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von XFBandit

Kapitel 1

An Bord des Delta Fluges 100
Flug nach Atlanta


Sechs Jahre.
Es ist sechs Jahre her.
Ich drehe die Zahl in meinem Kopf hin und her, betrachte sie mir, denke über sie nach. Wie zum Teufel habe ich es ohne sie sechs lange, einsame Jahre lang ausgehalten ?
Sechs Jahre, 19... zähle sie... 19 einzelne Partner.
Alle hatten versucht sie zu ersetzen. Keiner hatte es geschafft.
Waren nicht mal nah dran.
Überhaupt nicht.
"Ladies und Gentlemen, der Captain hat das Bitte Anschnallen-Zeichen gegeben als Vorbereitung für unseren Landeanflug auf Atlanta. Bitte stellen..."
Sechzehn Minuten denke ich als ich auf meine Uhr sehe. Sechzehn Minuten und ich werde eine Frau sehen, die ich sechs Jahre lang nicht gesehen habe, eine Frau an die ich jeden einzelnen Tag in meinem Leben denke. Nicht eine wache Stunde vergeht ohne daß ich an sie denke, an ihr Gesicht, ihr Lächeln, ihr Lachen, ihre Augen.
Was zum Teufel werde ich ihr sagen ?
"Hi, Scully. Lange nicht gesehen."
Hört sich ein wenig... trocken an, oder ?

***

Sechs Jahre. Sechs Jahre seitdem ich sein Gesicht gesehen habe. Der Anruf war unerwartet gewesen.
Hi, wie geht es dir, ich werde wegen eines Falles in der Gegend sein, nicht wirklich wegen eines Falles, sondern wegen der _aussage_ zu einem Fall, werde für vier Tage in der Stadt sein, habe mir gedacht ich würde mal Hi sagen, alte Heimatwoche, Straße der Erinnerung, yadda, yadda, yadda.
Als seine Worte bei mir eingeschlagen hatten, hatte sich seine Stimme in etwas aufgelöst, das wie die Erwachsenen in einem Peanutscartoon klang. "Wah, wah, waaaaah, wah."
"Also", kam er zum Ende. "Was hältst du davon, mich am Flughafen zu treffen und danach Essen zu gehen ?"
Essen.
Mit Mulder.
Nach sechs Jahren.
Jesus H. Christ.

***

Es ist mittlerweile eine Routine. Aufstehen, die Klappe öffnen, nach dem Handgepäck graben, es herunterzuschwingen, die Klappe zu schließen, zum Gang zu gehen, Geschäftsmänner und kleine Damen aus dem Weg zu drücken.
Ich hasse fliegen.
Ich habe es schon immer gehaßt.
Meine einstudierte Gleichgültigkeit war zu ihrem Wohl, weil so sehr wie ich das Fliegen haßte wußte ich, daß sie es mehr haßte.
Die Flugbegleiterinnen stehen im Jetway, lächeln plastikhaft und murmeln "buh-bye" wieder und wieder, der fast schon zu gut aussehende Captain steht an der Tür zum Cockpit, Hände auf seinen trainierten Hüften, lächelt mir mit einem filmstarhaften Lächeln entgegen, seine Augen leer und denkt schon über dem Wodka nach, den er in zehn Minuten in der Flughafenbar hinunterkippen wird.
Das alles geht unscharf an mir vorüber und dann trotte ich den Jetway entlang, frage mich was all die Jahre des Fliegens wohl meinem Gehör angetan haben. Sollten sie nicht den Vielfliegern, denen die oft fliegen den gleichen Hörschutz geben, den die der Bodencrew geben ? Ich stelle mir vor, wie ich mit einem dieser großen Kopfhörer aussehen würde und lächle.
Ich sehe auf und -

***

Da ist er.
Er wiegt ein wenig mehr, hat ein paar graue Strähnen im Haar, genau an den Schläfen, genau dort wo ich wußte, daß sie sein würden
Genau dort, wo ich sie an einem Mann liebe.
Seine Augen finden meine und -

***

Magie. Genau wie immer.
Ich verfluche mich während ich tief nach einem Lächeln grabe. Das war genau genommen kein Fehler. Mehr wie Folter.
In dem Moment als ich sie erblickte wußte ich, daß sie alte Magie niemals gestorben war, zumindest nicht für mich. Sechs Jahre und meine Gefühle für sie sind nicht ein Jota weniger geworden.
"Scully", sage ich und sehe schnell auf ihre linke Hand.
Kein Ring.
"Mulder", antwortet sie, sieht meinen Blick und lächelt insgeheim. Ich bin mir sicher, daß sie froh ist, daß ich es überprüft habe. Geschmeichelt, wie ich hoffe.

***

Geschockt.
Geschockt bin ich, daß er es überprüft hat. Glaubt er nicht, daß ich ihn angerufen hätte ? Es ihm gesagt hätte ? Ihn zu einer Hochzeit eingeladen hätte, bei der ich schon lange aufgegeben hatte, daß sie jemals stattfinden würde ?
"Mulder", sage ich. "Es ist... großartig dich zu sehen."
Nein, nicht großartig. Folter. Gemeine, schmerzhafte Folter. Ich kann mich noch immer an den letzten Tag erinnern, als ich in unserem Büro stand, einen leeren Kopierpapierkarton der mit meinen Dingen gefüllt war, mit meinen Erinnerungen. Ein zusammengerolltes "I Want To Believe" Poster schaute an einer Seite heraus. Das gleiche Poster, das jetzt über meinem Bett hängt. Damals wollte ich an ihn glauben, an uns, an das Glücklichsein.
Ich hatte es tatsächlich getan. Ich hatte es ihm gesagt.
Ich hatte ihm gesagt, was ich fühlte wenn ich ihn ansah, wenn er mich berührte, wenn er mich anlächelte. Wenn ich seine Stimme am anderen Ende des Telefons hörte. Ich hatte ihm gesagt, daß ich ihn liebte.
Drei Tage vor diesem letzten Tag hatte ich es ihm gesagt.
Er hatte nicht geantwortet. Er hatte mich angesehen, als ob ich verrückt wäre, und hatte sich dann leise zum Gehen entschuldigt.
Er hatte am Abend nicht angerufen.
Er hatte sich für den nächsten Tag krank gemeldet.
Und für den Tag danach.
Am zweiten Tag ging ich zu Skinner und bat um eine Versetzung. Er bot Atlanta an, die Abteiling für Banküberfälle. Meine alten Jagdgründe hatte Skinner gesagt. Sie werden dort hineinpassen. Sich selber einen Namen machen.
Ihre Karriere wieder auferstehen lassen.
Die Versetzung geschah innerhalb von vier Stunden.
Ich ging zurück um zu packen und fand Mulder hinter seinem Schreibtisch sitzen. Er sah mir stumm beim Packen zu.
Ich sagte ihm Auf Wiedersehn.
Er antwortete nicht.
Ich hörte danach sechs Monate lang nichts von ihm, bis eine unverbindliche Email in meiner Box erschien, die mich um meine Meinung in Bezug auf ein paar forensische Tests bat, die ein anderer Pathologe durchgeführt hatte.
Ich haßte mich selber, wußte, daß es falsch war, es zu tun...
Ich ignorierte ihn.
Und die Email.
In den nächsten sechs Wochen kamen sechs weitere an, alle klangen gleichermaßen ruhig. Bitte hilf mir, bat er. Ich brauche deine Hilfe.
Deine Hilfe, Scully.
Nur deine.
Schließlich, nach einer langen Überwachung an einem kalten Freitagabend antwortete ich ihm, sagte ihm wonach er suchen sollte und wo er es finden würde. Am nächsten Tag kam eine weitere Email, in der er mir dankte.
Dann nichts.
Zwei Jahre lang, keine einzige Notiz, Karte, Email oder Telefonanruf.
Und dann aus dem Nichts, eine weitere Email.
Hilf mir, bitte.
Danach hatten wir alle paar Wochen elektronisch kommuniziert.
Bis letzten Donnerstag.
Der Anruf.
Gegen alle meine Instinkte hatte ich zugesagt mich mit ihm zu treffen.
Folter.

***

Ich frage mich, ob es sie kümmert, warum ich hier bin.
Der Fall war eine Lüge. Ich wurde nicht für eine Aussage erwartet. Ich war hier auf eigene Kosten, nicht auf denen des Bureaus.
Sie würde es wissen, wenn sie die Liste der Gerichtstermine überprüft hätte. Es gab keinen Fall.
Ich habe gelogen, um hierher zu kommen.
Ich habe mir selber versprochen, daß ich aufhören würde zu lügen, sobald ich sie gesehen hätte.
"Also", sagte ich, "das Unternehmen liefert das Auto morgen früh. Kann ich bei dir zum Hotel mitfahren ?"
Eine Augenbraue hob sich. "Sie lassen uns an besseren Orten absteigen", sagte ich und meine Stimme klang selbst in meinen eigene Ohren eigenartig.
Sie nickte und drehte sich um, fragte mit ihren Augen ob ich noch mehr Gepäck hätte. Ich hatte es nicht. Alles was ich brauchte war in der Tasche.

***

Wir fuhren schweigend hinüber. Ich war mir sicher, daß er etwas sagen würde, aber er blieb still, sah sich die Landschaft durch das Fenster an.
"Also, wie ist die Arbeit ?", fragte er schließlich.
"Gut", sagte ich, weil ich nicht wußte, was ich _anderes_ hätte sagen sollen.
Er checkte ein und dann fragte er mich, ob ich essen wollte. Ich nickte und fragte wann. "Gleich jetzt", antwortete er. "Ich muß nur duschen und mich umziehen."
Ich biß mir auf die Lippe und sagte ihm, daß ich im Auto warten würde.
"Sei nicht dumm, Scully", sagte er, seine Augen plötzlich wachsam als ob er Angst davor hätte, daß ich wegrennen würde. "Komm mit nach oben. Ich habe eine Suite. Du kannst ein Glas Wein vom Zimmerservice trinken während ich mich umziehe."

***

Gott, bitte nimm es an.
Alle meine Pläne hingen davon ab. Bitte nimm an.
"...Okay", sagte sie, ihre Augen verengten sich.
Sie vermutet etwas, denke ich.
"Das Bureau hat dir eine Suite gegeben ?", fragt sie nach einer Sekunde. Wir stehen vor dem Fahrstuhl und warten darauf, daß er ankommt.
"Ich habe etwas draufgelegt", sage ich schnell nachdenkend. "Hotels... ich kann ein paar meiner Vielfliegermeilen benutzen um ein besseres Hotelzimmer zu bekommen."
Sie nickt, akzeptierte es.
Hoffe ich.

***

Die Tür schließt sich hinter uns.
Er geht schon auf das Schlafzimmer zu. "Fühl dich wie zuhause", zirpt er. "Bestelle alles was du willst."
Die Schlafzimmertür schließt sich und ich sehe mich um. Es ist mir egal, was er mir gesagt hat; das hier bezahlt das Bureau nicht.
Also warum ist er hier ?
Wegen mir.
Die Antwort ist offensichtlich.
Und die Wahrheit ist, daß ich nicht weiß, was zum Teufel ich sagen werde, wenn er mich fragt.
Aber ich weiß, daß ich es ihn zumindest versuchen lassen muß.

***

Aus der Dusche heraus, trocknete ich mich ab und übe, was ich sagen werde. Es muß beim ersten Mal perfekt sein. Sie muß sie Ehrlichkeit in meiner Stimme hören können. Sie muß es wissen.
Sie hat ein Recht darauf.
Sie hat das Recht ja zu sagen, nein zu sagen, mir zu sagen, daß ich mich verpissen soll. Aber sie hat das Recht darauf, es zu wissen.

***

Er kommt heraus mit dem Gepäck in seiner Hand.
Ich sitze auf der Couch, trinke das Glas mit Wein, das ich bestellt habe. Ein Eistee wartet auf ihn. Er nimmt einen Schluck, dann noch einen, dann schüttet er ihn hinunter. Ich kann mir vorstellen, daß sein Mund gerade jetzt trocken ist.
Er setzt sich neben mich.
Faßt in die Tasche.
Holt das heraus, von dem ich weiß, daß es drinnen ist seit dem ich sein Gesicht auf den Flughafen gesehen habe.
Eine kleine, schwarze Samtschachtel.
Und merkwürdigerweise, einen Kassenbon.
"Als du kamst um deine Sacken zu packen", sagte er leise, "wollte ich dir das hier geben und ich bitten, meine Frau zu werden."
Er gibt mit die Schachtel und den Bon. Ich sehe auf den Bon. Das Datum ist sechs Jahre her. Vierunddreißigtausend Dollar, gezahlt mit seiner Visa-Karte.
"Warum jetzt ?", frage ich.
Er lächelt. "Ich habe letzten Monat die letzte Rate bezahlt."
Typisch Mulder.
Ich öffne die Schachtel.
Er ist bildschön. Perfekt, genau wie er es einst in meinen Augen war. Diamanten, antwortet mein wissenschaftlicher Verstand, sind das Ergebnis von Hitze und Druck. Von einer Menge Druck und einer Menge Hitze.
Zwei Dinge mit denen ich vertraut bin, wenn es um diesen Mann geht.
"Ich bin... enthaltsam gewesen", sagte er, als ob es etwas für mich bedeuten würde.
Es tut es.
Ich nicke, bin froh darüber aber habe Angst es zu zeigen. Ich bin auch enthaltsam gewesen. Ich bin fast vierzig Jahre alt und hatte keinen Sex mehr seit...
Ich will mich nicht erinnern.
Ich habe seit ihm nicht mehr gewollt, daß mich jemand berührt. Überzeugt davon, daß es sowieso keiner wollte. Wenn er mich nicht berühren wollte, warum sollte es jemand anders wollen ?
Aber er hatte mich berühren wollen.
Für immer.
Er wollte mich heiraten, und ich bin weggegangen.
Aber...
Aber...
Er hatte etwas sagen können. Er tat das, was er immer tat; er verstand falsch, was ich meinte, was ich versuchte zu sagen, was ich versuchte ihm zu zeigen. Er hat es selber auf sich genommen festzustellen, was die ultimative Wahrheit war und hat im Verlauf...
Sechs Jahre verschwendet.
Von unser beider Leben.
Ich gebe ihm die Schachtel zurück und stehe auf, gehe auf die Tür zu. "Schön, dich gesehen zu haben, Mulder", sage ich. "Ich verschiebe das Essen auf ein anderes Mal."
Als sich meine Hand auf den Türknauf legt, fühle ich ihn hinter mir, nah, sein Atem in meinen Haaren, seine Hände auf meinen Schultern.
"Warte", flüstert er.
Ich schließe meine Augen als er seine Lippen auf meinen Nackten drückt.
Direkt über meiner Narbe.
Ich drehe mich in seinen Armen herum, will ihn treten, ihn schlagen, ihn boxen.
Ich küsse ihn zurück, ein Probekuß, um zu sehen ob es noch immer da ist, ob die Magie die ich in seinen Augen am Flughafen sah Form und Aussehen und Substanz annehmen wird.
"Es gibt keinen Fall", flüstere ich gegen seinen Mund. "Ich habe es nachgeprüft."
"Schuldig im Sinne der Anklage", flüstert er zurück.
"Du bist noch nicht vom Haken", warne ich ihn, lasse meine Hände unter sein Hemd gleiten, schiebe ihn zurück, zurück zum Schlafzimmer, auf das Bett zu.
"Ich weiß", sagt er.
"Ich werde nicht wieder nach DC umziehen", sage ich, spiele meinen letzten Trumpf aus.
Er hält in der Tür zum Schlafzimmer an, lächelt und geht an mir vorbei zum Handgepäck.
Dieses Mal weiß ich nicht, was er holen wird.
Er kommt mit einem Umschlag zurück. Ich sehe ihn mir an.
Adressiert an den Direktor.
Walter S. Skinner, Direktor, Federal Bureau of Investigation.
Ich öffne ihn, will wissen was drinnen ist, habe zu viel Angst davor zu glauben, daß es wahr sein könnte.
Es ist wahr.
Seine Kündigung.
Gültig ab heute in einer Woche.
"Achtzehn Jahre", flüstere ich. "Du bist zwei Jahre von deine Pension entfernt."
"Skinner... hat an ein paar Fäden gezogen. Wenn ich mich zur Ruhe setze hat er zugestimmt den Papierkram zu hinzubiegen, daß ich meine Pension bekommen werde."
"Was wirst du machen ?"
"Unterrichten. Vorlesungen geben. Schreiben. Gartenarbeit. Einkaufen. Stricken. Es ist mir egal -- solange ich es mit dir tue."
Ich lasse den Brief auf den Boden fallen und schubse ihn auf das Bett.
"Es kann schnell vorbei sein", sagte er. "Es ist schon eine Weile her-"
Er führt den Satz nicht zu Ende.
Mein Mund ist auf seinem.
Magie.


***

FINI

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