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Lost Investigations: Oxford Diary

von meiko

The X-Files: Lost Investigantions 5.3 - Oxford Diary

The X-Files: Lost Investigantions 5.3 - Oxford Diary

by meiko


Oxford University,
Pembroke College,
20. Juni 1984

Ihre Augen waren es, die ihn in dieser Sekunde gefangen nahmen – dunkle, ein wenig spöttisch blickende Augen.
Sie sahen durch ihn hindurch, würden in zehntausend Jahren nicht bemerken, dass er sie anstarrte und inständig auf ein Zeichen des Erkennens wartete.
„Mulder? Hallo, noch wach?“ Esther Simmons, von allen nur Sim genannt, bewegte eine Hand vor seinem Gesicht auf und ab.
„Ja? Was gibt’s denn?“ Fox Mulder kehrte in die Wirklichkeit zurück: Sein wenig schmackhaftes Kantinenessen und die Aussicht, bei der nächsten Semesterprüfung durchzufallen, wenn ihn nicht ein Wunder in höherer Mathematik ereilte.
„Entschuldige, Sim“, murmelte er und war schon unterwegs. „Ich muss da noch etwas Wichtiges erledigen.“
Sim starrte ihm verwundert nach, doch als sie sah, wie er zielstrebig auf den Tisch ihrer neuen Mitstudentin zusteuerte, hellte sich ihr Gesicht wieder auf. Phoebe Green. Na ja, zumindest dem Namen nach passte sie ganz ausgezeichnet zu Fox.
„Entschuldigung, ist dieser Platz noch frei?“, fragte Mulder und zog den Stuhl neben Phoebe zu sich heran.
„Vergiss es“, fauchte sie ihn unvermittelt an. „Geh an deinen Platz zurück, iss dein Essen auf und frag mich dann noch mal!“
Einen Monat später waren die beiden ein Paar.



[Opening Credits]
Spoiler: Episode 1.11 - Fire



Chesterton Mansion,
Oxford
14. September 1984

Der Abend versprach langweilig zu werden. Fox Mulder drängte sich durch die Menge der Studenten und versuchte, die beiden Gläser unfallfrei zu seinem Tisch zu bugsieren.
"Das wurde aber auch Zeit", sagte Phoebe und griff nach einem der Drinks, doch Fox baute mit den Armen eine schützende Burg vor den Gläsern auf.
"Nicht so schnell", bestimmte er. "Zuerst erzählst du mir, weshalb du mich hierher geschleppt hast."
Phoebe sah ihn mit ihren großen Augen an und fuhr sich unschuldig über das kurz geschnittene Haar. "Amüsierst du dich etwa nicht?"
"Darum geht es doch gar nicht. Klar ist das hier..." Er ließ den Blick über die Partygäste schweifen.
"Albern? Kindisch?", schlug sie vor.
"Ganz nett. Trotzdem... Warum habe ich dann das Gefühl, dass ich aus einem ganz bestimmten Grund hier bin?"
"Ja, sieh mal", begann Phoebe unbehaglich. "Ich dachte, du verbringst den ganzen Tag zwischen deinen Büchern. Ein bisschen Abwechslung schadet da doch nicht, oder?"
Mulder sah sie enttäuscht an. "Du spielst das Kindermädchen für mich?"
Doch bevor sie antworten konnte, entstand am Gartenausgang der Villa Unruhe und schrille Stimmen wurden laut.
"Was ist da los?"
"Keine Ahnung", sagte er und setzte sich in Bewegung, froh darüber, das Thema mit Phoebe nicht ausfechten zu müssen. Er hatte gelernt, in manchen Punkten sensibel zu sein.

"Was ist geschehen?", fragte er einen der Studenten, die an die Wand gedrückt versuchten, den Vorgängen im nächtlichen Garten zu folgen.
"Ich... ich bin nicht sicher. Es begann, sich zwischen den Mädchen hindurch zu schleichen, und dann..." Seine Stimme versagte, und zum ersten Mal konnte Fox Mulder eine Beobachtung machen, die sich in seinem späteren Leben noch so oft wiederholen sollte: Furcht lähmte diesen jungen Mann. Sein Atem roch nach Alkohol und normalerweise hätte Fox seinen Worten kaum Beachtung geschenkt, dennoch...
"Was geschah dann?", fragte er.
"Es... es war..." Dieser Mann hatte Todesangst. "Es hat mich berührt!"

Fox ließ ihn stehen und drängte sich nach draußen, in den Garten. Eine Ahnung ließ ihn auf seine Armbanduhr sehen: Es war fast Elf. Die Nacht war schön und eine herrlich kühle Brise bestrich sein überhitztes Gesicht.
Der Garten war menschenleer, nur am Rande des Pools schaukelten verloren einige Lampions und warfen einen bunten Schein auf die Büsche.
Er lief weiter, denn ganz hinten, wo das Licht der Villa und der Beleuchtung nicht mehr ausreichte um Einzelheiten zu unterscheiden, schimmerte ein unbestimmtes Licht. Er schob ein paar Büsche zur Seite, und dann sah er die beiden: Esther Simmons und ein weiteres, sehr schlankes Mädchen, die ängstlich am Boden kauerten.
Dann erstrahlte ein grelles Licht und flutete diesen Teil des Gartens, doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte die Quelle des Leuchtens nicht ausmachen. Kälte kroch über seine Haut.
Der grelle Strahl tastete über die beiden Studentinnen, dann wurde Mulder von einem starken Stoß getroffen und zu Boden geworfen.

Das Licht verschwand so plötzlich wie es gekommen war, doch nur Fox und Sim blieben keuchend in der Finsternis zurück. Von dem anderen Mädchen fehlte jede Spur.
"Wo... wo ist sie?", fragte Mulder und sah seine Kommilitonin verwirrt an.
Über Sims Gesicht flossen Tränen. "Geholt", flüsterte sie mit erstickter Stimme.
Mulder sah auf die Uhr. Mitternacht war längst vorbei.
"Aber...", begann er, doch tausend Gedanken schossen gleichzeitig durch seinen Kopf. ”Was ist mit der Zeit geschehen?"



Chesterton Mansion,
Oxford
15. September 1984

Im hellen Schein der Morgensonne deutete nichts mehr auf die Tragödie hin, die hier nur wenige Stunden zuvor stattgefunden hatte.
Mulder streifte aufmerksam durch den Garten und fragte sich, was er hier eigentlich suchte.
Natürlich: Hinweise. Alles, was ihm irgendwie helfen würde zu verstehen, was genau am gestrigen Abend geschehen war.
Er begann sich zu fragen, inwiefern er die verwirrten Worte dieses Studenten überhaupt ernst nehmen sollte. Sicherlich, es war Alkohol im Spiel gewesen, doch so einfach schien es nicht zu sein. Etwas war hier gewesen, auch wenn er bisher keine Beweise dafür gefunden hatte.
Er atmete enttäuscht die kühle Luft ein. Hier würde er nichts mehr finden. Die Stiefel der Polizisten hatten den Rasen bereits zu stark zertrampelt.
Es wurde Zeit für die Vorlesungen – das Nachdenken musste er auf später verschieben.



Oxford University,
Pembroke College,
15. September 1984

"Wie heißt die Vermisste?", fragte Phoebe neugierig.
"Julia Orwell", sagte er und zwinkerte ihr zu. "Welches Jahr haben wir? Sieht ganz danach aus, als würde der große Bruder seine Schäfchen einsammeln."
"Lass das", sagte sie und zwickte ihn in den Arm. "Darüber macht man keine Witze."
Sie überquerten den weiträumigen Flur des ehrwürdigen Gebäudes, das schon den Lehrstuhl J. R. R. Tolkiens beherbergt hatte.
„Übrigens soll ich dir ausrichten, dass du morgen einen Termin mit der Schulleitung hast. Sie führen eine Befragung zu den Vorgängen auf der Party durch.“
„Hätte mich auch sehr gewundert, wenn sie das nicht tun würden. Ich hatte mich schon gefragt, wann die Polizei endlich hier auftaucht.“
Phoebe zuckte mit den Schultern. „Da wäre ich mir an deiner Stelle noch gar nicht mal so sicher. Du kennst doch die Schulleitung. Wenn das an die Öffentlichkeit gerät...“
Fox schüttelte ungeduldig den Kopf. „Aber du weißt doch, was an dem Abend geschehen ist, Phoebe. Eine Studentin ist verschwunden, und ich kann mir immer noch nicht erklären, wie das eigentlich abgelaufen ist.“
„Du wirst das Bewusstsein verloren haben.“
„Eben nicht. Ich war noch nie in meinem Leben so klar. Da war dieses Licht... und dann war sie einfach weg.“
„Und das willst du denen erzählen?“, fragte sie zweifelnd.
„Warum denn nicht? Was bleibt mir übrig, als die Wahrheit zu sagen?“
Seine Freundin sah ihn mit einem eigentümlichen Gesichtsausdruck an. „Vielleicht ist die Wahrheit nicht immer die beste Wahl. Ich habe dir jedenfalls erstmal diesen Termin besorgt“, sagte sie. „Alles Weitere wird sich schon ergeben.“



Pembroke College,
Büro der Schulleitung
16. September 1984

„Miss Simmons, bitte reißen Sie sich zusammen.“ Die Stimme der Sekretärin sollte wohl Ruhe vermitteln, dafür klang sie aber einige Nuancen zu scharf.
Esther hob den Kopf und atmete tief durch.
"Ich kann es aber nicht erklären", sagte sie endlich. "Ich bin mit Julia in den Garten gegangen, und dort..."
Die Sekretärin beugte sich vor. "Was hatten Sie denn dort zu besprechen?"
Sim zuckte zusammen und ihr Gesicht verschloss sich. "Ich glaube nicht, dass Sie ein Recht haben, mich das zu fragen."

***


"Nun, Fox..." Der Schulleiter zog die Stirn in Falten und vergewisserte sich, dass er den Namen in seinen Unterlagen richtig gelesen hatte. "Mr Mulder... Sie waren an dem fraglichen Abend ebenfalls bei dieser Feier anwesend. Welchen Anlass gab es eigentlich?"
Mulder antwortete nicht sofort. Der betont joviale Tonfall des sonst so steifen Schulleiters gefiel ihm überhaupt nicht, ebenso wenig wie die beiden Männer in den unauffälligen Anzügen im Hintergrund. Fast schien es, als wollten die beiden mit der Wandtäfelung verschmelzen, und er war sich nicht sicher, ob er sich beim Verlassen des Raumes noch an die Allerweltsgesichter der beiden erinnern würde.
"Keine Ahnung", sagte er. "Meine Freundin hat mich unbedingt dabeihaben wollen, obwohl ich eigentlich für die nächsten Klausuren lernen wollte. Aber ich vermute, dass man den Semesterbeginn feiern wollte."
"Ihre Freundin ist...?"
"Phoebe Green. Sie studiert hier ebenfalls an der Oxford University."
"Na schön, kommen wir nun zu den Fakten. Was haben Sie gesehen, nachdem Sie die Villa durch den Gartenausgang verlassen hatten?"
"Der Garten lag verlassen, aber dort, wo der Waldrand beginnt, war ein Licht zu sehen. Ich war neugierig, und als ich nachsehen wollte, was die Studenten so in Aufregung versetzt hat, blendete mich ein starkes Licht. Ich glaube aber, dass ich Miss Simmons und Miss Orwell hilflos im Lichtschein erkennen konnte."
"Sie glauben? Sicher sind Sie sich nicht?"
"Doch, ich bin ziemlich sicher. Aber... wenn Sie gestatten... sollte ich diese Dinge nicht besser der Polizei erzählen?"
Völlig unerwartet schaltete sich einer der beiden Männer im Hintergrund ein. "Mr Mulder. Eine Studentin ist verschwunden. Wir versichern Ihnen, dass wir diese Ermittlung auf höchster Ebene durchführen. Sie ist nicht mehr länger Teil der gewöhnlichen Polizeiarbeit."
"Aber für wen ermitteln..."
Der Unbekannte lehnte sich wieder zurück, hölzern und unsichtbar. "Mehr brauchen Sie nicht zu wissen."
Fox schwieg verwirrt. "Habe ich Ihnen von der verlorenen Zeit erzählt? Und was ist mit den anderen Studenten? Gab es keine Berichte über seltsame Phänomene, unerklärliche Vorgänge?"
Der Schulleiter wechselte einen Blick mit den beiden Schattenmännern. "Nein, Mr Mulder", sagte er dann. "Und ich glaube auch nicht, dass diese Science Fiction Geschichten irgend jemanden interessieren."
"Aber Sir..."
"Danke, Mr Mulder." Der Schulleiter erhob sich. "Das wäre dann alles."
Seine Hand wies zwar nicht direkt zur Tür, aber seine ganze Körpersprache zeigte, dass die Audienz beendet war. Wie vor den Kopf gestoßen verließ Fox das Büro.



Minstead Church Yard,
New Forest, Hampshire
17. September 1984

Verlockung umrankte ihre schlanke Gestalt, als sie mit ihm im Sonnenuntergang zwischen den Gräberreihen entlang spazierte. Die Luft des Abends hatte nördliche Kühle mitgebracht, ließ die letzten Sonnenstrahlen als Trugbild verwehen. Roter Efeu kletterte an den uralten Stelen entlang und brachte einige Farbtupfer an diesen tristen Ort.
Phoebe hatte sich untergehakt und verträumt betrachteten sie die verwitterten Gräber.
"Steel true, blade straight", las Mulder vor. "Phoebe, das ist phantastisch! Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal am Grab des großen Conan Doyle stehen würde."
Sie sah ihn mit leuchtenden Augen an und zog ihn enger an sich. "Deshalb wollte ich auch unbedingt mit dir hierher kommen." Ihre Hand umschlang seinen Nacken und ungeduldig zog sie seinen Kopf näher an sich heran.
"Ich will dich", flüsterte sie. "Ich will dich hier."
Ihre Körper verschmolzen in fordernden Bewegungen, bis sie an der Grabstelle niedersanken und sich ihrer Leidenschaft hingaben.
Niemand störte sie, kein zufälliger Wanderer kreuzte ihren Weg, als sie schließlich glücklich nebeneinander lagen, nur von ihren Herbstmänteln bedeckt. Die Sonne war längst hinter dem Horizont verschwunden.

"Was wirst du nach Oxford tun?", fragte sie. Sie hatten noch nicht über die Zukunft gesprochen und noch lag die Welt offen vor ihnen.
Mulder sah ihr lange in die Augen. "Ich gehe wieder nach Amerika", sagte er. "Ein Freund hat mir davon erzählt, und vielleicht wird etwas daraus. Beim FBI werden junge Leute mit Spezialkenntnissen im Bereich Psychologie gebraucht."
"Verstehe", sagte sie leise. "Keine Chance, dass du es hier bei uns versuchst? Ich habe gehört, dass man auch bei New Scotland Yard ganz gut vorankommen kann."
Mulder dachte nach. "Ehrlich gesagt, das habe ich nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Irgendetwas zieht mich dorthin."
"Es ist wegen deiner Schwester, nicht wahr?"
Er gab keine Antwort, betrachtete nur die allmählich sichtbar werdenden Sterne. "Kann sein", sagte er schließlich. "Vielleicht habe ich auch nur das Gefühl, dass dort draußen noch ein paar Antworten auf mich warten, die ich hier nicht finden werde."
"Wie kannst du dir da so sicher sein?"
Er umschlang sie, und gemeinsam stemmten sie sich in die Höhe.
"Du hättest dabei sein sollen, als die mich befragt haben. Die reinste Inquisition. Und dann war da noch etwas, von dem ich dir noch nichts erzählt habe..."
Phoebe sah ihn neugierig an. "Und?"
"Da waren diese Typen im Büro des Schulleiters, die ich vorher noch nie gesehen hatte."
"Geheimdienst?"
Er zuckte mit den Schultern. "Ja, möglich. Ich meine, für wen arbeiten die? Wenn das wirklich Leute vom Geheimdienst waren - was zum Teufel hat der Geheimdienst überhaupt mit dieser Sache zu schaffen? Und dann ihre merkwürdige Reaktion, als ich von meinen Beobachtungen erzählt habe... Für mich sah das so aus, als wollten die die ganze Geschichte vertuschen."
"Ach Unsinn!" Sie sah ihn spöttisch an. "Die Sache ist ernst genug, vielleicht gab es eine Entführung. So etwas kann man doch nicht vertuschen."

Es war dunkel geworden und die Dämmerung war allmählich der Nacht gewichen, als sie sich auf den Rückweg machten.
"Hör mal, Phoebe. Du hast doch morgen auch eine Anhörung. Kannst du mir einen Gefallen tun und das, was ich beobachtet habe, denen noch einmal erzählen? Irgendwann müssen die doch merken, dass so viele Leute davon wissen, dass sich das Verschweigen nicht mehr lohnt."
Da war er wieder, dieser eigenartige Blick, mit dem sie ihn musterte. "Ich soll ihnen also von Lichtern und Zeitphänomenen erzählen?" Sie lief weiter, betrachtete dabei interessiert die feuchten Erdklumpen auf dem Boden. "In Ordnung", sagte sie leichthin. "Kein Problem."



Pembroke College,
Der nächste Morgen...

„... Und nicht nur das“, sagte Esther Simmons und beendete mit stockender Stimme ihren Bericht.
Mulder sah sie schockiert an. „Und da bist du dir ganz sicher?“, fragte er zögernd. Das Sprechen fiel ihm schwer und die Zunge schien sich nur widerwillig vom Gaumen lösen zu wollen.
„Tut mir leid, Fox“, sagte Sim.
Sie überlegte, ob sie noch ein Wort des Trostes hinzufügen sollte, brachte die Kraft dafür aber nicht mehr auf. Mulder war ihr bester Freund, doch heute hatte sie zu viele eigene Probleme. Leise huschte sie in ihr Zimmer zurück.



Oxford University,
Pembroke College,
19. September 1984

'Wo kann er nur stecken?', fragte sich Phoebe und dachte fieberhaft nach. Fox Mulder war heute den ganzen Tag über so merkwürdig verschlossen gewesen. Erst war er mehrere Stunden zu spät gekommen, hatte sie weder gegrüßt, noch sich mit irgendjemandem unterhalten. Und nach den Vorlesungen hatte er seine Bücher und Hefte zusammengerafft und war wie der Blitz aus dem Hörsaal gestürmt.
'Könnte es sein, dass er etwas weiß?', dachte sie und ein ungutes Gefühl machte sich in ihrer Kehle breit, würgend und stechend. Es fühlte sich scheußlich an, doch - hey - dies war weder das erste Mal noch hatte sie sich jemals irgendwelchen Illusionen über ihre Zukunft hingegeben.
Nüchtern betrachtet hatte sie nicht nur ihren Arsch gerettet, sondern wahrscheinlich auch den ihres Freundes. Fox Mulder war genau der Typ Mensch, der ungefragt stets den schwierigen Weg wählen würde, der einfach ein Talent dafür hatte, sich in unmögliche Situationen zu bringen.
Ihre Gedanken wanderten zum Vortag zurück, zu ihrem Termin bei der Schulleitung.

"Sie sind sich im Klaren darüber, was die Aussage Ihres Freundes bedeuten würde, wenn sie an die Öffentlichkeit geraten würde, Miss Green?" Als der Mann im Hintergrund zum ersten Mal seine Stimme erhob, hatte sie ganz und gar nicht den Klang, den Phoebe sich insgeheim vorgestellt hatte. Keine lässige Eleganz, kein schnoddriges Dehnen der Wortendungen, stattdessen das hohe Pfeifen des Asthmatikers.
"Trotzdem würde ich seine Aussagen nicht als Hirngespinste abtun", sagte sie.
Zusammengekniffene Augen, ein prüfender Blick. "Ich vermute, Sie haben noch nicht die ganze Tragweite dieser unglückseligen Tragödie begriffen. Wir können eine derart... phantastische Erzählung unmöglich zu den Akten nehmen. Dies würde eine Flottille unangenehmster Rückfragen nach sich ziehen. Was glauben Sie, wie sich ein entsprechender Vermerk im Abschlusszeugnis Ihres Freundes - oder in Ihren eigenen Beurteilungen - ausmacht?"
Phoebe starrte ihn an und glaubte, nicht recht gehört zu haben. So weit würden die gehen? Sicher, sie hatte Fox kein Wort geglaubt und war bereit gewesen, sein Spiel mitzuspielen. Doch hier und heute setzte man ihr die Pistole auf die Brust, und sie hatte nicht vor, ihre Karriere zu beenden, noch bevor sie richtig begonnen hatte.
Der Fremde sah sie eindringlich an. "Würden Sie der Auffassung der Schulleitung zustimmen, dass Fox Mulder in den letzten Tagen ein wenig überarbeitet war und sich entsprechend merkwürdig verhalten hat?"
Sie schluckte schwer, doch sie machte sich keine Illusionen. Heute gab es keine Alternative. "Sie haben recht", murmelte sie. "Er hat sich in den letzten Tagen etwas merkwürdig verhalten..."

War es möglich, dass er von diesem Gespräch Wind bekommen hatte? Sie hatten ihr versichert, dass man es streng vertraulich behandeln würde. Andererseits... Sie war mit Esther Simmons zusammengeprallt, als sie das Büro verlassen hatte. Ob sie...?
Phoebe atmete tief durch. Sie ahnte, wo sie ihn finden würde. Egal wie, sie musste wissen, woran sie mit ihm war.



Minstead Church Yard,
New Forest, Hampshire
19. September 1984

Als sie auf dem Friedhof eintraf, war Jimi Hendrix' magische Gitarre das erste, was ihr auffiel.
"Na also", sagte sie und steuerte das Grab von Sir Arthur Conan Doyle an. "Hier steckst du also."
Fox drehte sich um und sah sie mit müden Augen an.
Erst da bemerkte Phoebe die leeren Bierflaschen, die er kunstvoll auf dem kleinen Kassettenrekorder deponiert hatte. Was redete er da? Freibier? Energisch schaltete sie die Musik ab.
"Genug, Watson", sagte er mit schwerer Stimme. "Es war ein Drei-Bier-Problem und es ist gelöst."
"Fox", sagte sie sanft. "Was ist eigentlich los?"
"Nichts", gab er zurück, doch sein ganzes Wesen gab deutlich zu verstehen, dass er einen ganzen Berg voller Probleme vor sich her wälzte.
"Du kannst mich nicht täuschen, das weißt du doch."
Er schob ihre Hand zur Seite und lachte ein freudloses Lachen. "Aber du hast mich getäuscht, Phoebe. Ich habe dir vertraut; ich wollte glauben, dass ich endlich jemanden gefunden habe, der mir die Kraft gibt, hinter den Vorhang zu sehen..." Seine Stimme brach. "Ich habe mich getäuscht. Du hast mich getäuscht."
"Wie kannst du das sagen?"
"Lass es, Phoebe. Ich habe heute früh mit Sim gesprochen, und sie hat mir alles erzählt. Über dein Gespräch mit der Schulleitung und deine seltsame Meinung, dass ich in letzter Zeit etwas überarbeitet sei und meine Phantasie mit mir durchgehen würde."
Ärger stieg in ihr auf, und Wut auf die Lauscherin. "Sim? Esther Simmons? Was hat die denn mit der Sache zu tun? Was weiß die denn davon?"
Fox sah sie kalt an. "Die vermisste Julia Orwell und Esther Simmons sind seit zwei Jahren ein Liebespaar, wenn du es unbedingt wissen musst. Vielleicht schaffst du es ja, wenigstens diese Information für dich zu behalten, ohne jemanden für den Rest seines Studiums lächerlich zu machen."
Kleine kalte Schweißperlen bildeten sich auf Phoebes Stirn. "Liebespaar? Die beiden waren zusammen?"
"Eine Liebe fürs Leben. Und sie sind es noch immer, denn heute früh ist Julia Orwell plötzlich in Sims Dusche aufgetaucht - splitterfasernackt und völlig verwirrt. Der Arzt kann sich ihren Zustand nicht erklären, aber mit ein wenig Geduld wird sie wohl bald wieder ganz die Alte sein."
Phoebe stieß scharf den angehaltenen Atem aus. "Sim, immer wieder Sim", rief sie. "Die Frau ist doch gemeingefährlich. Wie kann sie ihrer Freundin so etwas nur antun? Dann ist sie also für die ganze Geschichte verantwortlich!"
"Wohl kaum", antwortete Mulder. "Julia, die gertenschlanke Julia... Sie ist im achten Monat schwanger."

***


Er hatte keine weitere Erklärung mehr von ihr hören wollen, hatte stattdessen die Musik wieder laut gedreht und sich hingebungsvoll Hendrix' Gitarre gewidmet. Als sie endlich gegangen war, zog Mulder ein kleines Photo aus seiner Brieftasche und betrachtete es lange und liebevoll. So viele Fragen, so wenig Antworten.
"Samantha", flüsterte er, und er wusste: Dies war nur der Anfang.



Ende.



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