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Vier Männer und ein Baby

von XFilerN

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„Schon gut, Joshua, nicht mehr weinen. Schhh, ist ja okay, Mommy kommt ja schon...“ Scully kam aus der Küche zurück ins Schlafzimmer, wo das Baby in seinem Bettchen lag und weinte. Es schrie lauthals nach seinem Essen und lief dabei feuerrot an. „Hier mein Liebling, hier ist dein Fläschchen“, sagte Scully, völlig außer Atem, nahm Joshua aus dem Bett und setzte sich zusammen mit ihm auf ihr eignes Bett. Schnell gab sie ihm die Milch, damit seinem Weinen endlich wieder die Ruhe folgen würde. Scully wippte leicht vor und zurück und sang ihrem drei Monate jungen Sohn ein Lied vor, dass sie selbst noch aus Kindertagen kannte.

Seit zwei Wochen stillte sie das Baby nicht mehr und so musste sie Nacht für Nacht mehrmals, wie jetzt, aufstehen und ihm in Windeseile ein Fläschchen zubereiten. Es kostete sie mehr Kraft als sie anfangs gedacht hatte, seit seiner Geburt keine Nacht mehr durchschlafen zu können und ihm alle vier Stunden das Essen zu geben.

Tag täglich musste sie, zumindest hatte sie das Gefühl, mehr Make-up auftragen, um die Ringe unter ihren Augen zu verbergen. Ihr Bauch wurde auch erst jetzt allmählich wieder so flach, wie er vor der Schwangerschaft gewesen war. Sie hatte weder Kraft noch Zeit, um die Übungen zu machen, die der Arzt ihr empfohlen hatte und so musste sich ihr Körper von selbst regenerieren.

Scully gähnte herzhaft, als sie Josh beim Nuckeln zu sah. Es dauerte nicht allzu lange, bis die Flasche gänzlich, bis auf den letzten Tropfen leer war. Das war etwas, was sie ihm bei seinen nächtlichen Hungerschüben zu gute halten konnte: Er trank sehr schnell.

Vorsichtig trug sie Joshua wieder zurück zu seinem Bett und schlüpfte ebenfalls noch einmal unter die Bettdecke. Es dauerte nicht lange, bis sie beide wieder eingeschlafen waren.

****

Am Nachmittag klingelte es plötzlich unerwartet an ihrer Tür. Joshua lag ihm Wohnzimmer auf einer Spieldecke und erkundete die Vielfalt und die Farbenpracht seiner Rasseln, während Scully schnell aufstand um ihrem Besuch zu öffnen.

„Mulder, was tust du denn hier? Musst du nicht arbeiten?“, fragte sie und bat ihn geschwind herein.

„Ich hab’ heute mal früher Schluss gemacht. Es war nichts los und da ohnehin Freitag ist, dachte ich, dass ich mal meine Überstunden abbauen und dich besuchen könnte.“ Mulder schloss die Tür hinter sich und nahm Scully zur Begrüßung in den Arm. „Ich störe euch doch nicht, oder?“

„Nein, ist okay. Soll ich uns einen Kaffee machen? Hast du Hunger?“, wollte Scully wissen und Mulder schüttelte den Kopf. „Wirklich nicht?“

„Nein, ich hab eben unterwegs was gegessen“, antwortete er mit einem Lächeln. „Sei mir nicht böse, wenn ich das sage; du siehst ein wenig geschafft aus, Scully.“

Sie verdrehte die Augen. „Tja, rate mal, wem ich das zu verdanken habe...“

„Ich dachte, er sei so brav?“ Mulder warf einen kurzen Blick zu Josh, der in diesem Moment auf den Rücken purzelte, als er nach einem Spielzeug greifen wollte. Mit vier großen Schritten war Mulder bei ihm und nahm ihn auf den Arm. „Hey, kleiner Mann“, grüßte er und verzog das Gesicht, womit er Josh ein kleines Lächeln abrang.

Scully beobachtete die Beiden einen Augenblick und antwortete Mulder schließlich: „Er ist auch sehr brav, er ist mein Engel... Aber seit drei Monaten keine Nacht mehr durchschlafen zu können und ständig auf Trab gehalten zu werden...“ Sie hielt inne, als Mulder ihr offenbar nicht richtig zuhörte. Es schien ihn mehr zu interessieren, wie er den kleinen Joshua noch zum Lachen bringen konnte.

„Soll ich ihn dir mal abnehmen, für einen Tag meine ich?“, fragte Mulder plötzlich, ohne das Spiel zu unterbrechen.

„Du?“, kam es überrascht von Scully. Sie kicherte etwas in sich hinein. „Nein, lass’ mal gut sein. Ich denke, das verkraftet ihr beide nicht. Ich will mir von Skinner nichts anhören müssen, wenn du nicht mehr fähig bist zur Arbeit zu gehen.“

„Hey, soll das heißen, dass du mir nicht zutraust, dass ich einen Tag allein mit ihm auskomme?“, entgegnete Mulder und wandte sich Scully zu. Josh lag nun mit dem Gesicht auf seiner Schulter und sabberte Mulders Pullover voll. „Das schaff ich doch mit links.“

„Mulder, du bist ein ausgezeichneter Agent, ein wirklich guter Freund und... aber du hast keine Ahnung von Babys.“ Sie sah Mulder mit demselben Blick an, den sie immer gehabt hatte, wenn seine Ideen ihr etwas zu unkonventionell gewesen waren.

„Scully, ist dir eigentlich klar, dass du sexistisch bist?“

„Ich? Mulder, was ist daran sexistisch, dass ich dir nicht zutraue allein auf Joshua aufzupassen? Es geht nicht darum, dass ich es Männern generell nicht zutraue, sondern speziell in deinem Fall ernste Zweifel daran habe. Weißt du denn, wie man ein Baby wickelt? Wie oft es etwas zu essen bekommt und was es bekommt? Was wenn er Bauchschmerzen bekommt, weil...“

„Stop – das meinst du nicht ernst, oder doch? Hast du Angst, dass Josh es bei mir nicht gut haben würde? Dass ich ihn nicht wickeln und füttern würde? Das meinst du wirklich ernst?“, unterbrach Mulder sie etwas verletzt. „Gib mir wenigstens die Chance es zu versuchen. Zeig mir, wie man ihn wickelt und wie ich ihn füttern kann. Wir werden schon einen Tag ohne dich klar kommen, Scully, vertrau mir.“

„Ich vertraue dir schon, das weißt du aber...“ Sie hielt inne und betrachtete Mulder. Noch immer lag Joshua friedlich an seine Schulter gelehnt und wirkte zufrieden. „Na schön, okay.“ Sie rieb sich die Stirn. „Wann hast du denn mal Lust und Zeit ihn mir etwas abzunehmen?“

„Wie wäre es mit heute, jetzt gleich“, meinte Mulder und lächelte heroisch. Er hatte sie also letztlich doch wieder überzeugt. Das lag ihm offenbar besser als er dachte.

„Jetzt? Heute? – Mulder, sieh’ mich an. Und wo sollte ich denn hingehen?“

„Ich bin mir sicher, dass dir etwas einfallen wird. Zeig mir bitte schnell, was ich zu tun habe, dann gehst du duschen, machst dich etwas hübsch und dann nichts wie raus hier, klar?“ Mulder nahm Joshua nun so, dass er ihm ins Gesicht schauen konnte. „Das bekommen wir auch ohne Mommy hin, nicht wahr?“

Scully kapitulierte entgültig als das Baby ein fröhliches Kreischen von sich gab und wild mit den Armen zu rudern begann. „Schön, dann kommt mal mit, ihr beiden“, sagte sie letztlich und führte Mulder ins Schlafzimmer, wo er Josh erstmals wickeln durfte.

****

Mit einem letzten skeptischen Blick zog Scully die Wohnungstür hinter sich zu und ließ Mulder und Joshua allein zurück. Während Mulder den Arm des kleinen so bewegte, als würde er seiner Mutter winken, grinste Mulder ihr nur zu. Sie sollte sich keine Sorgen machen, auch wenn er das Baby nun mit unsicherem Blick musterte. Wann war es noch mal Zeit für die nächste Flasche?, begann Mulder sich zu fragen und ging zusammen mit dem Kind zurück zur Couch, auf die er sich fallen ließ. Dann schaltete er den Fernseher an und suchte den Sportkanal. Vielleicht, so dachte Mulder, wird Josh ein Basketballspiel gefallen.

„Na kleiner Mann, ist das was für dich?“ Er setzte das Baby auf die Couch neben sich und verteilte rings um Josh Kissen, sodass er nicht umfallen würde. Der Kleine ließ Mulders rechten kleinen Finger jedoch nicht mehr los, nachdem er ihn zu fassen bekommen hatte und kaute einwenig darauf herum.

„Das schmeckt dir wohl, hm?“, sagte Mulder und lächelte den kleinen Fratz an. „Was deine Mommy jetzt wohl tut? – Schade, dass du noch nicht sprechen kannst, Josh.“ Mit einem Schlag wurde Mulder bewusst, dass so ein Baby zwar niedlich war, es auf Dauer aber langweilig werden konnte, wenn man keine Antwort bekam. Wie hält Scully das nur den ganzen Tag aus?

****

Eine Stunde später klingelte das Telefon und Mulder überlegte, ob er dran gehen sollte. Immerhin war es nicht sein Apparat und was, wenn es jemand privates war? Vielleicht ist es Margaret, dachte Mulder und entschied sich nach dem fünften Klingeln doch dran zu gehen. Was sollte schon passieren?

„Mulder“, meldete er sich leise, damit Josh sich nicht erschrecken würde, der inzwischen eine liegende Position neben ihm auf der Couch eingenommen hatte.

„Ich bin’s. Wie geht es ihm?“

„Scully, du bist gerade Mal knapp eine Stunde weg. Es geht uns beiden gut und wir kommen wunderbar miteinander aus“, antwortete Mulder. „Wo bist du?“

„Ich bin bei meiner Mutter, sie wollte mir nicht glauben, dass du auf Joshua aufpasst.“ Mulder konnte es zwar nicht sehen, aber er hörte es an ihrer Stimme, dass sie lächelte.

„Was ist an einem männlichen Babysitter so ungewöhnlich?“

„Im Grunde wirklich nichts, Mulder. Nur, dass ausgerechnet du den Babysitter spielst, finde ich unglaublich. Du bist nun mal nicht dafür gemacht... du bist kein – Familienmensch.“ Scully räusperte sich. „Versteh’ mich nicht falsch...“

„Schon gut“, unterbrach er sie schnell und schaute auf das Baby hinab. Behutsam streichelte er über Joshuas flaumig weiches Haar. „Du hast mich in dieser Rolle eben noch nie gesehen. Ebenso gut hätte ich dir das nie zugetraut, Scully. Du warst auch immer allein.“

„Das ist richtig. Nur habe ich mir schon lange eine Familie gewünscht. Jetzt hab’ ich wenigstens eine halbe“, entgegnete sie und wieder hörte er das Lächeln aus ihrer Stimme heraus.

„Ja, die hast du, Scully.“ Mulder atmete tief ein und aus. Hatte sie sich wirklich schon immer eine Familie gewünscht, oder erst seit sie dachte nie eine haben zu können? Und welchen Platz würde er selbst von jetzt an bei ihr einnehmen. Sie waren keine Partner mehr... Das einzige was sie noch verband war ihre Freundschaft.

„Mulder, bist du noch dran?“, fragte Scully plötzlich, als er seinen Gedanken nachhing.

„Ja, klar“, antwortete er schnell. „Wolltest du etwas Bestimmtes, oder dich nur vergewissern, dass ich Josh gut versorge?“

Sie räusperte sich. „Ich wollte mich vergewissern, dass es euch beiden gut geht.“

„Rufst du mich jetzt jede Stunde an, bis du zurück kommst?“, wollte er scherzhaft wissen und lachte leise.

„Ich rufe dann an, wenn ich das Bedürfnis habe, nicht wenn wieder eine Stunde um ist.“

„Richte deiner Mutter Grüße von mir aus, ja?“

„Mache ich“, entgegnete Scully und beendete das Telefonat.

„Deine Mom, traut mir aber auch gar nichts zu...“, sagte Mulder und beugte sich dabei über das Baby, um den Hörer aufzulegen. „Ich frage mich, Josh, ob du kitzelig bist.“ Er grinste den Kleinen an und krabbelte mit beiden Händen an Joshs Bauch und den Seiten, doch nichts regte sich in seinem Gesicht. Dann startete Mulder einen weiteren Versuch, nahm den linken Fuß des Babys in den Mund und knabberte behutsam daran. Endlich begann Josh sich zu regen und zappelte wild mit beiden Beinen.

„Das gefällt dir, hm?“, schmunzelte Mulder und fuhr mit dem Knabbern fort.

****

Mulder presste den Telefonhörer stark gegen sein Ohr, um zu hören, wenn jemand das Gespräch annahm, da Joshua im Schlafzimmer in seinem Bett lag und seit Minuten ohne Unterbrechung schrie. Sich die Blöße geben und Scully anrufen wollte Mulder nicht, aber er brauchte dringend Unterstützung. Seit Joshuas letzter Mahlzeit waren gerade mal zwei Stunden vergangen und er hatte doch ständig mit ihm gespielt – nur weshalb weinte er jetzt? Mulder war verzweifelt. Endlich nahm jemand den Hörer auf der anderen Seite ab.

„Ja“, meldete sich die Stimme.

„Byers, endlich. Bin ich froh, dass ihr da seid. Ich brauche eure Hilfe!“, rief Mulder etwas lauter in den Hörer als beabsichtigt. Er konnte durch Josh seine eigenen Worte kaum verstehen und nahm an, dass Byers ihn sonst auch nicht verstehen würde.

„Was ist das für ein Krach im Hintergrund, Mulder? Kannst du den Fernseher nicht leiser schalten?“, kam es von seinem Freund.

„Das ist kein Fernseher, sondern Joshua.“

„Kann Scully ihn nicht beruhigen? Ist er krank?“, erkundigte sich Byers.

„Ich passe auf ihn auf und Scully ist nicht da. Wie viel wisst ihr über Babys?“, erklärte Mulder schnell die Situation und sein Anliegen.

„Ich hab drei Männer und ein Baby gesehen“, erklang plötzlich auch Frohikes Stimme in der Leitung. „Bist du etwa überfordert, Mulder?“

„Nein – vielleicht – etwas – ja, okay? Könnt ihr schnell zu Scullys Wohnung kommen. Ich muss den Kleinen beruhigen, bevor sie kommt und denkt, ich kann das nicht.“

„Du kannst es doch auch ganz offensichtlich nicht“, meinte schließlich auch Langly, der sich ebenfalls dazugeschaltet hatte.

„Sehr komisch, Jungs“, entgegnete Mulder zynisch, als er das Lachen der drei hörte. „Was ist jetzt, kommt ihr?“

„Okay“, sagte Byers und beendete das Gespräch.

****

Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Gunmen endlich bei Scullys Apartment ankamen. Mulder öffnete ihnen die Tür und bat die drei hastig herein, den nach wie vor schreienden Joshua im Arm haltend, und schloss schnell die Tür wieder hinter ihnen, damit die Nachbarn sich nicht über den Lärm beschweren konnten.

„Ist das ein putziges Kerlchen“, sagte Frohike und nahm Mulder das Baby ab. „Ja, hallo kleiner Mann – du bist ja ein süßer Fratz.“ Er schnitt Grimassen vor Josh, doch das interessierte ihn herzlich wenig. Mit weit offenem Mund und feuerrotem Gesicht weinte er hemmungslos weiter. Als Frohike merkte, dass er nicht imstande war Joshua zu beruhigen drückte er ihn Byers in den Arm. „Hier versuch’ du es mal.“

Byers schüttelte entsetzt den Kopf und wies das Baby zurück. „Kommt nicht in Frage, ich habe keine Ahnung von Babys. Was wenn ich ihn falsch halte?“

„Nun nimm’ schon“, entgegnete Frohike und wartete erst gar nicht auf die Erlaubnis seines Freundes.

Mulder und Langly tauschten interessierte Blicke und grinsten sich dann an, gespannt darauf wartend, ob Joshua sich in Byers Armen wohler fühlen würde. Dem war jedoch nicht so. Selbst Byers hilflos wirkender Blick und sein scheues Lächeln brachten Joshua nicht zum Schweigen.

„Vielleicht solltest du ihn wickeln, Mulder. Kann doch sein, dass seine Windel... ähm, voll ist“, sagte Langly und rückte die Brille auf seiner Nase zurecht. Alle vier Männer starrten jetzt das Baby an.

„Hm, ich habe ihn doch erst vor“, Mulder schaute auf seine Armbanduhr „einer knappen Stunde gewickelt“.

„Vielleicht ist sie trotzdem voll.“ Frohike blickte jeden seiner Freunde abwechselnd an und hob dann die Schultern ein wenig. „Schnupper’ doch mal an ihm, Mulder.“

Er schüttelte angewidert den Kopf. „Das ist ja ekelhaft, das mach’ ich ganz sicher nicht.“ Mit einem Kopfnicken deutete Mulder auf Byers. „Mach’ du es. Du hast Josh ohnehin auf dem Arm.“

„Sorry, Junge, aber ich hab’ mich nicht freiwillig als Babysitter gemeldet“, entgegnete Byers grinsend und drückte das schreiende Baby in Mulders Arm.

Vorsichtig und mit kritischem Ausdruck im Gesicht hob Mulder Joshua etwas nach oben, sodass er an seiner Windel riechen konnte, dann verzog er angeekelt das Gesicht. „Okay, wer von euch hilft mir dabei?“

„Ich hatte also recht“, sagte Langly heroisch. „Ich kann das aber nicht. Das schaffst du auch allein, Mulder.“ Er klopfte aufmuntert auf Mulders Schulter und wackelte etwas mit den Augenbrauen.

Die anderen Beiden nickten zustimmend und Mulder entgegnete ihnen einen genervten Blick. „Wieso habe ich euch eigentlich um Hilfe gebeten?“

„Hey, immerhin hab’ ich die Ursache für das Schreien, des Kleinen gefunden“, griente Langly.

****

Mit zugehaltenen Nasen standen die Gunmen hinter Mulder, der Joshua von der vollen Windel befreite und die aufkommende Übelkeit versuchte zu ignorieren. Schnell rollte er mit der rechten Hand die Windel zusammen, um den Gestank darin einzuschließen und hob mit der Linken geschickt das Baby an den Beinen in die Höhe. Endlich war der Babypo wieder sauber und glänzte von den Öltüchern. Mulder strahlte, stolz auf das, was er geleistet hatte, denn für einen Augenblick hörte Josh auf zu schreien. Erleichterung machte sich dadurch bei den Männern breit. Byers nahm sich die Freiheit und griff nach der Windel, die er schnell in den dafür vorgesehenen Abfallbehälter warf. So konnte er wenigstens behaupten Mulder etwas bei dieser schweren Operation unterstützt zu haben.

„Meine Güte, wie hält Scully das nur immer aus?“, fragte Mulder in die Runde.

Frohike zuckte die Schultern. „Frauen wird nie schlecht, wenn sie ihre Kinder wickeln. Das muss ihnen von Natur aus mitgegeben sein, schätze ich.“

„Klar, ist es das“, fiel Langly in die Unterhaltung ein, „wer sonst, wenn nicht die Mütter, sollten die Babys denn sonst von den verkackten Windeln befreien?“

„Männer wie Mulder“, grinste Byers und klopfte seinem Freund lobend auf die Schulter, als dieser das kleine Bündel wieder auf den Arm nahm.

„Ihr seid zu komisch, Jungs. Seht ihr mein Lächeln?“ Mulder drehte sich mit ernster Miene und genervtem Blick zu den Dreien um. Im selben Augenblick begann Joshua neuerlich zu weinen und alles reden und wiegen half nichts. Das Blut schoss ihm erneut ins Gesicht und ließ es beinahe wie eine rote Ampel aufleuchten. Mulder schaute seine Freunde hilfesuchend an.

„Was jetzt?“

„Wir sollten ihn Füttern“, antwortete Byers und ging allen voran zurück ins Wohnzimmer und von da in die Küche. „Was bekommt das Baby denn, Mulder?“

„Milch – warme Milch!“ entgegnete Mulder etwas lauter als geplant, aber er glaubte das Baby in dessen Lautstärke übertrumpfen zu müssen. Seine Ohren begannen allmählich durch das ununterbrochene Geschrei zu schmerzen und am Liebsten hätte Mulder sie sich zugehalten oder Ohropax hineingestopft. Gibt dieser kleine Schreihals denn niemals Ruhe?, fragte er sich insgeheim.

Langly war derweil am Kühlschrank angekommen, nahm eine Milchtüte heraus und reichte diese Frohike, der bereits mit einem kleinen Topf in der Hand wartend vor dem Herd stand.

„Wie viel Milch sollen wir denn warm machen“, erkundigte sich Byers und sah Mulder fragend an, der mit Joshua auf dem Arm im Wohnzimmer auf und ab ging. Als dessen Blick zu seinen Freunden in die Küche schweifte musste Mulder trotz des schreienden Babys laut auflachen.

„Doch keine Kuhmilch, Jungs. Das Baby braucht spezielle Milch, aus einer Packung. Die müsste irgendwo neben den Cornflakes, im dritten Schrank von Links stehen.“ Der Agent schüttelte belustigt den Kopf und ging zu seinen Freunden hinüber. „Byers, setzt du 150 ml Wasser auf – nimm aber den Wasserkocher, das geht schneller. Frohike, lass du kaltes Wasser ins Spülbecken laufen, wir müssen die Milch erst kühlen, bevor wir sie Josh geben können. Und Langly“, Mulder deutete mit einem Kopfnicken auf die Arbeitsfläche, wo einige Babyfläschchen standen „du musst zuerst das heiße Wasser in die Flasche gießen und dann 5 von den kleinen Messbechern voll von dem Milchpulver dazugeben.“ Die Drei nickten und gingen Mulders Anweisungen nach, überrascht dass er genau zu wissen schien, was zu tun war.

Auch Mulder selbst war etwas von sich selbst überrascht, dass er sich Scullys Instruktionen so gut hatte merken können. Und das gerade jetzt, wo alles so hektisch zu ging und er kaum seine eigenen Gedanken zu hören vermochte – dank Joshua. Wie eine Person alleine mit all der Arbeit, die ein Baby machte klarkommen konnte war Mulder jedoch unbegreiflich. Ohne seine Freunde, das wusste er, wäre er als Babysitter aufgeschmissen gewesen. Er war froh, dass sie gekommen waren, um ihn bei seinem bislang nervenaufreibensten Job zu unterstützen.

„Fertig!“, sagte Langly und hielt die Flasche stolz hoch.

„Hast du das Pulver auch wirklich gut mit dem Wasser vermischt?“, wollte Mulder wissen und bekam ein schlichtes Kopfnicken zur Antwort. „Dann schütte etwas davon auf die Innenseite deines Unterarmes. Wenn es dir nicht zu heiß ist, kann Josh die Milch trinken“, erklärte Mulder und sein Freund tat wie im geheißen.

„Scheint wirklich fertig zu sein. Die Milch ist angenehm warm, aber nicht mehr heiß“, meinte Langly und ging zusammen mit Byers und Frohike zu Mulder ins Wohnzimmer, der sich schon vorsorglich auf die kleine Couch gesetzt hatte.

„Dann mal her damit, dass der Kleine endlich mal Ruhe gibt.“ Schnell ergriff Mulder die Flasche, brachte Joshua in die Horizontale und drückte ihm sanft, aber bestimmt den Kautschuksauger in den Mund. Die vier Männer atmeten erleichtert durch, als das Baby endlich aufhörte zu weinen und begierig an der Flasche nuckelte. Es schien, als hatte der Racker wirklich nur Hunger gehabt. Scullys Zeitplan schien einige Lücken aufzuweisen, wie Mulder dachte, doch daran wollte er jetzt keinen weiteren Gedanken verschwenden. Wichtig war nur, dass Joshua friedlich geworden war.

Die Lone Gunmen machten es sich ebenfalls bequem und begannen die Stille zu genießen, die eingekehrt war.

Nachdem Joshua auch den letzten Schluck aus der Flasche getrunken hatte schien er sichtlich zufrieden und Mulder nahm ihn hoch. Er legte das Baby sanft auf seine Schulter und rieb ihm den Rücken, bis es nach einiger Zeit aufstieß.

„Junge, Junge – das kann der Kleine aber schon gut“, kam es von Frohike der offensichtlich beeindruckt war.

„Im Gegensatz zu dir, darf er das auch und es klingt nicht so abstoßend“, meinte Mulder und zog eine Grimasse. „Wenn Josh das nicht macht, bekommt er Bauchschmerzen und dann geht das Geschrei wieder los. Du dagegen machst das manchmal zu wirklich unpassenden Gelegenheiten, wie zum Beispiel beim Essen.“

„Hey, vielleicht würde ich auch Magenschmerzen bekommen“, verteidigte sich Frohike und schob die Brille auf seiner Nase zu Recht. Die anderen Beiden schüttelten nur den Kopf.

„Mulder, brauchst du uns denn jetzt noch?“, wollte Byers wissen und lehnte sich seinem Freund ein Stück weit entgegen, so dass er Joshua streicheln konnte.

„Nein eigentlich nicht. – Es ist auch besser, wenn ihr allmählich geht, da ich nicht weiß, wann Scully nach Hause kommt“, erwiderte Mulder und lehnte sich mit der Wange an den weichen Kopf des Babys. „Soweit scheint die Krise ja überstanden.“

„Gut, dann lasst uns gehen. Viel Spaß noch Mulder – und denk das nächste Mal vorher nach, bevor du Scully beeindrucken willst“, sagte Langly und legte den Kopf dabei ein wenig schräg.

„Alles klar, den Wink hab ich verstanden.“ Mulder schaute gespielt verärgert zu seinem Freund auf. „Danke für alles.“

„Nichts zu danken, das war doch ein Kinderspiel.“ Frohike klopfte Mulder noch auf die Schulter und machte sich dann, wie auch Langly und Byers in Richtung Haustür auf. „Wir seh’n uns.“

„Jep, macht’s gut.“ Als die Tür hinter den Gunmen ins Schloss gefallen war, wandte sich Mulder seinem kleinen Schützling zu. „Du kannst einen ganz schön stressen, weißt du das?“ Mehr als ein kleines Gurgeln bekam er jedoch nicht als Antwort. Und so streichelte Mulder dem Kleinen einfach weiter den Rücken, wobei er sich selbst in eine liegende Position auf der Couch brachte. „Bist du auch so müde, Josh? Sollen wir ein Schläfchen machen, bis Mommy kommt?“ Er lächelte Joshua an, der sich auf seiner linken Brusthälfte wohl zu fühlen schien. Mulders Herzschlag beruhigte ihn ganz offensichtlich und so genossen die Beiden die Stille, die eingekehrt war.

****

Es war schon längst dunkel, als Scully nach Hause kam. Sie hatte es genossen den Tag mit ihrer Mutter zu verbringen und sich anschließend einen Film im Kino anzusehen. Für wenige Stunden hatte sie das Muttersein mal beiseite geschoben und war einfach nur sie selbst gewesen. Sie fühlte sich erholt und bereit sich wieder voll und ganz auf ihren Sohn zu konzentrieren.

Langsam drehte sie den Schlüssel herum und schob die Tür auf. Verwundert schaute sie sich in der Dunkelheit ihres Apartments um. Wieso brannte nirgends Licht? War Mulder mit Josh um diese späte Uhrzeit noch unterwegs? Immerhin war es schon nach 21:00 Uhr und das Baby sollte längst schlafen.

Sie zog sich den Mantel aus und streifte sich die Schuhe von ihren müden Füßen und beschloss erst einmal Ruhe zu bewahren und nicht in Panik zu geraten, auch wenn ihr im Augenblick danach war. Gerade als sie das kleine Flurlicht anschaltete, hörte sie leises Schnarchen, das aus Richtung ihres Wohnzimmers kam. Und so schlich sie auf Zehenspitzen zu dem Geräusch. Was sie dann sah, bewegte sie zutiefst: Mulder lag mit Joshua auf der Brust auf ihrer Couch und beide schliefen friedlich. Offensichtlich habe ich dich gewaltig unterschätzt, dachte sie und lächelte bei diesem Anblick.

Behutsam nahm sie Joshua von Mulder herunter, dessen Haar völlig nass vom Schwitzen war und trug ihn zu seinem Bettchen. Liebevoll strich sie ihm übers Haar und gab ihm einen hauchfeinen Kuss auf die Wange. „Schlaf schön, mein Schatz“, flüsterte sie nahe bei seinem Ohr und verließ das Schlafzimmer wieder.

Dann ging sie in die Küche, um sich einen Tee zu kochen. Dabei fiel ihr das kleine Chaos auf, das Mulder hinterlassen hatte. Sie schmunzelte. Er hatte es tatsächlich geschafft einen ganzen Nachmittag auf Joshua aufzupassen, ohne dass einem von ihnen etwas geschehen war. Sie war stolzer auf ihren Partner als je zuvor.

Mit der Teetasse in der Hand setzte sich Scully auf den Sessel gegenüber der Couch, wo Mulder sich in eine Seitenlage gebracht hatte und nach wie vor tief schlief. Sicher würde er es nie zugeben, aber die Tatsache, dass er schon um diese Uhrzeit schlief zeigte Scully deutlich, dass er geschafft war.

Das sanfte Licht, das aus dem Flur zu ihnen drang, zauberte einen leicht orangefarbenen Schein auf Mulders Gesicht und ließ ihn dabei noch attraktiver erscheinen als sonst. Für gewöhnlich hatte Scully nie die Zeit sich ihren Partner und langjährigen Freund genauer zu betrachten und so kostete sie diesen Moment gänzlich aus. Seine Augenlider zuckten gelegentlich, was bedeutete, dass er träumte. Von was würde jedoch immer sein Geheimnis bleiben. Seine Augenbrauen hatten Scully schon mehr als einmal fast verführt, deren Linie nachzuzeichnen und ihrem sanften Bogen zu folgen. Ebenso seine Lippen, die Scullys Blick auf sich zogen und gerade zu danach schrieen, sie wenigstens ein einziges Mal zu küssen. Doch dies, das wusste Scully genau, würde sie sich niemals erlauben. Dafür stand einfach zu viel auf dem Spiel. Nicht die Karriere, das kümmerte sie eher weniger – aber ihre Freundschaft zu Mulder würde sich auf immer verändern. Sie fürchtete sich vor diesem Schritt, mehr als sie sich eingestehen wollte. Als Joshua vorhin auf Mulders Brust gelegen hatte wurde Scully für den Bruchteil einer Sekunde neidisch auf das Baby. Wie oft hatte sie sich selbst gewünscht auf der Brust ihres Partners einzuschlafen und dabei dem rhythmischen Klang seines Herzens zu lauschen? Wieder stahl sich ein kleines Lächeln auf ihre Lippen, während sie ihren Gedanken nachhing und Mulder weiterhin beobachtete. Sie war glücklich. Glücklich mit ihrem Leben, so wie es jetzt war. Sie wollte es um nichts in der Welt verändern...

Ende

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