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Etwas Neues, etwas Altes, etwas Geborgtes und etwas Blaues...

von Kinona

Kapitel 1

Vorsichtig hob Dana das weinende Baby aus dem Bett.
„Ist ja schon gut!“, flüsterte sie beruhigend. „Mama ist ja da...“
Zärtlich strich sie dem kleinen Jungen die Tränen aus dem Gesicht. Sofort hörte William auf zu weinen. Mit großen blauen Augen blickte er sie an. Etwas umständlich machte sie ihren Oberkörper frei und öffnete ihren BH. Zufrieden begann der kleine William schließlich hungrig an ihrer Brust zu saugen. Noch immer genoss Dana dieses neuartige Gefühl: Das Stillen ihres Sohnes. Sie konnte das Ziehen bis in ihren Unterleib spüren.
Er ist eben genauso ungeduldig wie sein Daddy! schoss es ihr durch den Kopf und sie musste grinsen bei diesem Gedanken.
Liebevoll strich sie durch sein weiches blondes Haar. Er war jetzt ganze drei Monate alt. Und sie war so glücklich wie schon lange nicht mehr. Nein, sie war so glücklich wie noch nie zuvor in ihrem Leben. So glücklich, wie sie es nicht einmal in ihren wildesten Träumen zu hoffen gewagt hatte. Seit William auf der Welt war hatte sich alles geändert...
Noch vor einem Jahr hatte sie geglaubt, niemals eigene Kinder kriegen zu können. Es war wie ein Schlag in die Magengegend gewesen. Sicher war sie stolz auf ihre Arbeit gewesen, auf den Weg den sie zurückgelegt hatte, auf ihre Karriere. Aber in ihren Träumen als kleines Mädchen hatte sie sich nie als Karrierefrau gesehen. Vielleicht lag es daran, dass sie selbst aus einer Großfamilie kam, aber tief in ihrem Inneren hatte sie sich schon immer gewünscht, eine eigene kleine Familie zu haben.
Mit Emily hätte sich dieser Traum beinahe erfüllt. Bei ihrer Beerdigung hatte sie mehr als nur einen Klon aus ihrer DNA zu Grabe getragen. Sie hatte damals den Traum von dieser eigenen kleinen Familie beerdigt. Zumindest hatte sie das lange Zeit gedacht. Es war einer der schwersten Tage ihres Lebens gewesen. Emily hatte für die kurze Zeit, die sie in ihr Leben getreten war, alles verkörpert, was sie sich gewünscht hatte. Und dann hatte man ihr wieder alles genommen. Mit einem Schlag, noch bevor sie die Möglichkeit gehabt hatte, sich richtig daran zu gewöhnen.
Sie war zurückgeblieben: unfruchtbar und mit einem Chip in ihrem Nacken, der verhindern sollte, das ihr Krebs wieder ausbrach. Ihr Krebs: Eine weitere schreckliche Erinnerung aus ihrer Vergangenheit. Eine schmerzliche Erfahrung, die jetzt so weit weg zu sein schien.
Immer noch konnte sie ihre Augen nicht von ihrem Sohn lassen. Sie hätte sterben sollen, stattdessen hatte sie Leben geschenkt...
Und das in einem Augenblick ihres Lebens, als sie sich damit abgefunden hatte, dass sie das alles hier niemals erleben würde. Alles war anders gekommen als erwartet. Sie konnte sich noch an den Augenblick erinnern, als Mulder mit diesem Reagenzglas angekommen war. Ein Reagenzglas mit den ihr entnommenen Eizellen. Es war ihr wie ein Geschenk Gottes vorgekommen. Und die künstliche Befruchtung war eine Art letzter Strohhalm gewesen, an den sie sich klammerte. Es hatte sie einige Überwindung gekostet Mulder zu fragen, ob er der Vater ihrer Kinder werden wollte. Doch sie wusste, dass sie nur ihm erlauben würde der Vater ihrer zukünftigen Kinder zu werden. Sie konnte es in seinen Augen sehen. Sie hatte es schon lange dort sehen können. Lange bevor sie sich überhaupt körperlich nahe gekommen waren. Und sie konnte sich an den Augenblick erinnern, als ihr ihr Arzt eröffnete, dass es nicht geklappt hatte. Die schmerzhafte Prozedur, die sie zur Vorbereitung der Befruchtung hatte durchlaufen müssen, war nichts im Vergleich zu dem Schmerz gewesen, als man ihr diese letzte Hoffnung nahm...
Dana musste lächeln als William mit seinen kleinen Fingern nach der Kette an ihrem Hals griff. Ausnahmsweise war es nicht ihre eigene goldene Kette, mit dem kleinen Kreuz dran, die sie all die Jahre begleitet hatte. Es war die silberne Kette von Melissa, mit ihrem Pendel dran. Dana hatte ihre Mutter gebeten, sie ihr für heute zu borgen. Vielleicht weil sie glaubte, so ihrer toten Schwester ein kleines Stück näher zu sein. Missy... Ein weiteres schmerzhaftes Kapitel in ihrem Leben...
Mein Gott, sie war wirklich tief gesunken. Sie hatte alles geopfert: Jahrelang hatte sie kein Privatleben gehabt, ihre Schwester wurde von einer Kugel getötet, die für sie bestimmt gewesen war, ihre eigene Familie, oder zumindest das, was davon übriggeblieben war, war ihr fremd geworden, ihre Karriere war von dem Augenblick an beendet gewesen, als sie in dieses Kellerbüro getreten war und ihr eigenes Leben war mehr als einmal in Gefahr gewesen... Und das alles nur um einen Kampf zu gewinnen, der nicht einmal ihr eigener war. Es war Mulders Kampf. Mulder: Ihr Freund und Partner. Mulder, für den sie alles tun würde, der einzige Mensch in ihrem Leben. Mulder, der sie mehr als einmal verletzt und übergangen hatte. Nach sieben Jahren hatte sie noch nicht einmal einen eigenen Schreibtisch gehabt. Und auch wenn er behauptete, dass sie die einzige Person war, der er vertraute, so hatte sie dennoch ständig das Gefühl gehabt, sich ihm gegenüber beweisen zu müssen. Mulder, der es wagte sie zu berühren, sie zu küssen, ihr so nahe zu kommen wie kein anderer, nur um dann so zu tun, als ob nichts gewesen wäre. Es hatte sie in den Wahnsinn getrieben.
Das unruhige Gezappel von ihrem Sohn riss Scully aus ihren Gedanken. Es dauerte einen Augenblick bevor sie verstand, was es wollte. Bis sie merkte, dass er unruhig wurde, weil keine Milch mehr kam. Vorsichtig legte sie ihn an die andere Brust und er begann zufrieden weiterzusaugen.
Im Grunde, war ihr Schicksal besiegelt gewesen von dem Augenblick an, als man sie zu Mulder „strafversetzt“ hatte. Ihre bis dahin vorbildliche Karriere war durch diesen Schritt ruiniert worden. Und das schlimmste daran war, das sie es gewusst hatten. Es war ein abgekartetes Spiel gewesen. Sie hatten ihre Karriere vorsätzlich geopfert.
Dennoch hatte sie ihre Rolle damals perfekt gespielt. So perfekt, das ihr erst zu spät aufgefallen war, das sie begonnen hatte sich selbst über Mulder zu definieren. Sie war die Wissenschaftlerin und Skeptikerin, die dafür da war, seinen Theorien eine solide Grundlage zu verschaffen. Egal wie viel sie gesehen hatte, wie sehr sich ihre Einstellung im Laufe der Jahre verändert hatte, sie konnte nicht glauben, durfte nicht glauben. Denn das war nicht ihre Aufgabe, es passte nicht in die Rolle, in die er sie hineingedrängt hatte. Als Mulder dann verschwunden war, hatte sie alles verloren: Ihre Rolle, ihre Aufgabe, ihren Freund, ihren Partner... den Mann, den sie abgöttisch liebte. Ihre gesamte Existenz. Alles was ihr geblieben war, das einzige was sie weiterhin angetrieben hatte, war das kleine Wunder, das sie in ihren Armen hielt. Und vielleicht auch ihr neuer Partner John Doggett. John, demgegenüber sie sich anfangs genauso ablehnend verhalten hatte, wie Mulder ihr gegenüber. Den sie ebenso in die Rolle des Skeptikers gedrängt hatte, wie Mulder sie. Und der trotz diesem denkbar schlechtem Anfang ein sehr guter Freund geworden war und für sie dagewesen war, als sie ihn brauchte. Auch ihr Verhältnis zu Assistent Director Skinner hatte während der Zeit von Mulders Verschwinden an Tiefe gewonnen. Doch beide konnten nicht den Verlust ersetzten, den sie fühlte. Alleine, schwanger von dem Mann, den sie liebte, und der verschwunden war, ohne von seinem Glück zu wissen. Dem Glück, das jetzt friedlich auf ihrem Arm lag. Ihr Baby, sein Sohn, der immer noch eines der größten Mysterien ihres Lebens war. Nicht nur das sie von unfruchtbar plötzlich zu schwanger gewechselt war. Nicht nur das die Tatsache, das sie ein Kind erwartete, eine medizinische Unmöglichkeit darstellte, auch die Tatsache, das Mulder und sie mehr geworden waren als Partner war... unglaublich. Und sie war vor allem unglaublich kompliziert gewesen. Der Weg von Freundschaft zur Liebe war mehr als hart gewesen. Eine einzige Achterbahnfahrt der Gefühle. Sie war schon so oft vor einem manisch-depressiv bedingten Nervenzusammenbruch gewesen, das sie es schon gar nicht mehr zählen konnte. Und zu allem Überfluss war dann auch noch Diana Fowley aufgetaucht...
Sie legte William, der mittlerweile satt war, zurück ins Bett. Als dieser begann sich zufrieden mit seinem Teddy zu beschäftigen, setzte sie sich vor den Spiegel, zog sich wieder richtig an und begann ihr Make-Up aufzubessern.
Diana Fowley! Ein weiteres Kapitel, an das sie sich nur ungern zurückerinnerte. Mulder hatte sich damals alles andere als fair ihr gegenüber verhalten. Mulder hatte sich ihr gegenüber mehr als einmal wie ein Arschloch verhalten... Während sie im Krankenhaus lag und die ihr gestellte Krebsdiagnose zu verarbeiten versucht hatte, war er irgendwelchen Aliens hinterhergejagt. Als sie an Emilys Sarg stand, war er schweigend danebengestanden. Sie hatte sich so unglaublich einsam gefühlt. Als ihre Schwester starb... Sie war immer für ihn dagewesen, hatte ihn getröstet, versucht ihn in den schwersten Stunden seines Lebens zu unterstützen, für ihn da zu sein. Und er dankte es ihr, indem er jedem kurzen Rock mit blondierten Haaren und manikürten Nägeln hinterherlief... Doch ein Leben ohne ihn konnte sie sich nicht mehr vorstellen.
Gedankenverloren strich sie sich mit dem Puderpinsel übers Gesicht. Ihr Blick fiel plötzlich auf die kleinen rubinbesetzten Haarspangen, die sie sich erst vor ein paar Stunden bei einem mitternächtlichen Spaziergang gekauft hatte. Vorsichtig steckte sie sich ins Haar.
Die Beziehung zwischen Mulder und ihr war nie einfach gewesen. Die Tatsache, dass sich irgendwann mehr entwickelt hatte als nur Freundschaft, hatte das auch nicht gerade geändert. Lange Zeit hatte sie einfach so getan, als wäre nichts passiert. Sie waren Partner. Im Büro war alles beim alten. Sie waren Freunde und hatten Sex. Keiner von beiden traute sich das Wort Beziehung auch nur in den Mund zu nehmen. Es war eine einzige Qual gewesen, denn sie empfand schon lange mehr für ihn als nur Freundschaft. Sie wusste auch, dass sie eine der wichtigsten Menschen in seinem Leben war, doch trotzdem wollte sie irgendwann einfach mehr. Und dann war sie schwanger geworden, und Mulder war verschwunden... Als sie ihn wiedergefunden hatte und er schließlich seinen Sohn in den Armen hielt, da war die Welt für einen Augenblick wieder in Ordnung gewesen. Irgendwann hatte er wohl angefangen ihre Gefühle für ihn zu erwidern. Irgendwann war aus der Freundschaft und aus dem Sex mehr geworden. Und der kleine William war der lebende Beweis dafür. Mulder war ein phantastischer Vater und er trug sie auf Händen. Er tat alles für seine, für ihre gemeinsame kleine Familie...
Der Weg war lang und steinig gewesen. Sie hatte viele Opfer bringen müssen. Man hatte ihre Karriere geopfert, sie hatte ihre Schwester verloren, Emily, sie war an Krebs erkrankt, man hatte sie entführt und ihr drei Monate ihres Lebens genommen. Doch jetzt war sie am Ziel. Und wenn all die Opfer dafür gut gewesen waren, dahin zu kommen, wo sie heute war, so war es das wert gewesen. Vielleicht hatte ja alles im Leben einen Grund. Denn alles was sie wusste war, das sie glücklich war. Glücklicher als je zuvor.
Auch wenn einige Leute dieses Glück nicht von Anfang an akzeptiert hatten. Lächeln rückte Dana den blauen BH zurecht, dessen Träger etwas verrutscht war. Es war eine Schnapsidee von ihrer Schwägerin Tara gewesen, diese blaue Unterwäsche zu kaufen. Mulder würde Augen machen! Dana verstand sich mit Tara immer besser, seitdem diese ihr geholfen hatte Bill die ganze Sache mit ihrer Schwangerschaft und Mulder schonend beizubringen. Bill hatte schon immer einen sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt seinen Schwestern gegenüber gehabt. Und die Tatsache, das er eine Schwester verloren hatte, hatte diesen auch noch verstärkt. Er hatte nicht wirklich etwas gegen Mulder gehabt. Er kannte Mulder ja nicht einmal. Er hätte jeden gehasst, der es wagte ihm seinen Platz als wichtigster Mann an Danas Seite streitig zu machen. Charles war keine Konkurrenz, weil er ja nur der jüngere Bruder war. Aber Mulder... Irgendwann hatte auch Bill das eingesehen. Und er hatte akzeptiert, das Fox Mulder seine Schwester glücklich machte...
Plötzlich klopfte es und ihre Mutter steckte den Kopf durch die Tür. Margreth Scully, die Mulder von Anfang an gemocht hatte, im Gegensatz zu ein paar anderen Familienmitgliedern.
„Dana, Sweetheart, es wird Zeit!“, rief sie ihrer Tochter zu, während sie ihren Enkel in den Arm nahm. „Fox wartet bereits auf dich!“
Hastig steckte Dana den Platinring an ihren Finger, den ihr ihre Großmutter vor Jahren an ihrem Sterbebett vermacht hatte. Er war ein altes Familienerbstück. Dann warf sie einen letzten Blick in den Spiegel, strich das weiße seidene Brautkleid zurecht und drehte sich zu ihrer Mutter.
„Wir können!“, lächelte sie.
Als Kind hatte Dana Kathrine Scully immer geglaubt, das jede Geschichte früher oder später ein Happy End hatte. Sie hatte davon geträumt, wie Cindarella ihren Prinzen zu finden. Natürlich hätte sie nie gedacht, dass dieser Prinz ein alienjagender, besessener, paranoider Egozentriker sein würde. Doch manchmal suchte sich das Schicksal eben seinen eigenen Weg. Und endlich, nach all den Jahren, war dieser Traum heute, hier und jetzt, dabei in Erfüllung zu gehen...

Happy End
Sorry, aber das musste einfach einmal sein! Ich bin nun mal ein hollywoodgeschädigtes, labiles Sensibelchen, das einfach ab und zu einmal so ein richtig schnulziges, schmalztriefendes Happy End braucht... *g* Vielleicht habe ich auch einfach nur einmal zu oft „Cindarella“ gelesen und suche nach meinem gläsernen Schuh.