World of X

Das älteste Archiv für deutsche Akte-X Fanfiction

Bis zum Ende aller Zeit

von Steffi Raatz

1/1

Die Erkenntnis kam so schnell und erbarmungslos, dass ich keine Chance hatte, mich darauf einzustellen. Ich hatte nicht die Möglichkeit, eine Maske aufzusetzen und die Wucht der Wahrheit an mir optisch abprallen zu lassen. Die Wahrheit erschlug mich. Streckte mich nieder und veränderte mit einem Schlag mein gesamtes Leben. Und genau diese Erkenntnis spiegelte sich in meinem Gesicht wieder. Ohne, dass ich es wollte. Ich war noch nie ein Mensch großer Emotionen oder Gesten gewesen. Diese Situation lehrte nicht nur mich, auch meinen Gegenüber etwas anderes.

"Sie werden weich", hörte ich seine Stimme, während meine Hand Halt suchend über den Beton der Wand glitt.

Wann auch immer ich mein Leben aus den Fugen hatte gehen sehen, irgendwie hatte ich es überstanden. Hatte die Kraft aufgebracht, mich um 180 Grad zu drehen. Immer mit dem Strom schwimmend, um meine eigene Haut zu retten und mich an denjenigen zu rächen, die mich in diese Krisen geführt hatten.

Doch diesmal war es anders. Kraft raubend. So erschreckend, dass ich mich meiner gänzlichen Lebensenergie beraubt fühlte. Ein Schlag ins Gesicht, so als ob mir das Schicksal hämisch ins Gesicht schlüge und erklären würde: "Du kannst mir nicht entkommen."

Die Kälte des Betons fraß sich durch meine Hand, meine Glieder entlang bis hinein in mein Herz.

Denken war mir unmöglich geworden. Vor allem der Gedanke an die Zukunft.

"Warum...?", kam es gepresst über meine Lippen.

Ich war unfähig mehr von mir zu geben, unfähig, die Kontrolle über mich zurück zu erlangen. Wütend tobte der Schmerz in meinem Inneren. Schien mich aufzufressen. Mich auszuhöhlen. Ich wurde zu einer leeren Hülle. Nein, nicht leer. Erfüllt von Schmerz und Unglaube. Unfähig zu begreifen, was geschehen war. Dass es geschehen war.

"Zur falschen Zeit am falschen Ort", kam die Antwort mit nüchterner Arroganz.

Meine Faust ballte sich, war bereit meinem Gegenüber seine Wucht entgegen zu bringen, doch so schnell die Wut mir Kraft gegeben hatte, desto kraftloser machte mich die Furcht. Meine Hand entspannte sich wieder, mein Arm knickte ein und ich ließ mich widerstandslos gegen die Wand und den kalten Beton sinken.

Es war eine Ironie, diese scheinbar so gleichgültigen Worte von meinem Gegenüber zu hören. Ich verzweifelt und am Boden, er mit einer Maske aus Emotionslosigkeit. Gekonnt versteckte Gefühle oder bloße Resignation. Nicht eindeutig klar. Doch mir wurde dadurch mehr als bewußt, dass ich verloren hatte. Mehr noch als er.



Während ich stumm versuchte meinen inneren Sturm zu beruhigen. Mich ergab und die Last der Gefühle zuließ, streckte er mir seine Hand entgegen.

Die Geste nicht verstehend, schrie ich auf, schlug die Hand hinfort und schlug mit meiner Faust auf die Motorhaube des neben mir parkenden Wagens. Brennender, stechender Schmerz durchfuhr meine Hand, meinen Arm hinauf, durch jede Faser meiner Muskeln. Der Wagen nicht minder beschädigt wie meine Hand. Eine tiefe Beule im Blech. Hervorgerufen von unglaublicher Verzweiflung.

Was nur geschah mit mir. Gefühle so tief, wie noch nie zuvor. Ich hatte sie verkannt. Hatte ihnen keine Bedeutung beigemessen. Es war zwecklos zu leugnen, dass ich verstanden hatte. Das Verstehen kam jetzt. Hatte mich getroffen und niedergestreckt.

Ich konnte sehen, wie er etwas von den kalten Steinen aufhob, es fast bedächtig an sich nahm und zu mir herüber kam, nur um mir erneut seine Hand entgegen zu strecken. Vorsichtiger diesmal, aber auch bestimmter.

Ich ließ mich darauf ein. Ließ ihn an mich herankommen. Näher als ich ihn je wieder an mich heran lassen wollte.

Und dann starrte ich seine Hand an. Starrte auf den Gegenstand, den er mir entgegen hielt und konnte nicht begreifen, was er tat und warum er es tat. Ich hatte kein Recht irgendetwas zu erhalten. Ich hatte nicht einmal das Recht auf eine Erinnerung. Viel zu viele schlechte Taten hoben meine Ansprüche darauf auf.

Und dennoch hielt er sie mir entgegen. Die kleine goldene Kette mit dem Kreuz als Anhänger. Zartgliedrige ineinander verschlungene Ösen, verbunden zu einem wunderschönen filigranen Schmuckstück. Zu ihr. Zu einem Teil von ihr.

Mein Blick bohrte sich in seinen. Nicht fähig zu glauben, was er mit anbot. Eine Erinnerung. Einen Teil von ihr. Einen sehr wichtigen Teil von ihr. All die Jahre.

Doch er nickte nur. Nickte mir zu und hob demonstrativ seine Hand, um mir deutlich zu machen, dass ich diese Geste akzeptieren sollte. Ungefragt.

"Sie wollte es so", kam es über seine Lippen. Nicht mehr kühl und arrogant, vielmehr matt und ausgelaugt. Resignation auf der gesamten Linie.

Und während der Schmerz in meinem Inneren weiter pochte und mich des Denkens fast unfähig machte, spürte ich eine Bindung zwischen ihm und mir. Eine Angleichung. Herbeigeführt durch den Schmerz. Durch gemeinsame Gefühle für eine Frau, die uns hätten zu verbitterten Feinden werden lassen. Doch das waren wir bereits gewesen. Ohne diesen Grund.

Doch, dass dieser uns in diesem Moment einander näher brachte, zu Alliierten machte, gedanklich, emotional, schien wie eine Botschaft. Wenngleich es die bitterste Ironie war, die ich je erfahren hatte.



Mit zitternden Fingern ergriff ich das Schmuckstück und betrachtete es. Fast ehrfürchtig. Nicht glaubend, dass es wirklich für mich bestimmt war.

Meine Augen trafen seine. Müde und gebrochen. Und vielleicht war es dieser Augenblick, in dem ich verstand, dass er mehr verloren hatte. Dass nicht ich der Verlierer war, sondern mein Gegenüber.

Sie hatte gewollt, dass ich dieses Schmuckstück erhielt. Ich und nicht er.

Was hatte er, wenn ich die Kette behielt? Erinnerungen. Momentaufnahmen. Wissen. Wissen über die Frau, über deren Liebe ich mich erst in diesem Augenblick klar wurde.

Und was hatte ich? Das Wissen um ihre Liebe.

Er hatte an ihrem Bett gesessen, hatte sie sterben sehen. Die letzten Augenblicke mit ihr verbracht. In dem Glauben, ihrer Liebe sicher zu sein. So wie er sie auch immer lieben würde. Um nichts in der Welt hätte ich mit ihm tauschen wollen, war dankbar dafür, nicht bei ihr gewesen zu sein. Nicht ihre Hand zu halten.

Es erstaunte mich, dass er in der Lage gewesen war, mir das Schmuckstück zu bringen. Wie er fähig war, von ihrem Bett aufzustehen, ihr ihren Wunsch zu erfüllen. Anders herum wäre ich vermutlich mit ihr gestorben.

Mulders Blick brach ab. Das Wissen, das er in meinen Augen lesen konnte, war zu viel. Zu viel für ihn, für mich ebenso.

"Danke", flüsterte ich und umschloss die Kette mit meiner Hand.

Matt hob er die Hand und ging.

Und ich blieb zurück. Beeindruckt über den unglaublichen Mut dieses Mannes, der erkannt hatte, dass die Frau die er liebte, ihre Liebe an seinen Feind verschenkt hatte, und der trotzdem hier gewesen war. Ihretwegen.



Langsam und bedächtig schlich sich der Schmerz zurück in mein Inneres. Rücksichtslos.

Dana und ich hatten uns nur ein einziges Mal getroffen. Ein einziges Mal, in dem wir uns nicht wie Feinde verhalten hatten. Ein einziges Mal. Nur geredet. Doch es hatte die Ansicht für den anderen verändert. Nicht sofort. Schleichend. Auf leisen Sohlen. Völlig unbemerkt.

Plötzlich zu wissen, dass sie so viel für mich empfunden hatte. Plötzlich vor der Erkenntnis zu stehen, dass ich so viel für sie empfand, ohne es vorher erkannt zu haben, machte mich unendlich traurig. Zu wissen, dass wir einander das nie sagen würden, machte es unerträglich.

Schmerzen überall. In meiner Seele. In meinem Herzen.

Ein bitterer stechender Schmerz.

Und ich begriff, dass wir beide die Verlierer waren. Es gab keinen Gewinner. Keinen der weniger litt. Weder ich, noch Mulder.

Auf unsere ganz spezielle Weise hatten wir beide unseren eigenen unerträglichen Schmerz zu ertragen.

Vielleicht würden wir weiter Feinde sein. Vielleicht würden wir nun zu Verbündeten. Ich konnte es nicht sagen. Mir wurde nur schlagartig klar, dass ich diesen Schmerz für immer in mir tragen würde. Für alle Zeit. Bis ans Ende aller Tage.





Ende
Rezensionen