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Abandon

von Jess

Kapitel 1

Someone leaves
A part of you becomes absent
You attempt to cope
Feigning wholeness
You fail
Accept that they're gone
Adapt yourself to living
Minus part of the whole
Survive by enduring
Endure by going on

~Abandon~ J.W.


********

Er ist fort.

Ihre saubere Handschrift brachte die schicksalshaften Worte auf das weiße Blatt in ihrem Tagebuch. Sie atmete tief durch und starrte auf das Papier und die Tinte - in die eigentliche Essenz, die eigentliche Grundstruktur dessen. So viel Dreck auf einer reinen Seite.

Das Blatt war beschmutzt.

Sie riss es mit größter Heftigkeit aus dem Tagebuch. Ihre zitternde Hand zerknüllte das Papier, formte es zu einem Ball, presste seine Atome zusammen. Sie erwartete schon fast, das Blatt würde sich Kraft ihrer Gedanken selbst entzünden.

Es tat es nicht.

Voller Zorn warf sie das zerknüllte Blatt in den Papierkorb.

Sie sollte dazu fähig sein, es zu vernichten, die Atome waren nun ihr Feind. Ihre geliebte Wissenschaft war ihr Feind. Ihre Wissenschaft war falsch! Er war nicht tot.

Zur Hölle mit ihrer Wissenschaft!

Sie starrte aus dem Fenster, es vermeidend, in das helle Sonnenlicht zu blinzeln, sich weigernd, sich ihm geschlagen zu geben - jedem und allem. Der Tag war ihr Feind. Der Tag war fröhlich. Sie konnte und wollte das definitiv nicht sein.

Sie wandte sich vom Fenster ab, von dem sie erbosenden Sonnenlicht, und ruckartig schlossen sich die Jalousien.

Sie ließ sich in den Stuhl fallen, unfähig zu... nicht willig, sich zu bewegen. Das Feuer ihres Ärgers war verloschen, hatte an seiner Stelle schwelende Asche hinterlassen.

Verzweiflung begann, diesen Rest Asche unter sich zu begraben.

Die Füllerspitze setzte auf einer weiteren weißen Seite auf, noch unberührt und unverschmutzt, und kritzelte mit seiner Tinte das darauf, was ihm ihr Geist übertrug.

Drei Worte:

Er ist fort.

Die erbarmungslose Stimme der Realität erscholl.

„Er ist nicht fort.“ Sie holte Luft.
„Er kann nicht fort sein, VERDAMMT!“
„Hört mir vielleicht mal jemand zu? Er ist nicht fort!“

Sie begann zu weinen.

********

Er sah zu.
Welche Art der Folter war das? Um sich zu schützen, die X Akten zu bewahren und um sein Leben zu retten, hatte er seinen Tod vorgetäuscht.

Er hatte sie in den Glauben hineingetrieben, dass *SIE* nicht Grund genug war, zu leben.

Was sie nicht wusste, war, dass ihre Träne, ein einzelner, kostbarer Salzkristall des Beweises es war, der ihr Leid bestätigte, aber auch trauerte um den Verlust, dessen Grund seine dem Tod trotzdende Täuschung und Rückkehr war.

Er konnte nicht hier stehen, hier, in dem dunklen Büro der Lone Gunmen, und ihr dabei zusehen, wie sie um ihn trauerte.

Und nun ---

Er sah zu.

Dann drehte er sich um. „Ich muss es ihr erzählen.“
Die Gunmen nickten bloß voller Verständnis.

Er ging. Er stieg in sein Auto und griff nach seinem Handy. Er wählte ihre Nummer wie in einem Reflex.

Er konnte den Gedanken an ihren Kummer nicht ertragen.

Eine zitternde Stimme nahm den Anruf entgegen.

„Dana Scully“, sagte sie.

...und sein Kiefer klappte nach unten. Kein „Hey, Mulder“ oder „Was jetzt, Mulder“, nicht einmal ein ärgerliches „Ja“. Diesmal wusste sie nicht, wer da am anderen Ende der Leitung war, sie wusste nicht, dass er es war. Sie würde einen Anruf von ihm nicht einmal mehr als Möglichkeit in Erwägung ziehen.

„Hallo, wer ist da?“, fragte die zitternde Stimme.

„Ich bin es.“

„Mulder?“ Ungläubigkeit schwang in ihrer wundervollen Stimme.

„Du Bastard!“ Giftigkeit nahm ihren Platz ein.

Sie knallte den Hörer auf.

Mulder holte tief Atem und startete den Wagen.

********

Sie warf das Telefon auf den Boden. „Du Bastard! ... Du Bastard! ... Bastard!“
Sie begann erneut zu weinen.

Ihr Haus war nun mit dem Feld seiner Vision gefüllt. „Was nun?“

Er stieg aus dem Wagen und ging zögernd zu ihrer Wohnungstür hinauf. Er klopfte an.

Nichts.

Sie hörte das Klopfen und wandte sich um.

Er klopfte erneut.

Sie schloss die Tür zu ihrem Schlafzimmer, den Fakt ignorierend, dass er da draußen war, vor ihrer Haustür. Sie wurde nun umgeben von der erdrückenden Dunkelheit ihres Schlafzimmers.

Er öffnete die Haustür.

Sie schluchzte weiter.

Vorsichtig durchquerte er ihre Wohnung. Das aufgeschlagene Tagebuch lag von Tränen benetzt auf ihrer Couch. Er sah die verschmierte Tinte und die Worte, die ihr so viel Schmerz zugefügt hatten.

Nein, erinnerte er sich selbst, er hatte ihr diesen Schmerz zugefügt.

Er ging durch die dunkle Wohnung, sie war solch ein Kontrast zu dem hellen Sonnenlicht draußen.

Sie hatte alle Jalousien heruntergelassen.

Er sah die geschlossene Tür zu ihrem Schlafzimmer.

Die Tür öffnete sich hinter ihr. Sie ignorierte ihn, selbst als er so ihre Zurückgezogenheit störte.

Für einen Moment betrachtete er sie von hinten. Sie reagierte nicht auf seine Gegenwart. Langsam näherte er sich ihr, doch sie zeigte noch immer keine Regung.

„Scully“, flüsterte er.

Sie schüttelte den Kopf.

„Scully?“

„Bastard“, stieß sie hervor.

„Scully, es tut mir leid, ich wollte dich nicht verletz...“

„Du Bastard!“, schrie sie und warf sich aprupt herum.
„Wie konntest du? Wie konntest du mir das antun? Wie konntest... - Du Mistkerl!“
Sie wandte sich von ihm ab.

Er folgte ihr und ergriff ihren Arm. Er drehte sie zu sich herum und ergriff auch den anderen Arm. Sie sog scharf die Luft ein und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien.

„Wie konntest du?“, fragte sie - und gab dann ihren Kampf gegen ihn auf.

Ihre Beine gaben unter ihr nach, und sie sank in seine sie erwartende Umarmung.

Sie weinte.

Er hielt sie fest.

„Du bist hier?“

Er nickte.

„Ich glaube dir nicht.“

Er nickte erneut und hob ihr Kinn mit seinen Händen an. Er küsste sie auf die Stirn.

Ihr Mund öffnete sich zu weiteren Worten, doch er brachte ihn mit seinen Fingern zum Schweigen. Er lehnte sich vor zu ihr, Spannung in seinem Herzen. Sie war verwirrt von seinem Blick, und sie maß sich mit ihm. Alle nachfolgenden Gedanken wurden von der wärmenden Nähe seiner Lippen auf den ihren hinfortgespült. Sie seufzte und ließ sich von seiner Liebe heilen.

„Es tut mir leid“, sagte er schließlich.

Nun war es an ihr, zu nicken.

Verzeihung flutete aus ihren Augen.

Die Umarmung heilte Wunden.

„Wage es nie wieder“, warnte sie, „niemals wieder, mich zu täuschen.“

Seine Lippen gaben ihr dieses Versprechen in Schweigsamkeit...


~~~~~~~~
finis
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