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Merry Christmas, Scully

von Stephanie Kaiser

Kapitel 1

"Es tut mir wirklich leid, Scully." Mulder löste seinen Blick einen

Augenblick von der Straße und sah seine Partnerin an. Er wusste, dass sie

enttäuscht war - sie hatte die meiste Zeit der Fahrt geschwiegen.



"Es ist nicht deine Schuld, Mulder," beruhigte sie ihn, leiser als üblich.



"Ich weiß, wie gern du Weihnachten mit deiner Familie bei deinen Tanten in

San Diego verbringen wolltest."



"Mulder," seufzte sie. "Es ist nicht deine Schuld, dass unser letzter Fall

es mit sich brachte, dass ich meinen Flug verpasst habe. Es ist auch nicht

deine Schuld, dass der nächste Flug, den ich bekommen konnte, erst einen

Tag nach Weihnachten geht. Es ist eine geschäftige Zeit im Jahr. Ich weiß

es zu schätzen, dass du versucht hast, die Fluggesellschaft davon zu

überzeugen, dass es um dringende Regierungsgeschäfte ging."



"Zu schade, dass es nicht funktioniert hat." Er blickte finster drein. "Ich

wünschte, du hättest es mir überlassen, den Fall aufzuklären und hättest

deinen Flug genommen."



"Dich dir selbst überlassen? Das ist jetzt seltsam." Ein Lächeln drohte auf

ihrem Gesicht aufzutauchen, als er ihr einen nicht gerade amüsierten Blick

zuwarf. "Du brauchtest meine Hilfe."



"Immer," versicherte er ihr. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen,

suchte er ihre Hand und drückte sie zart. Er verschränkte seine Finger mit

ihren und ließ ihre vereinten Hände zwischen ihnen auf dem Sitz. Stumm

freute er sich, als sie sie nicht wegzog.



Mulder war so nahe daran gewesen, sie zu verlieren. Sie war ihm beinahe

entglitten. In jener Nacht in der Dunkelheit ihres Krankenhauszimmers, als

er in Agonie weinte, schwor er sich, dass er die Mauern, die sie zwischen

sich aufgebaut hatten, einreißen würde, wenn sie überlebte. Er strich mit

seinem Daumen über ihre Handfläche. Ziegel für Ziegel fielen die Mauern

zusammen.



Scully war überrascht, mit welcher Leichtigkeit sie mit Mulders Berührung

umging. Wie sehr sie sich danach gesehnt hatte. Mulder war immer ein

körperlicher Typ gewesen. Er brauchte es, sich mit ihr verbunden zu fühlen.

Seine Hand auf ihrem Rücken, während sie gingen. Sein Arm um ihre

Schultern, um sie enger an sich zu ziehen, wenn niemand etwas von ihrer

Unterhaltung mitbekommen sollte. Seine Hand in ihrer, wenn er derjenige

war, der Trost brauchte. Da waren unsichtbare Grenzen, die sie nie

überschritten hatten. Da waren unausgesprochene Regeln, die sie nie

gebrochen hatten.



Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus vor über einem Monat schien

Mulder entschlossen, alle Grenzen zu überschreiten und alle Regeln zu

brechen.



Ihr Aufenthalt im Krankenhaus hatte sie beide verändert. Als sie das erste

Mal nach Hause kam, hatte sie ein bestimmtes Maß an Über-Fürsorge von ihm

erwartet. Er hatte sie nicht enttäuscht.



Mulder hatte schon immer Tendenzen zur Über-Fürsorge gezeigt. Aber diesmal

war es anders. Diesmal rief er jede Stunde an, nur um sich zu melden und zu

fragen, wie es ihr ging. Diesmal küßte er sie auf die Wange, wann immer er

Guten Tag oder Auf Wiedersehen sagte. Diesmal ließ er seine Hand auf ihrem

Arm oder ihrer Hand für eine lange Zeit liegen, nur um sich ihr nahe zu

fühlen, so wie er es jetzt tat. Diesmal ermutigte sie ihn in seinem

Bedürfnis, ihr nahe zu sein. Nicht im Büro, selbstverständlich. Er war

immer noch sehr professionell bei der Arbeit, aber auch das war anders. Die

Veränderung dort war subtil, schon beinahe entnervend. Die Regeln, denen

sie folgten, hatten immer ihre Beziehung definiert.



Nun, als sie zusammen reisten, lagen die Regeln, die ihre emotionalen und

physischen Grenzen bestimmten, auf einem Schutthaufen irgendwo weit hinter

ihnen. Sie fand einfach Freude in der Wärme seiner Hand auf ihrer.



"Scully?"



"Hmmm...?"



"Du hast mich eine Minute allein gelassen. Wo warst du?"



Diesmal war es Scully, die ihre Finger enger um seine schloss.



"Ich war nirgendwo. Ich bin hier bei dir."



"Bist du in Ordnung?"



Mulder löste seine Augen von der Straße und hielt für einen kurzen Moment

ihren Blick fest. Sie nickte.



"Du hast mir nicht gesagt, wohin wir fahren. Wohin schickt uns Skinner mit

so einer kurzen Mitteilung?"



"Es ist ein Botengang, wirklich. Wir sind fast da."



"Das kommt nicht von Skinners Büro, nicht wahr, Mulder?" Sie sah ihn

misstrauisch an, spürte sowohl Ärger als auch Erwartung in sich.



"Gib mir noch fünf Minuten. Dann wird sich alles aufklären."



"Versprich mir, dass ich meinen Flug bekomme."



"Scully," lachte er. "Dein Flug geht nicht vor übermorgen. Und nebenbei,

deswegen habe ich dir gesagt, dass du alles, was du nach San Diego

mitnehmen möchtest, mitbringen sollst. Nur für den Fall."



"Mulder." In ihrer Stimme klang ein Hauch von Drohung mit.



"Ich verspreche es," beharrte er.



Mulder lächelte über ihr Misstrauen. Tatsächlich war er überrascht, dass

sie ohne Fragen soweit gekommen waren. Er wollte sie nicht täuschen, aber

er wollte auch nicht die Überraschung verderben.



Der Privatweg, auf den er gewartet hatte, kam in Sicht. Mulder spürte ihre

fragenden Augen auf sich, als er die Fahrt verlangsamte und abbog. Der

Wagen folgte dem Weg, der sich durch dichtstehende Bäume schlängelte. Er

lächelte, als er sie rasch einatmen hörte, als die Hütte in Sicht kam.



Das kleine Haus lag eingebettet zwischen Kiefern, die es auf drei Seiten

schützend einschlossen. Es hatte zwei Stockwerke und sah aus wie etwas, das

Scully daran erinnerte, was sie als Kind in einem Märchenbuch gesehen

hatte. Kieferngebinde mit ein paar dekorativen weißen Lichtern hingen am

Balkon im zweiten Stock. Die Lichter leuchteten hell gegen den dunklen

Himmel. Ein Kranz mit einem roten Band schmückte die Eingangstür und hieß

sie willkommen. Der Schnee, der in den letzten Stunden gefallen war,

bedeckte die Hütte und die Kiefern und schuf seinen eigenen Feiertagsglanz.



Mulder hielt den Wagen vor dem Haus an und stellte den Motor ab. Scully

drehte sich zu ihm, ihre Augen leuchteten voller Staunen.



"Das ist verblüffend. Wer wohnt hier?"



"Möchtest Du hinein gehen?"



Sie nickte, stieg schnell aus dem Auto und eilte die Stufen hinauf. Ihre

Finger glitten leicht über das Samtband des Kranzes. Sich zur Dekoration

beugend, atmete sie den vollen Kiefernduft tief ein.



"Geh weiter," hörte sie Mulders Stimme hinter sich. "Mach die Tür auf und

geh hinein."



"Wir können nicht einfach in irgend jemandes Haus gehen," widersprach sie

und wandte ihm ihr Gesicht zu. Sie platzte beinahe vor Neugier und dennoch

sah Mulder, wie sie zögerte. Er ging zu ihr, legte ihr beide Hände auf die

Hüften und zog sie nahe zu sich.



"Frohe Weihnachten, Scully," flüsterte er ihr mit einer sanften, leisen

Stimme ins Ohr, bevor er ihre Wange zärtlich mit seinen Lippen liebkoste.

Er hielt sie für einen kurzen Augenblick an sich, bevor er sie umdrehte.



Scully spürte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht, als sie sah, was sie in

der Hütte erwartete. Das Haus selbst war vollkommen offen. Ein großer Raum

bildete das Erdgeschoss, mit Bereichen, die die Küche, das Esszimmer und

den Salon kennzeichneten. Eine offene Treppe zu ihrer Linken führte in den

zweiten Stock zu einem teilweise loftartigen Bereich, der ebenfalls offen

war. Von dort, wo sie stand, konnte sie kaum die Spitze des Himmelbettes im

Hauptschlafraum dort oben sehen.



Es war nicht das Design des Hauses, das sie zum Lächeln brachte. Es war das

Aufgebot an majestätischer Weihnachtsdekoration, die jede Festtagsphantasie

eines Kindes erfüllt hätte, das Scullys Herz füllte. Mistelzweige und

Stechpalmenzweige waren auf dem Sims des angezündeten Kamins ausgebreitet,

an dem zwei Socken hingen und warteten. Ein komplettes Winterdorf mit

Lichtern und Schlittschuhläufern auf einem zugefrorenen Teich stand auf dem

Kaffeetisch zwischen Couch und Kamin. Körbe mit Kiefernzapfen und

Wolfsmilchpflanzen waren in der ganzen Hütte verteilt. Das einzige Licht in

dem Raum kam vom Feuer im Kamin, ein paar brennenden Kerzen auf dem

Kaminssims und auf dem Esstisch und den bunten Lichtern an einem

Weihnachtsbaum.



Der Baum war beeindruckend und Scully fand sich in ihm ertrinkend. Er stand

in der entferntesten Ecke des Raumes, an derselben Wand wie der Kamin, aber

in sicherem Abstand. Scully ging auf ihn zu und betrachtete ihn mit

Erstaunen. Sie vermutete, dass er ungefähr drei Meter hoch war, höchstens

einen halben Meter unter der Decke. Bunte Lichter, glänzende Glaskugeln,

Lametta, Krepppapierbänder und antike hölzerne Ornamente hingen an seinen

Zweigen. Ein himmlischer reich verzierter Engel mit langen roten Locken und

einem seidigen burgunderfarbenen Kleid saß auf der Spitze.



Die Lichter am Baum begannen zu verschwimmen, als sich ihre Augen mit

warmen Tränen füllten. Erkenntnis begann in ihr zu dämmern. Sie drehte sich

wieder zu Mulder um, der herein gekommen war und die Tür geschlossen hatte.



"Hast du das getan?" fragte sie leise, ihrer Stimme nicht völlig

vertrauend.



Mulder trat aus dem Schatten ins Licht des Feuers und nickte.



"Ich weiß, wie perfekt du es dieses Weihnachten haben wolltest. Du hast

deine Wohnung nicht geschmückt, weil du geplant hattest, über die Feiertage

zu verreisen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass du heute und

morgen allein zu Hause sitzt und nicht einmal einen Baum hast."



Die Tränen, die Augenblicke vorher zu fallen drohten, liefen nun über ihr

Gesicht. Entschlossen ging sie zu ihm herüber und legte ihre Arme eng um

seine Taille. Sie presste ihre Wange an seine Brust und atmete den

männlichen Duft ein, von dem sie wusste, dass er nur zu ihm gehörte. Ihre

Arme glitten unter sein Jackett und kneteten die festen Muskeln an seinem

Rücken. Seine Arme legten sich um sie und sie spürte sein Kinn zart auf

ihrem Kopf.



Sie hielten einander, bewegungslos, für einige Momente.



"Ist es das, was du dir vorgestellt hast?" flüsterte er.



"Was ich mir vorgestellt habe?" Sie trat zurück und sah ihm fragend in die

Augen. Es gab Zeiten, da verlor sie sich in diesen Augen. Dies war so ein

Moment.



Mulder griff in die Innentasche seines Jacketts und holte ein

zusammengefaltetes glänzendes Inserat aus einem Magazin heraus. Sorgfältig

entfaltete er das Papier und gab es ihr. Sie nahm es und studierte das

Bild. Die Hütte, in der sie standen, war praktisch das Ebenbild von dem

Foto auf der Seite.



"Mulder?"



"Ich sah, wie du es dir angesehen hast, vor ein paar Monaten im Flugzeug.

Du hast es den ganzen Flug lang angestarrt. Scully, da war so eine

Traurigkeit in deinem Blick, als du es dir angesehen hast. So ein

Verlangen. Du hast es auf dem Sitz liegen gelassen, nachdem wir gelandet

waren und ich habe es mitgenommen. Als du deinen Flug verpasst hast, weil

wir gearbeitet haben, wusste ich, dass ich das für dich tun musste."



Scully lächelte ihn zärtlich an, bevor sie sich auf die Couch vor den Kamin

setzte. Sie zog ihren Mantel aus, lehnte sich zurück und schenkte dem Foto

aus dem Magazin ihre ganze Aufmerksamkeit. Mulder zog still sein Jackett

aus und setzte sich neben sie auf die Couch.



"Als ich das in dem Flugzeug sah..." begann sie, stockte dann aber. Sie sah

auf und fand die Kraft, die sie brauchte, um fortzufahren, in seinen Augen.

"Als ich das sah, war ich dabei, zu sterben. Ich war mir nicht sicher, ob

ich dieses Weihnachten noch am Leben sein würde. Zumindest glaubte ich,

dass ich im Krankenhaus sein würde. Es war das erste Mal, Mulder. Das erste

Mal, dass ich über die Krankheit als etwas nachdachte, das dabei war, mir

meine Zukunft zu nehmen."



"Sie hat sie dir nicht genommen. Die Krankheit ist vorbei und es ist

Weihnachtsabend und du bist hier. Wir sind beide hier, zusammen." Er

streckte seine Hand aus und schob ihr eine Haarsträhne hinters Ohr.



"Wann hattest du die Zeit, das alles hier zu tun? Wir sind erst gestern

nach DC zurückgekommen."



"Ich konnte mir jemanden zur Hilfe mieten, aber wenn ich beim Essen

einschlafe, nimm es nicht persönlich," scherzte er leichthin.



"Essen? War das der Anruf, den du gemacht hast, als wir fast hier waren?"



Mulder nickte.



"Ich wollte, dass alles perfekt ist, wenn wir hierher kommen. Ich brauchte

jemanden, der das Feuer anzündete, die Kerzen und die Lichter am Baum. Und

ja..." Sein patentiertes jungenhaftes Grinsen blitzte über sein Gesicht.

"... das Essen herrichtete. Sie haben mir versichert, wenn wir hier

ankommen, könnte sogar ein trainierter Pavian das Essen fertig machen, ohne

es zu verderben." Er stand auf und hielt ihr seine Hand hin. "Also möchtest

du mit mir in die Küche gehen und ein bisschen herumalbern?"



Sie legte ihre Hand in seine und er zog sie von der Couch hoch.



"Ich werde es lieben."





Sie saßen sich am Tisch gegenüber. Das Kerzenlicht erleuchtete ihre

Gesichtszüge. Ihr Verhalten entspannte sich, wurde gemütlich und war nun

mit Intimität geladen. Leises Gelächter erfüllte den Raum.



"Mulder. Danke. Für heute Abend. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich

mich das letzte Mal so entspannt gefühlt habe."



"Es kann nur besser werden."



"Mehr Überraschungen?"



"Geschenke." Er lächelte und zwinkerte mit den Augen.



"Mulder." Scully streckte ihre Hand über den Tisch aus mit einem winzigen

Hauch der ihr eigenen Unschlüssigkeit und legte ihre Hand über seine. "Du

hast mir mein Leben zurückgegeben... und all das hier." Sie machte eine

Gebärde, die den Raum umschloss. "Ich brauche kein weiteres Geschenk."



"Sie sind nicht von mir. Der Weihnachtsmann hat sie gebracht. Ich weiß, er

wäre sehr enttäuscht, wenn du sie nicht aufmachen würdest."



Scully sah auf die beiden bunt eingewickelten Pakete unter dem Baum. Sie

grinste mit der Erwartung eines Kindes am Weihnachtsmorgen.



"Ich würde es hassen, den Weihnachtsmann zu enttäuschen. Obwohl ich mir

sicher bin, dass er Hilfe hatte beim Überbringen dieser Geschenke."



"Ich bin ein bisschen zu groß, um als Elfe bezeichnet zu werden, Scully.

Komm schon." Er stand auf und kam auf ihre Seite des Tisches.



"Jetzt?"



"Warum nicht?"



"Du schießt hier alle Traditionen in den Wind, nicht wahr?"



"Traditionen? Ich werde nicht hinausgehen in den Schnee und singen. Das ist

es, wo ich die Grenze ziehe."



"Nein, nicht singen," lachte sie. "Jedes Jahr, als wir aufwuchsen, aßen wir

am Weihnachtsabend und mussten erst das Geschirr spülen, bevor wir die

Geschenke aufmachen durften." Sie stand auf und folgte ihm zum Baum. Mulder

nahm eine der Decken von dem gepolsterten Stuhl neben dem Baum und breitete

sie auf dem Boden aus. Sie setzten sich beide auf die Decke. "Hatte deine

Familie keine Festtagsbräuche?"



"Wir haben nicht viele Festtage gefeiert, seit Samantha weg war. Im ersten

Jahr war es zu schwer für Mom. Danach wurde es mehr zur Tradition, die

Feiertage zu ignorieren."



"Es tut mir leid. Alles was du heute Abend getan hast, war so perfekt, ich

wollte keine unangenehmen Erinnerungen wecken."



"Dafür ist der Abend heute da, Scully. Um neue Erinnerungen zu schaffen."

Er beugte sich nach vorn und drückte seine Lippen auf ihre Stirn. Den

Kontakt begrüßend, ließ sie ihre Hand über seinen Arm gleiten und umfasste

sein Gesicht. Er löste sich von ihr und lächelte.



"Kann ich mein Geschenk jetzt aufmachen?"



Sehr zu ihrer Überraschung und Freude küßte er sie kurz auf die

Nasenspitze. Hinter sich greifend nahm er das größere der beiden Geschenke

und gab es ihr.



"Du bist unverbesserlich," neckte er sie.



"Danke. Kann ich es jetzt aufmachen?"



Er nickte und sie begann, vorsichtig das Papier von der Schachtel zu lösen.

Mulder beobachtete sie eine, wie es ihm schien, Ewigkeit.



"Ich dachte, du hättest es eilig?"



"Ich genieße es."



"Genieße es ein bisschen schneller, ja?"



Scully zog eine Augenbraue hoch, aber ihre gekräuselten Lippen konnten ihr

Lächeln nicht verbergen. Sie riss das letzte Stückchen Papier von der

Schachtel und legte sie vor sich auf den Boden. Vorsichtig hob sie den

Deckel an. Überrascht sah sie Mulder an.



"Namensschilder?" Ihre Stimme klang verwirrt und ihre Augen waren voller

Staunen.



"Dieses," sagte er und griff in die Schachtel und nahm ein flaches

metallenes Namensschild heraus, auf dem DR. DANA SCULLY stand, "ist für die

Tür zum Kellerbüro. Und dieses," er griff wieder in die Schachtel und holte

ein größeres Namensschild heraus, zu dem ein Metallständer gehörte und auf

dem dasselbe wie auf dem ersten stand, "das ist für deinen Schreibtisch."



"Mein Schreibtisch?"



"Das war der andere Grund, warum ich dich heute aus dem Büro heraus haben

musste."



"Du hast mir einen Schreibtisch besorgt?" Trotz all ihrer Bemühungen kippte

ihre Stimme vor Emotionen. "Da ist kein Platz für einen weiteren

Schreibtisch in diesem Büro. Das hast du selbst gesagt."



"Das war falsch. Alles was wir brauchten, war ein paar kleine kreative

Arrangements zu treffen und einen Archivschrank auf dem Flur. Dieses

Büro... die X-Akten sind genauso sehr ein Teil von dir wie von mir. Dein

Name gehört an die Tür und du verdienst deinen eigenen Schreibtisch in

diesem Büro. Unserem Büro."



"Unser Büro?"



"Es ist schon seit langer Zeit unser Büro, Scully."



"Danke." Sie saß einen Moment still da und sammelte ihre Gedanken. "Ich

weiß, dass ich jeden Tag in dieses Büro gehe, dass ich da hingehöre... mit

dir. Nicht nur, weil ich dorthin zugeteilt wurde, sondern wegen der Arbeit,

die wir dort tun... und wegen dir. Diese Namensschilder und der

Schreibtisch zeigen mir, dass du auch glaubst, dass ich dorthin gehöre. Das

ist das schönste Geschenk, das du mir machen konntest."



"Da ist noch ein Geschenk mit deinem Namen unter dem Baum." Seine Stimme

war weich, sein Gesichtsausdruck eine Mischung aus Stolz darüber, das

richtige Geschenk ausgesucht zu haben und Schuld, es ihr nicht schon vor

langer Zeit gegeben zu haben.



"Mulder, du hast mir schon so viel gegeben," widersprach sie. "Was ist in

dich gefahren?"



"Vielleicht ist es einfach nur das erste Weihnachten nach vielen Jahren,

das ich feiern möchte. Ich entschädige mich für die verlorene Zeit. Mach

einfach mit, Scully."



Scully lächelte, als er das kleinere Geschenk in ihre Hand legte. Sie löste

das Band und das Geschenkpapier. Eine kleine weiße Schachtel kam zum

Vorschein. Sie hob den Deckel an und fand eine graue Samtschmuckschachtel.



Voller Erwartung blickte sie kurz auf, dann hob sie langsam den Deckel an.

Auf einem Bett aus Satin lag der exquisiteste Ring, den sie jemals gesehen

hatte. Sie nahm ihn heraus und untersuchte ihn genauer. Ein brillanter

blauer Saphir saß zwischen kompliziert verwobenen Wirbeln aus Gold, aus dem

der atemberaubende Reif war. Elegant von Hand gefertigt und sorgfältig im

Detail.



"Es ist ein irischer Ring," erklärte Mulder. "Der Stein sollte eigentlich

ein Smaragd sein, aber ich dachte, ein Saphir würde besser aussehen an dir.

Ich habe ihn speziell anfertigen lassen. Die Legende sagt, dass der Platz,

an dem das Gold gefunden wurde, gesegnet ist. Sie sagt, dass wer immer auch

den Ring trägt, einen Schutzengel hat und ihm kein Leid widerfahren kann."

Er nahm ihr den Ring sanft aus der Hand und steckte ihn auf den Ringfinger

ihrer rechten Hand. "Ich weiß, Scully, dass du nicht an Legenden und Mythen

glaubst, aber ich fühle mich besser, wenn ich weiß, dass du nun deinen

eigenen Schutzengel hast," flüsterte er und drückte seine Lippen in einem

sanften Kuss auf die Hand, auf die er gerade den Ring geschoben hatte.



"Ich habe immer gedacht, dass mein eigener besonderer Schutzengel du

warst."



"Es kann nie schaden, ein bisschen Rückendeckung zu haben," sagte er

lächelnd.



Eine einzelne Träne rollte über ihr Gesicht und er streckte seine Hand aus,

um sie von ihrer Wange zu wischen. Sie beugte sich zu ihm und hielt inne,

als ihre Lippen nur eine Winzigkeit von seinen entfernt waren.



"Mulder," hauchte sie. "Wirst du mich jemals küssen?"



Scully hatte die Frage kaum gestellt, als sein Mund schon auf ihrem war. Es

war nicht perfekt, es war viel, viel besser. Plötzlich lag sie in seinen

Armen. Ihre Reaktion kam unverzüglich. Ihr ganzer Körper reagierte auf

seinen Kuss und als seine Zunge gegen ihre stieß, machte sie es ihm nach

und küßte ihn mit all der aufgestauten Leidenschaft in ihr.



Ein Kuss war nicht genug. Krampfhaft versucht, ihm so nahe wie möglich zu

kommen, legte sie ihre Arme um seinen Hals. Ihre Finger griffen in sein

Haar, während sein Mund ihren heimsuchte. Sie hatte so lange darauf

gewartet. Sie hatten so lange gewartet. Ihre Sinne explodierten unter den

neuen Gefühlen, so dass sie innehalten musste, aber nur für einen Moment.



"Warte." Atemlos löste sie sich von ihm und rutschte ein Stückchen weg. Sie

war erschüttert durch den Schmerz, den sie in seinen Augen sah. Noch einmal

lehnte sie sich kurz an ihn und kuschelte sich an seine Wange. "Ich habe

ein Geschenk für dich."



"War es das nicht?"



"Nein, das war es nicht," erwiderte sie lachend. Sie glitt auf dem Bauch

unter den Baum und griff nach hinten, um ein Geschenk hervorzuholen, das er

nicht gesehen hatte. "Als ich hinaus ging, um meine Tasche zu holen, habe

ich das hier aus dem Kofferraum genommen. Ich wollte es dir eigentlich

geben, bevor ich gehe, aber ich möchte, dass du es jetzt aufmachst."



Behutsam nahm er ihr das Päckchen aus der Hand und studierte die

Verpackung. Er sah ihr in die Augen und sie nickte ihm zu. Vorsichtig löste

er das Band und schob das Papier zur Seite. Was er in seinen Händen hielt,

war eine Fotografie. Das Bild in dem Rahmen trieb ihm die Tränen in die

Augen und er sah Scully an. Sie glitt neben ihn und setzte sich so, dass

sie das Bild so ansehen konnte wie er es tat. Eine Frau, ein Mann und zwei

kleine Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Die Frau auf dem Bild war seine

Schwester Samantha.



"Du hast sie gefunden?" Seine Stimme war voll von Emotionen, mit denen

diese einfachen Worte beladen waren.



"Es war nicht einfach, aber mit der Beschreibung, die du mir gegeben hat

und dem Wissen, dass sie eine Familie hat und sich nicht verborgen hält,

waren wir in der Lage, sie zu finden. Ich hatte ein bisschen Hilfe. Die

inoffiziellen Kanäle der Lone Gunmen waren sehr hilfreich. Das ist ihr

Mann, er heißt Jack," sagte sie und zeigte auf das Foto, als sie fortfuhr.

"Ihre Tochter, deine Nichte, heißt Elisabeth und ihr Sohn, dein Neffe, ist

nach dir benannt. Er heißt Fox."



Mulder blickte vom Foto auf und sie sah Tränen in seinen Augen schimmern.



"Armes Kind."



"Er mag ihn genauso wenig wie du. Er will, dass ihn alle bei seinem

Nachnamen Elliot rufen. Nur seine Mutter darf ihn Fox nennen, nur Samantha.

Sie hat dich nicht vergessen, Mulder. In all den Jahren hat sie dich nie

vergessen. Ich habe ihre Adresse für dich. Du kannst sie und ihre Familie

besuchen."



"Sie will mich nicht sehen. Das hat sie mir in dem Restaurant klar

gemacht." Seine Stimme war klein und zerbrechlich.



"Mulder, sie will dich sehen. Ich bin zu ihr gegangen. Ich habe ihr

erzählt, wie sehr du sie gesucht hast. Wieviel sie dir bedeutet. Ich habe

ihr gesagt, wie sehr du sie liebst und wie sehr du ein Teil ihres Lebens

sein möchtest. Sie möchte dich sehen, unbedingt."



"Das hast du getan? Du bist zu ihr gegangen und hast sie gesehen?"



Scully nickte. Mulder sah sie an und in seinen Augen war Angst. "Wirst du

mit mir gehen? Sie besuchen?"



"Wenn du es möchtest. Natürlich werde ich mit dir gehen."



Mulder nickte und dann riss er sie an sich. Er hielt sie so fest er konnte,

ohne ihr weh zu tun. Sie streichelte sein Haar und seinen Rücken. Sie

hielten sich aneinander fest. Jeder fürchtete sich, loszulassen. Scully war

die erste, die sich bewegte. Sie glitt mit ihren Fingern durch sein volles,

dunkles Haar, drückte seine Kopf enger an sich und drängte ihn, ihr auf den

Boden zu folgen.



Seine Lippen suchten ihre. Er klebte an ihr, während er fortfuhr, sie zu

probieren und zu verschlingen. Mulder konnte nicht genug von ihr bekommen.

Er rollte herum und bedeckte ihren Körper mit seinem. Sie war fest an ihn

gepresst, aber das Gefühl, das er wollte, wurde geschwächt durch ihre

Kleidung.



Mulder stöhnte frustriert und begann, sie auszuziehen, ohne seinen Mund von

ihrem zu nehmen. Gott, aber sie schmeckte so gut. Er knöpfte ihre Bluse

auf, zerrte sie aus ihrem Bund und dann schob er die Träger ihres

Spitzen-BH über ihre Schultern. Seine Hand glitt unter den Stoff und

begann, ihre Brust zu streicheln. Das Gefühl ihrer glatten Haut an seiner

ließ ihn mehr und mehr die Kontrolle verlieren. Er war kaum noch in der

Lage, zu denken.



Scully löste sich von ihm, ihr Atem ging schnell und flach. Sie setzte sich

auf und spreizte ihre Beine über seine Hüften. Nach hinten greifend löste

sie den Verschluss ihres BH und warf ihn auf den Boden. Über ihn gebeugt

begann sie sein Hemd aufzuknöpfen und verteilte federleichte Küsse auf

seiner Brust und auf seinem Bauch, als sie ihn von seiner Kleidung

befreite. Sein Gürtel war als nächstes dran, gefolgt von all den anderen

Stoffhindernissen. Dann setzte sie sich wieder auf ihn.



Fleisch an Fleisch. Die erste Berührung von ihm schoss durch sie hindurch,

wie das erste Glas Wein, bevor sie sich warm durch ihren Körper

verbreitete. Fleisch an Fleisch.



Scully kuschelte ihren Kopf an seine Brust. Seine warmen Lippen suchten

ebenso warmes Fleisch. Sie stöhnte und drückte sich fester an ihn. Kein

anderes Geräusch war notwendig. Worte würden vielleicht später gebraucht,

aber nicht jetzt. Jetzt - jetzt wollte sie keine Worte, um diese

unglaublichen, wundervollen Gefühle zu zerstören.



Mulder bewegte sich zart, so sanft wie sie, beinahe als ob er sich auch der

Zerbrechlichkeit des Augenblicks bewusst war. Vorsichtig, äußerst langsam

ließ er eine Hand zu ihrer Hüfte gleiten.



Das Gefühl der weichen Seide seines Haares unter ihren Fingern und seiner

warmen Lippen auf ihrer Brust war nicht genug. Sie strich ihre Hand in

sensiblen Mustern über seine Brust und dann an seinem Körper hinab und

spürte seine glatten, festen Muskeln, als ihre Finger sich ganz langsam

hinab bewegten.



Mulder glitt nach oben. Sein Mund fand den Puls an ihrem Hals und verhielt

dort, bevor er sich weiter hinter ihr Ohr bewegte. Er hatte sie so lange

gewollt. Sie zu wollen war so sehr ein Teil von ihm wie das Atmen. Ihre

zarte Berührung beruhigte und entflammte ihn zugleich. Er legte seine Arme

um sie und zog sie unter sich.



Ihr Körper sehnte sich nach ihm. Scully drehte sich unter ihm, aber er

verwehrte ihr immer noch diese Berührung. Seine Lippen liebkosten ihre

Augen, ihre Schläfen, ihre Wangen und schließlich ihre Lippen. Sie seufzte

an seinem Mund, als er von ihrem Besitz ergriff und drückte ihre Finger in

die Muskeln auf seinem Rücken, als ihr Kuss ewig währte - besitzergreifend,

melancholisch, hungrig, gebend.



Mulders Hände und sein Mund bewegten sich mit köstlicher Gründlichkeit, als

sie ihren Körper erforschten. Und ihre, so hungrig wie seine, lehnten es

ab, seine Berührung und den Geschmack von ihm zu leugnen. Er gehörte ihr.

Und sie gehörte ihm.



Mulder überflutete ihre Sinne, bis sie nicht mehr in der Lage war, zu

denken. Er meinte, er hätte sie gebeten, ihm zu sagen, wenn er irgend etwas

tat, das sie nicht mochte und sie versuchte wirklich, ihm zu antworten, ihm

zu sagen, dass nichts, was er tat, falsch sein konnte. Aber jedes Mal, wenn

sie versuchte zu sprechen, tat er etwas noch Wundervolleres mit ihr und sie

konnte nicht mehr als ein Seufzten oder Wimmern von sich geben.



Wenn er meinte, er müsste sie verrückt machen, so war er herrlich

erfolgreich. Als er schließlich zu ihr kam, nahm sie sein Gesicht in ihre

Hände und vereinigte ihre Münder so wie er ihre Körper vereinigte.



Er kostete jedes Flüstern, jede Bewegung aus. Ihr Körper bebte, aber ihre

Seele sang, als sie zusammen ihren Höhepunkt anstrebten und hinauszögerten

und anstrebten und hinauszögerten. Als das Bedürfnis nach Erlösung

schließlich kaum mehr zu ertragen war, trieb er ihre Befriedigung dadurch

voran, dass er den Rhythmus verstärkte und sie fester griff.



Eine Ekstase, wie sie sie nie zuvor erlebt hatte, begann in ihr und wurde

innerhalb eines Herzschlags zu einem explosiven Orgasmus. Sie klammerte

sich an ihn, als die Welt in tausend leuchtende Sterne zerbrach. Zusammen

erreichten sie das Wunder ihrer Vereinigung und fanden darin Schönheit und

Glück.



Mulder brauchte ein paar Minuten , um wieder zu sich zu kommen. Er rollte

herum, so dass sie wieder auf ihm lag, hielt sie fest in seinen Armen,

kuschelte sich an ihren Hals und streichelte sie gemächlich.



"Bist du in Ordnung?" flüsterte er.



Scully antwortete ihm nicht, aber sie seufzte an seinem Ohr und er wusste,

bevor er die Kraft fand, seinen Kopf anzuheben und in ihr Gesicht zu sehen,

dass sie glücklich war. Ohne sie loszulassen, griff er nach der zweiten

Decke auf dem Stuhl und deckte sie damit zu.



Mulder war mit sich zufrieden, zu wissen, dass er sie erschöpft hatte. Sie

schlief an ihn geklammert ein, ihre Beine mit seinen verschlungen, ihr

Gesicht an seinen Hals gekuschelt. Für diesen einmaligen Moment gehörte sie

ihm völlig. Diese Frau, die er liebte. Er würde ihr morgen sagen, wie sehr

er sie liebte, wenn sie gemeinsam am Weihnachtsmorgen erwachen würden,

unter dem Baum liegend.



"Frohe Weihnachten, Scully," flüsterte er und küßte liebevoll ihre Schläfe,

bevor er auch einschlief.
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