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A-holding your hand, and standing there, to kiss you, when you fall

von neyra

Kapitel 1

A-holding your hand, and standing there, to kiss you, when you fall

30. Juni 1997, 06:45 Uhr
J. Edgar Hoover - Gebäude, Washington D.C.

Dana Scully betrat ohne anzuklopfen das Büro im Keller, das sie sich mit ihrem Partner Fox Mulder teilte.
„Guten Morgen“ sagte sie und sah sich gleichzeitig um. Niemand war zu sehen. Ein herrenloses Jackett quer über dem Schreibtisch im Blickzentrum war jedoch der Hinweis für Scully, das sich Mulder bereits im Gebäude befand. „Mulder?“ fragte sie etwas lauter und schaute in den kleinen Nebenraum, der direkt an das Büro grenzte. In diesem Moment hörte sie ein Geräusch hinter sich und drehte sich zur Tür.
„Guten Morgen Scully.“ Mulder hielt ihr eine dampfende Tasse entgegen, an einer weiteren nippte er und brummte kurz. „Ich habe uns Kaffee besorgt. Skinner will uns gleich sprechen. Ich habe keine Ahnung, worum es geht.“ antwortete er sofort auf ihren fragenden Blick.
Scully stellte ihre Aktentasche auf einen leeren Stuhl und nahm ihm die angebotene Tasse aus der Hand. Ein köstlicher Kaffeegeruch strömte ihr in die Nase und sie hielt sich die Tasse für einen kleinen Augenblick unter die Nase, um den Duft für einen kleinen Moment noch intensiver riechen zu können. „Danke.“ sagte sie und lächelte Mulder kurz an. Dieser nickte mit sich zufrieden und ging um den Tisch herum, um sich auf seinen angestammten Stuhl zu setzen. Er stellte seine Tasse auf den Tisch und nahm sein Jackett herunter, um es hinter sich über die Stuhllehne zu legen.
„Wann müssen wir hoch?“ fragte Scully und nahm einen ersten vorsichtigen Schluck von ihrer Tasse, sie beobachtete Mulder über den Rand der Tasse hinweg.
„07:30 Uhr müssen wir oben sein. Du kannst also in Ruhe deinen Kaffee trinken.“
Scully nickte und nahm einen weiteren Schluck. Sie schloss ihre Augen und seufzte kaum hörbar.

Zehn Minuten später machten sich Scully und Mulder auf den Weg zu Skinners Büro. Mulder drückte auf den Knopf um den Fahrstuhl zu rufen und als sich die Türen vor ihnen öffneten stand der Assistent Direktor persönlich in der Kabine. Er war allein und lehnte lässig gegen die Rückwand.
Scully blickte zu ihrem Partner auf, ihre rechte Augenbraue leicht angehoben, und begegnete seinen Augen, die bereits dieselbe Situation erfasst hatten und ihren Blick erwiderten.
„Guten Morgen Agents Scully, Mulder. Kommen Sie rein.“ Skinners Stimme klang kühl und kalkuliert. Nachdem sie ebenfalls die Fahrstuhlkabine betreten hatten, trat Skinner an das Bedienfeld, schloss die Türen und drückte anschließend den Knopf für den Not-Halt. Der Fahrstuhl tat einen leichten Ruck und Scully hielt sich aus Reflex an der Seitenwand fest.
„Ich habe einen, nicht ganz offiziellen Auftrag für Sie beide und denke, hier können wir ...ungestörter und ungehört... miteinander sprechen.“ begann Skinner und Scully warf ihrem Partner einen weiteren Blick zu. Mulder sah Skinner an, äußerlich ruhig, aber Scully erkannte seine körperliche Anspannung. „Diese ... Unterredung ... ist aus gutem Grund hier nötig und ich möchte unbedingt darauf hinweisen, dass nichts diese vier Wände verlassen sollte. Aber Sie werden mir sicher gleich zustimmen.“ sprach Skinner mit leiser Stimme weiter.
Scully fing einen kurzen Blick von Mulder ein, bevor sie sich nun beide Skinner zuwandten.
„Es geht mir um diesen Kettenrauchenden Mistkerl und die Ratte.“ sagte Skinner, machte eine weitere bedeutungsvolle Pause und schaute zwischen Mulder und Scully hin und her bevor er fortfuhr. „Dieser ... inoffizielle Auftrag, den ich für Sie beide habe. Ich weiß nicht so recht, wie ich beginnen soll... Zunächst, sollten Sie später Einwände haben, werde ich diese respektieren, dann vergessen wir das Ganze wieder.“
Mulder sah zu Scully, die leicht verwirrt ihre Stirn gerunzelt hatte und Skinner fragend ansah.
„Sir?“ fragte sie.
Skinner räusperte sich. „Nennen Sie es eine verrückte Idee...“ Er sah zwischen seinen Agenten hin und her, die ihn beide aufmerksam ansahen, weshalb er fortfuhr. „Es wird Zeit, dass wir versuchen sollten dieses Schattenkabinett, wie Sie es nennen Mulder, zu entlarven und möglichst unschädlich zu machen. Möglicherweise verlange ich zu viel, aber meine Idee das anzugehen war, dass Sie beide das tun, wovor sich diese Leute anscheinend fürchten, warum auch immer...“
Scully und Mulder tauschten einen weiteren Blick, von Skinner beobachtet. Scully schaute Mulder fragend an. Dieser zuckte kurz mit seinen Schultern.
„Worauf wollen Sie hinaus, Sir?“ fragte Mulder und beide Agenten sahen wieder ihren Chef an.
„Sie sollen ein Paar mimen.“ antwortete dieser ruhig.
Scully schnappte nach Luft und hielt diese dann in den Lungen. Während Mulder seinen Vorgesetzten entsetzt ansah. „Bitte?“ fragte er nach.
„Ich möchte, dass Sie zwei so tun, als würde Ihre Partnerschaft mehr sein, als rein platonisch. Die Ermittlung wird viel Zeit kosten, es wäre mir sogar recht, wenn Sie in deren Verlauf eine Ehe eingehen würden, um so authentisch wie möglich zu wirken. Ich habe keine Ahnung warum, aber es scheint mir, als das Ihre Partnerschaft denen der größte Dorn im Auge ist.“ beeilte sich Skinner zu sagen. „Ich denke, wenn Sie beide so tun, als wenn das nun tatsächlich der Fall ist, zwingen wir diese „Syndikats-Leute“ zum Handeln. Ich weiß auch, dass ich damit direkt in Ihre Privatsphäre eingreife und es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu gefährlichen Situationen kommen kann. Deshalb räume ich Ihnen jetzt einen Widerspruch ein. Sollten Sie beide von meinem Vorhaben nicht überzeugt sein, oder nur einer von Ihnen...“ Skinner machte eine kurze Pause und fuhr dann fort. „Ich denke aber, indem wir diese Männer zum Handeln zwingen aber gleichzeitig darauf vorbereitet sind, gibt uns das den entscheidenden Vorteil, den wir brauchen, um einige von ihnen zu enttarnen und möglicherweise dingfest zu machen und vor ein Gericht zu stellen.“ Skinner endete und sah seine Agenten an.
Scully stand mehr oder weniger überrumpelt da und sah ihren Partner an, während Mulders Blick leicht abwesend wirkte, aber darauf hindeutete, dass er den Plan in Gedanken durchspielte.
„Wie sollte das genau aussehen?“ fragte er Skinner. „Wir sollen vortäuschen unsere Beziehung zu vertiefen. Was soll ich tun? Scully den Hof machen, sie zu Rendezvous einladen, sie in der Öffentlichkeit küssen, ihr in ein paar Monaten einen Antrag machen? Was wird aus der offiziellen Arbeit an den X-Akten? Sollten wir ein Liebespaar sein, müssten wir uns unterschiedlichen Sektionen zuteilen lassen, um wirklich authentisch zu wirken.“
Skinner nickte langsam. „Es wäre vielleicht eine Möglichkeit, dass Sie, Scully“, damit wandte er sich direkt zu ihr, „sich versetzen lassen. Nach Quantico zurück, auf Ihre alte Stelle an der Akademie, wo Sie sowohl Autopsien durchführen, als auch lehren würden. Ich weiß zufällig, dass die da gerade dringend qualifiziertes Personal suchen.“
Scully sah zu Mulder. Sie bemühte sich selbst um Fassung und versuchte, im Gesicht ihres Partners seine Meinung zu dem haarsträubenden Plan zu lesen. Er schien Skinners Idee gut zu heißen oder zumindest in Erwägung zu ziehen. Sie sah, dass er noch immer hart nachdachte, aber bereits leicht mit seinem Kopf nickte und so zustimmte. Aber sie war sich nicht sicher, ob sie so schnell an alle Konsequenzen denken und darüber entscheiden konnte.
„Ich...“, räusperte sie sich, „...würde das gern überdenken.“
„Ich weiß, dass ich viel von Ihnen verlange, Agent Scully. Aber schon dieses Gespräch hier zu organisieren war nicht leicht, ohne das Direktor Kersh oder sonst wer davon Wind bekommt. Ich riskiere hier im Moment ziemlich viel. Auch ich muss Rechenschaften ablegen, an höhere Stellen, denen ich nicht vorbehaltlos traue.“
Scully sah hilflos zu Mulder. Dieser lächelte sie knapp aufmunternd an und schließlich nickte sie abwesend, drehte sich wieder zu Skinner.
„In Ordnung. Dann bitte ich hiermit offiziell um Versetzung nach Quantico ... aus persönlichen Gründen.“ Sie schluckte hart und biss leicht in ihre Unterlippe. *Eine Beziehung zu Mulder eingehen. Nein, so tun als ob... Hoffentlich geht das gut.* dachte sie.

08:30 Uhr
Mulders Büro

„So hatte ich mir den heutigen Tag nicht vorgestellt.“ flüsterte Scully in die Stille, während sie ihre persönlichen Dinge in einen kleinen Pappkarton stellte. Sie hatte es seit ihrer Entscheidung vor einer Stunde noch nicht über sich gebracht ihrem Partner in die Augen zu schauen. Er sagte nichts und sie war sich nicht ganz sicher, was er tat, aber sie spürte seinen Blick auf sich ruhen. Sie legte vorsichtig ihre persönliche Tasse zu den wenigen anderen Sachen, die sie mit nach Quantico nehmen würde, als sie seine unmittelbare Nähe an ihrem Rücken und seine Hand an ihrem rechten Handgelenk spürte. Er zog sie an sich, drehte sie um und nahm sie still in die Arme.
„Gott...“ flüsterte er erstickt und endlich sah sie ihn an. Er ließ ihr ein wenig Raum und sie sah, wie er hart schluckte. Sie blickte in seine Augen, dann sagte sie lauter in den Raum.
„Es muss sein.“ Und nach einer Pause, in welcher sie den Augenkontakt hielt. „Ich kann so nicht mehr arbeiten.“
Er schien zu verstehen, denn er nickte langsam. Noch immer hielt er sie fest, als würde er es nicht über sich bringen sie los zu lassen.
Sie würde gehen. Sie tat so, als würde sie gehen und ihn verlassen, aber den Schmerz, den er dabei fühlte war verdammt real und er musste tatsächlich gegen eine heftige Traurigkeit schlucken, erkannte sie.
„Wann sehe ich dich wieder?“ flüsterte er gebrochen.
Sie ertrug seinen Blick nicht und schmiegte sich an ihn, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen. Sie griff in sein Genick und zog seinen Kopf auf ihre Schultern. Dann drehte sie ihren Mund an sein Ohr und flüsterte. „Du hast meine Nummer. Ruf mich an.“ Sie küsste ihn sacht auf sein Ohr, trat einen Schritt zur Seite, nahm ihren Karton und verließ das Büro.
Scully war sich sicher, dass Mulder an Ort und Stelle stand und um seine Fassung kämpfte. Sollte das Büro überwacht werden, so hatten sie authentisch reagiert. Sie war fast stolz auf sich. Aber nur fast. Das fühlte sich verdammt real an. Scully verließ auf dem schnellsten Weg das Gebäude. Sie brauchte dringend frische Luft.

10:30 Uhr
Quantico, Büro von Jack Wills - Leiter der Abteilung VICAP

„Agent Scully. Hrm...“ murmelte der stämmige Mann, den Scully etwa auf fünfzig Jahre schätzte, und blätterte ihre Personalakte durch. „Ich bin mir nicht sicher, was sich Mad-Dog dabei gedacht, Sie wieder hierher zu schicken. Mittlerweile sind Sie überqualifiziert, aber wir können tatsächlich dringend jemanden wie Sie gebrauchen. Diese Grünschnäbel, die die heutzutage als Anwärter zulassen haben es wirklich nötig.“
Scully erlaubte sich ein kurzes Lächeln. Ihr neuer direkter Vorgesetzter machte einen strengen aber sympathischen Eindruck auf sie. Sie würde sich auch hier beweisen müssen, dennoch schien ihr Jack Wills wohlwollend gegenüber zu stehen. Das war selten. Aufgrund ihres Geschlechtes und ihrer geringen Körpergröße, hatte sie oft das Gefühl sich anderen härter beweisen zu müssen, als beispielsweise Mulder, der großgewachsen und ein Mann war. Obwohl sie sich mit ihm auf Außeneinsätzen nur selten deswegen unter Druck gesetzt fühlte. Allein die Art und Weise, wie Mulder sie stets um Rat gefragt und eingebunden hatte, hatte möglichen Abneigungen ihr gegenüber sofort Wind aus den Segeln genommen. Dadurch, dass Mulder sie vorbehaltlos respektierte, war es nur in zwei oder drei Fällen zu kleinen Gesten gekommen, wo der ein oder andere Vorstadt-Sheriff ihr einen geringschätzigen Blick zuwarf. Und meist auch nur zu Beginn von laufenden Ermittlungen.
Scully drehte kurz ihren Kopf, um einen Blick mit Mulder zu tauschen, stellte fest, dass er nicht hier sein konnte und vermisste ihn augenblicklich. Wie zur Hölle kam sie auf die Idee, er wäre hier neben ihr? Sie räusperte sich und konzentrierte sich wieder auf den Mann der vor ihr saß. Dieser blätterte immer noch in ihrer Akte herum, nickte dann aber.
„In Ordnung, Agent Scully. Was also ist der wahre Grund hinter ihrem Versetzungsgesuch?“
Scully starrte ihn an. Jack Wills hatte sie überrumpelt.
„Was meinen Sie, Sir?“ versuchte sie Zeit zu gewinnen, um sich eine Antwort zu überlegen.
„Nun... Sie scheinen mir eine bereichernde Partnerschaft mit Fox Mulder geführt zu haben. Was brachte Sie dazu, diese zu beenden?“
Scully schoss das Blut in den Kopf und sie spürte, wie ihre Wangen erröteten, darum senkte sie ihren Kopf ein wenig. Sie biss sich auf die Zunge und überlegte weiter krampfhaft eine Antwort. Warum hatte sie nicht eher darüber nachgedacht? Auf solche Fragen hätte sie vorbereitet sein müssen.
Als sie schließlich ihren Kopf wieder hob, um zu antworten, sah sie wie Jack Wills sie angrinste. „Es ist also etwas dran an den Gerüchten?“ Er hob scheinbar amüsiert beide Augenbrauen und schüttelte seinen Kopf. „Na gut, geht mich ja nichts an. Sie können sich unten bei Agent Murdock melden. Sie kennen ihn ja, richtig? Mit ihm besprechen Sie, ob heute noch was Dringendes erledigt werden muss, ansonsten erwarte ich Sie morgen früh pünktlich Nullachthundert an einem Seziertisch. Um den Stunden- und Lehrplan für die Kadetten kümmert sich ebenfalls Murdock. Er wird Ihnen Ihren Stundenplan geben. Alles Gute und Willkommen zurück in Quantico, Agent Scully.“
Jack Wills erhob sich hinter seinem Schreibtisch und reichte ihr seine rechte Hand hinüber. Scully beeilte sich ebenfalls aufzustehen und den Händedruck zu erwidern.
Nachdem sie das Büro verlassen hatte, machte sie sich auf den Weg hinunter in den Keller, wo die FBI-Labore und die Autopsie-Räume untergebracht waren. Hier fühlte sie sich gleich etwas wohler. Wenn auch nicht oft, so war sie ab und zu hier und kannte sich aus. Und die vertrauten Flure gaben ihr ihre Sicherheit zurück, die sie scheinbar im Büro von Jack Wills verloren hatte. Was war bloß los mit ihr? Sie verabscheute sich selbst für ihre Unsicherheit gegenüber ihrem neuen direkten Vorgesetzten.

20:30 Uhr
Georgetown, Scullys Apartment

Scully schreckte aus einem Halbschlaf als es an ihrer Tür klopfte. Etwas wackelig stand sie auf und spähte durch den Türspion. Mulder. Er sah aus, als könne er sich nicht entscheiden, ein weiteres Mal zu klopfen oder wieder zu gehen. Er drehte sich einige Male hin und her und die Unsicherheit, die er ausstrahlte übertrug sich auf Scullys Herzschlag. *Was will er? Was macht ihn so nervös?* fragte sie sich. Ihr Herz blieb stehen, als er sich umdrehte und gehen wollte. Sie öffnete die Tür und hielt ihn so auf.
„Du bist da.“ stellte er überflüssigerweise fest
„Ja. Ich... Ich war eingeschlafen, auf dem Sofa… komm rein.“ haspelte sie heraus und ging einige Schritte rückwärts, seinen Blick haltend. Er folgte ihr in die Wohnung, blieb dann etwas unschlüssig stehen und räusperte sich leicht verlegen. Während sie sich bemühte möglichst schnell die Tür wieder zu schließen. „Was führt dich zu mir?“ fragte sie leise und hoffte, ihre Stimme würde nicht verraten, wie unsicher sie sich fühlte. Und im Stillen fragte sie sich, wo das herkam. Seit dem Gespräch mit Jack Wills am Vormittag schien sie ihre Ruhe verloren und nicht wieder gewonnen zu haben.
„Ich wollte dich anrufen.“ antwortete er und klang verlegen. „Aber dann schien mir die Idee albern zu sein und ich dachte, wir müssen reden.“ Er sah sie an. Scully hatte sich gegen die Tür gelehnt und hielt sich mit ihrer rechten Hand ihre Stirn. „Hast du Kopfschmerzen? Soll ich morgen wieder kommen?“ fragte er leise einfühlsam und kam bis auf einen Schritt auf sie zu. Er hielt inne, als sie den Kopf schüttelte.
„Nein. Nein. Mir geht es gut.“ sagte sie hastig und sah unsicher zu ihm auf. Sie nahm ihre Hand herunter, atmete durch und fragte schließlich, „Möchtest du was trinken? Ich habe Bier da.“ hierbei lächelte sie ihn verlegen an und er konnte nicht anders als es zu erwidern.
„Gern.“ antwortete er und klang fast sanft. Scully lief ein Schauer über den Rücken. *Bekomm dich in den Griff.*, ermahnte sie sich selbst, während sie zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank holte, öffnete und zurück in Richtung Sofa lief.
„Willst du dort stehen bleiben?“ fragte sie Mulder herausfordernd, der immer noch im Eingangsbereich stand.
Er kam zu ihr und setzte sich an das andere Ende des Sofas, nahm die Flasche entgegen, die sie ihm hinhielt.
„Ich bin nicht sicher, ob...“ flüsterte sie, sah sich im Raum um und machte dabei eine ausholende Geste. Dann blickte sie ihm in die Augen.
„Ja.“ sagte er leise. „Ich bin auch nicht sicher. Außerdem müssen wir noch etwas anderes tun...“
Sie hob fragend ihre Augenbrauen und blickte erstaunt auf die FBI-Standard Abhör-Geräte, die er gerade aus seiner Tasche zog und auf den Tisch legte. „Skinner. Um die „Gerüchte“ zu beschleunigen.“ murmelte er undeutlich, aber sie verstand ihn und nickte. „Spätestens dann... können wir sicher sein, dass wir nicht allein sind.“ Er machte eine Pause und blickte auf die Bierflasche, die er hochnahm und mit beiden Händen umfasste. „Das ging alles ein wenig schnell heute Morgen. Findest du nicht? Ich bin total durcheinander.“ gestand er endlich und nahm zur Belohnung einen großen Schluck aus seiner Flasche.
Dieses Geständnis war alles was sie brauchte, um ihre Sicherheit wieder zu gewinnen. Sie wollte ihm über das für ihn peinliche Geständnis hinweg helfen. Also stellte sie ihre eigene Flasche, die sie noch nicht angerührt hatte auf dem Tisch ab und wandte sich ihm mit ihrem ganzen Körper zu. Sie streckte ihre Hand nach seinem Arm aus und berührte ihn sanft.
Er zuckte und wagte es schließlich sie anzusehen. „Albern, hm?“ er zwinkerte ihr zu. Dankbar und erleichtert ihr anscheinend geholfen zu haben und nun selber Hilfe von ihr zu erhalten.
Sie schüttelte ihren Kopf. „Nicht albern.“ sagte sie leise. „Mir geht es nicht anders... Ich meine... Die Idee auf diese Art und Weise... zu handeln...“
Er legte ihr aus einem Impuls heraus seinen rechten Zeigefinger auf die Lippen und schüttelte seinen Kopf. „Psst...“ machte er.
Scully presste ihre Lippen aufeinander, sah ihn aber weiterhin an.
„Wir werden es ganz langsam angehen, ja?“ flüsterte er und sie konnte plötzlich nur noch nicken. Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die Abhörgeräte. „Wir müssen... in jedem Raum eine anbringen.“ Er wurde noch leiser, als er fortfuhr. „Bei mir bin ich schon fertig. Das war gruselig und ich habe einige entdeckt, die nicht von uns sind.“
Scully musste sich ehrlich bemühen ihn zu verstehen, nickte nur zur Bestätigung, dass sie ihn verstanden hatte.
„Komm.“ sagte er und stellte sein Bier nach einem weiteren tiefen Schluck auf den Tisch. „Zeig mir wo...“ Er stand auf und reichte ihr seine Hand, damit er ihr aufhelfen konnte. Sie legte ihre Hand in seine und bemerkte, dass er sich irgendwie sehr warm und fast etwas klamm anfühlte, dann ließ sie sich von ihm auf die Füße ziehen.

Etwa eine Stunde später...

„Ich möchte dich zum Essen ausführen.“ sagte er leise. „Mich für diesen Abend revanchieren. Und ich möchte nicht, dass die getrennten Arbeitsplätze zwischen uns stehen. Ich brauche dich, Scully.“
Sie erkannte in dem Blick, den er ihr schenkte, dass er das für die Abhörgeräte sagte. Er wollte damit beginnen, ihr den Hof zu machen, wie er es heute Morgen in Skinners Büro formuliert hatte. Dennoch ließen seine leisen Worte ihr angenehme Schauer über den Rücken laufen und sie konnte einmal mehr nur nicken. „Das möchte ich auch.“ sagte sie endlich.
„Darf ich dich morgen acht Uhr abholen?“ er klang fast schüchtern und sie musste lächeln.
„Ja.“ sagte sie sanft.
„Dann... werde ich dich jetzt schlafen lassen. Bis morgen Scully.“ er drehte sich zur Eingangstür und ging darauf zu. Sie folgte ihm. Mit der Hand an dem Knauf drehte er sich noch einmal zu ihr um. „Danke.“ hauchte er und beugte sich um ihr einen kleinen Kuss auf die Wange zu geben. Sie erstarrte und ließ ihn gewähren. „Bis morgen.“ wiederholte er leise und blickte ihr tief in die Augen. Dann ging er und die Tür klackte zu, bevor sie sich wieder unter Kontrolle hatte.
Sie ging zum Sofa und ließ sich fallen. Die Bierflaschen standen noch da. Sie griff nach einer Flasche und leerte sie beinahe mit einem Zug.

Nächster Tag, 14:30 Uhr
Quantico, Autopsie-Raum 3

„Bei dem Toten handelt es sich um einen Mann von circa 30 bis 40 Jahren, afroamerikanischer Herkunft.“ Scully sprach ruhig in ein Diktiergerät und senkte es anschließend. Sie sah von der Leiche auf zu der kleinen Traube von jungen Kadetten, die zum Teil angeekelt zum Teil neugierig auf die Leiche starrten, die vor Scully auf einem speziellen Untersuchungstisch lag. „Wer von Ihnen kann mir sagen, was Sie zu Beginn jeder Autopsie berücksichtigen müssen?“ fragte sie in die Runde, aber bevor einer der Kadetten die Möglichkeit zu einer Antwort bekam, platzte Agent Murdock in den Raum und winkte Scully hektisch zu sich.
„Ich übernehme für Sie, Agent Scully. Wills möchte Sie sehen. Sie sollen in sein Büro kommen. Sofort.“
Scully nickte nur, murmelte eine Abschiedsfloskel und verließ den Autopsie-Raum um sich auf den Weg in das Büro ihres Vorgesetzten zu begeben. Während sie lief entfernte sie mit einem schnippenden Geräusch die dünnen Gummi-Handschuhe von ihren Händen und löste den Plastik-Kittel. Alles stopfte sie in einen Mülleimer am Ende des Ganges, bevor sie eine weitere Tür passierte und den Weg in Richtung Aufzüge einschlug.
Nachdem sie das Büro von Jack Wills erreicht hatte hob sie ihre rechte Hand und klopfte dreimal zügig hintereinander.
„Herein.“ klang es von innen.
Scully öffnete die Tür.
„Ah. Gut. Agent Scully. Sie wurden zu einem Tatort angefordert. Der leitende Agent vor Ort ist Ihr Ex-Partner Fox Mulder. Sie werden sofort in den Blackwater-Nationalpark fahren und sich dort mit Agent Mulder treffen. Er wird Ihnen alles Weitere erklären.“
Scully nickte. „Ja Sir.“ sagte sie.
„Kaum einen Tag hier, schon fordert Sie Ihr Ex-Partner persönlich an. Nicht, dass es sowieso selten vorkommt, dass ein Forensischer Ermittler die Labore verlässt und direkt am Tatort eine erste Leichenschau durchführt. Ich hoffe, es bleibt bei einer Ausnahme, Agent Scully. Mir gefällt der Gedanke nicht, es könnte öfter der Fall werden, dass Sie die Einrichtung verlassen, weil Agent Mulder die Trennung nicht verwinden kann.“
„Das glaube ich, ist nicht der Fall Sir. Agent Mulder und ich kennen uns nur gut und er hat sicher aus diesem Grund zuerst an meine Person gedacht, er braucht einen Forensiker, sonst würde er wohl kaum einen anfordern.“
„Sie brauchen Agent Mulder nicht zu verteidigen. Ich hoffe lediglich, dass es nicht zu einer Gewohnheit wird. Das wär’s. Sie machen sich jetzt auf den Weg und berichten mir, sobald Sie wieder im Haus sind.“
„Ja Sir.“ sagte Scully und verließ das Büro.

15:15 Uhr
Blackwater-Nationalpark

Es fiel Scully nicht schwer, Mulder im Park zu finden. Sie hatte ihn vom Auto aus auf seinem Handy angerufen und sich eine Wegbeschreibung von ihm geben lassen. Und er hatte Recht, die vielen Ranger- und Polizei-Fahrzeuge waren nicht zu übersehen.
Warum genau Mulder einen Forensiker vor Ort brauchte, hatte er ihr nicht sagen wollen, sie nur gebeten so schnell wie möglich zu kommen. Und immer wenn er das tat, bekam Scully ein dumpfes Gefühl in der Magengegend.
Sie stellte ihren Wagen hinter einem Ranger-Jeep ab und ging auf Mulder zu, der sie gesehen haben musste, da er bereits auf sie zukam.
„Gut, dass du so schnell kommen konntest. Komm. Das musst du sehen.“ Er dirigierte sie an ihrem rechten Ellenbogen, sanft aber bestimmt in die Richtung, aus welcher er eben auf sie zukam.
„Mulder, was ist los? Du bringst mich in Schwierigkeiten. Warum dieser Aufstand hier? Wenn das ...“ Scully verstummte als sie sah, was Mulder ihr zeigen wollte.
Sie erstarrte kurz in ihren Bewegungen und blickte auf eine Szene, die ihr einen eisigen Schauer über den Rücken laufen ließ. Vor ihr lag die Leiche einer jungen Frau. Ihr Körper schien keine größeren Verletzungen aufzuweisen, dennoch war Scully mit nur einem Blick klar, warum Mulder sie angefordert hatte. Und es hatte tatsächlich eine Berechtigung. Der tote Körper lag bäuchlings vor ihnen in einer leichten Senke, der Kopf zur Seite gedreht. Quer über den Rücken der Toten waren mit einem schwarzen Filzstift die Worte „SHE IS GONE“ geschrieben.

18:30 Uhr
Autopsie-Raum 4

„Wir brauchen unbedingt eine toxikologische Analyse des Blutes und eine DNA-Analyse.“ redete Mulder beinahe aufgeregt auf Scully ein, als sie mit einem weißen Plastik-Kittel über ihrer Kleidung den Raum betrat.
„Ja. Ich werde das persönlich abgeben. Agent Gifs aus dem Labor weiß schon Bescheid und wartet nur noch auf meine Proben.“ Scully sah Mulder an. „Wie hast du von der Leiche erfahren? Warum warst du vor Ort?“
„Zufall. Ich war bei Skinner, als dieser die Bitte um Hilfe des örtlichen Sheriffs erhielt. Und er hat mich sofort los geschickt.“
„Glaubst du wirklich an einen Zufall?“ fragte sie ihn, während sie mit einer weiteren gründlichen Leichenschau begann und sich nebenbei Notizen machte. Sie hob nacheinander die Arme der Toten und untersuchte diese gründlich unter dem hellen Licht. „Keine Einstiche.“ murmelte sie und notierte ihre Erkenntnis.
„Du denkst es war kein Zufall.“ stellte er fest.
Scully sah von ihrer Arbeit zu ihm auf und schüttelte sachte ihren Kopf. „Ich bin nicht sicher, Mulder. Es ist nur ein Gefühl. Aber...“ Sie seufzte leise und machte eine knappe Geste mit der Hand, die Hilflosigkeit ausdrückte. „Ich kann dir nicht sagen warum, aber irgendwas stört mich an der Tatsache, dass du zufällig derjenige warst, der nun den Fall für das FBI bearbeitet.“
Er nickte langsam, sie immer noch ansehend. Sie hielt seinem Blick nicht stand und wandte sich wieder dem toten Körper zu, der zwischen ihnen auf dem Autopsie-Tisch lag. Sie fuhr mit der äußeren Leichenschau fort. Hier im Labor entdeckte sie mehr, als ihr am Fundort der Leiche möglich gewesen wäre, dennoch war es nützlich für sie gewesen, das sie dort sein konnte. Auch wenn ihr das den Unwillen von Jack Wills eingebracht hatte.
Nachdem sie die Leiche am Fundort angesehen hatte und von einem Team nach Quantico hatte bringen lassen, hatte sie sich möglichst rasch von Mulder verabschiedet und war sofort hinterher gefahren. Sie war, wie befohlen, gleich nach ihrer Ankunft wieder bei ihrem Vorgesetzten vorstellig geworden und hatte ihm berichtet, was das Auffällige an dieser Leiche war und das Mulder und sie vor einiger Zeit einen Fall bearbeitet hatten, wo Leichen aufgefunden worden waren, die ähnliche Merkmale aufwiesen. Von einer möglichen Verschwörung der Regierung hatte sie jedoch nichts erwähnt.
Jack Wills hatte lediglich genickt, ihr knapp gedankt und gesagt, dass er unter diesen Umständen verstehen würde, warum Mulder nach ihr verlangt hatte. Des Weiteren hätte sie die volle Zuständigkeit, um die Leiche selbst zu obduzieren und sämtliche Untersuchungen, die notwendig werden sollten in Auftrag zu geben. Damit hatte er das Gespräch beendet und sie hatte sich fertig gemacht und war unten im Labor auf Mulder getroffen, der natürlich bei der Autopsie dabei sein wollte. Obwohl er so etwas vermied, wo er konnte. Diesmal war ihm die Sache wohl zu wichtig.
Scully notierte weiter und beendete die äußere Leichenschau indem sie nun zu einem Skalpell griff. Sie sah aus dem Augenwinkel wie Mulder sich von der Leiche wegdrehte, als sie den ersten Schnitt ausführte.

23:30 Uhr
Vor dem Autopsie-Raum 4

Scully entdeckte Mulder am Ende des Ganges und ging auf ihn zu. Er saß auf dem einzigen Stuhl, den es im Flur gab, seinen Oberkörper stützte er mit seinen Armen auf seinen Oberschenkeln ab, und sein Kopf hing zwischen seinen Schultern vornübergebeugt. Nachdem sie ihn erreicht hatte, strich sie ihm sanft über seinen Hinterkopf, den Nacken hinunter zwischen seine Schulterblätter.
„Geht’s dir besser?“ fragte sie leise und erhielt ein unglückliches Lächeln von ihm, als er aufsah.
Er nickte.
„Komm, ich fahr dich nach Hause.“ sprach sie leise weiter in den stillen Flur und er erhob sich.
„Hast du etwas Ungewöhnliches finden können?“ fragte er, als sie das Gebäude verließen und sie ihm mit einer Handbewegung andeutete, wo ihr Auto geparkt stand.
„Nichts. Wir müssen jetzt auf die Laborergebnisse der toxikologischen und der DNA-Analyse warten und sehen, ob die Jungs dort etwas finden können.“
Er brummte verstimmt.
„Mir gefällt das nicht Mulder.“ sprach sie weiter. „Es ist so unauffällig wenig. Von dem Fundort allein, hätte es mehr Spuren geben müssen. Der Fundort ist auf keinen Fall der Ort, an dem sie getötet wurde und sie war auch nicht lange dort. Ich habe nicht einmal Fliegeneier gefunden. Und das bestärkt nur mein ungutes Gefühl bei der Sache.“
„Ja. Ich gebe dir Recht.“ seine Stimme klang leicht rau.
„Wir müssen vorsichtig sein.“ fügte sie ernst an und öffnete das Auto, das sie nun erreicht hatten.
Mulder stieg auf der Beifahrerseite ein und wartete bis sie ebenfalls eingestiegen war. Sie schnallten sich an und Scully startete den Wagen.
„Tut mir Leid, dass wir nicht Essen gehen konnten.“ murmelte er mit leicht gequälter Stimme.
„Mach dir keine Gedanken deswegen. Ich möchte heute auch nichts mehr.“ versuchte sie ihn aufzumuntern, indem sie ihrer Stimme einen leichten Ton gab.
„Morgen?“ fragte er mit einem Wort.
Sie nickte. „Ja. Ich habe noch nichts vor, morgen Abend.“ lächelte sie, konzentrierte sich aber auf die leeren Straßen. Sie wusste, dass er das Lächeln sehen würde und sie musste sich eingestehen, dass sie sich ehrlich darauf freute mit ihm Essen zu gehen.
„Wir könnten auch ins Kino gehen.“ sagte er nach ein paar Minuten des Schweigens und diesmal sah sie ihn kurz an.
Scully schluckte und griff das Lenkrad fester als nötig.
„Nur, wenn du möchtest.“ fügte er an, als er ihre Anspannung sah.
„Ich... also... Mulder...“ stammelte sie beinahe hilflos und starrte wieder auf den kaum vorhanden Verkehr.
„Ich komme morgen um 19 Uhr und hole dich ab.“ sagte er, als sie endlich in die Straße bogen in der sein Wohnhaus stand.
„Gut.“ sagte sie nur, als er abgeschnallt war und aussteigen wollte fügte sie schnell an. „Schlaf gut.“
„Du auch.“ Flüsterte er und schenkte ihr ein schiefes Lächeln, das ihren Magen einen Purzelbaum schlagen ließ. Dann schloss er die Autotür und ging auf seinen Eingang zu. Scully wartete bis er im Haus verschwunden war und startete ihren Wagen erneut.

2. Juli 1997, 8:45 Uhr
Quantico, Autopsie-Raum 3

Gehetzt betrat Scully den Autopsie-Raum und wurde mit teils belustigten und teils neugierigen Blicken begrüßt.
„Entschuldigen Sie, dass Sie warten mussten, Agent Murdock ich übernehme jetzt.“ Sie sah zum Autopsie-Tisch, dann wieder in die Runde. „Nun, was haben wir hier?“ fragte sie, stellte sich hinter den Tisch und warf einen genaueren Blick auf den Leichnam.
„Einen männlichen Weißen von schätzungsweise siebzig Jahren.“
„Wie kommen Sie zu diesem Schluss?“ fragte Scully und schaute zu dem Kadetten, der ihr geantwortet hatte. Dieser trat vor und zeigte auf das Gesicht des Leichnams.
„Wegen der vielen Falten.“
Einige in der Gruppe kicherten. Scully nickte, leicht verstimmt.
„Sicher. Der erste Eindruck kann helfen, aber lassen Sie sich nicht täuschen. Es gibt eine Menge Faktoren, die Ihr Urteil beeinflussen können. Menschen, die sich viel im Freien und besonders am Meer aufgehalten haben, sind in der Regel faltiger, als Menschen die das nicht getan haben. Regelmäßige Sonnenbankbesuche kann man ebenso erkennen, wie starke Nikotin-Inhalation. All solche Dinge beeinflussen Ihre erste Schätzung. Aber diese Schätzung wiederum muss so genau wie möglich sein, wenn es sich um einen Leichnam handelt, der einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Wenn Sie Glück haben, trägt der Tote einen Ausweis bei sich...“ hier pausierte sie kurz und sah wieder auf in die Runde. „Wie stellen Sie das Alter fest, wenn ein Skelett vor ihnen liegt?“
Schweigen.
Scully hob eine Augenbraue. „In Ordnung, bis morgen hat das jeder von Ihnen in Erfahrung gebracht. Die Stunde ist beendet.“
Die Kadetten verließen den Raum und Scully sah ihnen nach, bis sich die Tür geschlossen hatte, dann blickte sie wieder auf den Leichnam herab.
„Wer sind sie?“ fragte sie leise und suchte nach dem Vorbericht, der die Notizen zur ersten Leichenschau beinhalten sollte. Nachdem sie den gefunden und studiert hatte, machte sie sich an die Arbeit und obduzierte den Leichnam.

10:25 Uhr
Quantico, Autopsie-Raum 3

Scully war gerade dabei die Leber des Verstorbenen zu wiegen, als sie hörte, wie sich die Türen öffneten. Der Kadett, der ihr als einziger geantwortet hatte trat näher an den Tisch und beäugte neugierig, was sie tat.
„Haben sie eine Frage, Kadett?“ fragte Scully und der junge Mann zuckte ein wenig zusammen. Dann straffte er seine Schultern und sie spürte einen bohrenden Blick auf sich. *Unheimlich.*
„Nein. Ich meine, doch. Ich habe erst am Nachmittag wieder ein Seminar und in der Zwischenzeit Zeit zum eigenständigen Lernen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Ihnen noch ein wenig zusehe, Dr. Scully?“
Scully hob eine Augenbraue und überlegte kurz. „Nein.“ sagte sie schließlich und deutete mit ihren Kopf zu einem kleinen Schrank in der Nähe der Tür. „Dort drinnen finden Sie Plastik-Kittel und Handschuhe, ziehen Sie das über.“
Der Kadett nickte erfreut und wandte sich um, um ihrer Aufforderung zu folgen. Nachdem er sich einen Plastik-Kittel und ein paar Handschuhe übergestreift hatte, trat er wieder näher und blickte interessiert zu Scully.
„Wie heißen Sie, Kadett?“ fragte Scully.
Er grinste sie an und antwortete „Jarleth McItosh“.
Scully sah kurz auf und nickte, dann sah sie wieder auf den Leichnam. „Ich entnehme nach und nach alle innere Organe und wiege sie. Normalerweise sind zwei, manchmal auch drei Personen mit einem Leichnam beschäftigt. Und man arbeitet sich zu. Aber Agent Murdock ist heute Morgen noch später dran, als ich es war. Darum mache ich hier allein weiter, bis jemand zur Verfügung steht. Sehen Sie“, sagte sie und schaute kurz zu dem jungen Mann auf, „hier ist die rechte Niere. Ich habe sie gelöst, sie sieht im Bauchraum völlig normal aus. Möchten Sie sie herausholen und in die Waagschale legen?“
Scully sah wieder in das Gesicht des Kadetten. Dieser nickte, aber seine Gesichtsfarbe wurde ein wenig heller.
„Kommen Sie hier rüber.“ forderte Scully ihn auf. „Am besten greifen Sie mit beiden Händen zu, auch wenn das Organ relativ klein ist. Es könnte ungewohnt schlüpfrig sein und ich möchte nicht, dass es zu Boden fällt, in Ordnung?“
Wieder nickte der Kadett nur zur Antwort. Tat aber, wie sie es ihm geraten hatte. Beherzt griff er in den Bauchraum des Toten und holte die rechte Niere heraus.
„Warum ist da kaum Blut?“ fragte der junge Mann etwas zittrig.
„Weil der Blutkreislauf stillsteht.“ erklärte Scully. „Die Schwerkraft konzentriert das Blut in den Organen, die nach unten liegen. Es sackt praktisch herab. Mit Tabellen lässt sich abschätzen, wie lange eine Leiche in welcher Position gelegen hat.“
Wieder sah sie ein Nicken.
„In Ordnung. Nun ist der Dünndarm an der Reihe. Trauen Sie sich das zu?“ fragte sie nach, weil ihr auffiel, dass der junge Mann noch eine Spur blasser geworden war, aber weiterhin interessiert aussah.
„Ja.“ sagte er knapp und Scully erklärte weiter, während sie nach und nach die Autopsie beendete.

13:55 Uhr
Quantico, Autopsie-Raum 3

„Warten Sie noch ein wenig und ich rate Ihnen zu einem leichten Mittagessen, Jarleth.“ sagte Scully gerade, als die Tür aufging und Agent Murdock auf sie zukam.
„Agent Scully. Ich muss mich entschuldigen, aber für heute Nachmittag stehe ich auch nicht zur Verfügung und wir haben hier noch einen dringenden Fall, einen möglichen Mordfall, der so schnell wie möglich erledigt werden muss.“
Scully nickt nur und blickte kurz auf die große Uhr über der Tür.
„Habe ich eine halbe Stunde für ein schnelles Mittagessen? Ich hatte heute noch gar nichts.“
„Das sollte möglich sein. Und danke, Agent Scully. Ich mach’s wieder gut.“
„Nicht nötig.“
„Doch, doch. Nun... Ich lasse den Körper der jungen Frau hier schon runterbringen, dann können Sie nach Ihrer Pause gleich an die Arbeit gehen.“
Scully nickte und blickte zu Jarleth. Murdock folgte ihrem Blick und schien jetzt erst Notiz von dem jungen Mann zu nehmen.
„Haben Sie keinen Unterricht?“
„Doch Sir. In einer Stunde habe ich wieder ein Seminar.“
Murdock brummte und wandte sich wieder zu Scully. „Agent Scully, wir sehen uns morgen“ und an Jarleth gewandt „Kadett.“. Damit drehte er sich um und verließ den Raum wieder.
Scully blickte zu Jarleth und lächelte unglücklich. „Das ist leider nichts Ungewöhnliches in diesem Beruf. Selten, aber nicht ungewöhnlich. Kommen Sie, wir sehen mal, was die Mensaküche zu bieten hat.“
Der Kadett nickte und folgte ihr, und sie versuchte ein unangenehmes Gefühl, das sie beschlichen hatte, abzuschütteln.

Nach dem Essen rief Scully bei Mulder auf dem Handy an.
>Mulder< meldete er sich und klang gestresst.
„Ich bin's.“ sagte sie nur und fuhr gleich fort. „Ich habe noch eine wichtige Autopsie heute Nachmittag und bin nicht sicher, ob ich pünktlich zu Hause sein werde. Soll ich mich später noch mal bei dir melden?“
>Nein. Ich ruf dich an. Scully, ich muss auflegen... bis später< fügte er sanft an und trennte die Verbindung.
„Bis später“ sagte sie.

19:40 Uhr
Quantico, Autopsie-Raum 3

Scully zuckte zusammen, als das Klingeln ihres Handys die Stille des Raumes durchbrach. *Mulder* dachte sie und beeilte sich ihre Handschuhe loszuwerden und nach dem Telefon zu greifen, das sie hinter sich auf einem der Wandregale abgelegt hatte.
„Scully.“ meldete sie sich.
>Ich bin’s.< sagte Mulder. >Wo bist du?<
„Immer noch in Quantico. Ich werde hier sicher noch zwei Stunden brauchen. Ich bin gezwungen allein zu arbeiten, weil schlicht Leute fehlen. Es tut mir leid. Sollen wir es wieder verschieben?“
Er schwieg kurz und sie konnte ihn fast vor sich sehen, wie er die Stirn in Falten legte und kurz nachdachte. Dann sagte er. >Nein. Ich würde dich gerne sehen. Es sei denn, du bist zu müde.<
„Mir geht’s gut. Ich höre, dass du Auto fährst, bitte pass auf.“
>Ich bin auf dem Weg zu dir. Ich komme nach Quantico und hole dich ab.< damit legte er auf.
Scully senkte das Telefon und blickte es nachdenklich an. *Er kommt her, aber ich brauche doch noch so lange, bis ich hier fertig sein werde und er will mich sehen?* Ihr Herz schlug einige Takte schneller. Scully holte tief Luft, legte das Telefon wieder ins Regal und drehte sich zu dem toten Körper. Jetzt wollte sie umso zügiger fertig werden.

20:09 Uhr

Scully war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie nicht bemerkte, wie sich die Tür öffnete und Mulder herein kam. Sie hörte auch nicht, wie er leise die Tür schloss und näher kam. Erst als er sich leise räusperte zuckte sie heftig zusammen und blickte erschrocken auf.
„Herrgott Mulder!“ rief sie aus.
„Es tut mir Leid.“ kicherte er.
Scully legte ihre linke Hand über ihren Brustkorb und keuchte Luft aus. Er hatte den Anstand verlegen auszusehen, weshalb sie ihm ein zartes Lächeln schenkte. „Ich bin fast fertig. Nur noch die Naht schließen und aufräumen.“
Er nickte. „In Ordnung. Jetzt hast du dich aber beeilt. Hattest du nicht zwei Stunden gesagt?“
„Hatte ich.“ nickte sie. „Aber...“ sie stockte und presste ihre Lippen fest aufeinander, bevor ihre Zungenspitze schnell nervös darüber glitt.
„Du bist ja nervös...“ stellte er fest.
Scully schüttelte ihren Kopf. „Das bildest du dir nur ein.“ sagte sie und senkte ihren Kopf.
„Du kannst mich nicht anlügen, Scully.“ sagte er sanft und hob mit zwei Fingerspitzen ihren Kopf so an, dass sie ihn ansehen musste.
Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden aber sie lächelte. „Lass mich das schnell fertig machen Mulder.“ sagte sie leise. „Ich habe Hunger.“
Er ließ sie los und nickte ihr zu.
Mit geübter Schnelligkeit schloss Scully den Y-Schnitt und wickelte die Leiche in ein Tuch. Auf dem Formblatt notierte sie flink einige letzte Bemerkungen und legte dieses dann in die vorgesehene Ablage.
„Hilfst du mir mal?“ fragte sie und blickte Mulder an. Er nickte und Scully deutete mit ihrem Kinn auf die Kühlfächer. „Er muss in Fach Nr. 6.“ sagte sie und öffnete die Tür zum Kühlfach.
Mulder half ihr den Körper auf die Ablage zu schieben und Scully schloss mit einem Seufzen die Tür des Fachs. „Das wär’s.“
„Bist du sicher, dass du noch ausgehen möchtest?“ fragte er leise und stellte sich hinter sie.
Sie drehte ihren Kopf und blickte ihn über die Schulter hinweg an, nickte. „Ich bin sicher. Ich habe nicht viel gegessen heute und ... ich wollte dich auch sehen.“ fügte sie leiser hinzu.
„Dann lass uns hier verschwinden.“ sagte er ruhig und wieder nickte sie, während sie sich umdrehte, den Kittel ablegte und die Handschuhe abstreifte. Sie lächelte Mulder an, als sie alles in den Abfalleimer neben der Tür warf.
„Wie bist du her gekommen? Mit dem Taxi oder deinem Wagen?“ fragte sie, als sie gemeinsam den Flur entlang gingen.
„Mit meinem Wagen.“ sagte er.
„Hm“, machte sie überlegend. „Dann muss einer von uns seinen Wagen hier lassen, oder wir fahren mit zwei Autos.“
„Lass deinen hier stehen. Ich verspreche dich sicher nach Hause zu bringen und dich morgen abzuholen. Dann sollten doch auch die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung endlich vorliegen. Heute hatte ich ein paar Mal telefonisch danach gefragt, aber kein Glück, ihr scheint wirklich überlastet zurzeit.“
„Ja.“ antwortete sie und klang in ihren eigenen Ohren matter, als ihr lieb war. Deshalb schenkte sie ihm ein weiteres Lächeln. „Aber für dich ist es ein größerer Umweg als für mich.“
„Scully...“ begann er mahnend „...ich werde fahren. Steig ein.“ Sie hatten gerade sein Auto erreicht und seine letzten Worte waren deutlich genug. Außerdem war sie froh, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dass er fahren wollte, sie war müde. Also setzte sie sich ohne weiteres Murren auf den Beifahrersitz und schnallte sich an.
„Was...“ „Woh...“ begannen beide gleichzeitig und blickten sich daraufhin an. Er zwinkerte und nickte.
„Wohin entführst du mich zum Essen?“ fragte sie schmunzelnd.
„Wo immer du gerne hin möchtest.“ sagte er und sah sie an.
„Was hältst du von Chinesisch? Wir könnten uns unterwegs etwas mitnehmen und bei mir essen.“ schlug sie vor.
„Das klingt großartig.“ erwiderte und fuhr los.
„Du musst mir nicht nach dem Mund reden.“
„Nein ehrlich, Scully, Chinesisch klingt gut und ich mag deine Wohnung. Und du denkst an den Umweg, den ich so spare.“ Er blickte sie kurz von der Seite an, lächelte verschmitzt.
Sie konnte nicht anders, als es zu erwidern. Der Mann kannte sie wirklich gut, musste sie zugeben. *Ich könnte dich auf meinem Sofa schlafen lassen... Dann sparst du noch mehr Umwege.* Scully biss sich auf ihre Unterlippe und schloss einen Moment ihre Augen.
„Mulder?“
„Hm?“
„Was hast du heute gemacht?“ fragte sie.
„Ich bin Spuren in dem Fall gefolgt, aber es waren allesamt Sackgassen. Die Zeugenaussagen von den Leuten, die die Frau gefunden hatten, haben nichts erbracht. Ich tappe völlig im Dunkeln und kann nur hoffen, dass die Laboruntersuchungen etwas hergeben, mit dem ich arbeiten kann.“ sagte er und klang leicht verbittert. „Möchtest du etwas von Changs?“ fragte er nachdem sie nichts zu seinem Bericht sagte.
„Hm mh.“ machte sie und er blickte sie wieder kurz von der Seite an. Sie hatte ihren Kopf an die Stütze zurückgelehnt und die Augen geschlossen.

Scully wachte auf, als Mulder vor ihrem Apartmenthaus parkte. Im Innenraum des Autos hatte sich ein köstlicher Duft nach chinesischem Essen verteilt. Sie öffnete ihre Augen als Mulder sich eben näher zu ihr gelehnt hatte, um sie zu wecken. Seine rechte Hand blieb auf halben Weg zu ihrem Gesicht in der Luft hängen. Er schenkte ihr ein liebevolles Lächeln.
„Hey.“ sagte er leise und zog seine Hand zurück.
Scully blinzelte einige Male und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
„Das Essen wird kalt werden.“ sprach er weiter und löste seinen Gurt, dann beeilte er sich auszusteigen und öffnete die Autotür auf ihrer Seite.
„Danke.“ murmelte sie und suchte das Schlüsselbund aus ihrer Handtasche. Mulder hatte die Tüten mit dem Essen vom Rücksitz geholt und das Auto abgeriegelt, nun folgte er ihr die wenigen Stufen hinauf zur Haustür, welche sie bereits aufschloss. „Das riecht köstlich.“
„Oh ja.“
Scully ging voran und öffnete ihre Wohnungstür. Ohne weitere Worte ließ sie ihn im Eingang ihrer Wohnung stehen. Sie stieg aus ihren Pumps und lief in die Küche.
Mulder hörte Wasser plätschern, als er ihrem Beispiel folgte und seine Schuhe ebenfalls im Eingangsbereich stehen ließ, dann folgte er ihr mit den Tüten in die Küche und stellte diese auf dem Tisch ab. Scully streckte sich gerade hoch um zwei Teller aus dem Hängeschrank zu nehmen, während er sich auch seine Hände wusch. Sie stellte die Teller auf den Tisch und drehte sich, um Besteck aus einer der Schubladen zu holen. Dabei stieß sie mit Mulder zusammen, der wohl dasselbe vorhatte. Scully strauchelte leicht. Er murmelte eine Entschuldigung und griff nach ihren Schultern, um sie zu stützen.
„Im Kühlschrank ist etwas zu trinken.“ sagte sie nur ohne ihn anzusehen und holte das Besteck heraus.
Mulders Bewegungen froren ein, er sah sie an. Sie legte das Besteck neben die Teller und drehte sich wieder zu den Hängeschränken um Gläser heraus zu holen.
„Scully.“ sagte er leise eindringlich und sie hielt inne um ihn fragend anzusehen.
Mulder sah sie genauso eindringlich an, wie seine Stimme geklungen hatte und sie musste schlucken.
„Was ist verkehrt?“ fragte er leise, immer noch eindringlich klingend.
„Ich weiß nicht, was du meinst...“ erwiderte sie.
Er nickte. „Doch, du weißt es, das hier... irgendetwas ist ...verkehrt.“ Er wedelte mit seiner rechten Hand zwischen ihnen hin und her.
Sie schüttelte energisch ihren Kopf. „Ich weiß nicht, was du meinst.“ wiederholte sie.
Er trat näher an sie heran.
Scully starrte ihn an und versuchte seinem Blick standzuhalten.
Mulder kam ihr noch näher und drang in ihren persönlichen Raum ein. Er musste seinen Kopf senken, um ihr weiterhin in die Augen sehen zu können.
Scully öffnete ihren Mund, der sich plötzlich trocken anfühlte und konnte nur zurückstarren.
Er griff nach ihr und legte seine Hände sanft auf ihre Schultern, wie er es einige Momente vorher schon getan hatte um sie zu stützen, und kam noch dichter an sie heran.
Sie sah ihn weiterhin an, fühlte sich nicht in der Lage, sich seinem Blick zu entziehen.
Sein Blick wanderte von ihren Augen auf ihre Lippen und wieder zurück.
Endlich schaffte sie es, sich aus seinem Bann zu lösen und eine kleine Rückwärtsbewegung zu machen.
Er folgte ihrer Bewegung, seine linke Hand lag weiterhin locker auf ihrer Schulter, doch seine rechte Hand rutschte langsam ihren Arm herab und zwängte sich schließlich an ihrem Arm vorbei und fasste nach ihrer Hüfte.
„Mulder.“ keuchte sie leise. „Was tust du?“ Sie wollte sich ihm ein weiteres Mal entwinden.
Er senkte lediglich seinen Kopf noch näher an ihren heran und sie sah, wie er seine Augen schloss. Das Nächste was sie spürte waren seine Lippen, die ihre Wange streiften.
Sie schloss ihre Augen, seufzte und drehte ihren Kopf, so dass ihre Lippen seine berührten.
Es war nicht wirklich ein Kuss. Keiner von ihnen vertiefte die sanfte Berührung. Nur seine rechte Hand an ihrer Hüfte zog sie etwas fester an sich heran.
Scully löste sich einige Zentimeter von ihm und suchte seinen Blick.
Er blickte in ihre Augen. „Ich möchte dich richtig küssen.“ flüsterte er und legte seine Lippen wieder auf ihre.
Sie seufzte leise und diesmal erwiderte sie die Berührung seiner Lippen auf ihren mit mehr Kraft. Nach einem langen Moment drehte sie ihren Kopf weg, lies sich auf ihre Fußsohlen sinken, fragte sich abwesend, wann sie sich auf ihre Zehenspitzen gestellt hatte, und flüsterte „Ich habe immer noch Hunger.“
Er nickte und ließ sie los.
Sie zog sich zurück und ging ein wenig um ihn herum, um endlich das herrlich duftende Essen auf die Teller zu verteilen.
Mulder holte für sie ein stilles Wasser und für sich Eistee aus dem Kühlschrank. Er musste wissen, dass sie den Eistee nur für ihn vorrätig hatte, denn er lächelte sie kurz gedankenverloren an.
Scully presste ihre Lippen aufeinander und leckte dann kurz mit ihrer Zungenspitze über ihre Unterlippe, sie schmeckte noch leicht nach seinen Lippen, und sie fühlte sich seltsam leicht. Sie spürte, dass ihr Herz zu schnell schlug, ihre Wangen fühlten sich heiß an und sie war sicher, dass sie eine leichte rötliche Färbung angenommen hatten. Aus ihren Augenwinkeln versuchte sie ihn zu beobachten.
Er stellte eben die Getränke auf den Tisch und begann ihre Gläser zu füllen, während sie einen Teller mit Essen in seine Richtung schob. Ein kratzendes Geräusch ließ sie aufblicken und sie sah, wie er seinen Stuhl näher an ihren heranschob. Wieder lächelte er und sah dabei so verlegen aus, dass ihr Herz einen Schlag aussetzte.
Scully setzte sich, um ihre wackeligen Knie zu beruhigen und zog sich den zweiten Teller näher heran. Sie griff nach dem Besteck und hob einen ersten kleinen Bissen an ihren Mund. Sie schob sich den Bissen langsam in den Mund und schloss kurz ihre Augen, als sie Mulder dicht neben sich spürte. Er berührte mit seinem Arm ihren und begann ebenfalls zu essen.
Sie redeten nicht. Sie sahen sich nicht einmal an. Nur die sanften Berührungen ihrer Arme verursachten leise raschelnde Geräusche. Und ihr Kühlschrank brummte.
Mulder legte sein Besteck quer über seinen Teller, als er fertig war und wandte sich ihr zu, um zu beobachten, wie sie ihre letzten Bissen nahm.
Scully leckte sich gerade ein wenig ölige Soße von den Lippen, als er nach ihren Kinn griff und bevor sie nachdenken oder reagieren konnte, küsste er sie. Ihr Besteck klapperte laut auf ihren Teller herunter, als es aus ihren Fingern rutschte. Sie zuckte zusammen als sie spürte, wie seine Zunge zärtlich über ihre Lippen glitt und endlich gab sie den letzten Widerstand auf und öffnete ihre Lippen.
Der Kuss wurde intensiv, blieb dabei aber langsam und zärtlich.
Scully bedauerte es, als er den Kuss brach und ihr tief in die Augen blickte. „Ich werde jetzt gehen.“ sagte er und seine Stimme klang ungewohnt rau. Dann stand er auf, nahm beide Teller und stellte sie in ihre Spüle. Scully beobachtete, wie er sein Glas leerte und ebenfalls in die Spüle stellte. Sie hatte noch nichts gesagt, erhob sich aber und folgte ihm schließlich zur Tür, wo er seine Schuhe anzog und sich noch einmal zu ihr drehte. „Schlaf gut.“ flüsterte er. „Ich hole dich 7:00 Uhr ab.“
Scully nickte und schloss hinter ihm die Tür und verriegelte sie. Endlich ließ sie die Luft, die sich in ihren Lungen gefangen hatte, raus und ging in die Küche zurück um fertig aufzuräumen.
An diesem Abend fiel es ihr schwer den dringend benötigten Schlaf zu finden.

nächster Morgen, 6:50 Uhr
Scullys Apartment

Dana Scully wuselte vom Badezimmer in die Küche. Sie hatte nicht wirklich verschlafen, war aber viel zu spät wach geworden, weil sie ihren Wecker überhört hatte. *Oder habe ich den Wecker im Halbschlaf ausgemacht?* überlegte sie gerade, als sie ihre Kaffeemaschine davon überzeugen wollte, schneller zu arbeiten und es gleichzeitig an ihrer Tür klopfte. *Pünktlich. Ausgerechnet heute kommt er pünktlich. Will er mich damit beeindrucken?* dachte sie und eilte zur Tür. *Du meine Güte, beruhige dich Dana.* dachte sie weiter und sie bemerkte, dass ihre Hände zitterten, als sie den Riegel von der Tür lösen wollte und zwei Versuche dafür benötigte. Sie öffnete die Tür und drehte sich auf dem Absatz herum, um wieder zurück in die Küche zu eilen.
„Komm rein.“ rief sie über ihre Schulter. „Mein Kaffee ist gleich durch. Entschuldige. Ich brauche noch einen Moment. Möchtest du auch einen?“ Sie hörte wie die Tür zuklappte, sah sich aber nicht um.
„Guten Morgen. Gerne, wenn du einen übrig hast.“ hörte sie ihn hinter sich sagen.
*Wenn er gestern geblieben wäre, hätte das eine Menge Hektik gespart.* dachte sie und biss sich gleichzeitig auf ihre Unterlippe. Er hatte sie am vorigen Abend völlig durcheinander gebracht. Sie konnte lange nicht einschlafen und fragte sich unentwegt, was zum Teufel mit ihr los war. *Es ist Mulder. Herr Gott noch mal. Und wir wollen eine Beziehung vorspielen, um die Schattenmänner aus der Reserve zu locken.* Ihre Gefühle fuhren Achterbahn und scherten sich einen Dreck darum, dass sie es spielen sollte und sie konnte an Mulder keinerlei Anzeichen dafür entdecken, dass es ihm genauso ging. Er wirkte gelassen und entspannt, als sei es das normalste der Welt, sie zu küssen.
Scully holte zwei Tassen aus dem Schrank und stellte sie neben der Kaffeemaschine auf, bereitete beide vor, wie sie es beide mochten. Er nahm ein wenig Zucker, sie nur ein wenig Sahne dazu.
Sie hatten eigentlich schon lange eine sehr enge Beziehung zueinander, überlegte Scully weiter. Sie waren sich näher, als es sonst jemand war, in ihr beider Leben. Sie presste ihre Lippen aufeinander und starrte die Kaffeemaschine an, als würde sie diese so dazu bringen, schneller zu arbeiten.
„Scully?“ fragte er leise und stand plötzlich unmittelbar hinter ihr. „Geht es dir gut?“ fragte er weiter und drehte sie zu sich herum, indem er sie mit seinen Händen an ihren Schultern dirigierte.
„Sicher. Sicher, Mulder.“ sagte sie abwesend und versuchte die Unruhe aus ihrer Stimme zu verbannen. Sie schalt sich erneut in Gedanken, sich endlich zusammen zu reißen, und sah ihm in die Augen. „Du siehst müde aus.“ sagte sie ohne nachzudenken und eine kleine Sorgenfalte entstand zwischen ihren Augen.
„Ich habe schlecht geschlafen.“ murmelte er und endlich erkannte sie, dass er genauso abwesend klang, wie sie sich fühlte.
„Warum hast du mich nicht angerufen?“ fragte sie weiter und ihre Sorgenfalte wurde noch etwas tiefer.
„Du warst so müde gestern. Und ich hatte dir schon so viel...“ er unterbrach sich selber und schüttelte seinen Kopf.
„Später...“ flüsterte sie fast wortlos, als sie verstand, dass die ganze Situation auch ihn sehr beschäftigte und sie beide dringend miteinander sprechen mussten.
Mulder nickte. Dann reichte er an ihr vorbei, hinter sie, zu der Kaffeekanne, die endlich den fertigen Kaffee bereithielt, und goss diesen in die beiden Tassen. Er stellte die Kanne zurück und reichte ihr ihre Tasse, nahm sich die andere und rückte ein Stück von ihr weg. Dann hob er die Tasse und nahm einen vorsichtigen ersten Schluck und brummte. „Gut.“ sagte er und Scully folgte seinem Beispiel.
„Mhm, der erste Schluck ist der Beste.“ sagte sie und schloss ihre Augen.
Mulder stellte seine Tasse auf die Arbeitsfläche zurück, dann nahm er Scully ihre Tasse ab und stellte sie zu seiner, trat weiter in ihren persönlichen Raum, beugte sich zu ihr herab und umfasste ihr Gesicht mit seinen Händen. Er küsste sie.
„Ja, der erste ist der Beste.“ sagte er leise nickend, nachdem er den Kuss wieder gelöst hatte. Scully legte ihre Finger auf ihre Lippen und starrte ihn überrumpelt an, was ihm ein weiteres Lächeln entlockte. Er beugte sich ein zweites Mal zu ihr herab, umarmte sie diesmal zärtlich und flüsterte in ihr Ohr. „Mir ist heute Morgen jemand gefolgt. Wir werden beobachtet.“ Er küsste ihr Ohr und lockerte die Umarmung.
Scully nickte kaum sichtbar und sammelte sich. Sie brachte ein Lächeln zustande, das glücklich aussehen sollte und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. Ihre Hände zitterten und sie hoffte, dass Mulder es nicht bemerkte. Falls er es tat, ignorierte er es, denn er griff wieder nach seiner Tasse, grinste sie schelmisch an und trank auf einen Zug seine Tasse leer.
Endlich hatte sich Scully unter Kontrolle und trank ebenfalls ihre Tasse in einem Zug leer.
„Bist du soweit?“ fragte er dann und sie bejahte.

Eine knappe Stunde später
Quantico, Parkplatz-Gelände

„Ich werde mich bei Agent Murdock anwesend melden, dann habe ich sicher einen Augenblick Zeit nach den Laborergebnissen zu sehen.“ sagte sie, als Mulder sein Auto parkte.
„In Ordnung.“
Scully beobachtete ihn von der Seite.
Er zog den Schlüssel aus dem Anlasser und drehte sich zu ihr, um sie anzusehen, nebenbei schnallte er sich ab. Er wirkte ernst und professionell, aber Scully sah, dass es Fassade war. *Er grübelt.* dachte sie. Während der Fahrt hatte er kaum gesprochen. Es war eine gewisse Körperspannung, die sie immer dann an ihm beobachten konnte, wenn er irgendeiner Form von Stress ausgesetzt war. Als würde er ständig zum Sprung bereit sein.
Scully hielt seinem Blick nicht stand, schallte sich selber ab und stieg aus.
Gemeinsam gingen sie auf das Gebäude zu. Nebeneinander, wie sie es immer taten. Sie bemühte sich schneller zu gehen, er zügelte seine ausladenden Schritte ein wenig, damit er sie nicht abhängte. An der Tür wartete sie kurz, bis er diese geöffnet hatte und ging vor ihm durch, seine Hand lag auf ihrem unteren Rücken.
Scully spürte ein Kribbeln, das sie nicht kannte. Sie hatten nicht nachgedacht, sie gingen immer so nebeneinander. Er schob sie oft auf diese Weise durch Türen. Sie wollte nicht, dass es sich änderte. Sie mochte den Gedanken nicht, dass sich etwas Vertrautes, das ihr stets ein Gefühl von Sicherheit gegeben hatte, änderte. Sie begrüßte seine Nähe, aber seit dem vergangenen Abend und diesem Morgen, fühlte sie sich auch seltsam angespannt. Sie fragte sich gerade abwesend, ob es dieselbe Anspannung war, die sie in seiner Körpersprache lesen konnte und überlegte weiter, ob dies auch Leuten auffallen würde, die sie nicht kannten. Oder den Leuten, die sie zu beobachten schienen. Mulder hatte sie mit seinen Augen auf das Auto aufmerksam gemacht, das ihm anscheinend schon auf dem Weg zu ihr gefolgt war. Der Wagen war ihnen zwar nicht auf den Parkplatz gefolgt, aber Scully konnte bestätigen, dass der Wagen nicht nur zufällig in dieselbe Richtung fuhr.
Sie unterbrach ihre Gedankengänge, als sie an der Bürotür von Agent Murdock anlangten. Sie sah kurz über ihre Schulter zu Mulder auf, um Augenkontakt herzustellen. Er erwiderte den Blick warm und sie brach den Kontakt um zu klopfen.
„Herein.“ tönte es dumpf und Scully betrat das Büro, während Mulder draußen auf sie wartete.

Wenige Minuten später erschien sie wieder. Ihre Mimik und Körperhaltung professionell wie immer.
„Ich habe eine halbe Stunde Zeit bis zu meiner ersten Autopsie.“ sagte sie ruhig und ging voran in Richtung der Labore.
„Wie stehen die Chancen, dass Ergebnisse da sind?“ fragte er, wohl mehr um eine Unterhaltung in Gang zu bringen.
Scully zuckte ganz leicht ihre Schultern. „Eigentlich ganz gut. Die Jungs sind schnell, wenn die Sache dringend genug erscheint und dafür habe ich gesorgt.“ antwortete sie und zwinkerte ihn kurz an. Er hielt ihr gerade eine Tür auf und folgte ihr dann, wieder mit dem Hauch eines Grinsens um seine Lippen.

Mit einer tiefen Sorgenfalte über ihrem Gesicht las Scully den toxikologischen Bericht. Mulder sah sie an und versuchte zu verstehen, was sie so beunruhigte, aber er wurde nicht wirklich schlau aus den vielen Abkürzungen und Zahlen. „Haben wir etwas?“ fragte er ungeduldig.
„Ich bin mir nicht ganz sicher.“ murmelte Scully und blätterte um. „Das hier ist merkwürdig.“
„Was?“
„Hier.“ sie deutete auf eine bestimmte Zeile. „Sie scheint dieselben Stoffe in ihrem Blut gehabt zu haben, wie diese Jugendlichen damals, aber ...“
„Aber? Scully, rede mit mir.“ drängte er.
„Um sicher zu gehen, brauche ich meine Unterlagen aus den Akten.“ Scully biss sich auf die Lippen und sah Mulder an.
Er nickte finster. „Ich besorge die Akte und hole dich mittags ab. Schaffst du deine Autopsie bis dahin?“
„Ja, werde ich.“
„Gut. Danke Scully.“
„Wofür bedankst du dich?“ lächelte sie leicht irritiert.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als er sie jungenhaft angrinste. „Bis später.“ sagte er dann leise, beugte sich zu ihr herab und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf ihre Wange.
Scully sah ihm nach, wie er davon eilte und drehte sich dann selber, um den Weg zu den Autopsie-Räumen einzuschlagen.

13:10 Uhr
Quantico, Autopsie-Raum 3

In dem Moment, wo Scully ihre Handschuhe und Kittel in den vorgesehen Eimer warf, betrat Mulder den Raum.
„Hey.“ sagte er leise und trat auf sie zu.
„Selber hey.“ erwiderte sie.
„Ich habe schlechte Neuigkeiten... Ich konnte die Akte nicht finden, das Büro ist seit zwei Tagen ein einziges großes Durcheinander.“
Scully nickte und sah ihn an. „Schön, dass sich einige Dinge nie ändern.“
Er erwiderte ihren Blick und lachte leise, wurde aber recht schnell wieder ernst. „Wir haben hier also etwas. Nur was?“
Scully presste ihre Lippen aufeinander und blickte kurz über ihre Schulter, wo im Hintergrund Agent Murdock damit beschäftigt war, Dinge hin und her zu räumen. Schließlich sah sie zu ihm auf und suchte Augenkontakt. „Ich bin etwas hungrig.“ sagte sie dann leiser.
„Hast du genug Zeit um auswärts zu Mittag zu essen?“
„Für heute habe ich keine weiteren Autopsien mehr und kann dich in deinem Fall unterstützen. Ich müsste mich nur bei A.D. Wills abmelden und möglicher Weise für Notfälle bereit stehen.“
„In Ordnung. Das ist gut, ich kann deine Hilfe brauchen. Soll ich dich begleiten?“
Scully nickte. „Ja, das würde deine Dringlichkeit unterstreichen.“
Er lächelte und schob sie aus der Tür.

13:45 Uhr
Quantico

„Jetzt haben wir schon wieder die Frage mit den Autos.“ stellte er trocken fest und sah in ihr Gesicht, ein schelmisches Grinsen in den Augen.
„Sag es, Mulder.“
„Keine Diskussion, Scully?“ fragte er leicht erstaunt, sie leicht herausfordernd, was sie kurz lächeln ließ.
„Nein, keine Diskussion heute.“ schüttelte sie ihren Kopf und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihr der Wind hineingeblasen hatte.
„Wo ist deine Kampfeslust, Scully?“
„In meinem leeren Magen.“
„Uh, verstehe, dann sollten wir uns beeilen.“ zwinkerte er und wies ihr die Richtung zu seinem blauen Ford Taurus.

„Was hat dich heute Morgen so beunruhigt, als du den toxikologischen Bericht gelesen hast?“ fragte er, als sie gerade in das Auto stiegen und sich beide anschnallten.
Scully sah zu ihm hinüber. „Sie schien dieselben Stoffe im Blut zu haben, wie die Jugendlichen…“
Mulder nickte, wartete, dass sie weiter reden würde.
„...aber außerdem war noch etwas... Sie...“ Scully stockte und sah ihn eindringlich an, formte mit ihren Lippen die Frage, wie sicher es war hier im Auto weiter zu sprechen.
Er schüttelte den Kopf und nickte kurz darauf und beugte sich an ihr Ohr. „Im Restaurant.“ raunte er und zog sich auch schon wieder zurück um das Auto zu starten.

14:30 Uhr
Restaurant „Zum blauen Tor“, Washington D.C.

Scully und Mulder hatten sich einen Tisch an einer Wand ausgesucht, von dem sie den größten Teil des Restaurants überblicken konnten. Da die Hauptmittagszeit vorbei war, war das Restaurant relativ spärlich besucht und die Bedienung schnell zu ihnen an den Tisch gekommen, um schon einmal ihre Getränkebestellung aufzunehmen. Nachdem die Bedienung gegangen war, sah Scully über den Tisch Mulder an.
„Sie war schwanger.“ sagte sie und biss sich kurz auf die Unterlippe. Sie hatte ihren Blick gesenkt und sah auf das Tischtuch vor sich.
Mulder griff nach ihrer Hand und drückte sie sanft.
Scully fuhr fort. „Wahrscheinlich wusste sie es noch nicht. Es war im Grunde nur ein großer Zellklumpen und ich weiß es von den Blutuntersuchungen... Ich meine, ich habe keinen... Embryo gefunden...“ Scully schluckte und sah dann wieder auf, um seinem warmen Blick zu begegnen und sah dann zu der Bedienung, die dankbarer Weise eben wieder zu ihrem Tisch kam und die Getränke brachte.
„Haben Sie schon gewählt, was Sie essen möchten?“ wollte sie freundlich wissen.
„Äh... Nein. Ein paar Minuten brauchen wir noch, danke.“ sagte Mulder und die Bedienung zog sich zurück. Scully griff nach der Speisekarte und versuchte Mulders Blick, der auf ihr ruhte, zu ignorieren.
„Dana.“ sagte er leise und sie sah ihn an.
Scully schüttelte ihren Kopf, als Zeichen, dass sie das Thema jetzt nicht vertiefen wollte. Sie spürte weiterhin seinen intensiven Blick auf ihr. „Wir sollten versuchen heraus zu finden, wer sie war und ob eine Verbindung zu dem Fall in Wisconsin besteht.“ stellte sie fest und hatte jegliche Emotionen aus ihrer Stimme verbannt.
„Das werden wir.“ erwiderte er und sie bildete sich ein, dass er sanfter klang als gewöhnlich. Sie versuchte dennoch, ihn nicht direkt anzusehen und wieder rettete die Bedienung Scully aus ihrer unangenehmen Lage, indem sie wieder an ihren Tisch trat.
Mulder fragte Scully, ob sie soweit wäre und lies sie zuerst bestellen. Nachdem die Bedienung wieder den Tisch in Richtung Küche verließ, reichte er mit seiner rechten Hand über den Tisch nach ihrer linken. Scully zuckte bei dem zarten Kontakt zusammen und sah nun doch auf. Traf seinen Blick.
„Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen.“ sagte er leise. „Ich wünschte, ich wäre dort gewesen, oder nur ein wenig eher zu Hause. Ich...“
„Mulder!“ sie schüttelte ihren Kopf. „Nicht.“ sagte sie leise. „Es war nicht deine Schuld. Bitte hör auf damit, darüber nachzudenken.“
Sie sah, wie er mit sich kämpfte und endlich langsam nickte.
„Ich würde nichts ändern wollen.“ fuhr sie leise fort. „Alles geschieht aus einem bestimmten Grund. Ich möchte daran glauben. Und ...“ Scully machte eine Pause und zog ihre Stirn in Falten, als sie über ihre folgenden Worte nachdachte. „Ich... Du hast mich gerettet.“ Sie flüsterte nun. „Ich habe es dir nie erzählt... Aber ich habe deine Stimme gehört und gehört, dass du mich brauchst, also habe ich darum gekämpft zu dir zurück zu kommen.“ Sie sah ihn weiterhin an und diesmal war er es, der den Blickkontakt brach.
Scully drehte ihre Hand und umfasste seine, sie sachte drückend. Sie sah wie er seinen Blick wieder hob, um ihr wieder in die Augen zu sehen. Sie lächelte langsam, sanft.
Er erwiderte es, genauso langsam und fragte flüsternd. „Was ist bloß los mit uns?“
Scully lächelte etwas breiter und flüsterte. „Die ganze Sache mit... unserer Beziehung, denke ich.“
„Ja.“ flüsterte er und klang kratzig.
„Ich habe das Gefühl auf rohen Eierschalen zu laufen.“
„Ja.“
„Ich kann nicht sagen, wo ... Wo die Grenze verschwimmt. Das irritiert mich, Mulder.“ hauchte sie und sah ihn nicken.
„Ich weiß“ sagte er, und klang immer noch kratzig. „Aber...“
Scully nickte. „Der Plan ist gut.“ flüsterte sie weiter.
„Wird es zu ... authentisch?“ fragte er leise.
„Sollen wir eine letzte Grenze festlegen?“ fragte sie zurück und versuchte in seinen Augen zu lesen.
„Müssen wir das?“ fragte er leise zurück.
„Warum ist das plötzlich ein Thema zwischen uns?“ fragte sie und blickte ihn weiter intensiv an.
Er hielt den Augenkontakt, sagte aber nichts.
Die Bedienung kam und brachte das Essen. Sie aßen schweigend. Scully hielt ihren Blick auf ihren Teller gerichtet und sah nur ab und an flüchtig über den Tisch zu Mulder. Er wirkte weit weg in Gedanken und sie wollte wissen wo er war, traute sich aber nicht ihn zu fragen, aus Angst vor seiner Antwort. Sie fiel in eigene grüblerische Gedanken, die sie fast alles um sich herum vergessen ließen. Sie erschrak, als sie plötzlich seine leise Stimme und Berührung an ihrer Hand wahrnahm.
„Scully?“ Sie sah in seine Augen, dann bemerkte sie endlich die Bedienung neben ihrem Tisch und wand sich, verkrampft lächelnd, zu ihr um.
„Brauchen Sie noch etwas?“ fragte die Bedienung.
Scully schüttelte ihren Kopf. „Nein.“ Dann sah sie wieder zu Mulder, der nun ebenfalls seinen Kopf schüttelte.
„Die Rechnung bitte.“ sagte er und die Bedienung eilte ein weiteres Mal davon. Kam kurz darauf wieder und Mulder bezahlte ohne auf Scullys Proteste einzugehen. „Komm.“ sagte er, nachdem alles bezahlt war. Er reichte Scully die Hand und zog sie auf ihre Füße, dann dicht an sich heran und küsste sie schließlich kurz und sanft auf ihre Lippen. „Ich möchte keine Grenzen zwischen uns.“ flüsterte er in ihr Ohr.
Scully hielt ihren Atem an und versuchte sich ein Stück von ihm zu entfernen, um in seine Augen sehen zu können.
„Ich auch nicht.“ brachte sie endlich heraus, griff in seinen Nacken und zog ihn wieder dichter an sich. Diesmal küsste sie ihn sanft auf seine Lippen und der Kuss gewann an Intensität.
Die Bedienung räusperte sich neben ihnen.
„Wie gehen besser.“ stellte er leise fest. Scully nickte und sah sich unsicher im Restaurant um. Mehrere Gäste hatten sie beobachtet und sie spürte, wie sie errötete. Sie sah zu Mulder, der nun grinste und sie aus dem Restaurant heraus dirigierte.
Vor der Tür musste Scully erstmal tief Luft holen. Er lachte leise und zog sie wieder an sich. „Gott, du bist süß, wenn du rot wirst.“ sagte er und sie spürte noch mehr Hitze in ihre Wangen kriechen.
„Lass uns verschwinden.“ murmelte sie unglücklich, was ihn weiter schmunzeln ließ.

15:35 Uhr
J. Edgar Hoover Gebäude, Washington D.C.

„Ich möchte dich warnen.“ murmelte Mulder leise in Scullys Ohr. Sie fuhren gerade mit dem Fahrstuhl in den Keller, waren aber nicht allein in der Kabine. Der Fahrstuhl war fast voll gefüllt mit Agenten, die wahrscheinlich auf dem Weg nach draußen waren.
Scully sah zu ihm auf und schmunzelte sachte.
Der Fahrstuhl hielt mit einem leichten Rucken und mit einem Pling öffneten sich die Türen und die Kabine leerte sich. Mulder und Scully blieben allein zurück.
„Als ich vorhin sagte, unser... mein Büro sähe chaotisch aus, meinte ich das auch...“ sagte er.
„So schlimm wird es nicht sein. Ich habe viel Zeit dort mit dir verbracht.“ erwiderte sie leise, obwohl sie allein waren.
Wieder hielt der Fahrstuhl mit einem sanften Rucken und einem Pling an und Scully verließ vor Mulder die Kabine und schlug den vertrauten Weg zu seinem Büro ein. *Nun ist es wirklich wieder sein Büro, nicht mehr unseres.* dachte sie mit einem komischen Gefühl im Magen.
Scullys Pumps verursachten ein relativ lautes Klacken auf dem Bodenbelag, bis sie vor der Bürotür anhielt und darauf wartete, dass er die Tür öffnete.
Sie betrat kurz hinter ihm den kleinen Raum und blieb erst einmal stehen.
„Oh Gott.“ hauchte sie. „Ist hier etwas explodiert?“
„Der Kopierer.“ versuchte Mulder trocken einen Witz aus dem Chaos zu machen, das Scully optisch erschlug.
„A…Aber...“ stotterte sie.
„Ich hatte zwei Tage ohne dich hier unten.“ versuchte er eine Entschuldigung zu murmeln und als Scully sah, dass es ihm wirklich unangenehm zu sein schien, konnte sie nicht anders als zu lachen.
„Oh Mulder.“ sagte sie dann heiter. „Lass uns aufräumen.“
Er grinste erleichtert.

Eine halbe Stunde später hatten sie alle losen Papiere wieder in die richtigen Mappen und Akten geordnet und Mulder reichte ihr eine nach der anderen, während sie, vor dem Schrank kniend, die Akten wieder in den Schrank sortierte.
Sie hielten inne, als das Telefon klingelte und Mulder den Anruf entgegen nahm. Scully beobachtete wie seine Körperspannung zunahm und sein Gesichtsausdruck ernst wurde. Aus seinen Einsilbigen Antworten konnte sie keine großen Schlüsse ziehen, aber seine deutlich sichtbare Körperspannung übertrug sich und sie erhob sich. „Ja Sir. Wir kommen sofort rauf zu Ihnen.“ sagte Mulder und legte den Hörer wieder auf. Er sah zu ihr. „Skinner will uns sehen. Irgendwas mit Wills.“ sagte er ernst.
Scully verspannte sich kurz und nach einem tiefen Atemzug war sie die Professionalität in Person und nickte Mulder zu, um ihm zu zeigen, dass sie bereit war.

Zehn Minuten später saßen sie bei Assistent Direktor Skinner im Büro. Scully rutschte für etwa zwei Sekunden unbehaglich in ihrem Sessel hin und her. Sie spürte Mulders Blick auf sich ruhen und hielt still. Er saß rechts neben ihr. *Eigentlich sitzen wir hier wie immer.* dachte sie. *Wenn wir die letzten zwei oder drei Tage vergessen.*
„Agent Scully...“ begann Skinner und sie sah zu ihm. Ihr Gesicht zeigte kaum eine Regung. Sie wollte weder Skinner noch Mulder zeigen, wie angespannt sie war, obwohl sie sich ziemlich sicher war, dass Mulder sie durchschaut hatte. Sie machte sich keine Sorgen um ihren Job, aber irgendetwas war im Argen, und dass sie nicht wusste in welche Richtung sich dieses Gespräch nun entwickeln würde, behagte ihr überhaupt nicht. „...jedenfalls ist Assistent Direktor Wills der Meinung, dass es effizienter wäre, wenn Sie wieder direkt mit Agent Mulder arbeiten würden. Solange die Ermittlungen zu dem Fall laufen, heißt das. Die Leiche im Blackwater-Fall. Er begründet das dadurch, dass Sie beide auch gemeinsam in dem Fall vor drei Jahren in Wisconsin ermittelt haben. Direktor Kersh ist über dieses „Hin und Her“, wie er es nannte, überhaupt nicht glücklich. Aber er konnte dem Argument von A.D. Wills auch nicht widersprechen. Aus diesem Grund werden Sie, Agent Scully, für die Dauer der Ermittlungen wieder hier im Hoover-Gebäude unter Agent Mulder arbeiten.“
Scully nickte emotionslos.
„Was ist mit Scullys privaten Gründen, aus denen Sie um eine Versetzung gebeten hatte?“ fragte Mulder ruhig.
Scully presste ihre Lippen ein wenig aufeinander, vermied es zu Mulder zu sehen und hielt ihren Blick weiterhin auf den Assistent Direktor gerichtet.
„Sobald Ihre Ermittlungen zu diesem Fall abgeschlossen sind, wird Agent Scully wieder nach Quantico versetzt. Streng genommen ist das ja auch jetzt der Fall. Lediglich die Arbeit an dem Blackwater-Fall und auch nur solange wie notwendig, werden Sie gezwungen sein hier im Hoover-Gebäude zu sein. Kommen Sie damit klar, Agent Scully?“ fragte Skinner, mehr für das Protokoll und den Schein.
„Ja, Sir.“ antwortete sie fest. *Die Scharade geht weiter.* dachte sie und blickte nun doch kurz zu Mulder hinüber. Sie begegnete seinem Blick und hielt diesen kurz, bevor sie wieder zu Assistent Direktor Skinner sah. Dieser sah zwischen ihnen hin und her.
„Machen Sie weiter.“ sagte Skinner abschließend und erhob sich zum Zeichen, dass das Gespräch beendet war. Scully und Mulder standen auf und verließen das Büro nach einer kurzen höflichen Verabschiedung.

Vor der Tür holte Scully tief Luft.
„Ich hatte schon sonst was gedacht.“ raunte ihr Mulder ins Ohr, während er neben ihr den Weg zum Fahrstuhl einschlug.
„Ich auch.“ sagte sie leise. „Aber sonst läuft alles wie ...“
„Ja.“ unterbrach er sie schnell. Und sie begegnete seinem warnenden Blick, als sie zu ihm aufsah.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich mit einem Pling und sie stiegen ein. Schweigend setzten sie ihren Weg zu Mulders Büro fort.

18:09 Uhr
Mulders Büro, J. Edgar Hoover-Gebäude

„Ich glaube, ich habe sie gefunden.“ sagte Scully in die konzentrierte Stille, die sich im Büro ausgebreitet hatte. Sie hatte an Mulders Computer nach Hinweisen zur Identität der Toten gesucht, während er sämtliche relevanten Daten des Falls noch einmal sichtete und in die neu anlegte Akte ordnete. Außerdem befasste er sich noch einmal mit der X-Akte von vor drei Jahren, wo sie in Delta Glen / Wisconsin ermittelt hatten.
„Wie?“ fragte er und kam zu ihr, stellte sich hinter sie, um über ihre Schulter hinweg auf den Bildschirm des Computers sehen zu können.
„Über die Blutergebnisse. Die Daten sind eher ungewöhnlich und ich habe die Datenbanken der Krankenversicherungen danach durchsucht und so bin ich auf sie hier gestoßen.“ Scully deutete auf den Bildschirm, wo eben das Bild einer Frau erschien, die der Toten aus dem Blackwater-Nationalpark auffallend ähnlich sah. „Kathryn Swan.“ las Scully laut den angegeben Namen vor. Ihr Finger strich über den Bereich des Bildschirms, von wo sie weiter ablas. „Anscheinend hat sie sich in Behandlung befunden und ihrem behandelnden Arzt schienen die Werte ebenfalls ungewöhnlich. Hier ist vermerkt, dass weitere Untersuchen stattfinden sollten, leider steht hier nicht, ob das geschehen ist.“ Scully hatte ihre Stirn in tiefe nachdenkliche Falten gelegt und sah über ihre Schulter zu Mulder auf. Sie traf seine Augen, die sie ruhig beobachteten.
„Etwas wage, aber etwas, dem wir folgen können.“ sagte er ruhig, sie weiterhin ansehend.
„Ich fürchte nur, heute werden wir niemanden mehr erreichen können. Weder in der Klinik, wo der Arzt praktiziert noch bei der Sozialversicherung.“
„Morgen also, vorher kommen wir nicht weiter.“
„Anscheinend nicht. Es sei denn...“
„Die drei Spinner.“ murmelte er leise in ihr Ohr. „Komm, verschwinden wir für heute von hier.“ sagte er dann lauter.
Scully nickte und wandte sich wieder dem Computer zu. Sie schloss die Programme und lies den Computer herunterfahren. Dann ging sie zu Mulder, der an der Tür bereits auf sie wartete. Er hatte sowohl sein Jackett, als auch ihren Blazer über seinen linken Arm gelegt und seine rechte Hand ruhte auf der Türklinke bis sie heran gekommen war, dann öffnete er die Tür und ließ ihr den Vortritt. Scully lächelte ihn kurz über ihre Schulter hinweg an und er erwiderte es, genauso kurz. Aber ihr Magen schlug trotzdem einen Purzelbaum und sie presste ihre Lippen fest aufeinander, während sie zu seinem Auto gingen, das in der Tiefgarage geparkt stand.
„Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dass mein Auto immer noch in Quantico steht.“ bemerkte sie.
„Keine Angst, ich bringe dich sicher nach Hause.“ sagte er.
„Das hatten wir schon.“ gab sie zurück.
„Ich kann dich auch zu deinem Auto bringen.“ Er klang ernst und Scully war sich sicher, dass er es sofort tun würde, sollte sie ihn darum bitten.
„Nein.“ sagte sie darum einfach. „Bring mich nach Hause.“
„Wohin immer du willst...“
Sie hatten sein Auto erreicht und stiegen ein. Weil sie es nicht laut sagen wollte, hielt sie drei Finger hoch und er nickte daraufhin und startete den Wagen.

20:09 Uhr
bei den Lone Gunmen, Washington D.C.

„Und jetzt wollt ihr wissen, was wir über diese Kathryn Swan herausfinden können?“ fragte Byers nach und sah abwechselnd von Mulder zu Scully. Mulder stand im Raum neben Langley, der bereits auf der Tastatur tippte, und Scully hielt sich im Hintergrund zurück. Sie lehnte mit ihrem Hinterteil gegen eine Tischkante, am Rande des vollgestopften Raumes. Hier gab es nur wenig Freiraum und man sah Scully jedes Mal an, dass sie sich nicht besonders gerne hier aufhielt.
Frohike trat neben sie und reichte ihr wortlos eine dampfende Tasse, aus der ein Teebeutelzettel heraushing.
„Danke.“ sagte sie leise.
„Ich habe gewusst, dass Sie einen haben wollen.“ sagte Frohike und zwinkerte ihr zu, drehte sich weg und verschwand im Nebenzimmer, wo er mit Geschirr klapperte.
Scully sah Frohike kurz nach und dann zu Mulder, der ihrem Blick begegnete, dann blickte sie zu Byers, der sie ebenfalls ansah.
„Ok, was ist sonst noch los?“ fragte Byers nach ein paar Minuten, die von ungemütlichem Schweigen geprägt war.
Scully schüttelte sachte ihren Kopf. Hielt die Tasse mit der linken Hand, während ihre rechte langsam den Teebeutel auf und ab bewegte. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Mulder ebenfalls langsam seinen Kopf schüttelte und sie beide abwechselnd von den Gunmen beobachtet wurden. Frohike war aus der Küche zurückgekehrt und setzte sich schulterzuckend an seinen Arbeitsplatz.
Scully pustete etwas Dampf vom Rand ihrer Tasse weg und Mulder ließ ergeben seine Schultern hängen.
„Lasst es gut sein, Jungs.“ sagte Mulder leise und stellte sich neben Scully.
Sie sah kurz zu ihm auf, dann schien ihre Tasse wieder die Geheimnisse des Universums zu beherbergen.
„Langley, wann wirst du etwas wissen?“ fragte Mulder und schaute dabei auf seine Armbanduhr.
„Morgen werde ich sicher was sagen können. Was ist los Mulder? Musst du schon ins Bettchen?“ fragte Langley spöttisch.
„Ja.“ sagte Mulder völlig ohne Humor in seiner Stimme. Er nahm Scully die Tasse aus der Hand und schob sie mehr oder weniger zur Tür hinaus. Scully spürte die Blicke der Gunmen, bis die Tür hinter ihnen geschlossen war.
„Jetzt sind sie ganz sicher nicht mehr misstrauisch.“ stellte sie sarkastisch fest.
„Die sind immer misstrauisch. Aber ich traue mir selber nicht mehr.“ sagte er leise. „Und der Tag war lang, komm ich fahre dich nach Hause.“
„Aber hier waren wenigstens keine Wanzen.“
„Keine von uns und keine von den Schattenmännern, aber mit Sicherheit welche von den Jungs.“ erwiderte er düster.
Scully seufzte leise und sah Mulder dann an. Er erwiderte ihren Blick ruhig und legte dann seinen Arm um ihre Schultern, bevor er sich zu ihrem Ohr beugte und flüsterte.
„Wenn du ihnen keine Show liefern möchtest, lass uns gehen.“ und noch leiser setzte er nach „Ich muss dich gleich küssen, wenn du mich weiterhin so ansiehst.“
„Mulder...“ hauchte sie heraus und wollte empört klingen, tat es aber nicht im Geringsten. Stattdessen nahmen ihre Wangen eine rötliche Färbung an. „Bring mich nach Hause.“ sagte sie endlich und spürte noch mehr Hitze in sich aufsteigen. *Das Spiel entgleitet mir...* dachte sie bitter.
„Ja.“ sagte er leise und sah ihr weiter in die Augen ohne sich zu bewegen.
„Bitte...“ flüsterte sie nun eindringlich und löste so seine Starre.
„Ja, natürlich.“ sagte er leise, aber nicht mehr flüsternd. „Ich würde aber gern einen Umweg machen, Dana.“ damit lief er endlich los.
Scully stand noch einen kleinen Augenblick steif da und folgte ihm schließlich zum Auto.

Scully starrte aus dem Autofenster und versuchte ihre rasenden Gedanken zu lenken. Es gelang ihr nicht. Sie konnte keinen Gedanken länger halten und tausend verschiedene jagten durch ihre Synapsen, so dass ihr beinahe schwindlig wurde. Oder war etwas anderes die Ursache dafür? Genau diesen Gedanken, oder auch nur die wage Richtung, wollte sie nicht festhalten. Sie schloss ihre Augen und konzentrierte sich auf die Straßenschilder. Vielleicht konnte sie herausfinden, wohin Mulder mit ihr wollte. Er hatte nichts mehr gesprochen. Sie fuhren nach Osten. Grob stimmte die Richtung mit Georgetown überein, aber kurz vor der Landzunge bog Mulder nach Norden ab und folgte dem Highway, der an der Küste entlang führte. Dann bog er wieder ab und hielt direkt an einem Küstenabschnitt, der zwar in der Nähe des Highways lag, aber wohl nur wenig besucht wurde, und wenn, dann nicht um diese Tageszeit. Die Sonne war untergegangen und sie hörte es ruhig in der grauen Bucht plätschern. Man konnte das Wasser fast nicht sehen, der Himmel war bewölkt und es ging nur wenig Wind. Es war ruhig in der Dämmerung.
Scully sah zu Mulder hinüber, der nur wortlos den Motor abstellte und dann ausstieg. Sie beobachtete, wie er sich einige wenige Schritte vom Auto entfernte und sich dann in den Kies setzte. Sie folgte ihm und setzte sich neben ihn.
„Es gibt schönere Strände.“ sagte er leise. „Aber ab und zu komme ich hierher, wenn ich nachdenken muss. Und bin fast immer allein, was ungemein hilft.“
„Ja.“ bestätigte sie leise.
„Und...“ sagte er leise und beugte sich zu ihr „...hier gibt es keine Wanzen. Niemanden der uns zuhört.“
Scully atmete durch. „Danke.“ sagte sie einfach und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
Sie spürte wie er sich ein wenig drehte, sein Kinn auf ihren Kopf legte und ebenfalls tief durchatmete.
„Hast du Kopfschmerzen?“ fragte er leise und sein Arm schlängelte sich um ihre Schulter, um sie näher an sich zu drücken.
„Ja.“ sagte sie und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie aufgewühlt war.
„Was kann ich tun?“ fragte er.
„Du hast gerade etwas sehr Gutes getan.“ antwortete sie. „Lass uns einen Moment hierbleiben. Ich mag deinen Umweg.“ murmelte sie und schloss ihre Augen. Sie roch das Meereswasser und schwach Mulders Körpergeruch. Es war angenehm und sie entspannte.

„Scully?“ flüsterte er leise.
„Mhmm.“
„Es wird zu kühl, du kannst hier nicht schlafen.“ flüsterte er weiter und ehe sie reagieren konnte hob er sie auf und stapfte zum Auto.
„Lass mich runter.“ murmelte sie schlaftrunken und fragte sich, wo sie war. Es fiel ihr wieder ein, als er sie neben dem Auto auf ihre Beine stellte, aber sie weiterhin mit einem Arm um ihre Hüften stützte. Nachdem er die Tür geöffnet hatte, rutschte sie auf den Beifahrersitz und schnallte sich an. Mulder lief um das Auto und startete den Wagen sobald er drin saß.

23:25 Uhr
Scullys Apartment, Georgetown

„Komm mit rein.“ sagte sie leise. Er folgte ihr. Scully stieg einfach aus ihren Schuhen und ließ diese am Eingangsbereich stehen. Sie ging in die Küche und füllte ein Glas mit Wasser. „Möchtest du was trinken?“ fragte sie und sah, wie er auf Socken zu ihr kam, dabei seinen Kopf schüttelte.
„Ich sollte dich schlafen lassen. Es ist spät.“ sagte er leise und sah sie mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck an.
„Ich möchte nicht, dass du gehst.“ sagte sie einfach und trank das halbe Glas Wasser in einem Zug. Sie mied seinen Blick, streckte aber ihre Hand nach seiner aus und berührte ihn sanft. Ihre Finger fühlten nur dumpf seine Haut. Sie war schrecklich müde und ihre Glieder schienen bleischwer. Sie konnte kaum einen Gedanken halten und reagierte mehr in Gewohnheiten und Automatismen. Aber der Wunsch, Mulder bei sich zu haben, war so präsent in ihrem Kopf, dass sie nicht weiter darüber nachdachte. Sie handelte nur noch. Als schien ihr müder Körper auf Autopilot zu funktionieren.
„Ich bin nicht sicher, ob das klug ist, Scully.“ sagte er leise, hielt aber ihre Hand während er sie weiter ansah.
„Es ist mir egal, ob es klug ist oder nicht.“ trotzte sie und festigte ihren Griff um seine Hand. Sie stellte ihr Glas auf dem Küchentresen ab und setzte sie sich in Bewegung, zog ihn einfach mit sich in ihr Schlafzimmer.

...to be continued...