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Amazonen

von Simone

Kapitel 1

Jake Davy setzte sich langsam und vorsichtig im Bett auf. Neben ihm lag seine Frau Sarah und blinzelte ihn verschlafen an. Er sah es, erfasste ihre Hand und streichelte sie. Dabei berührte er ihren Ehering mit dem kleinen Diamanten. Kaum zu fassen, dass sie in einem Monat schon vier Jahre verheiratet sein würden. Die Zeit verging manchmal wie im Flug, vor allem wenn man glücklich ist. Sie zog seine Hand zu sich heran und rieb ihre Wange daran.
“Es ist noch früh, du kannst weiterschlafen.”
“Musst du schon los, Darling?” fragte sie, drehte sich von der Seite auf den Rücken und streckte die Arme von sich. Dann richtete sie sich langsam auf und lächelte ihn an. Ihr Blick fiel auf seinen Nachttisch und fixierte den kleinen schwarzen Radiowecker mit seinen leuchtenden roten Zahlen. Es war 5.30 Uhr, wirklich zu früh zum Aufstehen.
“Ja, leider. Du kennst doch meine Schicht.” entgegnete er ihr und riss sie damit aus ihren Gedanken. Behutsam strich er ihr über das lange braune Haar, gab ihr einen Kuss und stand auf. Er zog sich seine Jeans an und holte sich ein frisches Hemd aus dem Kleiderschrank auf der anderen Seite des Zimmers. Jake begann sich zu strecken und gähnte herzhaft. Müde stolperte er ins Bad, wusch und rasierte sich. Während dessen war auch seine Frau Sarah aufgestanden und hatte ihm Kaffee bereitet. Sie saß in ihrem Nachthemd am Küchentisch, machte ihrem Mann ein paar belegte Brote für die Arbeit und legte sie in die Lunchbox. Dabei hatte sie dieses ganz gewisse Leuchten in den Augen und ein ganz spezielles Lächeln auf ihren Lippen. Dieses Lächeln, dass nur Frauen haben konnten. Sie war glücklich und für jeden war dies offensichtlich. Sarah stand auf, ging barfuß durch die Küche und schaltete die Kaffeemaschine aus. Sie goss den Großteil der braunen heißen Flüssigkeit in eine Thermosflasche und füllte anschließend eine Tasse damit, die sie Jake hinhielt, als er den Raum betrat.
“Du solltest doch nicht aufstehen, du solltest liegen bleiben. Du brauchst den Schlaf, glaub mir. Vergiss nicht der Arzt hat gesagt du sollst dich schonen” sagte Jake zu ihr.
Er sagte jene Worte in keinster Weise wütend oder gereizt, sondern eher zärtlich und besorgt. Nachdenklich betrachtete seine Frau. Wieder einmal fiel ihm ein, dass Sarah wunderschön war, gerade in dieser Zeit. Er setzte sich zu ihr, nahm ihr die Tasse ab und trank.
Sarah äußerte sich nicht dazu. Sie schenkte ihrem Mann ein Lächeln und sagte einfach nur:
“Guten Morgen, Darling.”
“Du hast ja recht. Ich rege mich wieder einmal viel zu sehr auf, tut mir leid. Ach... äh... guten Morgen.”
Er streckte die Beine unter dem Tisch aus und spürte einen Widerstand. Etwas Weiches war da zu seinen Füßen. Unter dem Tisch schlief Cindy, ihre Colliehündin. Nun erwachte auch Cindy und trottete durch die Küche, verließ diese schließlich und suchte sich einen anderen Schlafplatz.
Die hat es gut dachte Jake und sah seiner Hündin nach. Wie gern würde er jetzt bei seiner Frau bleiben und nicht zur Arbeit gehen. Jake erhob sich und zog sich seine Jacke über. Seine Ehefrau gab ihm die Lunchbox und die Thermosflasche, dann begleitete sie ihn zur Tür. Dort lag auch schon die Zeitung und Jake bückte sich, hob sie auf und gab sie Sarah.
“Denk daran, was dir der Arzt gesagt hat, hörst du?” sagte er mit ernster Miene, doch seine Frau brach nur in ein Kichern aus.
“Fängst du schon wieder an... Du machst dir zu viele Sorgen, Honey. Keine Panik, ich werde schon keine Gardinen aufhängen, Steckdosen verlegen, Möbel verrücken oder sonstige schweren Arbeiten verrichten. Okay? Das ist es, was du hören willst, stimmt’s?”
Das war es, was ich hören wollte dachte Jake. Er lächelte und seine Hand berührte Sarahs Bauch. In zwei Wochen würde es soweit sein. Dann war er Vater und sie waren endlich eine richtige Familie.
“Ciao, Baby. Mach bloß keinen Unsinn da drin.” Mit diesen Worten verabschiedete er sich, stieg die Stufen hinab und ging auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo er seinen Wagen geparkt hatte ...
Sarah schloss die Haustür hinter sich und kehrte dann kopfschüttelnd in die Küche zurück. Jake sorgte sich viel zu sehr um sie. Manchmal glaubte sie fast, dass er es war, der von ihnen beiden dass Kind unter dem Herzen trug und nicht sie. Sie fuhr sich mit der Hand über den Bauch und murmelte leise:
“Wir zwei passen gut auf Dich auf, kleines Baby.” Sie holte zwei Fressnäpfe aus dem Küchenschrank und füllte den ersten mit kaltem Wasser und stellte ihn auf den Fußboden.
“Cindy!” rief sie “Cindy, komm fressen!”
Aus dem Küchenregal nahm sie eine Büchse Hundefutter und öffnete sie mit einem Dosenöffner. Nun fing Sarah an den zweiten Napf zu füllen. Diesmal mit dem Hundefutter. Mit dem Löffel, mit dem sie vorhin die Reste ausgekratzt hatte, schlug sie gegen die Dose. Gleich würde die Colliehündin um die Ecke gerannt kommen. Sie trommelte wieder auf die Büchse ein. Wo blieb Cindy nur? Sie musste einfach Hunger haben. Sarah schlug stärker mit dem Löffel gegen das Blech und verließ den Raum und begann die Hündin zu suchen. Noch immer gegen die Dose schlagend ging sie durch das Wohnzimmer, das Schlafzimmer, nichts. Sie sah ins Badezimmer, in die Abstellkammer, dort war sie auch nicht. Das hätte sie sich sparen können, schließlich mieden ihre Hündin diese Orte. Zuletzt sah sie ins Kinderzimmer, dass sie mit Jake schon komplett eingerichtet hatte.
“Na warte Cindy, ich kriege dich schon. Wo bist du denn, wo hast du dich versteckt?”
Sie schlich um die hölzerne Babywiege herum, sah hinter dem Wickeltisch und in der Spielecke nach. Doch auch im Kinderzimmer war Cindy nicht. Sie war wie vom Erdboden verschlugt. Als sie erneut am Wohnzimmer vorbeiging, sah sie dass die Terrassentür angelehnt war. Sie spürte einen eiskalten Luftzug in ihrem Gesicht und stand einfach nur da. Und sie begann Stimmen zu hören, ein Wispern, ein Zischen. Sie lauschte und schloss die Augen. Ja, da war etwas, das Zischen, diese Laute wurden klarer und deutlicher. Jedoch handelte es sich nicht um ein bloßes Wispern, sondern um Worte. Sie strich das Haar zurück und hörte noch genauer zu. Es klang wie ein Gedicht, Sätze, die in ihrer Mitte unterbrochen waren. Es folgten kurze Pausen, wie Atemzüge und die Sätze wurden vollendet. Sarah stand nur wie angewurzelt da und wartete auf die nächste Zeile, sie war wie gelähmt, erstarrt.

Hey you, I saw
eight birds flyling
in the night.
So silently the
dark birds fly,
early in the morning
all of them brought the
darkness with them.

Obwohl sie all dies hörte, stand sie einfach nur da.

Jake Davy suchte in seinen Taschen nach den Wagenschlüsseln. Er fühlte das kalte, geschliffene Metall der Schlüssel und zog sie dann hervor. Noch immer gähnend schloss er den Wagen auf. Die letzte Nacht war einfach zu kurz gewesen. Er hatte bis zwei Uhr nachts in dem Kinderzimmer des Ungeborenen gearbeitet. Er hatte die ganze Babyeinrichtung selbst gebaut. Gestern hatte er sein persönliches Meisterstück vollendet: eine Babywiege. Jetzt war es 6.05 Uhr. Jake musste schleunigst in die Fabrik.
Er öffnete die Fahrertür und stieg ein. Drinnen legte er den Sicherheitsgurt an und begann den Sitz zu verstellen. Es war Sarahs Wagen, seiner war zur Inspektion in der Werkstatt. Sonst fuhr er nie mit diesem Kleinwagen. Jake steckte den Schlüssel ins Zündschloss und wollte ihn gerade umdrehen, als er merkte, dass er unmöglich etwas in diesen Spiegeln sehen konnte. Also kurbelte er das Fenster herunter, stellte sich den Außenspiegel ein und wandte sich dann dem Rückspiegel zu. Er sah darin nur sein eigenes Gesicht, aber nicht das was sich hinter ihm abspielte. Darum verstellte er ihn ein wenig und schon sah er dadurch sein Haus. Die Blumen davor. Und ganz dicht hinter ihm sah er Cindy. Cindy. Einen Moment sah er mit Hilfe des Spiegels genau in ihre Augen.
Verdammt was macht die denn hier? Wie kam sie bloß in den Wagen, der war verschlossen gewesen. Wie konnte so etwas passieren? Er griff mit seinem linken Arm an seinem Sitz vorbei nach der Hintertür des Wagens um die Hündin herauszuschmeißen, doch da war es schon geschehen. Die Colliehündin biss sich in seinem Arm fest und als ihr Herrchen vor Schmerzen aufschrie, sprang Cindy von der Rückbank nach vorn und fiel ihn an. Er spürte ihre scharfen Zähne in seinem Arm und er sah, wie ihre Schnauze sich mehr und mehr seinem Gesicht näherte. Mit ihren Zähnen biss sie in seinen Oberkörper, in seine Schulter und weiter in Richtung Hals. Er versuchte sie von sich zu drücken, tastete nach seinem Sicherheitsgurt um ihn zu lösen und um sich aus dieser Situation zu befreien, schaffte es aber nicht. Jake sah Cindys Zähne direkt vor sich und die pure Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die Fahrertür und drückte den Türgriff herunter. Die Tür sprang nicht auf, sie sprang einfach nicht auf.


Scully öffnete die Tür zu Mulders Büro. Langsam ging sie auf seinen Schreibtisch zu. Dort saß er, vor dem Poster mit der Aufschrift “I want to believe”. Er saß zurückgelehnt in seinem Stuhl, mit den Füßen auf dem Tisch, sein Gesicht hinter einer Zeitung verborgen. Scully räusperte sich, doch Mulder sah noch immer nicht zu er auf. Er schien sie nicht zu bemerken, schien sie zu ignorieren. Okay, dachte sie. Sie stützte sich mit der linken Hand auf dem Schreibtisch, während sie mit ihrer rechten die Zeitung herunter zog und somit Mulders Gesicht freilegte.
“Also, was gibt’s?” fragte Scully ein wenig gereizt. Ihr Gesicht war dem seinen so nah, dass sie seinen Atem fühlen konnte. Mulder sah sie nur mit großen Augen an und legte den Kopf schief, er war etwas erschrocken. Er wich zurück, nahm die Beine vom Tisch und stand auf. Er reichte seiner Partnerin einen Ordner und sah sie ein bisschen böse an. Scully nahm auf einer Ecke des Schreibtisches Platz und las das, was in dem Ordner geschrieben stand.
Nach einer Weile klappte sie den Ordner zu. Mulder hatte sich in der Zwischenzeit wieder hingesetzt und ihr Mienenspiel interessiert betrachtet.
“Warum, glauben Sie, sollten wir uns damit beschäftigen?” Sie sah Mulder fragend an.
“Wie ich diesem Ordner entnehmen kann, handelt dieser Fall nur davon, dass in Staate Washington in Everett ein paar Tiere durchdrehen. Was haben wir damit zu tun? Wäre dies nicht eher ein Fall für einen... sagen wir ‘Tierpsychologen’?”
“Ein paar Tiere?” Mulder rollte mit den Augen “Dies ist schon der fünfte Fall innerhalb von zwei Monaten. Die Menschen, sind von ihren Tieren getötet worden, begreifen sie das nicht?”
Scully rieb sich die Stirn. “Das ist doch nichts Außergewöhnliches, nichts, was nur im Geringsten mit UFOs oder Außerirdischen zu tun hat. Dafür gibt es zahlreiche natürliche Erklärungen.”
Er nahm den Ordner wieder entgegen. “Das sehe ich anders und nicht nur ich allein...”
Moment, Scully hob den Kopf und zog die linke Augenbraue hoch. “Ach ja?”
“Liebe Grüße von Agent Craig Willmore aus Seattle. Er hat um unsere Hilfe gebeten, er ist ganz meiner Meinung.”
Ein triumphierendes Lächeln erhellte sein Gesicht. Mulder begann mit seinen Fingerspitzen fröhlich auf dem Ordner herumzutrommeln. Endlich bekam er einmal Unterstützung. Scully hingegen seufzte und blickte genervt auf ihre Armbanduhr.
“Wann fliegen wir?”
“In drei Stunden geht es los.”
“Sie können sich auch nie ein Last Minute Angebot entgehen lassen, Mulder.”


Ted Howland stieg in seinen Wagen. Er musste so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu seiner Frau. Vor wenigen Minuten hatte sie ihn angerufen. “Du musst kommen, es kann jede Minute losgehen.” hatte sie gesagt und nun war er schon unterwegs. Immer und immer wieder kamen ihm die Worte ihres Telefonates in den Sinn. Seine Frau brauchte ihn, sofort. Er fuhr so schnell er konnte durch die Stadt. Wirklich, so schnell er konnte, falls man das zur Rush-Hour überhaupt konnte. Hektisch war er. Aufgeregt. Noch vor einer Stunde war er im Reitstall gewesen und hatte die Pferde versorgt. Wo sollte er bloß jetzt einen Parkplatz finden? Zweimal fuhr er um ein und denselben Häuserblock. Oh, dort wurde gerade einer frei. Endlich. Fahr raus, mach mir Platz, dachte er.
Schnell parkte er ein und stieg aus. Fast hätte er vergessen seinen Wagen abzuschließen. Das wäre ihm in diesem Moment egal gewesen. Er wollte nur noch die Stufen zum Krankenhaus hinauf und seiner Frau beistehen. Auf der Station sah er eine Schwester und lief zu ihr.
“Meine Frau,” keuchte er, “Howland mein Name. Meine Frau... ist sie schon im Kreissaal?”
“Howland..., ja allerdings.” Die Schwester führte ihn in den Kreissaal.
Seine Frau lag in den Wehen. Immer schneller und in kürzeren Abständen kamen die Presswehen. Schweißperlen bedeckten ihr Gesicht. Ted eilte zu ihr, küsste ihre Stirn und redete beruhigend auf sie ein. Die Geburt verlief nicht gerade einfach. Teds Frau musste Schmerzmittel nehmen, obwohl sie dies zunächst abgelehnt hatte. Sie wollte eine natürliche Geburt, doch die Schmerzen waren einfach zu stark. Nach drei Stunden war es vollbracht. Vivien brachte zwei gesunde Kinder zur Welt. Zweieiige Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Sie nannten sie Ray und Amy.
Bereits zwei Tage später konnte Vivien das Krankenhaus mit ihren Kindern verlassen.


Mulder öffnete Scully die Tür und deutete ihr an, indem er einladend den Arm ausstreckte, hinein zu kommen. Scully ging an ihm vorbei in das Wohnzimmer. Die 42 an seiner Wohnungstür wackelte. Verdammt, der Kleber hinter der Zwei schien nicht das zu halten, was der Text auf der Rückseite der Tube versprach. Doch darum konnte er sich jetzt nicht auch noch kümmern, sonst würden sie ihren Flug verpassen.
Auf dem Wohnzimmertisch lag sein Koffer. Der Fernseher lief und ein Bügelbrett war davor aufgebaut. Hemden, Krawatten und Hosen lagen auf der Sitzgruppe und Scully musste sich erst ein wenig Platz frei räumen, bis sie das Chaos von dieser Position in vollen Zügen betrachten und genießen konnte.
“Sie haben gesagt wir fliegen in zwei Stunden, Mulder.” Gerade legte sie eine seiner Hosen zusammen und reichte sie ihm mit einem verschmitzten Lächeln.
Mürrisch nahm er sie entgegen und legte sie sorgfältig in den Koffer, dann ging er zum Bügelbrett und versuchte die Falten aus einem weißen Hemd herauszubekommen. Scully beobachtete ihn, sie dachte nicht an den Flieger, der auf sie wartete, sie dachte nicht an den toten Mann in Everett. Sie schmunzelte nur und die Vorstellung, dass ihr Partner, Agent Mulder hinter einem Bügelbrett einen geradezu hilflosen Eindruck machte amüsierte sie.
“Scully!”
Erschrocken sah sie auf, sie wirkte leicht irritiert, als hätte Mulder sie aus ihren Träumen gerissen. Das hatte er auch. Mit Erfolg.
“Scully, Sie hören mir gar nicht zu! Welche Krawatte soll ich nun noch mitnehmen?”
“Die sehen beide fast identisch aus.” sagte Scully gelangweilt.
Mulder hielt die zwei Krawatten in Kopfhöhe und blickte verdutzt von der einen zur anderen. Wieso identisch? Wie immer teilte er auch bei einer solchen Kleinigkeit nicht Scullys Meinung.
“Nein, wenn Sie genau hinsehen, so können sie erkennen, dass diese hier...”
“Meine Güte! Dann nehmen Sie eben die... die rechte.”
Dies schien ihn zufriedengestellt zu haben. Er warf die rechte auf den Sessel und legte die linke in den Koffer. Scullys Mund öffnete sich, aber sie sagte nichts. Warum hat er mich überhaupt gefragt, warum hat er mich bloß gefragt...?


Sarah Davy ging im Garten umher. Sie hatte sich einen Gartenstuhl geholt und wollte sich an den Teich setzten. Jedoch fand sie einfach nicht die Ruhe. Vor drei Tagen hatte sie noch gemeinsam mit Jake hier gesessen und nun war er tot. Sie sah zu den Sträuchern die den Gartenzaun verdecken sollten. Hinter dem Zaun sah sie ihre Nachbarin, die gerade hinaus auf die Terrasse ging. Jetzt kam sie an den Zaun heran.
“Sarah?”
Sarah ging zu ihr und legte ihre Hände auf den Gartenzaun. Sie war übermüdet, der Glanz in ihren Augen und das zauberhafte Lächeln waren verschwunden. Dies war auch ihrer Nachbarin nicht entgangen. Die Dame auf der anderen Seite des Zauns betrachtete sie noch genauer. Ihre Haut schien ihr grau und nicht rosig, aber vielleicht spielten ihr ihre Augen auch einen Streich, schließlich war sie nicht mehr die jüngste.
“Sarah, Sie sehen müde aus. Möchten sie nicht zu mir auf die Terrasse kommen und mit mir einen Kaffee trinken?”
Sarah lehnte dankend ab. Sie wollte allein sein, einfach nur ihre Ruhe haben. Die Polizei war mehrfach bei ihr gewesen, hatte immer wieder Fragen gestellt. Fragen, auf die sie keine Antworten wusste.
“Sarah, Kindchen. Jetzt seien Sie vernünftig und kommen Sie zu mir. Sie sehen ganz blass aus.”
Sarah sah ihre Nachbarin an. Mrs Burton war 62 Jahre alt, wirkte aber wesentlich älter. Etwas ausschlagen konnte ihr Sarah nicht. Nicht in diesem Moment, sie war zu schwach.
Nun saßen die zwei am Kaffeetisch und redeten.
“Wie trinken Ihren Kaffee? Sicher mit viel Milch dem Baby zu Liebe.” Sarah nickte stumm.
“Das mit Ihrem Mann tut mir wirklich leid. Weiß man denn in der Zwischenzeit mehr?”
“Ja,” seufzte Sarah, “Sie vermuten, dass Cindy ihn zu Tode gebissen hat.”
“Meine Güte, Kind das ist ja schrecklich! Ihr Hund! Wurde er eingeschläfert?”
“Cindy ist seitdem verschwunden.”
Sarah blickte auf ihre Hände, die sie in ihren Schoß gelegt hatte. Ihre Nachbarin schenkte ihr und dann sich selbst noch etwas Kaffee nach und führte ihre Tasse zum Mund.
“Was ich ihnen jetzt sage möchten Sie bestimmt nicht hören, aber es ist nun vor allem wichtig, dass sie nach vorne blicken. Sie sind im... siebten Monat...”
“Im achten.” verbesserte Sarah sie.
“Im achten Monat. Sie dürfen sich nicht aufgeben. Sie müssen stark sein und an die Gesundheit ihres Kindes denken. Schonen Sie sich und schlafen sie sich mal wieder richtig aus.”
Ihre Nachbarin hatte Recht. Sie war völlig am Ende und fühlte sich wie eine leblose Hülle, dabei war das Gegenteil der Fall. In ihr wuchs neues Leben.
“Sarah? Was wird es denn? Das Kind meine ich.”
“Ein Mädchen.”
“Das dachte ich mir. Es tritt kaum, nicht wahr. Ein Fußballer kann das nicht werden. Außerdem habe ich selbst zwei Mädchen zur Welt gebracht. Und einen Jungen.”
Das wusste Sarah bereits. Mrs Burton war Witwe. Auch ihr Mann starb, als sie schwanger mit ihrer jüngsten Tochter war, allerdings hatte sie ihr Kind verloren. Mr Burton war mit seinem damals fünf Jahre alten Sohn angeln gewesen und beide kamen ums Leben. Wie das geschah, hatte sie Sarah anvertraut. Ihr Mann war mit dem kleinen angeln, draussen auf dem See. Ihr Sohn war aus dem Boot gefallen. Wahrscheinlich hatte Mr Burton versucht ihn zu retten. Jedenfalls hatte das die Polizei gesagt. Mr Burton konnte nicht schwimmen.
Sarah verabschiedete sich. Irgendwie fühlte sie sich mit ihrer Nachbarin verbunden.


Mulder kümmerte sich gleich nach ihrer Ankunft auf dem Flughafen von Seattle um einen Mietwagen. Scully fühlte sich müde und erschöpft vom Flug. Sie wollte in ein Hotel und sich frisch machen. Duschen; oder vielleicht sogar baden. Ein heißes Bad würde ihr jetzt wirklich gut tun. Es war bereits spät und auch Mulders Gesicht wies eine Müdigkeit auf. Sie fuhren in das Hotel, das Agent Willmore Mulder am Telefon empfohlen hatte, als er ihn von diesem Fall unterrichtete. Scully kümmerte sich an der Rezeption darum, dass sie zwei Einzelzimmer bekamen, während Mulder sich die Hotellobby ansah, dann gingen sie auf ihre Zimmer.
Scully legte ihren Koffer auf das Bett und sah sich das Zimmer an. Sie hatte schon weitaus schlechtere Hotelzimmer erlebt, Mulder fühlte sich anscheinend zu miesen Absteigen hingezogen.
Sie ging ins Bad. Keine Badewanne. Okay, dann würde sie doch eine Dusche nehmen müssen. Sie zog sich aus und duschte abwechselnd heiß und kalt. Als sie sich den Schaum aus den Haaren und von der Haut wusch, klopfte es an der Tür. Einmal, zweimal, dreimal. Scully unterbrach den Wasserstrahl, griff nach dem Bademantel, der auf einem Hocker nahe der Dusche lag und wickelte sich ein Handtuch um die Haare. Mit ihren nackten Füßen ging sie über die kalten Fliesen, durch das Zimmer und zur Zimmertür. Sie öffnete die Tür einen Spalt breit. Ein Gesicht kam diesem Spalt von der anderen Seite entgegen. Es war ihr Partner.
Mulder führte seine Hand durch den Türspalt und öffnete sie. Scully nahm das Handtuch ab und frottierte sich ihr Haar.
“Sie haben noch nicht einmal ausgepackt, Scully.” Mulder deutete auf ihren Koffer und ließ sich dann auf einen Stuhl fallen. Dreimal dürfen Sie raten warum, dachte Scully. Sie ging zu dem Koffer, nahm sich saubere Kleidung aus dem Koffer und verschwand in Richtung Bad. Mulder war unruhig, er zwang sich ein paar Minuten zu warten, bevor er ein Gespräch anfing. Schließlich erhob er die Stimme, damit Scully ihn im nebenan hören konnte.
“Scully ich habe eben mit Craig Willmore telefoniert.”
Er lauschte, im Bad rührte sich nichts.
“Scully?”
Er sah, wie die Türklinke herunter gedrückt wurde. Seine Partnerin war angekleidet, ihre Haare waren noch feucht. Sie legte das Handtuch auf einen Stuhl und wandte sich dann ihm zu.
“Reden Sie ruhig weiter.”
“Er meint, wir können heute Abend sowieso nichts mehr unternehmen. Allerdings hat er mit der Frau des ersten Opfers gesprochen, Sarah Davy. Morgen will er uns zu ihr begleiten und ich dachte sie könnten vielleicht einen Blick auf den Leichnam werfen, es könnte immerhin sein, dass etwas übersehen wurde.”
“Okay Mulder. Morgen.”


Mulder konnte einfach noch nicht einschlafen. Es lag nicht an dem Flug, den er hinter sich hatte und auch nicht an dem fremden Bett. Er selbst brauchte keine weiche Matratze, er hatte schon nächtelang in seinem Büro im FBI Gebäude gesessen und war über seinem Schreibtisch eingeschlafen, was auch nicht gerade bequem war. Nein, daran lag es wirklich nicht. Ihm ging ein Gedanke nicht aus dem Kopf. Er hatte ein Gespür für ungewöhnliche Fälle. Verdammt, warum wollte Scully ihm das nicht glauben! Oft genug hatte er mit seinen Vermutungen richtig gelegen. Richtig, ohne seine Partnerin und ihr Wissen hätten sie den ein oder anderen Fall nicht aufklären können. Warum, um alles in der Welt, war sie noch immer so misstrauisch? Er wusste es nicht. Er wusste so vieles nicht von ihr.
Erst als die Sonne ihre ersten Strahlen durch die Jalousie seines Fensters warf schlief er ein.


Vivien Howland stand am Wickeltisch und wechselte die Windeln ihrer Zwillinge. Sie hatte die Spieluhr aufgezogen und summte die Melodie eines Kinderliedes mit. Sie legte Ray in den Kinderwagen und zog Amy noch einen Strampler an bevor sie sie zu ihrem Sohn legte.
Sie betrachtete die beiden einen Augenblick und ging dann summend in die Küche um ihnen noch zwei Flaschen mit Milch zu bereiten, bevor sie mit ihnen spazieren ging. Sie hatte die Hand an der Türklinke zur Küche, als im Wohnzimmer das Telefon klingelte. Auch das noch, dachte sie. Sie ging schnellen Schrittes in das Wohnzimmer und nahm den Hörer ab.
“Howland” sagte sie und lauschte. Es war ihre Schwester, die ihr zur Geburt ihrer Zwillinge gratulieren wollte. Vivien ließ sich auf die Couch fallen. Neben ihr lag ihre Katze Twincle. Sie streichelte über ihr Fell und hörte die Katze schnurren. Twincle blieb nicht lange bei ihr. Mit einem Satz sprang sie von der Couch und verließ auf ihren leisen Pfoten den Raum. Vivien sah ihr noch kurz nach und sprach dann weiter zu ihrer Schwester.
“Ja, sicher. Mir geht es gut. Weißt du was? Warum kommst du uns nicht morgen besuchen?”
Sie sah auf ihre Armbanduhr.
“Es tut mir leid, aber ich muss nun tatsächlich auflegen. Ich möchte mit Ray und Amy nach draußen an die frische Luft. Nein, Ted ist noch im Gestüt bei seinen Pferden. Natürlich möchte auch ich wieder ausreiten, aber jetzt wo die Kinder noch so klein sind, muss sich Ted allein um die Pferde kümmern. Mit zwei Kindern geht es nicht immer einfach zu.
In Ordnung wir sehen uns dann morgen. Grüß deinen Mann Mitch von mir. Bye.”
Sie legte den Hörer auf die Gabel und atmete laut aus. Wenn zwei Schwestern wie sie sich unterhielten konnte das länger dauern. Sie stand auf und machte die Fläschchen für die Babys fertig. Da hörte sie eines ihrer Kinder schreien. Sie packte die Milch in eine Tasche und ging ins Kinderzimmer, wo der Kinderwagen noch immer stand.
Vivien öffnete die Tür. Die Spieluhr spielte nicht mehr ihr Lied, sie hatte aufgehört. Sie hörte ein Baby schreien. Schnell lief sie zu dem Kinderwagen. Darin fand sie nicht nur ihre Kinder, sondern auch Twincle vor. Ihre Augen weiteten sich. Sie stieß einen Schrei aus und Twincle sprang aus dem Wagen und rannte davon. Vivien traute ihren Augen nicht, die Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Sie selbst war wie versteinert, als sie ihr Kind sah. Sie glaubte die Spieluhr spielen zu hören, doch das Lied war ein anderes. Es war kein Lied, es war eine Stimme.
Sie wollte nicht diese Stimme hören, sie wollte ihr Kind in die Arme nehmen, doch sie konnte nicht anders. Sie war gezwungen zuzuhören, denn die Stimme wurde lauter und schmerzten in ihren Ohren:

Tomorrow is the day,
east changes to west.
During a few days
he has to give up
and to resign.
Soon the whole world
thinks
of the new Kingdom.
Day by day,
it never wants to
end.

Vivien schauderte bei diesen Worten. Endlich konnte sie diese Sperre durchbrechen, als die Stimme aufhörte. Sie riss die Decke aus dem Wagen ihrer Kinder. Amy schlief ganz friedlich. Rays Gesicht war blutig. Es war nicht mehr das Gesicht, das sie kannte. Er war bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Sie nahm ihn in die Arme und weinte bitterlich. Sie hielt seinen kleinen, leblosen Körper in den Armen. Er atmete nicht mehr. Sie konnte und wollte es nicht glauben. Noch immer den Jungen auf dem Arm haltend, lief sie zum Telefon und rief den Notruf an. Ray musste einfach wieder leben, er musste wieder atmen. Er musste.
Die Haustür stand etwas offen. Von Twincle war nirgendwo auch nur eine Spur.


Als Mulder und Scully die Treppe herunterkamen und in die Hotellobby betraten, wartete Agent Willmore schon auf sie. Die beiden Agenten sahen einander überrascht an und Mulder räusperte sich verlegen.
“Agent Willmore, das nenne ich Arbeitseifer.” sagte er endlich anerkennend.
“Agent Scully, Agent Mulder. Es freut mich Sie so munter zu sehen. Ich hoffe Sie haben diese Nacht gut geschlafen, wir werden einen langen anstrengenden Tag vor uns haben.”
Sie verließen das Hotel und gingen zu dem Parkplatz. Gut geschlafen, wenn der wüsste, dachte Mulder. Gemeinsam fuhren sie in die Außenstelle des FBIs.
Willmore führte sie in sein Büro und bot ihnen Plätze an. Scully sah sich ein wenig um. Mehrere Familienphotos fand sie vor. Aus einer Schublade holte er eine Mappe hervor und reichte sie Scully.
“Es hat leider wieder einen solchen... nennen wir es einen außergewöhnlichen Fall gegeben. Vivien Howland musste zusehen, wie ihre Katze ihren Säugling tötete.” Willmore blickte betroffen zu Boden. Er war schließlich selbst Vater und somit fühlte er sich auch innerlich berührt.
“Die Katze und auch der Hund der Davys, Agent Mulder hatte sie davon unterrichtet ...?”
Mulder nickte kurz und stützte sein Kinn auf seine Faust.
“Gut,” begann Willmore von neuem “beide Tiere sind bis jetzt noch nicht wieder aufgetaucht.”
Scully sah von einem zum anderen, sie wusste noch immer nicht, warum man gerade sie und Mulder auf den Fall ansetzte. Sie wollte nicht wissen, woran Mulder jetzt dachte, das ahnte sie schon. Sie wollte wissen, welche Meinung Craig Willmore zu dieser Sache hatte.
“Agent Willmore. Dass Haustiere Menschen angreifen, ist bei weitem nichts “Außergewöhnliches”, wie Sie sagten. Dafür gibt es immer eine ganz natürliche und plausible Erklärung.”
Mulders Lippen formten sich zu einem Laut, doch er wurde durch den Agent unterbrochen.
“Sicher, das habe ich bis jetzt auch gehofft, aber es gibt ähnliche Fälle, die damals ad acta gelegt wurden. Man hat versucht mit einer Ihrer “natürlichen” Erklärungen das ganze abzuschließen. Fakt ist, dass wieder sieben Jahre vergangen sind. Alle sieben Jahre sterben hier Menschen, begreifen Sie?”
Scully lehnte sich zurück. Hilfesuchend blieb ihr Blick an Mulders Gesicht haften. Mulder grinste, versuchte durch ein Husten davon abzulenken, aber Scully hatte sein Grinsen gesehen. Er ließ sie im Stich. Aber das hätte sie sich auch denken können. Ihrer Meinung nach war es klar, wenn man Mulder zwei logische Möglichkeiten anbot, würde er sich für eine dritte entscheiden. Eine Möglichkeit, die man niemals in einen sachlichen, objektiven Bericht schreiben konnte.
Craig Willmore beugte sich zu ihr vor und sah sie durchdringend an.
“Alle sieben Jahre! Dies geschieht nun zum dritten Mal, sozusagen geht das alles in die dritte Runde. Die Leute vor uns haben dieses Problem nicht lösen können. Sie sind nicht die ersten Agenten, die jemals vom FBI darauf angesetzt wurden. Denken Sie an die Menschen, die alle sieben Jahre sterben müssen. Es gibt alle sieben Jahre Tote und es werden immer mehr.”
Scully und Mulder wurde es deutlich, dieser Mann hatte Angst um seine Kinder und um seine Mitmenschen. Die Agenten verabschiedeten sich. Es wurde höchste Zeit sich mit den betroffenen Frauen zu unterhalten.


Scully blickte nervös aus dem Fenster ihres Mietwagens. Mulder starrte auf die Straße.
“Sie hatten vorhin dieses ganz bestimmte Grinsen in Ihrem Gesicht.” Scully war in ihren Gedanken noch immer im Büro von Agent Willmore.
“Welches Grinsen, ich habe nicht gegrinst.” Mulder sah kurz zu ihr und dann wieder auf die Straße.
“Selbstverständlich haben Sie gegrinst. Da! Sie tun es schon wieder!” Scully fuhr sich durch das Haar und holte die Mappe hervor, die sie im Büro erhalten hatte.
“Okay, ich grinse. Was sagt Ihnen das?”
“Es ist das Grinsen, das man aufsetzt, wenn man sieht, dass derjenige im Supermarkt, der vor einem an der Kasse ist, merkt, dass er sein Portemonnaie vergessen hat.”
Mulders Grinsen verwandelte sich in ein breites Lächeln und er schüttelte lachend den Kopf. Dann streckte er seine rechte Hand aus und deutete auf die Mappe.
“Ich schlage vor wir besuchen zuerst Sarah Davy, einverstanden?”
“Einverstanden, die Frau, deren Hündin ihren Mann tötete.” sie seufzte und schüttelte den Kopf.
“Was ist los?” hakte Mulder nach. “Was gefällt Ihnen daran nicht?”
“Mulder, ich bin Wissenschaftlerin. Ich kriege es einfach nicht fertig mir vorzustellen, warum diese Tiere das getan haben sollten. Es ist doch wohl jedem bekannt, dass ein Hund aggressiv wird, wenn man ihn schlecht behandelt.”
Erwartungsvoll sah sie Mulder an. Der nickte und hob für einen kurzen Moment die Hände beschwörend, bevor sie wieder das Lenkrad umklammerten.
“Lassen Sie mich Ihnen gedanklich folgen: Sie meinen, Jake Davy öffnete den Wagen, ehe er sich versah sprang sein Hund hinein und er versuchte ihn aus dem Wagen zu bekommen. Der Hund hörte nicht auf seinen Befehl und wurde aggressiv und gefährlich, als Jake ihn schlug oder was auch immer er getan hat. Richtig?”
Scullys Mund stand leicht offen. Sie schloss ihn schnell wieder, biss sich auf ihre Unterlippe und konnte ihre Euphorie nicht länger verbergen.
“Genau das ist mein Gedanke gewesen Mulder!”
Sollte ihr Partner ausnahmsweise einmal auf ihrer Seite stehen? Jedenfalls teilte er ihre Meinung.
“Nein, Scully. Das kann es nicht sein. Das ist es in all den Jahren nicht gewesen. Glauben Sie mir, an der Sache ist irgendetwas faul und es geht hier gar nicht natürlich zu.”
Scully schluckte und berührte mit ihrem Zeigefinger die Scheibe des Wagenfensters und begann dagegen zu tippen.
“Da ist es, Mulder.”
Ihr Wagen bog ab und hielt direkt vor dem Haus. Es war eine ruhige, aber auch teure Gegend mit enorm hohen Grundstückpreisen. Der Garten der Davys war sehr groß. Bestimmt hatten sie einen Gärtner, der sich um die Hecken, Beete und den Teich kümmerte, dachte Mulder. Die beiden stiegen aus dem Wagen und Scully verweilte einen Augenblick an der Wagentür. Sie ließ die Atmosphäre auf sich wirken. Schön war es hier. Eine ideale Gegend um Kinder heranwachsen zu lassen. Weit, weit weg von dem Lärm der Stadt und der Straße. Gemeinsam gingen sie auf den Hof, Scully ging direkt auf die Terrasse zu. Dort saß Mrs Davy, sie hatte die Beine hochgelegt und die Augen fest geschlossen. Scully trat näher an sie heran und legte ihre Hand auf den Arm der werdenden Mutter.
“Mrs Davy?”
Sarah Davy schlug die Augen auf und setzte sich ruckartig kerzengrade hin. Mulder betrachtete die Szene mit etwas Abstand, er befand sich neben dem Teich und fuhr mit seiner Hand durch das Wasser.
“Wer sind Sie?”
Ihre Augen wanderten erschrocken zwischen der Frau neben ihr und dem Mann am Teich hin und her. Was wollte man bloß von ihr, warum konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen?
“Das ist Special Agent Mulder und ich bin Special Agent Scully, wir sind vom FBI und wir wollen ihnen ein paar Fragen stellen.” Scully hielt ihr ihre Dienstmarke hin.
Sarah nickte langsam. Erst jetzt achtete sie auf die Kleidung ihrer beiden Besucher. Sie trug ein grünes Kostüm und er einen dunkelblauen Anzug, so lief hier normalerweise niemand herum. Sie stand auf und deutete auf den Tisch und die Stühle.
“Bitte, bitte setzen Sie sich doch. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee? Saft?”
Der Schreck saß ihr noch immer in den Gliedern. Scully lächelte sie an, sie hatte die Panik der Frau sofort gemerkt und versuchte sie zu beruhigen.
“Ein Kaffee wäre eine gute Idee, Mrs Davy.”
Eifrig nickte Sarah, strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, die sich aus ihrem strengen Zopf gelöst hatte und verschwand schnell im Haus. Mulder setzte sich auf einen der Stühle und deutete Scully mit einer freundlichen Geste an sich neben ihn zu setzen. Er hatte der Frau nachgesehen, als sie sie verlassen hatte. Ihre Schwangerschaft war nicht zu übersehen gewesen.
“Hoffentlich beginnen ihre Wehen nicht während unseres kleinen Interviews.”
“Mulder, ich bitte Sie. Diese Frau hat es schon schlimm genug, da müssen Sie nicht noch in ihrer Abwesenheit dumme Witze machen.”
“Gut, dann eben, wenn sie anwesend ist...”
Scully hatte bereits Luft geholt, doch da kam auch schon Sarah Davy wieder zu ihnen. Sie schenkte ihnen ein, erkundigte sich, wie sie ihren Kaffee immer tranken und setzte sich endlich neben Scully. Diese nippte nervös an ihrer Kaffeetasse und sah Mulder an, der sein Jackett bereits ausgezogen und über die Stuhllehne gelegt hatte und nun seine Krawatte lockerte.
“Mrs Davy, ich weiß, dass Sie das schon mehr als einmal erzählen mussten, aber vielleicht fällt Ihnen noch etwas ein, was Sie bereits vergessen oder nicht richtig wahrgenommen hatten.”
Er beugte sich zu ihr vor und sie nickte heftig und begann sich den beiden Agenten anzuvertrauen.
“Hören Sie, mein Mann war kein schlechter Mensch. Er hat unsere Cindy nie, wirklich nie geschlagen oder was Sie jetzt vielleicht denken. Cindy war für ihn so etwas wie ein Kindersatz.”
Mulder stellte seine Tasse wieder auf den Tisch.
“Wie meinen Sie das, ‘Kindersatz’?”
“Agent Mulder, Jake und ich wären bald vier Jahre verheiratet gewesen. Wir kannten uns schon zwei Jahre bevor wir heirateten. Allerdings blieb unsere Ehe zuerst kinderlos.”
“Bis jetzt.” warf Mulder ein und deutete auf den Bauch der werdenden Mutter, die ihn daraufhin lächelnd streichelte.
“Ja. Mein Mann hatte daraufhin unsere Colliehündin Cindy gekauft. Er war vernarrt in den Hund, verstehen Sie?”
“Verstehe.” sagte Scully und knetete ihr Ohrläppchen. “Seit wann hatten Sie Cindy?”
“Wir kauften sie uns kurz vor unserem zweiten Hochzeitstag.”
“Ihre bisherige Aussage kennen wir, Mrs Davy. Gibt es irgendetwas, an das Sie sich noch erinnern können, eine fremde Person, die Sie gesehen haben, als Sie ihren Mann zur Tür brachten?”
Oder gleich ein UFO oder einen Außerirdischen... Scully drohte Mulder mit ihrem Blick. Sollte er nur eine Spur von dem andeuten, von dem sie befürchtete, dass er es tat, dann würde sie ihn auf der Stelle mit ihren Blicken töten müssen.
“Nein, jedenfalls habe ich nicht darauf geachtet. Wir haben uns auch noch unterhalten, mein Mann und ich.”
Sarah Davy war in Mulders Augen noch kleiner in ihrem Stuhl geworden. Ihr musste doch irgendwas aufgefallen sein.
“Und Sie sind sicher, dass Sie nichts vergessen haben. Erinnern Sie sich an... einen speziellen Geruch, oder an ein bestimmtes Licht, eine Art Nebel oder so?”
“Nein, Agent Mulder, es tut mir leid, aber ich glaube, ich werde Ihnen nicht weiterhelfen können.”
Bevor die beiden die junge Frau verließen gab Mulder ihr seine Visitenkarte. “Für alle Fälle, falls Sie uns noch etwas mitteilen möchten.


Im Wagen legte Scully ihren Gurt an und musterte Mulder kopfschüttelnd.
“Was?” Mulder ahmte Scully nach und musste anfangen zu lachen, als er bemerkte, wie sich ihre Gesichtszüge veränderten.
“Was soll das Mulder, dass mit dem ‘speziellen Geruch’, dem ‘bestimmten Licht’ und dem ‘Nebel’? Was wollten Sie der Frau einreden?”
“Ich wollte ihr gar nichts einreden. Ich zweifele nun einmal daran, dass diese Tiere die Menschen einfach so anfallen. Tiere sind nicht bösartig, besessen oder wie auch immer man das ausdrücken möchte.”
“Es war ja auch nicht ‘einfach so’.” zischte Scully gereizt. “Haben Sie der Frau denn nicht zugehört, Mulder? Ihre Hündin war ein Kindersatz, genau so hat sie es gesagt. Was also bedeutet, sie haben sich den Hund gekauft und - besonders Jake Davy - hat ihn sehr verwöhnt und sich intensiv um ihn gekümmert.”
Mulder drehte den Zündschlüssel um und schaltete das Radio ein.
“Worauf wollen Sie hinaus?”
“Ach kommen Sie Mulder! Das wissen Sie ganz genau. Diese Hündin hat gespürt, dass sich Jake Davy mehr und mehr um seine Frau gekümmert, sich um sie gesorgt hat. Sie stand nicht mehr im Mittelpunkt. Sie war eifersüchtig. Ich hatte selbst einen Hund, haben Sie das vergessen?”
“Nein, das habe ich nicht. Aber Eifersucht wäre tatsächlich eine plausible Erklärung. Vielleicht war das der Grund warum kein männlicher Verehrer an Sie herankam.”
Scully ließ diese Bemerkung Mulders an sich abprallen. Anscheinend war ihm der Flug nicht gut bekommen, aber auch dies war kein Grund für Beleidigungen dieser Art. Dies war seine Art von Humor. Wahrscheinlich war er oft als Kind verletzt worden und hatte sich spätestens seit der Entführung seiner Schwester ein, laut dem Volksmund, dickes Fell zugelegt. Scully fühlte sich schon wieder besser. Mulder behauptete stets, dass seine Schwester von Außerirdischen entführt worden sei, vielleicht war dies ein Grund dafür, warum er in seinen Ermittlungen immer ungewöhnliche Methoden benutzte. Andere mochten ihn diesbezüglich für paranoid halten, doch es war einfach Mulders Stil, er schien so mit seiner Vergangenheit umzugehen.
Eifersucht, dachte sie, Eifersucht war die Lösung. Es war das gleiche Motiv wie bei den Howlands. Da war es auch eine Katze, die einen der Säuglinge umbrachte. Sie musste nur wissen, seit wann die Howlands ihr Haustier hatten. Aber auch wenn sie es nur kurze Zeit hatten, so wäre Eifersucht eine Lösung gewesen.
“Scully?”
Jetzt hatte er sie schon wieder beim Träumen ertappt.
“Scully, wo sind Sie bloß mit Ihren Gedanken? Haben Sie geträumt?”
“Ich habe nicht geträumt, ich denke nach.”
Sie hielten an einer Ampel. Sie sprang nach kurzem Warten auf grün um. Mulder drehte das Radio ein wenig leiser. Dann kurbelte er das Fenster herunter, schrie den Fahrer vor sich an und drückte auf die Hupe. “Grüner wird’s nicht mehr!” Als sich der Wagen vor ihnen endlich in Bewegung setzte, sah er zu Scully herüber, die etwas genervt auf dem Sitz herumrutschte.
“Ich habe mir erlaubt Ihnen für heute Abend ein Date zu arrangieren.”
Scully riss den Kopf herum und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.
“Regen Sie sich ab, das war nur ein Scherz. Ich möchte, dass Sie überprüfen woran Jake Davy gestorben ist. Es könnte doch sein, dass jemand etwas übersehen hat. Etwas, was uns weiterhelfen könnte, einverstanden?”
Scully schüttelte sich. Das würde heute eine lange Nacht werden. Eine Nacht, die sie nicht in ihrem eigenen Labor verbringen würde. Aber auch das wäre nur ein schwacher Trost für sie.
“Ja, wir hatten bereits gestern darüber gesprochen. Und was machen Sie in der Zeit, Mulder?”
“Ich habe vor, mich mit Agent Willmore in Verbindung zu setzen. Hoffentlich bekomme ich dann Informationen über die Menschen, die schon vor sieben beziehungsweise vierzehn Jahren starben.”