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Amazonen

von Simone

Kapitel 2

Die Zeit verging für Scully wie im Flug, sie hatte ihre Autopsie an dem Leichnam von Jake Davy beendet, die Latexhandschuhe abgesteift_ und machte sich nun an die Arbeit, den von ihr gesprochenen Text von dem Diktiergerät auf ihren Computer zu übertragen. Erschöpft tippte sie auf den Tasten herum. Nur mühsam ließ sich ein Gähnen unterdrücken. Ihre Brille rutschte ihr ein wenig von der Nase und sie schob sie wieder zurecht. Wieder einmal fragte sie sich, warum sie diese Arbeit tat. Mulder hatte sich in ihren Augen die Rosinen ausgepickt, es war nicht das erste Mal. Als sie einen letzten Blick auf die Leiche warf, klopfte es an der Tür.
“Ja, bitte?” Scully blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Sie musste hier raus, sie war schon viel zu lange in diesem Raum, bei dieser Leiche.
“Hi Scully.”
Es war Mulder, er hatte einen ganzen Stapel von Akten unter dem Arm und nach seinem Ausruf wurde seine Stimme leiser. Er wandte seine Augen von der Leiche ab und stellte sich zwischen ihr und Scully.
“Tja, ich dachte wir könnten nun eine kleine Besprechung einfügen.” murmelte er und sah über die Schulter hinweg den Toten an. Puh, er war froh, dass solche Aufgaben in Scullys Arbeitsbereich fielen. Ständig hatte er sich gefragt, wie sie sich nur diesen Dingen gewachsen fühlen könnte. Damals, als man sie zu ihm geschickt hatte, damit sie ihn “überwachte” wie er es nannte, hatte er den Eindruck gehabt, dass sie verletzlich und unerfahren war. Doch er hatte sich getäuscht, Scully ließ sich nicht so leicht unterkriegen. Sie war stark, manchmal stärker als er und sie ließ sich manches einfach nicht anmerken. Sie hatte das, was man eine harte Schale hatte.
“Eine Besprechung? Okay.” Sie griff nach ihrer Flasche Mineralwasser und nahm einen großen Zug davon und wischte sich danach mit dem Handrücken leicht über ihren Mund.
“In Ordnung, aber... nicht hier.” Er hob sein Kinn und deutete auf den Leichnam, den seine Partnerin gerade mit einem Tuch bedeckte.
“Auf meinem Weg zu Ihnen kam ich an einem netten Restaurant vorbei. Wir könnten das Nützliche mit dem Praktischen verbinden und Scully, Sie sehen wirklich aus, als könnten Sie eine Stärkung vertragen.”
Er ging zur Garderobe, nahm ihren Mantel ab und half ihr hinein.


Spirituelle Musik erfüllte den ganzen Raum. Hinzu kamen noch die verschiedenen Gerüche und Düfte. Der Duft der Kerzen, der der Räucherstäbchen und der Geruch des indischen Krautes. Diese Mischung betörte die Sinne, linderte die Schmerzen. Aufrecht sitzend, bewegte sich der Körper zur Musik. Der kalte Boden wurde nicht mehr wahrgenommen. Alles war weit, weit weg. Die Sonne war längst untergegangen und nur der Mond durfte das Ritual mit ansehen.


“Also Scully, dann erzählen Sie mir mal, was Sie über Jake Davy noch herausfinden konnten.”
“Wollen Sie das wirklich wissen?”
Scully drehte ihr Glas auf der Tischplatte. Müde war sie und absolut nicht in der Stimmung um über ihre Arbeit zu sprechen. Sie sehnte sich nach ihrem Bett und ihre Körpersprache verriet dies. Mulder war das nicht entgangen. Er versuchte verzweifelt den Käse auf seiner Pizza zu bändigen, der in dünnen Fäden an seinem Kinn klebte. Schmunzelnd reichte sie ihm eine Serviette.
“Um ehrlich zu sein, Mulder, ich habe nichts gefunden.”
“Was soll das bedeuten, Sie haben nichts gefunden?”
“Sie haben richtig gehört. Der Mann ist verblutet. Er hatte zahlreiche Bisswunden und der Biss in den Hals hat die Hauptschlagader durchtrennt und somit starb relativ schnell.”
Sie gönnte sich eine Pause und sah auf die Pizza, die auf dem Teller vor Mulder lag und sah sich nach einer Kellnerin um.
“Was mich verwundert hat ist, dass er körperlich so fit war. Seine Organe weisen keinerlei Anzeichen von Alkohol oder Nikotin auf. Der Mann war äußerst kräftig, er hätte spielend an einem Marathon teilnehmen können.”
Sie wurde von der Kellnerin unterbrochen. Scully bestellte sich einen Salat und beugte sich, nachdem die Kellnerin verschwunden war, zu Mulder vor. Dieser achtete nicht auf sie, er sah der blonden Kellnerin hinterher.
“Was haben Sie herausgefunden, Mulder?” sie deutete mit einer flüchtigen Handbewegung auf die Akten, die Mulder an die Seite des Tisches gelegt hatte. Einen ganzen Stapel hatte er dort liegen.
“Es ist eigentlich immer das gleiche geschehen.” antwortete er ihr gelangweilt. “In jedem dieser Fälle geht es darum, dass irgendwelche Tiere ihre Besitzer scheinbar grundlos anfallen und töten. Nicht nur ihre Besitzer, sondern auch die Kinder der Familie.”
“Was für Tiere? Schnappschildkröten? Springmäuse?”
“Sehr witzig. Nein, es sind überwiegend Hunde, aber auch eine Vielzahl an Katzen, vereinzelt auch Pferde.”
“Pferde?”
“Hm.” Mulder kämpfte mit dem letzten Stück seiner Pizza und sah kurz von seinem Teller auf, die Kellnerin hatte sich zu ihnen begeben und den Salatteller für Scully auf den Tisch gestellt.
“Aber lassen wir das. Mir ist bei meinen Nachforschungen nicht entgangen, dass es sich bei den Toten ohne jede Ausnahme immer um Männer beziehungsweise um Jungen handelte, also nie um Frauen oder Mädchen. Oft waren auch die Ehefrauen oder Lebensabschnittsgefährtinnen, wie ich erfahren konnte schwanger beziehungsweise junge Mütter.”
Scully schluckte, sie spürte einen Kloß in ihrem Hals. Sie ließ ihre rechte Hand den Hals hinuntergleiten, bis zu ihrer Kette mit dem goldenen Anhänger. Einem Kreuz. Sie umschloss das, durch die Haut gewärmte Metall und räusperte sich. Dies war wahrhaftig eine X-Akte. Mulder wartete auf eine Reaktion ihrerseits, doch Scully schien ihren Gedanken, ihren logischen Gedankengängen nachzugehen. Ihr Gesicht hellte sich wieder auf und sie versuchte ein Lächeln.
“Tja Mulder, dann sollten Sie ab sofort besser auf sich aufpassen. Wer weiß, wann diese Amazonen ihr nächstes Opfer verlangen...”
Sie konnte nicht mehr weitersprechen. Mulder war aufgesprungen, hatte sie bei den Schultern gepackt, sie näher zu sich gezogen und ihr einen kurzen, jedoch heftigen Kuss gegeben.
“Scully, das ist es!”
Dana Scullys Augen hatten sich geweitet, sie sah ihn erschrocken an. Sie konnte nicht glauben, was soeben geschehen war.
“Sie sind ein Genie! Amazonen, Scully ich könnte Sie küssen!”
“Das haben Sie bereits Mulder.” stammelte Scully und sah sich geschwind nach der blonden Kellnerin um.


Der kalte Wind blies durch das offene Fenster und trug den Duft mit sich in die Stadt hinaus. Die dünne Hand fuhr langsam durch die Flamme der Kerze. Ein Schmerz, aber nur ein kleiner Nadelstich im Vergleich zu den inneren Schmerzen. Diese Schmerzen wurden jetzt betäubt.
Die Musik schien leiser zu werden und die Sinne schwanden dahin. Alles war weit weg. Weit entfernt und Stille herrschte.


Die Sonne schien warm auf die Erde herab, Scully fühlte sich voller Elan. Die letzte Nacht war zwar nur kurz gewesen, doch sie hoffte, der Besuch bei den Howlands würde sie weiterbringen. Ihre Äußerung von gestern, bezüglich der Amazonen war nicht ernst gemeint gewesen. Ein Scherz, aber Mulder war sofort begeistert gewesen. Langsam wurde ihr bewusst, dass ihr kleiner Scherz für ihren Partner ein völlig neues Licht ins Dunkel brachte. Scully fuhr den Wagen durch die schönen gepflegten Straßen von Everett. Mulder konzentrierte sich auf die Straßenschilder. Als sie die Straße gefunden hatten, war ihnen das Grundstück der Howlands sofort aufgefallen. Es ähnelte dem der Davys sehr und keinem der beiden Agenten schien das entgangen zu sein. Mulder läutete an der weißen Haustür und geschwind wurde ihnen geöffnet.
Ted Howland sah wesentlich älter aus, als sie es aus den Berichten entnehmen konnten. Seine Augen zeugten von Müdigkeit und er trat ihnen reserviert gegenüber. Erst als die zwei ihm ihre FBI-Marken zeigten, trat er einen Schritt von der Tür zurück und ließ sie in sein Haus. Die Flure waren groß, hell und von dem gleißenden Licht durchflutet. Sie gingen gemeinsam in das Wohnzimmer, in dem Vivien Howland war. Sie saß, in einem blauen Kleid in einem alten Ohrensessel dicht am Fenster. Sie sah ihre Besucher nicht einmal an, als diese zu ihr traten. Ted bückte sich und legte seine Hand auf ihre Schulter, sofort fiel ihr Blick auf seine Hand und dann auf sein Gesicht. Scully beobachtete die Frau. Ihre Lippen bewegten sich, aber sie sprach nicht zu ihnen, sie sprach die Worte nicht aus, die sie mit ihrem Mund formte.
“Vivien, diese Leute sind vom FBI. Sie möchten mit uns reden, hörst du?”
Vivien hörte nicht. Sie wollte nicht hören, sie war intensiv damit beschäftigt zu sich selbst zu sprechen. Worte, die sie nicht laut aussprach. Mulder betrachtete die junge Frau sorgfältig. Sie hatte langes, rotgelocktes Haar und ihre Haut war sehr blass, jedoch brachten Sommersprossen ein bisschen Farbe in ihr trauriges Gesicht. Sie sah für ihn aus wie eine Irin, zumindest hatte er sich die irischen Frauen so vorgestellt.
“Entschuldigen Sie meine Frau bitte. Sie versteht nicht warum sie hier sind und um ehrlich zu sein, ich verstehe es auch nicht so recht. Ich verstehe nicht, warum Sie hier sind. Meine Frau hat gesehen, wie Twincle, unsere Katze, unseren Sohn Ray getötet hat.”
“Darum möchten wir mit ihr reden. Es kann schließlich sein, dass es nur rein äußerlich danach aussah, als hätte ihre Katze Ray getötet.”
Ted Howland verstand Mulder nicht, er ließ ihn trotzdem einfach gewähren. Selbst Mulder war sich nicht sicher, ob er verstand, worum es hier ging. Seine Vermutungen sagten ihm, dass irgendwer die Tiere auf ihre Besitzer aufgehetzt hatte, Amazonen, aber bei diesem Fall hatte es Mrs Howland direkt miterlebt, wie ihre Katze den Kleinen anfiel, da war niemand!
Vivien Howland stand aus ihrem Sessel auf und ließ ihren Mann und ihre Besucher allein. Scully sah ihr nach mit einem kurzen Nicken gab sie Mulder zu verstehen, dass sie mit ihr reden würde. Nun konnte er offen mit Ted sprechen.
“Mir scheint, ihre Frau ist seit dem Verlust von Ray sehr verschlossen.”
“Oh ja, das kann man wohl sagen. Selbst für mich ist es schwer zu ihr durchzudringen. Sie spricht einfach nicht mit mir. Sie ist so anders, auch Amy gegenüber. Ihre Schwester hat uns kürzlich besucht, sie hat sich ihr auch eher schlecht als recht anvertraut.”
“Ist sie jetzt häufig allein?” Mulder nahm neben Ted Platz und faltete seine Hände. Er fragte sich, wie sie dieser Frau etwas entlocken konnten, wenn ihre Familie es schon nicht konnte.
“Ich habe mir vorübergehend Urlaub genommen, so lange, bis es Vivien bessergeht und ich sie allein im Haus lassen kann. Agent Mulder, ich habe Angst, dass sie sich etwas antut.”
Mulder schaute ihn an. Er sah, wie die Hände des Mannes zitterten und er seinen Kopf in die Hände stützte.
“Wissen Sie, das Gestüt kann nur kurze Zeit auf mich verzichten. Ich bin Pferdewirt, dort habe ich damals auch Vivien kennengelernt. Sie ritt zu der Zeit und nahm an Turnieren teil und ich bereitete die Pferde darauf vor, auf das Dressurreiten, das Springen, den Geländeritt und so weiter. Vivien hat Tiere immer geliebt. Ihre Eltern haben das nie verstanden, geschweige denn befürwortet. Sie sollte Lehrerin werden, hatte Germanistik, Englisch und so was studieren sollen, doch sie brach ihr Studium gegen den Willen ihrer Eltern ab und gab sich ihrer Liebe zu den Tieren hin.”
“Ist sie seit dem Vorfall wieder ausgeritten?”
“Vivien? Nein, sie reitet schon lange nicht mehr. Zuerst wegen der Schwangerschaft, das ist auch verständlich und dann, nach dem Vorfall, wie sie es nannten... Seitdem möchte sie mich nicht gehen lassen. Sie hat Angst, dass mir etwas passieren könnte. Sie hat Angst mich zu verlieren, wie sie auch Ray schon verloren hat.”


Scully hatte Vivien Howland gefunden. Sie stand im Kinderzimmer und wickelte die kleine Amy. Das Zimmer war hell und freundlich eingerichtet. Die pastellfarbenen Tapeten mit den kleinen Bären darauf zeigten vollendete Harmonie. Ein Lächeln erhellte Viviens Gesicht und ihre Augen strahlten, als sie das kleine Leben ansah. Die Leere schien aus ihnen gewichen zu sein.
“Ihre Tochter ist wunderschön.” versuchte Scully die Stille zu brechen. Tatsächlich, auch das kleine Mädchen hatte rote Haare und die hellgrünen Augen ihrer Mutter. Scullys Blick löste sich von dem Kind. Sie trat an den Kinderwagen heran, der Zwillingswagen, in dem der Sohn der Davys hatte sterben müssen. Der Blutfleck darin war verblasst. Anscheinend hatte Mrs Howland oder sogar Mr Howland, versucht den Wagen zu säubern.
“Ted.” murmelte Vivien und sprach dann weiter stumm zu sich selbst. Hilflos fühlte sich Scully, sie ging zu Vivien und legte den Arm um sie. Diese hob Amy vom Wickeltisch auf und nahm sie auf den Arm. Scully streichelte Amys Wange.
“Was ist mit Ted?”
“Amy muss nun schlafen, sonst fängt sie an zu schreien.”
Sie musterte Scully einen Augenblick lang und entdeckte die Halskette mit dem kleinen Kreuz.
“Sie sind Christin, nicht wahr? Glauben Sie... glauben Sie dass Rays Seele im Himmel ist?”
Sie legte Amy sanft in ihr Kinderbett und deckte sie zu. Scully holte tief Luft und hielt sich an dem Kinderwagen, der gleich neben der Tür stand fest.
“Sicher ist sie das.”
Vivien Howland blieb am Bett stehen und bewegte das Mobile, das über dem Bett hing. Sie lächelte Scully an und deutete ihr näher zu kommen. Viviens Mund kam dichter an Scullys Ohr heran, sie spürte ihren Atem.
“Ist sie nicht süß?”
“Ja, das ist sie. Bestimmt war Ihr Sohn Ray genauso hübsch.”
Vivien Howland nickte. Dieses Gespräch über ihren toten Sohn schien sie nicht zu verletzen, Scully hatte es behutsam gesagt, bewundernd. Viven sah sie an, sie waren ungefähr in einem Alter und sie fragte sich, ob auch diese junge Agentin eine eigene Familie hatte, ob das mit dem Beruf zu vereinbaren wäre.
“Mrs Howland, Sie haben vorhin von Ted gesprochen. Was ist mit ihm?”
“Ted muss aufpassen. Ich brauche ihn doch.”
“Natürlich wird er auf Sie aufpassen, er liebt sie Vivien.”
Diese Worte verwirrten sie. Kopfschüttelnd gab sie dem Mobile neuen Anschwung.
“Er muss auf sich aufpassen. Auf sich selbst.”
Scully ging zu dem Wickeltisch. Mrs Howland befürchtete nicht allein zurecht zu kommen. Wie konnte sie ihr bloß helfen. Sie beobachtete sie aus den Augenwinkeln heraus. Wieder murmelte sie etwas, bewegte ihre Lippen. Warum sprach sie nicht aus, was sie bewegte?
Scully entdeckte ein paar selbstgestrickte Kinderschuhe in dem Regal neben dem Wickeltisch. Da waren welche in weiß-rosa und weiß-blau. Kinderglück und das gleich doppelt und dann wird einem eines genommen und man kann nichts dagegen tun, man kann nur zusehen. Es muss furchtbar sein. Kein Wunder, dass diese Frau so mitgenommen war. Ihre Finger glitten über das Holz des Regals. Kinderstrampler, Rasseln, Beißringe lagen auf dem ersten Brett. Eine Etage tiefer sah sie Schnuller, Mützchen, einen Badeschwamm und einen Plüschteddy. Sie nahm ihn aus dem Regal und hielt ihn ans Licht. Er hatte eine Schnur in seinem Rücken, der Teddy war eine Spieluhr. Scullys Finger umschlossen die kleine rote Kugel am Ende der Schnur und sie begann daran zu ziehen.
Ein Kinderlied erklang und Scully hörte, wie Vivien mitsummte. Sie sang ihrer Tochter ein paar Zeilen vor, dann hielt sie inne. Sie schloss die Augen und wippte vor und zurück. Sie sprach noch immer, aber es waren nicht die Zeilen die zu der Melodie gehörten. Immer und immer wieder wiederholte sie ihre Worte.
“Tomorrow is the the day.” Scully lauschte ihren Worten. Die Worte passten zu den Mundbewegungen, die sie die ganze Zeit über gemacht hatte. Erstaunt legte sie die Spieluhr nieder. Schnell verließ Scully das Kinderzimmer und ging zurück zu Mulder ins Wohnzimmer, wo ihre Tasche lag. Mulder hatte sie bereits kommen gehört.
“Scully, da sind Sie ja wieder. Haben Sie mit ihr gesprochen?”
Sie beachtete ihn nicht, schnellen Schrittes ging sie auf ihn zu, hob ihre Tasche, welche zu seinen Füßen lag vom Boden auf und begann darin nach etwas zu suchen.
“Was suchen Sie?” wollte er wissen. Wütend sah sie ihn an. Taten statt Worte waren gefragt, sie suchte weiter.
Er stand auf und betrachtete die Sachen, die sie aus ihrer Tasche heraus auf den Tisch gelegt hatte.
“Verdammt Mulder, lassen Sie mich.”
Sie zeigte ihm das Diktiergerät, das sie nun endlich gefunden hatte. Scully hatte es zuletzt im Labor benutzt und dann in ihre Tasche gepackt, da war sie sich sicher gewesen und nun würde es erneut zum Einsatz kommen. Sie eilte wieder zurück ins Kinderzimmer, wo Mrs Howland noch immer diese Worte sagte und ihr schlafendes Kind betrachtete. Scully stellte sich hinter die Mutter und betätigte die Aufnahmetaste des Gerätes, das sie versuchte vor der jungen Frau zu verbergen. Die Frau schien sie nicht zu bemerken, sie flüsterte ihre Worte. Im Türrahmen standen Ted Howland und Mulder und beobachteten das Geschehen. Scully gab ihrem Partner durch eine leichte Kopfbewegung zu verstehen, dass es besser wäre näher zu kommen. Mulder schauderte bei Vivien Howlands Worten, ständig wiederholte sie sie. Viviens Augen waren glasig, mit Tränen gefüllt, sie hatte ihr Gesicht noch immer ihrer kleinen Tochter Amy zugewandt.
Er verließ Ted Howland, ging auf das Regal im Zimmer zu und nahm den Teddy heraus. Sein Lied war langsamer geworden, bald würde er aufhören zu spielen. Scully war seine Tätigkeit nicht entgangen. Sie ahnte, dass die Stimme dieser Frau verstummte, wenn das Lied aufhörte zu spielen.


Der Genuss des Krauts füllte sie vollständig aus. Ein Summen zu der Musik erklang. Die Stille war unterbrochen. Aber nicht lange. Sie würde zurückkommen. Gleich. Die Kräfte schwanden dahin, keine Kraft mehr um aufrecht zu bleiben. Der Körper sackte in sich zusammen. Nun war der kalte Boden überall, unter den Händen, am Bauch. Überall dort wo die Stille herrschte. Stille. Endlich. Trance.


Tomorrow is the day,
Fox Mulder ging in seinem Zimmer auf und ab, über seine Schulter hinweg sah er Scully an, die am Tisch saß und das Tonband zum dritten Mal abspielte. Die Worte klangen schaurig in seinen Ohren, die Stimme der Frau auf dem Band wirkte hypnotisierend. Scully hatte einen Bogen Papier vor sich liegen und schrieb den Text des Bandes ab. Die Frau hatte bestimmte Pausen gesetzt, darum bemühte sie sich sehr es genauso aufzuschreiben, wie das Band es vorgab. Er machte neben ihr halt und beugte sich vor, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, um zu sehen, wieviel sie schon aufs Papier gebracht hatte.
...east changes to west.
“Scully, das klingt... es klingt wie...” Er setzte sich ihr gegenüber und wirbelte mit seinen Händen in der Luft herum. Scullys Augen folgten seinen Bewegungen.
“eine Art Lobgesang, ein angekündigter Machtwechsel...” versuchte sie ihn zu ergänzen
...During a few days
“Denken Sie was ich denke?”
“Mulder, Sie machen mir Angst. Ich glaube ich möchte nicht an das denken, an das Sie denken.”
...he has to give up
Er kniff die Augen zusammen und schlug dann kurz mit der flachen Hand auf den Tisch, er musste sich beherrschen, sonst würde er die Fassung verlieren.
“Die Amazonen, Scully. Es ist eine Ankündigung.”
“Eine Ankündigung,” sie holte tief Luft, “von den Amazonen? Wenn Sie mich fragen klingt es eher danach, als wollen die Engländer Queen Mum vom Thron stürzen.”
...and to resign.
Mulder versuchte ihre schnippische Bemerkung zu ignorieren. Scully seufzte leise, sie verstand nicht, wie ihr Partner nur an so absurden Theorien festhalten konnte. Außerdem machte seine Anwesenheit sie unruhig, sie konnte sich jetzt nicht konzentrieren, dabei hatte sie das Band schon mehr als einmal gehört. Mulder ging im Hotelzimmer erneut unruhig umher. Scully biss mit den Zähnen auf den Bleistift in ihrer Hand. Sie drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, sie konnte Mulders Blicke förmlich auf ihren Händen spüren. Sie wusste, dass er sie beobachtete.
“Mulder! Lassen Sie das!”
Er blieb erstaunt stehen, verweilte jedoch nicht lange in dieser Haltung, sondern ging auf Scully zu, stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab und pustete ein Haar aus der Stirn. Sie riss den obersten Bogen von Briefblock, zerknüllte ihn in der Hand und warf ihn in die Ecke, in der der Papierkorb stand. Mulder sah ihrem Wurf nach. Sie verfehlte nur knapp.
“Sie machen mich nervös. Wie soll ich den Inhalt des Bandes analysieren, wenn Sie eine Kuhle in den Boden trampeln?” Sie schnaufte laut. Mulder legte den Kopf schief und sah sie unschuldig an.
“Gut, wenn ich Sie durch meine bloße Anwesenheit unruhig mache, dann fahre ich eben zu Sarah Davy und zeige ihr das hier.” Er hatte die Papierkugel in der Hand und faltete das Blatt wieder auseinander und strich es glatt.
“Sehen Sie, da steht schon der ganze Text des Diktiergeräts. Warum regen Sie sich so auf? Egal. Vielleicht fällt Mrs Davy ebenfalls ein, ob die Amazonen etwas zu ihr gesagt haben. Wenn wir herausfinden, um was es in diesem... - was auch immer es ist - geht, haben wir den Schlüssel.”
Mulder hob seinen Mantel vom Stuhl auf, verabschiedete sich schnell und verschwand.
Die Tür fiel hinter ihm zu. Scully sah ihm nach und konzentrierte sich wieder auf den Text. Es war weniger ein Text, es war mehr ein Liedtext, etwas emotionales, ein Gedicht. Ja, ein Gedicht. Sie schrieb es noch einmal auf und hielt es dann eine Armlänge von sich entfernt und las es durch. Sie starrte auf das Blatt in ihren Händen, sie sah fast hindurch. Mehrere Minuten saß sie so da, plötzlich blinzelte sie. Sie sah genauer hin, sie wollte sich sicher sein. Der erste Buchstabe einer jeden Zeile formte eine Botschaft, tatsächlich, dastand: TED HAS TO DIE. Wie hieß es gleich? Akrostichon! So die exakte Bezeichnung dafür. Eine Botschaft, bestehend aus den Anfangsbuchstaben eines jeden Verses eines Gedichtes. Vivien hatte es gewusst. Mulder hatte ihr berichtet, dass sie früher Germanistik studiert hatte. Ihr war es deutlich geworden, aufgefallen, warum hatte sie sie nicht informiert? Vor ihrem geistigen Auge schoben sich die Puzzleteile ineinander. Sie musste Ted Howland warnen.
Sie sah zum Fenster hinaus. Der Mietwagen war fort, Mulder war in ihm auf den Weg zu Sarah Davy. Ihr Mobiltelefon lag in ihrem Zimmer sie musste es holen gehen.


Mulder hielt mit der einen Hand das Lenkrad fest und suchte mit der anderen nach dem Zettel seiner Partnerin. Da war auch schon die Einfahrt zum Grundstück von Sarah Davy. Er stieg aus dem Wagen und faltete den Zettel zusammen und wieder auseinander. Eine Katze befand sich auf der anderen Seite der Straße und Mulder ging in die Hocke und versuchte sie anzulocken.
“Miiiez, Miez, Miez, Miez.” Das scheue Tier kam vorsichtig auf ihn zu. Während er das Stück Papier mit der einen Hand in einer seiner Manteltasche verschwinden ließ, bewegte er sich noch immer in dieser Position, weiter und streckte seinen Arm nach der Katze aus.


“Schön, dass Sie so schnell kommen konnten, Agent Willmore.” Scully begrüßte ihren Besucher durch den Türspalt. Sie stieß diese nicht auf, sondern hatte schon ihren Mantel griffbereit nahe der Tür gelegt und trat nun zu ihm heraus.
“Bitte stellen Sie jetzt keine Fragen, sondern lassen Sie uns auf der Stelle aufbrechen.” Sie zog sich hastig den Mantel über und sie gingen schnellen Schrittes zu Agent Willmores Wagen. Im Inneren des Wagens herrschte zuerst Stille zwischen ihnen. Scully dachte nicht im geringsten daran Agent Willmore Anweisungen zu geben, bevor sie sich selbst nicht im Klaren darüber war, wohin sie jetzt wollte. Sie zog ihr Mobiltelefon hervor, blätterte in ihrer Tasche nach einigen Unterlagen und tippte dann eine Nummer ein.
“Warum nimmt denn keiner ab...” Craig Willmore fühlte sich anscheinend angesprochen, jedenfalls zuckte er mit den Achseln. Scullys Gesicht erhellte sich.
“Mrs Howland?” erleichtert ließ sie sich in den Sitz fallen und presste den Hörer stärker an ihr Ohr um die Stimme der jungen Frau besser zu verstehen.
“Agent Scully gut, dass Sie anrufen. Ted... er ist...” ein leises Weinen ließ sie verstummen.
Dana Scully drückte das Handy noch fester an ihr Ohr und sie musste sich zusammenreißen um nicht die Fassung zu verlieren.
“Vivien. Bitte hören sie auf zu weinen. Ich habe Sie verstanden: Akrostichon. Ich verstehe Sie. Hören Sie mir gut zu. Ich glaube Ihnen. Wo ist Ted?”
“Ich habe versucht ihn aufzuhalten. Ich haben ihn angefleht, aber er ließ sich nicht aufhalten. Er sagte, sie würden ihn brauchen und...” wieder schwieg sie und Scully saß nun kerzengerade im Wagen und deutete Agent Willmore den Anlasser zu betätigen.
“Vivien,” sie versuchte vergebens ruhig zu bleiben und betonte langsam jede Silbe, klar und deutlich.
“wo ist er und wer braucht ihn?”
“Die Pferde... er wollte nur kurz zu ihnen, ... er ist noch nicht zurück... ich habe Angst Agent Scully... ich will nicht auch noch Ted verlieren... ich habe Angst, dass die irgendwann gewinnen...”


Das Lachen hallte durch den Raum. Ein lautes, helles Lachen. Die Augen glänzten, sie waren jung. Kraftvoll. Der Schmerz war weit, weit weg. Die Vorhänge waren nun zugezogen. Dunkelheit, Lachen. Tanzend wurde jeder Winkel des Raums abgeschritten. In der Hand eine Kerze. Das heiße Wachs tropfte auf ihre Füße. Kein Schmerz, nur Lachen. Das Ritual forderte volle Konzentration, forderte Kraft.


Mulder streichelte die graue Katze, die sich an sein Bein schmiegte. Hinter ihm rührte sich etwas und im selben Augenblick rannte die Katze fort. Er strich sich einige Katzenhaare vom Bein, richtete sich auf und sah sich dann um.
Als er sich umdrehte, war er angenehm überrascht. Es war Sarah Davy und sie war nicht allein.
“Hi Mrs Davy.” begrüßte Mulder sie freundlich. “Ich wollte gerade zu Ihnen.” Neben Sarah Davy sah er einen großen Golden Retriever. Seine Besitzerin strahle ihn an und geleitete ihn auf den Hof, wo neben dem Teich zwei Stühle standen.
Mulder nahm auf einem der Stühle Platz und kraulte dem Hund das Fell.
“Seit wann haben Sie wieder einen Hund?” er blinzelte gegen die Sonne an.
“Ich habe ihn gestern aus dem Tierheim zu mir geholt. Wissen Sie Agent Mulder, seitdem mein Mann tot ist und meine Hündin Cindy fort ist, bin ich sehr einsam. Tiere sind nicht von Natur aus böse. Ich möchte, dass mein Kind mit Tieren aufwächst.” sie fuhr sich zärtlich über den Bauch und Mulder lächelte sie milde an.
Mulder ließ seinen Blick über das Grundstück schweifen. Die Rosen, der Teich, der Gartenzaun. Alles wirkte sehr idyllisch. Er sah auf das Nachbargrundstück. Das Haus war zwar hell, jedoch wirkte es abweisend auf ihn. Die Vorhänge waren zugezogen.
Mulder zog das, von Scully beschriebene Blatt Papier aus seiner Manteltasche und reichte es Sarah Davy. Sie faltete es auseinander und las.
“Dies sind die Worte, die Mrs Howland gehört hat, als ihr Sohn von ihrer Katze getötet wurde.”
Mrs Davy war sichtlich betroffen. Sie las stumm weiter. Mulder stellte weiter seine Fragen. Fragte, ob auch sie etwas gehört hätte. Dabei sah er sie nicht an. Sein Blick hing an dem Haus der Nachbarn. Einer der Vorhänge hatte sich bewegt. Eine Hand hatte ihn zur Seite gezogen und für einen Moment lang glaubte er den Umriss eines Gesichts zu erkennen.


Auf dem Beifahrersitz neben Agent Willmore saß Scully und versuchte Mulder zu erreichen. Verdammt, sie bekam einfach keinen Empfang. Da war es endlich, das Gestüt. Es schien ihr ganz verlassen zu sein. Es war nicht einfach zu finden gewesen, weil es in einem außergewöhnlich großen Waldgebiet lag. Sie hatte keine Zeit, die Umgebung näher zu betrachten, sie musste Ted Howland finden und dafür sorgen, dass er Schutz bekam. Schutz vor was auch immer es war.
Sie stieg schnell aus und fand mehrere Türen vor sich. Hinter der ersten, so stellte es sich heraus, befand sich die große Reithalle. Einige Türen waren verschlossen. Dann fanden sie die Pferdeställe. Aber niemand war zu sehen. In den meisten Boxen waren Pferde und Ponys, es standen nur wenige leer. Scully ging voran, die Boxengasse entlang. Lichtstrahlen fielen durch die schmutzigen Fensterscheiben. Agent Willmore folgte ihr und strich dem ein oder anderen Pferd über die Nüstern. Eine Box stand offen, es war kein Pferd zu sehen. Scully spürte ihr Herz stärker schlagen und das unbehagliche Gefühl in der Magengegend wurde stärker, als sie auf den Boden sah.
Auf dem Stroh und Heu lag Ted Howland, sein Blick war leer, war tot. Sie war zu spät. Sie wollte sich zu ihm herunter beugen und feststellen, ob vielleicht noch ein schwacher Puls zu fühlen war. Sie wusste, dass dies zwecklos sein würde. Aber obwohl sie handeln wollte konnte sie nicht. Wie erstarrt stand sie da und blickte auf die Leiche:

You know it
or you think so.
Utensil of us,
rubish in our eyes.
Living objects have to die,
other objects kill them.
Vacuous he is.
Evil is everywhere.
... you don’t need him,
...of course he wants to hold you,
...but no one needs him!

“Scully, Scully sind sie okay?” Agent Willmore hielt sie an den Schultern fest. Sie sah ihn verwirrt an. Was war geschehen? Sie musste sich erinnern. Sie musste helfen.
“Verständigen Sie Ihre Leute, Agent Willmore. Ich habe keine Zeit um mich um ihn und seine Frau zu kümmern. So hart das jetzt auch klingt.”
Ihr Gegenüber blickte sie verständnislos an. Was war nur mit dieser Agentin los?
“Wir müssen sofort zu Mulder, verstehen Sie?” Scully wandte sich zum Gehen. “Erwarten Sie keinerlei Erklärungen von mir, tun Sie einfach, was ich sage. Fahren Sie mich zu Mulder, schnell. Bevor es zu spät ist...!”


“Sie können sich also tatsächlich an etwas erinnern? Das könnte uns sehr viel weiterhelfen.” Mulder rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Sarah Davy rieb sich den Bauch. Bald würde es soweit sein. Dann würde ihr Kind zur Welt kommen.
“Ja. Ich weiß nicht mehr genau, was gesagt wurde... ich sah die Terrassentür, die offenstand und dann war ich wie gelähmt und fühlte mich leer.” Ihr neuer Hund lag zu ihren Füßen und schlief.
Mulders Blick wanderte wieder zu dem Haus der Nachbarn. Das Gesicht war nicht zu sehen. Alle Vorhänge waren zugezogen. Mrs Davy richtete sich langsam auf.
“Es tut mir schrecklich leid, Agent Mulder, ich bemerke gerade, dass ich Ihnen nicht einmal einen Kaffee angeboten habe. Ich werde uns schnell welchen kochen. Das geht ganz fix, bleiben Sie ruhig sitzen.”
Mulder ließ sich wieder auf seinem Stuhl sinken und genoss die Ruhe. Er griff nach seinem Handy. Das musste er sofort seiner Partnerin erzählen. Er starrte auf das Display. Warum hatte er hier keinen Empfang? Merkwürdig. Wenn Mrs Davy wiederkäme würde er sie fragen, ob er ihr Telefon benutzen dürfe.


“Fahren Sie doch schneller!” beschwerte sich Scully bei ihrem Fahrer und hantierte wild mit ihrem Handy herum. Sie hatte ihren Partner wieder nicht erreichen können. Sie würde neue Mobiltelefone beantragen, wenn sie wieder zurück in Washington ankäme. Bei all den Sparmaßnahmen müsste wenigstens das zu finanzieren sein.
“Agent Scully, ich darf nicht schneller fahren! Denken Sie an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit...” genervt sah Scully ihn an und schnaufte leise. Regeln waren manchmal da um sie zu brechen... Mulder und sie hatten so manches Mal gegen die Vorschriften und diese Verstöße waren weitaus schlimmer gewesen als dies hier.
“Ich ‘pfeife’ auf die Höchstgeschwindigkeit! Es ist mir egal! Agent Mulders Leben ist vielleicht in Gefahr und Sie denken an die bescheuerte Straßenverkehrsordnung! Diese Sache hat Priorität Agent Willmore! Vorhin kamen wir zu spät, Ted Howland ist tot und wenn wir uns nicht beeilen wird Mulder auch nicht mehr am Leben sein.”
Nun trat Willmore aufs Gaspedal und Scully krallte sich an dem Griff über der Beifahrertür fest.


Die Vorhänge wurden zur Seite geschoben, die Fenster geöffnet. Kalter Wind bließ in das Gesicht. Ihre Augen waren leer und der Blick so kalt und starr wie der Wind. Die ausgebreiteten Arme schwebten im Wind. Die Kehle schnürte sich zusammen und öffnete sich wieder. Die Lippen formten sich zu einem einzigen Schrei...


Mulder hatte ihn gehört. Er sprang von seinem Stuhl auf und lief zum Gartenzaun. Nicht nur er allein hatte den Schrei gehört. Er hörte ein Knurren hinter sich. Langsam, kaum merklich drehte er den Kopf zur Seite. Da war der Golden Retriever und er sah alles andere als friedlich aus. Das Knurren wurde lauter, das Tier kam auf ihn zu. Ruckartig sah er über den Gartenzaun. Da war eine Gestalt. Sie hatte die Arme ausgebreitet und sie lachte. Mulder drehte sich, er wollte fort. Fort von dem Tier, doch er kam nicht mehr dazu. Das Tier lief auf ihn zu und stürzte sich auf ihn. Mulder verlor das Gleichgewicht, er strauchelte und fiel schließlich zu Boden. Der Hund hatte eine ungeheure Kraft, Mulder konnte ihn nicht von sich wegstoßen. Seine Hand versuchte unter seinen Mantel zu gleiten, er wollte seine Waffe ziehen, aber er konnte sie nicht erreichen. Er blickte in die Augen des Tieres. Sie waren so leer, so kalt. Wieder und immer wieder spürte er, wie sich die scharfen Zähne des Tieres in seinen Oberarm bohrten. In seinen Oberarm, in seine Schulter...
Ein Lachen tat ihm in den Ohren weh. Es hallte in ihnen wieder. Er hob seinen Kopf, sein schmerzverzerrtes Gesicht blickte an dem Hund vorbei. Er sah Mrs Davy. Sie stand mit einem Tablett in den Händen da und rührte sich nicht. Sie war blass und erneut hörte er dieses Lachen, das allerdings nicht von Sarah Davy stammte.
Ein letztes Mal versuche er seine Waffe zu ziehen, es misslang ihm. Er schrie um Hilfe, versuchte die Hand nach Mrs Davy auszustrecken. Aber diese sah durch ihn durch. Verflucht, warum half sie ihm nicht? Warum rief sie nicht ihren Hund zurück? Vor seinen Augen verschwamm alles um ihn herum. Er fühlte sich müde, kraftlos. Es sollte aufhören! Endlich verlor er das Bewusstsein, spürte nicht mehr die Schmerzen.


Die beiden Agenten liefen zum Grundstück von Sarah Davy. Mulders Wagen parkte vor der Einfahrt. Scully lief mit ihrer Waffe in der Hand in den Garten, Craig Willmore hinterher. Scully sah Sarah Davy auf dem Rasen stehen. Sie hörte ein Bellen, dann sah sie ihren Partner am Boden liegen. Überall war Blut. Sie lief auf Mulder zu und schrie mit all ihrer Kraft seinen Namen. Dann hörte sie Schüsse. Sie stammten aus Agent Willmores Pistole. Er hatte zwei Schüsse auf den Hund abgefeuert. Scully hatte nun Mulder erreicht, der zurückgelegte Weg war ihr unendlich lang vorgekommen.
Sie kniete sich nieder und beugte sich über sein Gesicht um seine Atmung zu überprüfen. Sie war nervös, hatte Angst auch diesmal zu spät gekommen zu sein. Verdammt, sie brauchte ihren Partner doch. Ein paar Tränen rannten über ihre geröteten und erhitzten Wangen. Scully beugte sich tiefer über ihn und endlich konnte sie seinen Atem spüren und selbst erleichtert ausatmen. Sie strich ihm über die Stirn und sprach zu ihm. Der Hund lag tot im Gras und Agent Willmore hatte noch immer seine Waffe ausgestreckt.
“Mulder, Mulder können Sie mich hören?”
Sarah Davy stand unter Schock. Verwirrt sah sie von den Agenten zu ihrem toten Hund herüber. Sie setzte sich hin und starrte den blutenden Agenten an.
“Scully...” flüsterte Mulder und versuche sich aufzurichten. Er schaffte es nicht, denn seine Partnerin legte ihre Hand auf seine Brust und drückte ihn sanft zurück.
“Scully... die Nachbarin...” er schloss die Augen und musste schlucken.
“Was ist mit ihr?” Scully legte ihr Ohr dicht an seinen Mund um ihn besser verstehen zu können.
“Sie war es... glauben Sie mir... ich weiß es...”
“Ich kümmere mich darum, Mulder.” sie richtete sich auf und rief Agent Willmore.
“Rufen Sie sofort einen Krankenwagen. Ich gehe zu der Nachbarin. Wenn Mulder recht hat - und das hat er - dann ist sie es gewesen.” Mit diesen Worten verließ sie den Garten.
“Sie kennen das FBI-Partnerprinzip, Agent Scully. Warten Sie einen Moment auf mich! Und überhaupt, woher wollen Sie wissen, dass sie es war?”
Doch Scully war schon unterwegs. Sie dachte nicht daran eine Begründung abzuliefern, sie wusste selbst keine. Aber sie wusste, dass Mulder sehr häufig mit seinen Vermutungen richtig lag und sie vertraute ihm.


Die Hintertür von Elisabeth Burton war nur angelehnt. Mit der Waffe im Anschlag betrat Scully das Haus. Es war dämmrig in den Fluren und sie wagte es nicht das Licht anzuschalten. Sie betrat die verschiedenen Räume im Erdgeschoss, die Küche, das Bad. Nichts zu sehen. Dieses Haus erinnerte sie an das ihrer Großmutter. Es war voller alter dunkler Möbel. In Eichenholz und in Brauntönen gehalten. Dann betrat sie das Wohnzimmer. Was sie dort sah, ließ sie erschaudern.
Neben der Couch lag eine Decke, auf der wiederum ein Hund schlief. Ein Collie. Sie kniete sich nieder und betrachtete ihn näher. Der Hund lebte nicht mehr. Sie berührte ihn. Als sie sich weiter umsah, entdeckte sie weitere Tiere. Ein ausgestopfter Adler hing über dem Fernseher und auf dem Kamin standen drei ausgestopfte Katzen. Es war unheimlich und Scully fing an zu begreifen.
Sie ließ das Erdgeschoss hinter sich und stieg die Treppe nach oben. Das Geländer wackelte und Scully war froh, dass die Treppe wenigstens nicht knarrte.
Hier waren mehrere Schlafzimmer. Kinderzimmer, komplett eingerichtet mit einem Puppenhaus und einem Himmelbett. Auch hier fand sie tote, ausgestopfte Tiere. Allerdings war von der Besitzerin nichts zu sehen. Scully ging ein zweites Mal durch alle Räume. Wenn sie nicht im Haus war, dann hätte sie doch jemand fliehen sehen müssen.
Im ehelichen Schlafzimmer standen mehrere Bilder auf dem Nachttischchen. Bilder, die ein Ehepaar mit ihren drei Kindern zeigten. Ein anderes Bild zeigte eines der Kinder mit einer Puppe im Arm. Neben dem Nachttisch stand ein weißer Hocker. Scully sah zu der Zimmerdecke hinauf. Sie entdeckte einen Griff, genau über dem Hocker. Sie stellte sich auf ihn und zog an dem Griff. Es handelte sich hierbei um eine Luke, aus der man eine Leiter herausziehen konnte. Wenig später stieg sie die Leiter hinauf, die Pistole noch immer in der Hand, den Finger am Abzug.
Es war sehr dunkel und ihre Augen brauchten einige Zeit um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Sie sah noch mehr ausgestopfte Trophäen und schließlich auch eine kleine Holztür. Falls Mrs Burton in dem Raum dahinter war, so musste sie sie überraschen, damit nicht sie von ihr überrascht und vermutlich auch noch umgebracht wurde.
Scully warf sich mit voller Kraft gegen die Tür. Auf einmal stand sie mitten im Raum und zielte mit ihrer Waffe auf die ältere Frau. Aber das hätte sie nicht erwartet.
Elisabeth Burton lag auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen. Um sie herum standen Kerzen. In dem Raum roch es nach Räucherstäbchen und Haschisch. Gerade schlug sie die Augen auf, blinzelte Scully an und... ja, sie begann wirklich zu lachen. Scully nahm die Pistole herunter und ließ sich zu der Frau sinken. Sie hatte eine blasse Haut, die Wangenknochen waren eingefallen und ihre Augen hatten dieses gewisse Funkeln, das den Wahnsinn verriet.


Mulder spielte mit einem Baseball in seiner linken Hand. Seine Augen waren auf die Türklinke gerichtet und er wartete nur darauf, dass sie sich bewegte. Und sie tat es. Scully kam herein und legte ihren Mantel und ihre Tasche auf einem Tisch in der Ecke des Raumes ab. Dann nahm sie sich einen Stuhl und setzte sich an Mulders Bett.
“Hallo Partnerin. Lust auf ein Spiel?” er warf den Baseball kurz in die Luft und fing ihn wieder auf. Sein rechter Arm war in Gips und auch sonst, sah er eher aus wie eine Mumie mit den Verbänden und Pflastern auf dem Körper.
“Mulder wie geht es Ihnen?” sie nahm ihm dem Ball aus der Hand und legte ihn an die Seite.
“Sagen wir’s so: Ich bin ein wenig enttäuscht von Ihnen.” Scully zog erstaunt die Augenbraue hoch.
“Unterbrechen Sie mich nicht, Scully. Sie haben sich mal wieder die Rosinen herausgepickt. Sie wurden nicht zerbissen, Sie durften den Täter schnappen. Jetzt habe ich gehofft, dass es hier wenigstens ein paar hübsche Schwestern mit langen Beinen und sonstigen wohlgeformten Körperteilen gibt, damit ich Ihnen wenigstens etwas voraus habe. Haben Sie die Schwestern hier gesehen? Ach, lassen wir das ...”
Er ließ sich zurück in die Kissen fallen und wartete auf das, was sie ihm zu sagen hatte. Scully zupfte nervös an einer Haarsträhne herum und schlug dann lässig die Beine übereinander.
“Sie haben mal wieder einen Volltreffer gelandet Mulder. Es war tatsächlich die Nachbarin. Mrs Elisabeth Burton hieß ursprünglich Josephine Smith. Sie wurde von ihm betrogen, er hat sie infiziert. Sie ist nun HIV positiv und das AIDS-Virus brach bei ihr vor relativ schnell aus. Seitdem ist sie davon überzeugt, dass Männer auf dieser Welt überflüssig sind ...”
Sie grinste Mulder an, er hatte ihr die ganze Zeit über gespannt zugehört und versuchte nun, sich aufzurichten. Er verzog das Gesicht und hielt sich die Stirn.
“Also brachte sie zuerst ihren Mann und ihren Sohn, sein Abbild um.” versuchte er.
“Was man ihr allerdings nicht nachweisen konnte.” ergänzte Scully und stand auf um Mulder ein Glas Wasser einzuschenken.
Eine Krankenschwester öffnete die Tür und steckte ihren Kopf hindurch. Sie wies Scully darauf hin, dass die Besuchszeit vorbei war, sie sollte Mulder jetzt schlafen lassen. Dann verschwand sie wieder.
“Sehen Sie was ich meine?” fragte Mulder und spielte auf die Krankenschwester an. “Zurück zu Mrs... Smith. Sie ist schlau. Sie verfügt über telepathische Kräfte, somit konnte sie die Tiere manipulieren. Sie wusste, dass sie selbst sterben muss, trotz allem wollte sie nicht die Schuldige in den Augen der anderen sein. Aber sie wollte, dass die Frauen jemanden haben, auf den sie die Schuld schieben konnten um den Tod ihrer Männer und Söhne besser zu verkraften, deshalb die Tiere. Gleichzeitig nahm sie auch telepathisch Kontakt zu den Frauen auf und schenkte ihnen diese Gedichte um sie von ihrer Sache zu überzeugen und Amazonen zu schaffen...”
“Genau Mulder,” sie reichte ihm das Glas und nahm wieder Platz. “Sie mordete, als sie in Trance war. Wie benutzte Haschisch um die, aus ihrer Krankheit entstandenen Schmerzen zu bekämpfen und um diesen Zustand zu erreichen. Die Tiere ließ sie zu sich kommen, tötete sie und ließ sie ausstopfen. Das Pferd von Ted Howland befindet sich allerdings beim Abdecker.”
Sie beobachtete Mulder, wie er sich die Lippen leckte.
“Hm, Pferdewurst.”
Sie zuckte bei seiner scherzhaften Geste zusammen. “Was ich nicht verstehe ist, warum sie alle sieben Jahre ihre Taten begann.”
“Scully, die Frau brauchte anscheinend Kraft oder was auch immer. Wo wir gerade bei Kraft sind, wie geht es ihr, wo ist sie?” Er nahm einen Schluck Wasser und reichte Scully anschließend das Glas.
Scully zögerte einen Augenblick. “Sie ist hier Mulder. Sie... es steht nicht sehr gut um sie. Sie befindet sich im Endstadium ihrer Krankheit. Die Ärzte geben ihr nur noch eine, höchstens zwei Wochen.”
“Ich will sie sehen.” sagte er schnell. Mulder wollte aufstehen, doch die Verbände hinderten ihn daran. Scully schob ihn vorsichtig zurück in das Bett.
“Natürlich können Sie sie sehen. Aber nicht jetzt. Sie haben es doch gehört, die Besuchszeit ist um. Auch ich muss gehen. Sie haben die Schwester gehört.”
Sie stand auf und holte ihren Mantel und ihre Tasche, sie trat erneut ans Bett um sich von ihrem Partner zu verabschieden.
“Schlafen Sie gut, Mulder.”
Er ergriff ihre Hand zum Abschied und hielt sie fest. Sie beugte sich über ihn und gab ihm einen zärtlichen Kuss. Mulder ließ ihre Hand nicht sofort los, sondern ließ sie noch wenige Sekunden in der seinen verweilen. Sie schloss die Tür leise hinter sich und Mulder sah ihr lächelnd nach. Scully verließ das Krankenhaus und ein Lächeln umspielte ihre Lippen.


- THE END -


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Okay, that’s it. Ich hoffe, das Lesen hat ein bisschen Freude bereitet, das Schreiben hat es mir jedenfalls und wer weiß, vielleicht werde ich es wieder tun und mich somit in die Reihe der Wiederholungstäter begeben. Aber nur vielleicht! Nobody knows...

Bye,
Mone

Bevor ich’s vergesse: Too Kate (Kit-x): Thanx for everything! You have inspired and encouraged me. ;-)