World of X

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Begegnung der außergewöhnlichen Art

von Steffi Raatz

Kapitel 1

Es war endlich so weit. Seit Jahren hatte ich davon geträumt meine Verwandtschaft in den USA zu besuchen und nun saß ich in einem Zug zwischen New York und Washington D. C.. Mein Flugzeug war in New York gelandet, da die Wetterbedingungen keinen Weiterflug zuließen und da alle Flüge an diesem Tag wegen Schneetreibens abgesagt worden waren, hatte ich mich kurzerhand dazu entschlossen per Zug nach Washington zu fahren. Es war vielleicht nicht die schnellste Möglichkeit, aber besser so, als dass ich Stunden in einer kalten Wartehalle am New Yorker Flughafen verbringen musste.

Ich entwirrte ein Buch aus meiner Reisetasche und begann zu lesen. Eigentlich war es sogar wesentlich entspannender mit der Bahn zu reisen, sofern man so wie ich bereits seinen Sitzplatz hatte und bequem saß.

Während eine Menge Leute noch ihre Plätze suchten und aufgescheucht in den Gängen umherliefen, lehnte ich mich genüsslich zurück.

"Ist dieser Platz noch frei?" Eine angenehme männliche Stimme ließ mich von meinem Buch aufsehen.

Ich räumte meine Reisetasche beiseite und machte meinem neuen Platznachbarn den Sitz frei.

Er war ein stattlicher Mann, Mitte 30 schätzte ich, sehr groß und mit markanten Gesichtszügen. Seine angenehme Stimme nicht zu vergessen.

Ich betrachtete ihn nur kurz, dann widmete ich mich wieder meinem Buch.

Lange jedoch konnte ich mich nicht auf die Zeilen konzentrieren und begann die Seiten wahllos zu durchblättern.

"Langeweile?" Er lächelte mich an. Ich glaube, es war das umwerfen Lächeln, dass ich je bei einem Mann gesehen hatte. Ich lächelte zurück.

"Wohin fahren Sie?" Ich fand mich überhaupt nicht neugierig - vielleicht reichlich wissensdurstig, aber nicht neugierig.

"Washington D. C." antwortete er bereitwillig und starrte an mir vorbei aus dem Fenster.

"Sie reisen allein?" Welche mörderisch gute Frage! Sah ich denn nicht, dass er allein neben mir sass?

Ich grinste ihn schief an und widmete mich verlegen wieder der Aussicht aus dem Fenster.

"Und Sie?"

Ich lachte. Nein, wirklich komisch. Er versuchte mir aus dieser blöden Situation rauszuhelfen.

Er lachte mit.

Der Schaffner kam, um die Fahrscheine zu kontrollieren und ich betrachtete meinen Sitznachbarn bei dieser Gelegenheit noch einmal genauer.

Sein schwarzer Anzug war zerknittert, sein schwarzer Mantel ebenfalls. Er hatte ihn nicht ausgezogen, obwohl die Fahrt wohl noch eine ganze Weile dauern würde. Er wirkte einerseits entspannt, andererseits aber auch auf eine eigenartige Weise rastlos. Vielleicht war er Vertreter oder Manager? Nein, eigentlich sah er dazu zu ungepflegt aus. Nicht, dass er wirklich ungepflegt aussah, nein, es war der Anzug. Der Anzug mit den Knitterfalten passte nicht dazu.

"Ihren Fahrschein, Miss!", drängte der Schaffner und ich überreichte meine Karte.

"Ebenfalls Washington D. C.?" Er sah mich fragend an.

Ich zuckte mit den Schultern: "Verwandtschaft besuchen."

Er nickte.

Meine Güte, was führten wir eine regsame Unterhaltung.

Ich klappte mein Buch wieder auf und starrte auf die Buchstabenreihen, die verschwommen vor meinen Augen zu tanzen begannen. Vielleicht war ich ja doch ein wenig müde nach dem Flug. Der Jetleg war schließlich auch nicht zu unterschätzen.

"Sie kommen aus Europa?"

Ich blickte ihn erstaunt an. Hatte er das an meinem Akzent erkannt? Mein Buch? Nein, dass war englisch...

"Deutschland."

"Mh, da müssen Sie ja ganz schön müde sein!"

Mein Blick blieb erstaunt. Wie hatte er das jetzt erraten?

"Können Sie hellsehen?", lächelte ich.

"Na ja, nicht ganz!"

Wow, wir schafften es tatsächlich uns etwas länger zu unterhalten. Man sollte es nicht für möglich halten!

"Warum fliegen Sie nicht?"

"Schneetreiben. In New York ging nichts mehr!"

Ich klappte das Buch wieder zu und überlegte, wie lange diese Unterhaltung noch andauern würde und ob es sich lohnen würde, das Buch zur Seite zu legen oder nicht.

"Ich fahre nach Hause!" Sein Blick weilte auf dem Vordersitz.

"So? Waren Sie geschäftlich unterwegs?"

Er lachte. Ich war verwirrt. Wieso lachte er?

"Urlaub... sozusagen Zwangsurlaub!"

"Oh." Ich blickte ihn fragend an.

"Ich arbeite für die Bundesbehörde."

"Beamter?" Ich konnte mir nicht verkneifen, einen Vergleich mit unseren deutschen Beamten zu machen.

"Bitte?"

Ich erklärte den Begriff Beamter in beschönigenden Worten und hoffte, er würde mir glauben, was ich da erzählte.

"Nein, nein, Außenmitarbeiter sozusagen."

Alle Klarheiten beseitigt! Ich wusste nun gar nicht mehr, was er eigentlich darstellen wollte.

"Und Sie?"

Ich holte tief Luft, war ich dazu gewillt, einem Wildfremden etwas über mich zu erzählen?

Na gut, er hatte mir ja schließlich auch etwas von sich erzählt. Kneifen galt also nicht.

Obwohl... eigentlich wusste ich ja nicht was er tat.

"Ich arbeite mit Computern." Tja, dann hielt ich mal auch schön vage.

"Computer? Interessant!"

Ich wusste sofort, dass es ihn nicht sehr interessierte. Seine Miene, seine verspannte Haltung. Mir war klar, dass er mich langweilig finden musste.

Aber wieso wurmte mich das so? War er denn etwas besonderes? Er war auch nur ein "amerikanischer Beamter".

Ich klappte demonstrativ mein Buch erneut auf und starrte auf die Seiten, auf denen ich vor lauter Müdigkeit sowieso nichts mehr erkannte.

"Wie heißen Sie?"

Ich blickte wieder auf.

Jetzt wurde er aber reichlich persönlich:

"Valerie Hausmann"

"Nett Sie kennenzulernen!" Er sah mich wieder mit diesem unverschämt gutaussehenden Lächeln an.

"Und Sie?" Was er konnte, konnte ich doch schon lange.

"Fox William Mulder."

"Fox?" In meinen Augen spiegelte sich wohl ein Anflug von Amüsement wider.

Na ja, wer nannte sein Kind denn auch Fox oder vielmehr Fuchs?

Er fand es gar nicht komisch. Nun ja, ich konnte es ihm ja auch nicht verdenken. Hätte jemand über meinen Namen gespottet, wäre ich auch auf hundertachtzig gewesen.

"Tut mir leid, ich wollte mich nicht lustig machen, aber der Name ist recht außergewöhnlich!" plapperte ich drauf los und wollte mir anschließend gleich wieder auf die Zunge beißen. Was hatte mich nur zu diesem Redeschwall animiert?

"Schon gut!" Eine seiner typisch knappen Antworten.

Langsam begriff ich, dass das zu diesem Mann gehörte.

"Was sagt denn Ihre Frau dazu, dass Sie alleine reisen?", trat ich gleich ins nächste Fettnäpfchen.

Ich spürte das angespannte Zucken seiner Gesichtsmuskeln. Irgendwas schien ihm an dieser Frage zu stören.

"Ich habe keine Frau. Und Sie? Verheiratet?"

Ich hatte das Gefühl in einen hysterischen Lachanfall zu fallen, hatte ich doch vor meiner deutschen Verwandtschaft reiss aus genommen, da meine Hochzeit geplatzt war.

"Nein, ich bin knapp entkommen."

Ich spürte den Kloß in meinem Hals größer werden. Hoffentlich würde er nicht weiterfragen.

"Wieso knapp entkommen?"

Jetzt wurde er aber neugierig. Nein, ich hatte mich wissensdurstig genannte, also war er es auch. Was sollte er auch schon auf meine blöde Antwort entgegnen?

"Ich stand schon vor dem Traualtar, aber die Hochzeit ist geplatzt." Ich lächelte gequält, vielleicht dachte er ja, dass ich gekniffen hatte.

"Tat es sehr weh?"

Gott, langsam begann ich diesen Mann zu hassen. Wie konnte er das nur immer wieder erraten?

"Er hat mich vorm Traualtar sitzen lassen. Ja, es tat verdammt weh!"

Mit einem wütenden Grummeln im Bauch begann ich wieder auf mein Buch zu starren. Vielleicht hätte ich ihm ja nicht gestatten sollen, sich neben mich zu setzen? Nein, eigentlich gefiel mir die Unterhaltung, so komisch das auch war.

Als ich vorsichtig von meinem Buch in seine Richtung schielte, registrierte ich, dass auch er sich irgendeiner Zeitschrift gewidmet hatte.

"Einsamer Schütze" - war der Mann Jäger? Ich versuchte einen Blick in die Zeitung zu werfen und starrte mit einem Mal in das Gesicht meines Sitznachbarn.

Ich warf ihm ein verlegenes Grinsen zu und rutschte in meinem Sitz tiefer, mein Buch ein Stück höher haltend, damit er mich nicht mehr direkt ansehen konnte.

Gut, okay, ich war wahnsinnig neugierig. Das hatte nichts mehr mit Wissensdurst zu tun.

Ich spürte, wie er mein Buch mit einer Hand nach unten drückte, damit er mich ansehen konnte.

Ich grinste ihn weiterhin verlegen an und hoffte, dass dieses Grinsen irgendwann hoffentlich noch mal aus meinem Gesicht verschwinden würde.

"Sie sind gar nicht neugierig, oder?"

Er wirkte amüsiert - tatsächlich amüsiert. Vielleicht war es ja doch nicht so peinlich gewesen?

Mit einem gekonnten Griff, entzog er mir das Buch und steckte statt dessen seine Zeitschrift an diesen Platz.

Das Grinsen mochte mein Gesicht immer noch nicht verlassen. Oh doch, es war peinlich!

Er legte mein Buch zur Seite und betrachtete mich abwartend.

Nun gut, ich hatte die Zeitschrift jetzt in der Hand. Warum sollte ich sie nicht lesen? Weil es peinlich war, dass ich es provoziert hatte? Oder weil er sich königlich darüber amüsierte, wie neugierig ich doch war?

Ich entschloss mich für beide Varianten und trotzdem begann ich zu lesen.

Ich hatte bestimmt erst 5 Minuten gelesen - hauptsächlich die Überschriften, da blickte ich von seiner Zeitung auf und sah ihn verwirrt an.

"Verschwörungstheorien, Alienforschung, Körpersynthese?"

Mit rasender Geschwindigkeit drückte ich ihm die Zeitschrift wieder in die Hände. Ich sah vermutlich aus, als hätte ich mir die Hände daran verbrannt.

"Nicht interessant?"

Oh, wie konnte er das fragen? Natürlich war es interessant! Mehr als das sogar, aber hätte ich es jemals offen zugegeben?

"Nettes Hobby!", blieb mein einziger Kommentar.

"Beruf."

Skeptisch sah ich ihn an.

Ein Geister jagender Beamter?

Psychopath?

Was war der Mann neben mir wirklich?

"Äh...ja!"

Ich schnappte mir mein Buch, stopfte es in meine Reisetasche und stand auf.

Besser ich verließ diesen Platz und diesen Irren.

In Windeseile war ich an ihm vorbei und auf dem Gang.

Ganze drei Sitzreihen weiter kam ich. Dann stockte ich.

Wieso hielt ich ihn für einen Irren? Mh, einen sehr gutaussehenden Irren, wie ich zugeben musste.

Wenige Sekunden später stand ich wieder im Gang neben ihm und blickte ihn fragend an:

"Erklären Sie mir das mit Ihrem Beruf genauer."

Er nickte und ließ mich wieder zurück auf meinen Sitzplatz.

"Wissen Sie, ich bin beim FBI..."

Ohje, was hatte ich mir da eingebrockt? Ich fühlte mich auf einmal sehr unwohl auf meinem Platz.

"Beim FBI? So, so..."

"Keine Sorge, ich habe Urlaub, wissen Sie doch!", versuchte er mich zu beruhigen.

Ich lächelte ihn unangenehm ertappt an.

Ja, ich wusste das, trotzdem konnte ich mich irgendwie nicht entspannen.

"Ich bearbeite außergewöhnliche Fälle. Fälle, deren Ursprung oder dessen Grundlage die Wissenschaft nicht erklären kann", erzählte er weiter.

Ich fing an, Interesse zu entwickeln.

Als ob ich nicht schon vorher interessiert gewesen wäre. Nun ja, vielleicht nicht so offen interessiert. Okay, ich gebe zu, ich traute mich vorher nicht, mein Interesse zu zeigen.

Sein Redeschwall, von kurzen Fragen meinerseits unterbrochen, erstreckte sich auf die nächste Stunde, in der ich ihm fasziniert über seine Arbeit und seine abenteuerlichen Fälle zuhörte.

Ihm schien viel an seinem Beruf zu liegen.

Und zum ersten mal hörte ich ihn nicht diese kurzen knappen Antworten geben.

Zwischendurch legte er seinen Mantel ab und verstaute ihn im Gepäcknetz über uns. Er schien sich sichtlich zu entspannen.

Nachdem sein Redeschwall geendet hatte sah er mich neugierig an.

Vermutlich wollte er jetzt auch mehr von mir hören.

"Wollen Sie wirklich wissen, was ich langweiliges mache?"

"Sicher, Sie haben sich ja auch meine langweilige Geschichte angehört!" Er grinste.

"Langweilig nenne ich allerdings was anderes!", erwiderte ich, sah mich allerdings genötigt, jetzt doch etwas über mich zu erzählen.

"Sie haben es nicht anders gewollt!", schimpfte ich amüsiert und begann von meinem Beruf als Programmiererin zu erzählen.

Nach etwa zehn Minuten war ich auch schon fertig.

"Sehen Sie, wahnsinnig interessant!" brummte ich sarkastisch.

"Sie sind also eher der wissenschaftliche Typ!"

Es war eine Feststellung. Er ging einfach davon aus, dass es für mich keinen Platz für übernatürliches in meinen Überlegungen gab.

"Nicht immer!" Ich setzte ein gewinnendes Lächeln auf.

Wir verstrickten uns in eine nette Unterhaltung, welche ich diesem Mann eigentlich gar nicht zugetraut hätte. Er machte doch mehr den Eindruck eines verschlossenen Typen.

Irgendwann spürte ich die grenzenlose Müdigkeit, die mich überkam.

Immer öfter fielen mir die Augen zu.

Unsere Unterhaltung wurde schleppender und nach kurzer Zeit schlief ich dann wohl ein.

Ein Rucken ging durch den Zug und ich öffnete erschrocken meine Augen.

Wie lange hatte ich wohl geschlafen?

"Wir haben auf offener Strecke gestoppt!" Ich vernahm die verschlafene Stimme meines Sitznachbarn und spürte plötzlich, dass ich bei ihm im Arm lag.

Er hatte seinen Arm um meine Schultern gelegt, während mein Kopf auf seiner Brust geruht hatte. über meinem Körper ausgestreckt lag sein Jackett.

Verwirrt streifte ich das Jackett ab und reichte es ihm.

"Tut mir leid!", stotterte ich verlegen und versuchte mich aus seiner Umarmung zu lösen.

Er registrierte meine Bemühungen nicht und starrte den Gang hinunter.

"Ich äh..." versuchte ich ein weiteres Mal mein Glück.

"Pss...Val, bleiben Sie ruhig liegen, irgend etwas stimmt hier nicht!"

Hier stimmte was nicht? Ja, ich lag in seinem Arm, das stimmte hier nicht!

Gut, es war nicht unangenehm. Durchaus nicht, aber ich fand es ein wenig unangebracht.

"Val!"

Seine Stimme klang energisch.

Okay, na gut, überredet Mr. FBI!

Mein Respekt vor einem Agenten der Bundesbehörde war stärker als mein Anstandsgefühl.

Hatte er mich gerade Val genannt?

Ich vergaß zu protestieren, als das Militär das Abteil stürmte.

Mein Gott, wo war ich nur hineingeraten?

"Tun Sie so, als ob Sie schlafen!"

Ich nickte widerstandslos.

Wäre ich doch lieber geflogen!

Ich schloss die Augen und spürte seine angespannten Muskeln.

Er war beim FBI, hatte vielleicht öfters mit solchen Situationen zu tun, er würde schon wissen, was in solch einem Moment war das Richtige war.

Ich hörte die Männer näher kommen.

Ja, sie stoppten sogar ganz in unserer Nähe.

Ich presste mich noch enger an meinen Sitznachbarn und versuchte deren Gegenwart zu ignorieren.

Plötzlich spürte ich einen Ruck und riss entsetzt die Augen auf.

Mein Sitznachbar wurde von seinem Sitz fortgezogen. Ich spürte den festen Griff um meine Schultern nicht mehr.

Wo war ich nur hineingeraten?

"Agent Mulder, endlich!", vernahm ich eine dumpfe Stimme.

Ähm, was ging hier vor?

Hatte ich mich von dem netten, charmanten, gutaussehenden äußeren meines Sitznachbarn so täuschen lassen?

"Stehen Sie auf!"

Ich denke, er meinte mich. Ja, sogar ganz sicher meinte er mich. Aber irgendwie wollten meine Beine dem Befehl nicht gehorchen.

Ich spürte den bohrenden Blick auf mir.

Dieser Mann war mir sofort unsympathisch!

Fox Mulder, mein bisher so sympathischer Platznachbar reichte mir seine freie Hand, um mir aufzuhelfen.

Langsam war ich der Ansicht, dass es vielleicht doch besser war, der Aufforderung nachzukommen.

Ich ergriff die dargebotene Hand und ließ mich aus dem Sitz ziehen.

Na gut, nun stand ich also vor diesen wildfremden, nicht gerade freundlichen Männern, an der Seite eines angeblichen FBI-Agenten und hatte gute Lust zu schreien.

Was ging hier eigentlich vor? Und was zum Henker hatte ich damit zu tun?

"Mitkommen!"

"Moment, ähm... Entschuldigung!" versuchte ich zu protestieren.

Ich wurde weitergeschoben.

"Hallo, Sir, ich habe mit dem Herrn hier nichts zu tun. Ich kenne ihn nicht einmal!", versuchte ich mein Glück weiter, doch das Schieben ging weiter.

Hörte mir den hier keiner zu?

Hallo! Ich gehörte doch gar nicht dazu!

Ich spürte plötzlich eine Waffe in meinem Rücken. Es war definitiv eine Waffe!

Bisher hatte mir zwar noch nie jemand eine Waffe in den Rücken gehalten, geschweige denn woanders hin, aber das konnte nur eine Waffe sein.

Ich schluckte.

Konnte ich jetzt nicht vielleicht aufwachen? Der Traum entwickelte sich langsam zu einem Alptraum. Hörte mich vielleicht jemand?

Doch es war leider kein Traum.

Ich spürte wie Fox Mulder meine Hand ergriff und mich festhielt.

Na toll, jetzt mussten sie wirklich denken, dass wir zusammengehörten.

Letzte Chance verspielt.

Danke, Mr. FBI!

Ich folgte dem Tross, in der Hoffnung, dieser ganze Alptraum würde sich so schnell wie möglich aufklären.

Meine Hoffnung erstarb, als ich registrierte, dass wir den Zug verlassen sollten.

Hey, so ging das aber nicht! Meine Sachen waren noch im Zug.

Ich konnte doch meine Sachen nicht einfach unbeaufsichtigt im Zug lassen.

Und meine Papiere erst!

Ich kam doch gar nicht aus diesem Land!

Ich begann die ersehnte Reise langsam zu verfluchen.

Fox Mulder drückte ermutigend meine Hand.

Danke, Trost konnte ich jetzt gebrauchen.

"Agent Mulder, Agent Scully, hier entlang!", ertönte wieder die dumpfe Stimme meines Entführers - so nannte ich ihn jetzt. Schließlich war das ja eine Entführung meiner Person. Unberechtigter Weise wohlgemerkt!

Hatte er mich gerade Agent Scully genannt?

Hatte ich irgendwas nicht mitbekommen?

"Sir, sorry, aber ich heiße nicht Scully! Ich heiße Hausmann, Valerie Hausmann, Sir!"

Wieder ein erfolgloser Versuch. Ich glaube, ich wurde nicht Ernst genommen.

Verflucht noch mal!

"Agent Scully, bitte! Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich Ihnen diese Story abkaufe, oder?"

Doch?

Doch, das glaubte ich fest - jedenfalls bis er seinen Mund aufgemacht hatte.

"Mr. Mulder, bitte, klären Sie die Herren doch auf!" flehte ich meinen ehemaligen Sitznachbarn an.

Er drückte meine Hand noch fester und sah mich beschwörend an.

Er wollte mir nicht helfen.

Was... was ging hier nur vor???

Ich ließ mich fassungslos und ohne weiteren Widerstand aus dem Zug schieben und starrte auf die Militärjeeps, die neben den Gleisen hielten und den Zug mit ihren Scheinwerfern anstrahlten.

Ein weiteres Ansinnen, meine Identität richtigzustellen wurde von Fox Mulder untergraben.

Langsam war ich mir nicht mehr sicher, wer hier der Gute und wer der Böse war.

Wir stiegen in einen der Jeeps ein und drängten uns mit einem bewaffneten Soldaten auf die Rückbank.

Fox Mulder schwieg noch immer und das machte mich langsam rasend.

Hey, Mr. FBI, ich habe eine Wahnsinns Angst! Tun Sie endlich was!

Natürlich sagte ich das nicht, nein, ich hielt meinen Mund und wartete ab.

Scheiße!

Der Jeep fuhr los und ich blickte sehnsüchtig auf die immer kleiner werdende Bahn.

Womit hatte ich das verdient?

Einige Zeit später fuhr der Jeep in eine Kaserne. Ich war zu müde und erschöpft, um ein weiteres Mal zu protestieren.

Ich schloss die Augen und lehnte meinen Kopf an Fox Mulders Schulter.

"Val?"

Ich nickte mit geschlossenen Augen.

Warum liessen die mich nicht alle in Ruhe. Ich wollte nur noch schlafen.

"Werden Sie wach!"

Oh Gott, er klang schon wieder so energisch.

"Mr. Mulder, ich erliege zur Zeit dem JETLEG!!!" wurde meine Stimme immer lauter.

"Nennen Sie mich Fox."

Ich öffnete meine Augen und sah ihn erstaunt an.

Wieso bat er mir das jetzt an?

"Bitte?"

"Hören Sie zu, folgen Sie nur meinen Anweisungen, okay?", flüsterte er mir zu, als der bewaffnete Soldat das Fahrzeug verließ.

Wer gab hier Anweisungen?

Im Moment erhielten lediglich wir Anweisungen und gaben bestimmt keine!

Ich folgte ihm aus dem Jeep und sah mich erschöpft um.

Wow, ich war tatsächlich auf einem Militärstützpunkt.

Schade, warum hatte ich meine Videokamera vergessen?

Ich hätte mich in Pose geworfen und mit einem breiten Grinsen in die Kamera gewunken: Hallo, Ma, ich bin mit vielen netten Jungs in einer Militärbasis gelandet. Man was hätte sie gestaunt.

Komm in die Wirklichkeit zurück, Mädchen, schalt ich mich selbst.

Ich stand auf diesem Militärstützpunkt, umzingelt von bis unter die Zähne bewaffneten Soldaten, die wahrscheinlich, ohne mit der Wimper zu zucken, auf mich geschossen hätten, wenn ich einen Fluchtversuch gewagt hätte.

Okay, Mr. FBI, was nun?

Ich sah Fox Mulder fragend an.

Ich erhielt keine Antwort.

Nun gut, ich hätte Geld darauf verwetten können, dass er sich in Schweigen hüllen würde. Ich hätte es voraussehen können. Aber mir platzte trotzdem fast der Kragen.

"Agent Scully."

Ich wurde am Arm gegriffen und weitergeschoben.

"Ich bin nicht Agent Scully. Verdammt, wie oft soll ich es noch wiederholen? Ich heisse Valerie Hausmann und ich kenne diesen Mann erst seit er sich im Zug neben mich gesetzt hat! Hey, hört mir hier überhaupt jemand zu?"

"Klappe!"

Na toll! Ich versuchte meine Identität aufzuklären und wurde zum Stillschweigen verdonnert.

Alles Idioten!

"Gehen Sie weiter, Val," trieb mich Fox Mulder in einem Flüsterton an.

"Ja, ja!" brummte ich und setzte mich wieder in Bewegung.

Was dachten die sich eigentlich alle hier?

Wir wurden in eine große Halle geführt, wo bereits mehrere Männer in weissen Kitteln - Wissenschaftler, nahm ich mal an - und diverse Generäle standen.

"Agent Mulder."

Die Stimme eines der Generäle hallte durch die Halle.

Ja, so heißt er, lamentierte ich.

"Agent Scully."

Ja, ja. Mir hörte ja eh keiner zu.

Von mir aus. Dann eben Agent Scully.

Der General gab ein Handzeichen und die neben uns stehenden Soldaten, griffen in geübter Weise unter Fox Mulders Jackett und zogen seine Waffe aus dem Schaft.

Er trug eine Waffe.

Er trug eine Waffe? Hatte ich das gar nicht gemerkt? Ich hatte doch an ihn gelehnt geschlafen, ich konnte das doch nicht übersehen haben. Ich hätte doch was spüren müssen!

Man suchte auch bei mir nach einer Waffe, aber logischer Weise fanden sie keine.

"Sie hat keine Waffe, Sir!" bemerkte einer der Soldaten leicht erstaunt.

Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust.

Natürlich hatte ich keine Waffe! Ich war ja auch nicht Agent Scully.

Vielleicht sah das ja mal einer ein?!

Ungeduldig begann ich mit dem Fuß zu wippen.

"Agent Mulder?"

Ja, verdammt noch mal, so hieß der Kerl!

Diese Typen vom Militär schienen sich ständig wiederholen zu müssen.

"Geben Sie uns den Film!"

Film? Hatte ich da was verpasst?

"Ich habe keinen Film!" ertönte Fox Mulders Stimme neben mir.

"Agent Scully?"

Oh, der General sprach mich an. Vermutete er jetzt irgendeinen Film bei mir?

Klar, er konnte gern meinen Urlaubsfilm haben. Zwar steckte der noch in der Kamera und die im war im Zug.

Im Zug nach Washington... mit all meinen Papieren...verdammte sch...!!!

Ich hatte schon wieder richtig Lust zu schreien.

"Ich habe Ihren blöden Film nicht, Sir! Und außerdem..."

"Geben Sie uns endlich den Film!"

Dieser General ließ mich nicht ausreden.

Das war doch alles ein böser Alptraum, oder? Bitte, bitte, ich wollte wieder aufwachen.

Ich spürte wieder eine Waffe an meinem Körper, diesmal jedoch an meiner Schläfe.

Puh, ich hatte nicht geahnt, wie schnell man Panik bekommen konnte.

Und was nun Mr. FBI?

HILFE!!!

Schweiß trat mir auf die Stirn - Angstschweiß.

"Den Film, Agent Mulder!" dröhnte die ärgerliche Stimme des Generals.

Jaha, den Film, Agent Mulder!

Es wäre jetzt an der Zeit gewesen, den Film, sofern er einen hatte, herauszurücken. Ich hatte weiss Gott keine Lust, mich umbringen zu lassen.

Er zögerte.

Ich wollte es nicht glauben. Er zögerte tatsächlich.

Vielleicht war es Taktik?

Schön, aber ich wollte nichts von seiner Taktik wissen. Ich wollte endlich nach Hause. Himmel, wie ich diese Reise unterdessen hasste.

"Fox, bitte!", flehte ich ihn in einem etwas lauteren Ton der Verzweiflung an.

Ich hatte ihn Fox genannt.

Hallo Engelein, ich hatte mich selbst in eine Falle manövriert. Wer würde mir jetzt noch glauben, dass ich ihn nicht kannte?

Toll gemacht, Valerie, schimpfte ich mit mir selbst.

Ich sah ihn in einer letzten verzweifelten Geste flehend an und registrierte angenehm überrascht und zu tiefst erleichtert, dass er eine Filmrolle aus einer Innentasche seines Jacketts entnahm.

Man ließ mich los.

Ich spürte den Druck an der Schläfe nicht mehr.

Hey, ich war tatsächlich erlöst - jedenfalls soweit ich es in dieser Situation sein konnte.

Dann wurden wir plötzlich wieder weiter gestoßen.

Fox Mulder griff wieder nach meiner Hand und zog mich mit sich und dem Tross an bewaffneten Soldaten.

Wenn dieser Kerl vom FBI war, wieso legte er sich dann mit dem Militär an?

Ach ja, er hatte, glaubte ich mich zu erinnern, von irgendwelchen Verschwörungstheorien gesprochen.

Hatte ich das wirklich geglaubt? Nein.

Jetzt war vielleicht der richtige Zeitpunkt, es zu glauben.

Ich liess mich also nicht mehr ziehen, sondern folgte ihm mit schnellen Schritten.

Wenige Minuten später befanden wir uns in einem abgedunkelten Raum.

Man hatte wohl vor, uns hier erst einmal festzuhalten.

Als die Tür sich schließlich hinter uns schloss, blickte ich doch ein wenig verdutzt. Eigentlich hatte ich ja nun doch nicht wirklich daran geglaubt.

"Und nun?" Ich blickte meinen Mitgefangenen mit verschränkten Armen an.

"Tut mir leid, Val."

Oh man, wieso konnte der Mann das so gut?

Ich verzieh ihm sofort.

"Wer ist Agent Scully?"

"Meine Partnerin," erwiderte er und sah sich suchend im Raum um.

"Was geht hier eigentlich vor?" herrschte ich ihn an.

"Ich habe geheimes Forschungsmaterial der Airforce begutachtet und fotografiert, da man in der Öffentlichkeit eine derartige Forschung abstreitet."

Sein Blick fiel auf einen Lüftungsschacht.

"Und nur deshalb dieses Theater?" fragte ich neugierig.

"Es hat zu Toten in der Bevölkerung geführt, deshalb habe ich diesen Exkurs unternommen. Ich wollte die Wahrheit ans Licht bringen."

Er winkte mich zu sich und forderte mich auf, auf seine Hände zu steigen, damit ich den Lüftungsschacht öffnen konnte.

Meiner Neugier tat das Ganze irgendwie keinen Abbruch.

"Aber ich denke Sie haben Urlaub... Zwangsurlaub!", korrigierte ich mich.

"Ja, schon richtig. Mein Vorgesetzter weiß auch nichts hiervon."

"Das heißt also, dass uns auch niemand vermissen würde?", platzte es aus mir heraus.

"Nein?"

Hätte er mich nicht an den Beinen festgehalten und hätte nicht die Möglichkeit eines Sturzes bestanden, so wäre ich ihm wahrscheinlich in diesem Moment an die Kehle gesprungen.

Ich zerrte mich in den Lüftungsschacht und da dieser groß genug war, um sich kniend einmal um sich selbst zu drehen, reichte ich Fox meine Hände, um ihm aufzuhelfen.

Er quetschte sich an mir vorbei, um die Vorhut zu übernehmen.

Huh, mir wurde ganz anders.

Diese Schächte waren ganz schön eng.

"Fox? Ich glaub ich bekomme Platzangst," seufzte ich und machte Anstalten, wieder zurück zu klettern.

"Hey, kommt gar nicht in Frage!" schimpfte er leise und packte mich an den Handgelenken, um ein weiteres Absteigen meinerseits zu verhindern.

Er zog mich wieder an sich heran und blickte mir dann beschwörend in die Augen.

"Hör mir gut zu Val, du schaffst das, klar?" Jetzt duzte er mich schon!

Ich wollte widersprechen, aber da dazu gab er mir keine Gelegenheit. Er zog mich einfach hinter sich her.

Ich weiss zwar nicht, wie er das geschafft hatte, aber irgendwann folgte ich ihm anstandslos. Meine Panik war verschwunden.

Irgendwann kam mir dann in den Sinn zu fragen, wie denn eigentlich sein Plan aussähe.

FBI-Agenten im Fernsehen haben in solchen Situationen immer Pläne.

Also meinte ich, sollte das hier auch so sein. Hoffte ich... flehte ich!

"Plan? Du siehst zu viele Filme!" kam seine Antwort wie aufs Stichwort.

Er duzte mich schon wieder!

Ich gab auf, Fragen zu stellen oder auf Antworten zu hoffen.

Nein, wenn ich keine Antworten bekam, dann nicht. Ich würde nur hoffentlich bald wieder zu Hause sein.

Und wenn nicht, dann würde ich Mr. FBI dafür verantwortlich machen.

Was dachte ich nur? Er war verantwortlich! Definitiv!

Wäre ich nicht in einer solch verfahrenen Situation gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich meiner Wut ergeben.

Irgendwann kletterten wir aus dem Schacht heraus und befanden uns im Freien. Zwar noch auf Militärgelände, aber im Freien.

"Und was jetzt?"

Er gab mir Zeichen, mich ruhig zu verhalten und ihm zu folgen.

Als ob ich das nicht schon die ganze Zeit getan hätte.

Er schien einem Plan in seinem Kopf zu folgen. Jedenfalls machte es den Anschein. Er kannte jedes Gebäude, jeden Stein, jeden Baum.

"Könnte es sein, dass du hier schon öfters ausbrechen musstest?" brummte ich mürrisch, als wir mal wieder in einem mörderischen Positionswechsel vor ein paar Soldaten, die Wache schoben, in Deckung gingen.

"Na ja, vielleicht einmal…", lächelte er angespannt und zog mich wieder weiter.

Ich war sehr verblüfft, aber auch sehr erleichtert, als wir kurz darauf das Gelände auf der Ladefläche eines Armee-Transporters verließen.

"Woher wusstest du, dass der Transporter uns raus bringen würde?"

Ich meine, das war eine Militärbasis. Streng bewacht. Ich hatte ursprünglich nicht einmal angenommen, aus dem Gebäude zu gelangen.

"Das war reine Spekulation," grinste er mich an.

Ich grinste zurück, wenn auch mit dem Hintergedanken, dass er diese Fahrt wahrscheinlich nicht überleben würde, wenn er so weitermachte.

Fox schob die Plane des Anhängers ein Stück zur Seite und besah sich die vorbei eilende Landschaft an.

"Schöne Aussicht?", murrte ich zusammengekauert.

"Komm her!"

Er hielt mir auffordernd die Hand hin.

Ich? Hier auf diesem wackligen Anhänger stehend? Niemals!

Ich ergriff seine Hand und ließ mich zu ihm ziehen.

Man, bei dem Geschaukel konnte einem richtig schlecht werden. Das war ja fast so schlimm wie eine Bootsfahrt.

Ich hasste Bootsfahrten.

Gab es eigentlich noch etwas, was ich unterdessen nicht hasste?

"Wir werden springen müssen, glaubst du, du schaffst das?"

Springen??? Ich??? Hier aus dem fahrenden Transporter???

Ist der denn völlig wahnsinnig geworden?

Mein Herz begann zu rasen. Das würde ich nie ohne Knochenbrüche überstehen, geschweige denn überleben.

Er drückte meine Hand, um mir Mut und Motivation zu zusprechen, aber irgendwie wollte das nicht gelingen.

"Fox? Das ist nicht dein Ernst, oder?" Ich blickte ihn flehend an.

Er grinste mich entschuldigend an.

Ich wollte noch etwas entgegnen, doch mein Widerspruch blieb mir im Halse stecken, als er mich wieder mal mit sich zog und aus dem Transporter sprang...

Der Aufprall, der Schmerz in meinem Knöchel und mein in der Dunkelheit nachhallender Schrei waren einfach zu viel für mich gewesen.

Ich hatte mir definitiv den Knöchel gebrochen!

Und wer war Schuld? Fox Mulder, Mr. FBI persönlich!

"Alles Okay?" sein Blick ließ Schuldgefühle nicht ausschließen.

"Ahhhhhhhh..."

Ich stürzte mich, soweit es möglich war, auf ihn und begann ihn mit meinen Fäusten zu bearbeiten.

Da ich ja nun keine gerade starke Person war, hatte er meine Arme sehr schnell im Griff und mich unter Kontrolle.

Meiner Wut tat das jedoch keinen Abbruch.

"Valerie, beruhige dich!"

"Du elender..."

Ich verstummte wieder und verzog mein Gesicht dann zu einer leidvollen, fast heulenden Miene: "Ich glaube, mein Knöchel ist gebrochen."

"Kann ich dich wieder loslassen?", beschwörend sah er mich an.

Ich nickte.

Er rutschte zu meinem Fuß und begutachtete sich das bereits geschwollene blaue Etwas, welches vor kurzem noch mein Knöchel gewesen war.

"Ich glaube er ist nur verstaucht, aber Wetten würde ich da keine drauf abschließen."

Ich seufzte theatralisch.

Wenn er nicht gebrochen war, war das schon mal viel wert. Trotzdem konnte ich nicht laufen. Vor allen Dingen konnte ich keinen längeren Fußmarsch auf mich nehmen, der, so wie es aussah, anstand.

Aber ich hatte ja nicht an Fox Mulder, das Multitalent gedacht.

Er schlang einen Arm um mich und los ging es.

Ich kam mir gar nicht mehr vor, als ob ich laufen würde. Vielmehr hatte ich bereits das Gefühl getragen zu werden.

Aber wie sollte er das auf Daür durchhalten?

Nach einer halben Stunde erreichten wir eine Hauptverkehrsstraße.

Klar, er würde das nicht durchhalten müssen, weil wir per Anhalter weiterfahren würden. Schon klar, Mr. FBI!

Und es fand sich tatsächlich nach wenigen Minuten ein netter Truckfahrer, der uns bis zum nächsten kleinen Ort mitnahm.

Dort mietete Fox einen Wagen und kutschierte uns Richtung Washington D. C.

"Wie weit sind wir von Washington eigentlich entfernt?" Sehnsüchtig sah ich aus dem Fenster.

"Wir werden wohl noch zwei oder drei Stunden brauchen."

Ich nickte.

Schade, es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn Washington mal eben um die Ecke gelegen hätte.

Langsam gefiel es mir, trotz all der Turbulenzen durch die ich seit meiner Ankunft in New York erlitten hatte, mit Fox Mulder zusammen zu sein.

Es war irgendwo selbstverständlich geworden, dass er neben mir war.

"Ist es mit deiner Partnerin auch so?"

Ich streckte meinen schmerzenden Fuß auf dem Armaturenbrett aus.

"Wie so?" Verwirrt blickte er mich von der Seite an.

"So selbstverständlich. Ich meine, du sitzt neben mir, wir unterhalten uns, duzen uns und das obwohl wir uns erst ein paar Stunden kennen, aber dennoch scheint es selbstverständlich."

Ich lächelte ihn an und erhielt ein wundervolles Lächeln zurück:

"Nicht ganz. Sie ist ein Teil von mir, vielleicht ein selbstverständlicher, aber, na ja, wie soll ich es dir erklären..."

"Ihr habt ein unwahrscheinliches Vertrauensverhältnis, aber ihr seid trotzdem per Sie?"

Er nickte: "Irgendwie schon, aber es ist noch anders. Ich kann es eigentlich gar nicht beschreiben."

Ich seufzte.

Vermutlich war sie die Frau, von der er nicht gesprochen hatte, als ich ihn nach einer Ehefrau gefragt hatte.

Er hatte verletzlich und betrübt gewirkt. War sie Schuld?

Ich spürte einen leichten Stich.

Hey, Mädchen, schalt ich mich selbst, du wirst doch nicht etwa dein Herz an diesen Kerl verlieren?

Ich blickte ihn an und bekam wiedermal ein wundervolles Lächeln geschenkt.

Doch, die Möglichkeit bestand.

Ich schloss die Augen und versuchte an was anderes zu denken...

Wir erreichten Washington D. C. genau 3 Stunden später. Es wurde bereits wieder hell und Fox beschloss gleich in die FBI-Zentrale zum J. Edgar Hoover Building weiterzufahren.

Es war noch reichlich früh und so trafen wir noch kaum jemanden im Gebäude an.

Ich starrte auf meinen Besucherausweis und fragte mich, wie es Fox gelungen war, so schnell ein Exemplar für mich zu bekommen. Dieser Mann erstaunte mich doch immer wieder aufs neue.

"Hier arbeitest du?" Ich musste ihn sehr verdattert angesehen haben, denn er lachte laut los.

Na ja, wer vermutete einen FBI-Agenten schon in einem Kellerloch?

Und die Plakate erst! Ich sah mich neugierig um.

Ich registrierte aus dem Augenwinkel, dass er eine kleine Fotodose aus seiner Hosentasche holte und in eine kleine Plastiktüte tat.

"Hey." Ich wirbelte herum.

Er hatte doch tatsächlich noch einen Film.

Wenn das einer von den Generälen gemerkt hätte!

Dieser Idiot hatte mein Leben aufs Spiel gesetzt. Keine Frage, er hatte mit meinem Leben gepokert und geblufft.

Oh, ich war schon wieder auf hundertachtzig.

"Du hast mein Leben riskiert!", fuhr ich ihn an.

"Hab ich nicht!"

"Doch!", zischte ich zurück, als auf einmal eine weitere Person den Raum betrat.

Ich sah den hochgewachsenen, bereits etwas kahleren Mann mit funkelnden Augen an.

"Agent Mulder, was ist hier denn los?" Er sah mich begutachtend an.

"Wer ist das denn nun schon wieder, Fox?", erwiderte ich gereizt und den Tränen nahe.

Ich glaube, ich hatte noch nie so viele Gemütsschwankungen.

"Fox?"

Der mir Fremde sah uns erstaunt und mit einem amüsierten Zucken in den Mundwinkeln an. Hatte ich was Komisches gesagt?

"Direktor Skinner, das ist Valerie Hausmann aus Deutschland."

Wer zum Teufel war denn nun schon wieder Direktor Skinner?

Konnte mich mal endlich einer aufklären?!

"Wieso ist sie hier?"

Weil ich fast wegen Herrn Mulder umgebracht worden wäre, mir den Knöchel verstaucht, gebrochen oder was auch immer hatte und meine Papiere sich in einem Zug auf der Reise ins Nirgendwo befanden.

Herrgott, ich wollte doch nur nach Hause!

"Sir, das ist eine längere Geschichte!" Fox wirkte ganz und gar nicht reumütig.

"In mein Büro, Mulder!"

Scheinbar schien sich hier jeder mit Nachnamen anzusprechen. Welch verrückte Art und Weise. Die hatten ja nicht mehr alle Tassen im Schrank, die Amerikaner!

So kam es also, dass wir kurze Zeit später bei diesem Skinner im Büro saßen und Fox in kurzen präzisen Worten die ganze Geschichte erzählte.

Irgendwann Zwischendurch stürmte eine kleine Rothaarige aufgeregt in das Büro und fiel Fox erleichtert um den Hals, nur um ihn kurz darauf für sein gewagtes Vorhaben zu beschimpfen.

Das war also Scully...

Ich musste schon sagen, dass Verhältnis der beiden gab mir Rätsel auf.

Als sie das Büro wieder verlassen hatte, versprach mir dieser Skinner, dass ich neue Papiere erhalten würde und dass man mir selbstverständlich alle Kosten erstatten würde.

Fox führte mich anschließend zum Betriebsarzt des FBI und ließ mich dort allein, damit mein Fuß versorgt werden konnte.

Eigentlich wollte ich nicht, dass er ging. Eigentlich wollte auch ich nicht gehen.

Ich wusste, dass mein Gastspiel nicht mehr lange andauern würde und es tat mir furchtbar weh.

Als ich den Flur entlang humpelte - mein Fuß war glücklicherweise tatsächlich nur verstaucht gewesen - erhielt ich von Direktor Skinner bereits meine neuen Unterlagen. Es war doch erstaunlich, wie schnell alles im Moment ging. Viel zu schnell für meinen Geschmack!

Ich humpelte lächelnd auf Fox zu, der nur einige Meter von diesem Skinner entfernt stand.

"Hey, scheinbar hatte ich mit der Verstauchung Recht."

Ich lächelte gequält. Ein gebrochener Fuß hätte mir wahrscheinlich noch Aufschub gewährt.

"Tja, Mr. FBI, dann wird ich wohl mal wieder verschwinden."

"Mr. FBI?" Er sah mich verdutzt an.

Ups, hatte ich das jetzt etwa laut ausgesprochen?

"Tja…", seufzte ich ein wenig schwermütig.

"Wirst du noch in Washington bleiben?" Er wirkte erwartungsvoll oder bildete ich mir das nur ein?

"Nein, ich fliege sofort zurück nach Europa. Meine Papiere regeln und so weiter, schließlich sind das hier nur provisorische zur Ausreise."

Ich wedelte demonstrativ mit den Zetteln in meiner Hand.

Er wirkte ein wenig enttäuscht. Oder täuschte ich mich schon wieder?

"Wirst du deinen Ex-Verlobten was von mir ausrichten?"

Erstaunt sah ich zu ihm auf. Was sollte das jetzt und wieso erinnerte er sich noch daran?

"Sag ihm, dass er wirklich ein ganz großer Idiot ist!"

Ich musste lachen. Hatte er mir da wirklich gerade ein Kompliment gemacht? Ich hielt es für eine tröstende Geste, einen Scherz, aber dann lächelte er mich wieder so warm an, dass ich allem Glauben geschenkt hätte, was er in naher Zukunft zu mir gesagt haben würde.

"Val?" Er nahm meine Hand in seine.

Ergriffen registrierte ich, dass er mich bittend ansah.

Ich ließ ihn nicht lange bitten und reckte mich zu ihm.

Meine Hände umschlangen seine Hüften, während ich mich erschöpft und traurig an ihn presste.

Dann spürte ich seine Lippen zuerst auf meiner Stirn, dann auf meiner Nase.

Ich presste mich noch enger an ihn und spürte seine Lippen auf meinen.

Ich hatte das Gefühl nach Hause gekommen zu sein.

Nach einem viel zu kurzen Moment löste er sich wieder von meinen Lippen und hielt mich nur noch im Arm.

"Pass auf dich auf, Val", murmelte er und ließ mich dann aus seinen Armen.

Wir hielten uns noch immer in den Händen, als ich bereits einige Schritte rückwärts von ihm fortging.

"Bye, Mr. FBI!", flüsterte ich seufzend und drehte mich schließlich um, um Direktor Skinner zum Taxi zu folgen, welches mich zum Flughafen bringen sollte.

Zwei Stunden später im Flieger zurück nach Deutschland spürte ich das Verlangen, wieder auszusteigen. Noch hatte der Flieger nicht gestartet, noch konnte ich zurück.

Ich blieb sitzen und dachte an diese außergewöhnliche Begegnung. Ich würde sie mit Sicherheit nie vergessen.

In letzter Sekunde hastete ein letzter Passagier in die Maschine. Ich wandte mich urverwandt um und registrierte einen relativ jungen, abgehetzten Mann, der sogleich auf den freien Platz neben mir zusteuerte. Er hatte einen künstlichen Arm, registrierte ich mit einem Seitenblick.

Kaum saß er, setzte sich das Flugzeug bereits wieder in Bewegung.

Ich kramte den "Einsamen Schützen", den ich von Fox erhalten hatte hervor und begann einen Artikel zu lesen, als mich mein Sitznachbar plötzlich ansprach.

"Sie interessieren sich für Übernatürliches?"

Ich sah fragend auf.

"Krycek, ich habe mal beim FBI ungewöhnliche Fälle bearbeitet." Er reichte mir seine gesunde Hand zum Gruß.

Ich erkannte diesen verfolgten, rastlosen Blick und die Art wie er sich gab und klappte meine Zeitschrift zu:

"Stewardess! Stewardess! Halten Sie den Flieger sofort an, ich will aussteigen!", rief ich energisch und lenkte alle Blicke auf mich.

Verwirrt sah er mich an.

Ich schnallte mich los und kletterte über ihn hinweg.

Das musste ich mir kein zweites mal antun!

Ende


© 1999 Stephanie Raatz
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