“
Über Mulders Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. „Darauf bin ich gar nicht gekommen. Aber ich gebe zu, die Idee ist gut, die hätte von mir sein können.“
Scully musste auch lächeln. „Lieber nicht. Wie weit ist es mit uns gekommen, wenn ich Ihnen jetzt schon die Ausreden erfinde, mit denen Sie mich abspeisen?“
Sie legte das Buch zur Seite und stützte sich auf den Ellbogen, um Mulder besser ansehen zu können. „Und?“ erkundigte sie sich.
„Was, und?“ war die verwirrte Antwort.
„Und eben. Das bedeutet soviel wie `Wie hat Ihnen der Tag gefallen, und werden Sie es über die Feiertage mit meiner Familie und mir aushalten?`“
„Ach, diese Art von ´und` war das. Wenn wir mal davon absehen, dass Bill mich am liebsten schon heute umgebracht hätte und Ihre Schwester mich in Unterhosen gesehen hat, war der Tag ganz angenehm, und solange Sie mich nicht in der Wolfsgrube allein lassen, werde ich die Feiertage sicher nicht nur überstehen, sondern wohl auch genießen. Immer vorausgesetzt, Ihre Mutter kocht weiterhin so gut.“
Scullys Grinsen wurde breiter. „Sie haben noch nicht das Weihnachtsessen probiert, das sie uns jedes Jahr vorsetzt, und die Kekse hat sie auch noch nicht serviert. Ich wette, wir werden nach Weihnachten Stammgäste in der Sporthalle des FBI sein.“
„Ooooh, Scully, Sie im Trainingsanzug, das werde ich mir bestimmt nicht entgehen lassen.“ Sie langte nach dem Lichtschalter und löschte die Lampe, allerdings nicht bevor Mulder ihren mörderischen Blick gesehen hatte. „Halten Sie den Mund, oder ich überlege mir, ob ich Sie nicht Missy ausliefern soll.“
Die Laken raschelten, als sich Scully im Bett zurechtkuschelte. Mulder war sich nicht sicher, ob das gelöschte Licht das Signal zum Schlafen war, und er dachte tatsächlich daran, ihre letzte Äußerung unkommentiert zu lassen, als er ihre Stimme erneut hörte. Sie klang irgendwie verändert. Das konnte doch nicht an der Dunkelheit liegen, oder etwa doch?
„Das hier ist fast wie eine Pyjamaparty.“
„Was?“
„Haben Sie noch nie eine Pyjamaparty gemacht?“
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Also, das überrascht mich; irgendwie gehört das doch zum Erwachsenwerden dazu. Passen Sie auf: Zu einer Pyjamaparty werden Leute eingeladen, denen man vertraut und mit denen man über alles reden kann. Man macht Matratzenlager und kuschelt sich in die Decken ein, sieht Videos an oder erzählt sich Gruselgeschichten, isst Unmengen ungesunder Dinge, und irgendwann spielt man dann „Wahrheit oder Pflicht“ und quetscht alle dunklen Geheimnisse und verborgenen Wünsche aus den Anderen heraus. Es wird meistens bis in die Nacht geredet, und am nächsten Morgen steht man nicht vor 11.00 auf.“
„Klingt nach Spaß. Schade, dass ich so etwas nie gemacht habe.“ Gegen seinen Willen klang Mulders Stimme traurig, und Scully biss sich auf die Lippen. Sie hätte das Thema nie anschneiden sollen; schließlich wusste sie, dass Mulder keine besonders glückliche Kindheit, geschweige denn Jugend, gehabt hatte, weshalb überraschte es sie dann, dass er niemals mit Freunden Pyjamaparties gefeiert hatte? Zumal sie sich nicht einmal sicher war, ob er überhaupt Freunde gehabt hatte.
„Mulder... Es tut mir leid. Ich hätte nicht...“
„Was hätten Sie nicht? Mich daran erinnern sollen, dass meine Jugend ein Desaster war? Dafür können Sie nun wirklich nichts. Ich bin sicher, wenn ich Sie damals schon gekannt hätte, hätten wir keine Pyjamaparty zusammen gefeiert.“
Er versuchte, sie aufzumuntern, und das ärgerte sie. Er war derjenige, der getröstet werden sollte, nicht sie, die eine glückliche, geborgene Kindheit gehabt und viele solcher und ähnlicher unschuldiger Späße erlebt hatte. Sie dachte einen Moment nach und sprang dann aus dem Bett, wobei sie fast auf Mulder trat, dessen Matratzenlager sich direkt neben ihr befand.
„Ich hab eine Idee! Wir machen unsere eigene Pyjamaparty. Hier und jetzt.“
„Wie...“ Sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Sie haben recht, wenn wir uns als Kinder gekannt hätten, hätten wir uns wahrscheinlich nicht leiden können. Aber jetzt können wir uns leiden, wir schlafen zusammen in einem Zimmer, ich weiß, wo Mom ihre besten Plätzchen versteckt hat, also, was spricht dagegen?“
Noch bevor der verdutzte Mulder etwas sagen konnte, war sie aus dem Zimmer geschlüpft und kam wenige Minuten später mit einen großen Teller voller Kekse und diverser anderer Kleinigkeiten, die sie aus der Küche hatte mitgehen lassen, sowie einer Flasche Orangensaft wieder zurück, einen triumphierenden Ausdruck auf dem Gesicht. Sie stellte ihre Beute neben Mulders Matratzenlager ab, zog Kissen und Decke von ihrem eigenen Bett herunter und ließ sich auf Mulders Fußende fallen, der noch immer viel zu überrascht war, um sich zu äußern. Dies war eine Seite an Scully, die er noch nie erlebt hatte. Nie hätte er gedacht, dass sie heimlich Lebensmittel aus der Küche stibitzen oder gar mit ihm eine Schlafparty veranstalten würde, aber er konnte nicht behaupten, dass ihm die Aussicht nicht gefiel. Inzwischen hatte sich Scully mit dem Kissen im Rücken gegen ihr Bett gelehnt und in ihre Decke eingewickelt und sah erwartungsvoll zu ihm auf. „Was ist? Haben Sie Angst, dass uns Mom erwischt, wie wir ihre Plätzchen vor der Zeit vernichten?“
„Ich befürchte eher, dass Bill hereinplatzt und Sie in meinem Bett erwischt. Ich bin nicht sicher, ob ich die Folgen überleben würde.“
Sie warf ihm einen wütenden Blick zu. „Mulder! Es ist ja nicht so, als würden wir...“ Sie brach hastig ab und setzte erneut an: „Ich meine, erstens tun wir nicht das, was er denkt, und zweitens habe ich es allmählich satt, dass er meint, er könnte mein Leben bestimmen. Außerdem wäre er selbst schuld, wenn er mitten in der Nacht in meinem Zimmer auftaucht, was aber nicht passieren wird, da er genug mit Matthew zu tun hat, der noch nicht durchschläft. Und nun kommen Sie schon, oder wollen Sie etwa keine Party?“
Bei diesem Gedanken nahm ihr Gesicht einen undefinierbaren Ausdruck an, als ihr klarwurde, dass sie einfach angenommen hatte, Mulder würde genauso viel Spaß an ihrem Einfall haben wie sie. Was, wenn er genervt war oder müde? Mulder nahm ihre Stimmungsänderung sofort wahr und stieß ihr leicht den Ellbogen in die Seite.
„Hey, nun gucken Sie nicht wie eine verlorene Katze. Ich hab Ihnen doch schon gesagt, dass ich noch nie eine Pyjamaparty hatte, also müssen Sie mir schon sagen, was ich jetzt machen muss.“
Ihre Miene hellte sich wieder auf. „Das ist einfach: Machen Sie es sich gemütlich und probieren Sie die Kekse. Der Rest kommt von ganz allein.“
Mulder tat, was sie ihm gesagt hatte, und stellte bald fest, dass sie recht gehabt hatte: Er fand tatsächlich Spaß daran, mit seiner sonst so ernsthaften Partnerin in Decken gewickelt auf dem Boden zu sitzen und im Halbdunkel Maggie Scullys Weihnachtsvorräte zu plündern, auch wenn sie den Saft gemeinsam aus der Flasche trinken mussten, weil Scully keine Gläser aus dem Schrank mit der quietschenden Tür hatte holen können. Sie erzählten sich Geschichten, Scully welche aus ihrer Jugend, und Mulder, der die gemütliche Stimmung nicht trüben wollte, steuerte Geistergeschichten bei, die er in Oxford gehört hatte.
Nach einer Weile wurden die Gesprächspausen immer länger, bis sich Scully irgendwann erkundigte: „Warum tun wir das nicht öfter?“
„Was? Zusammen übernachten und uns mit Keksen vollstopfen, die wir vorher entwendet haben? Das erste verstößt gegen eine Menge ungeschriebener Gesetze des FBI, und letzteres ist illegal und sollte daher von Bundesagenten nicht praktiziert werden.“
„Ich meine es ernst, Mulder. Warum reden wir nie?“
Mulder fühlte sich unangenehm an einen Vorfall erinnert, der genau damit zu tun hatte: Wenn er die Augen schloss, konnte er noch immer Eddie vanBlundht in seiner Gestalt sehen, wie er sich über seine ahnungslose Partnerin beugte, um sie zu küssen. Sie hatten nie wirklich darüber gesprochen, aber zumindest so viel hatte Mulder aus ihr herausbekommen können, dass Eddie sie unter dem Vorwand besucht hatte, mit ihr reden zu wollen. Er selbst hatte sich diese Frage seitdem ungefähr täglich gestellt, war aber immer nur zu einem einzigen Ergebnis gekommen: Er vermied es, mit Scully zu reden, weil er Angst hatte, sie noch mehr zu brauchen, als er es ohnehin schon tat. Sie war seine Partnerin, beste Freundin, Vertraute, Mitverschwörerin, und die Frau, die er liebte und begehrte, auch wenn sie die letzten beiden Dinge niemals erfahren würde. Er hatte sich schon lange eingestanden, dass er von ihr abhängig war, und das machte ihm Angst. Würde er mit ihr reden, seine Freizeit gemeinsam mit ihr verbringen, dann würde sie ihm in der Zeit, wenn sie nicht zusammen waren, noch viel mehr fehlen als sie es bereits tat. Da er ihr das jedoch nicht sagen konnte, ohne einen unbehaglichen Unterton in die gemütliche, vertraute Atmosphäre zu bringen, dachte er einen Moment nach und antwortete dann mit einer Lüge: „Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil wir nie damit angefangen haben. Vielleicht hätten wir uns von Anfang an treffen sollen, oder auf den Flügen nicht nur über Fälle sprechen, sondern auch über alltägliche Dinge. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es immer schwerer wird, je mehr Zeit vergeht.“
Sie nickte nachdenklich. „Möglich, dass Sie recht haben. Aber ich muss zugeben, dass ich es immer vermisst habe.“ Auch sie dachte an Eddie und brach ab, bevor sie zu viel sagte. „Aber ich bin froh, dass wir es jetzt getan haben. Vielleicht können wir es ja zu einer Gewohnheit werden lassen.“
„Vielleicht. Aber was heißt hier `getan haben´? Ist die Party schon vorbei?“
„Von mir aus nicht. Aber ich muss mich hinlegen.“ Damit streckte sie die Beine aus und schubste Mulder fast von der Matratze. Er musste zur Seite rücken und sich ebenfalls hinlegen, um genug Platz zu haben. „Soll ich Sie vielleicht in Ihr Bett tragen?“ zog er sie auf, aber Scully verneinte. „Mir geht’s gut, wo ich bin. Machen Sie das Licht aus und erzählen mir noch eine Geschichte.“ bat sie. Mulder war nur zu bereit, ihrem Wunsch nachzukommen. Er löschte das ohnehin schon gedimmte Licht, kroch unter seine Decke und begann mit einem Rätsel, das er noch aus seiner Studienzeit kannte: „Ein Mann kommt aus einem Gebäude. Er sieht fröhlich aus. Er geht zum Bahnhof, steigt in einen Zug und fährt ab. Der Zug fährt durch einen langen Tunnel, und der Mann erschießt sich. Warum?“
Scully protestierte halbherzig: „Mulder, das ist keine Geschichte, sondern ein Rätsel, und dazu bin ich nun doch zu müde.“
„Hey, wo bleibt Ihr Ehrgeiz, Agent Scully? Sie wollen doch wohl nicht vor einer so simplen X-Akte kapitulieren, oder?“
„Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, es ist mitten in der Nacht, und wir haben Urlaub. Können Sie die X-Akten nicht mal über Weihnachten ruhen lassen?“
„Unmöglich. Nun seien Sie kein Spielverderber. Sie müssen mir Fragen stellen, die ich mit ja oder nein beantworten kann, und ich darf nicht bluffen. Okay?“
„Na gut. Aber nur, weil ich neugierig auf die Lösung bin. Und dass Sie mir ja fair spielen. Also, war der Mann suizidgefährdet?“
„Nein.“
„Mulder, das ergibt keinen Sinn. Er hat sich umgebracht, also muss er selbstmordgefährdet oder zumindest labil gewesen sein. So etwas tut man nicht einfach aus heiterem Himmel.“
„Scully, das ist ein Rätsel, kein realer Fall, also kann der Mann sich umbringen, ohne labil gewesen zu sein.“ Obwohl er sich alle Mühe gab, genervt zu klingen, musste Mulder innerlich doch schmunzeln. Das war seine Scully, immer die Logikerin, auch wenn es nur um ein Spiel ging. Wenn er ehrlich war, dann war das eines der Dinge, die er besonders an ihr mochte: Was immer sie tat, tat sie mit ganzem Einsatz und allem, was sie besaß. Und Logik besaß sie eine Menge.
„Okay, dann war er eben nicht labil. War jemand mit ihm im Abteil?“


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