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Momente

von Galloway

Kapitel 1

Während er das Handy einschaltete, stieg Mulder in seinen Mietwagen, startete den Motor, legte den ersten Gang ein und machte sich auf den Weg vom Flughafen nach New York City. Das Handy hatte er achtlos auf den Beifahrersitz geworfen. Als er auf die Autobahn bog, machte es drei Piepser, die ihm die Ankunft einer neuen Nachricht signalisierten. Er überlegte kurz, ob er auf das Handy schauen sollte. Da der Verkehr doch ziemlich dicht war und seiner vollen Aufmerksamkeit bedurfte, ignorierte er es einfach. Dafür war auch später noch Zeit. Beim zweiten Piepsen dachte er nur, warum er denn so viele Nachrichten innerhalb kürzester Zeit bekam. Die letzen zwei Stunden hatte er auf dem Flughafen und im Flugzeug auf dem Weg von Washington nach New York verbracht. Man könnte meinen, er wäre in dieser Zeit abkömmlich. Wahrscheinlich hatte Kersh von seinem spontanen Kurztrip erfahren und wollte ihm die Leviten lesen, aber das war ihm ziemlich egal und so ignorierte er das Handy auch weiterhin. Er hatte sich wieder mal von seinen Gefühlen leiten lassen. Von seinen Gefühlen gegenüber seiner Partnerin. Scully. Ein Lächeln fuhr über seine Lippen, als er an sie dachte. Seine Scully. Wann war sie eigentlich zu seiner Scully geworden? Er wusste es nicht mehr. Es war ein schleichender Prozess, bei dem sie sich allmählich in sein Herz stahl. Aber sie war dort. Schon seit langer Zeit. Ein Geheimnis, gehütet vor der Außenwelt und ihr. Sie war der Mittelpunkt seines Universums. Auch wenn er das ihr gegenüber nie zugeben würde. Er hatte Angst, das zu zerstören, was zwischen ihnen war. Ihre Freundschaft. Ihre undefinierbare Beziehung zueinander, die über Freundschaft weit hinausging, aber dennoch nicht vollkommen beschrieben werden konnte. Und so tröstete er sich mit seinen kleinen Berührungen. Nutzte die Chancen, sie bei allen Möglichkeiten anzufassen, leitete sie mit seiner Hand am Rücken, machte kleine anzügliche Bemerkungen, forderte sie heraus. Doch er bekam nie eine wirkliche Reaktion darauf, und so hatte er vor langer Zeit die Hoffnung auf eine romantische Beziehung mit ihr aufgegeben. Doch er würde nie freiwillig von ihrer Seite weichen und sie würde das Tempo bestimmen. Wenn sie nicht mehr wollte, würde auch er nicht mehr wollen. Er hatte Zeit, er würde ein Leben lang auf sie warten, wenn es sein musste. Und so lange würde er still an ihrer Seite stehen und sie beschützen und für sie da sein, wenn sie ihn brauchte. Manchmal war es schwer. So wie vor kurzem bei einem Fall, bei dem sie versucht hatten das Geheimnis des Regenkönigs aufzuklären. Diese Fälle brachten ihn immer emotional durcheinander, brachten seine Mauer fast zum Einstürzen. Während des ganzen Falles hatte man sie für ein Paar gehalten. Schon am Flughafen war Scully als Mulders Frau empfangen worden. Dann wurde ihm auch noch vorgeworfen schmachtende Blicke Richtung Scully zu werfen. Auch wenn er das verneinte, wusste er doch, dass das sehr eng an der Wahrheit lag. Dann hatte ihn auch noch eine andere Frau vor Scullys Augen geküsst. Doch als wäre dass alles nicht schon schlimm genug, als hätte ihn das alles noch nicht an den Rande des Wahnsinns getrieben, musste er auch noch zwei Nächte zusammen in einem Bett mit Scully verbringen, da durch seine Zimmerdecke eine Kuh geflogen war. Und das war der Horror pur gewesen. Nicht, dass er nicht jede Nacht davon träumte, genau in diese Situation zu geraten, aber in einem Bett neben Scully zu liegen und absolut nichts tun zu können, war zu viel für ihn. Dennoch würden ihm diese zwei Nächte für immer im Gedächtnis bleiben und er würde immer, wenn er einsam war, was so ziemlich jeder andere Abend war, die Erinnerungen wieder hervorrufen und mithilfe ihrer die Einsamkeit überbrücken. Sie waren in jeder der zwei Nächte mit Wahrung eines gewissen Sicherheitsabstandes eingeschlafen. Er wollte näher bei ihr liegen, doch er wusste nicht, ob er sich dann noch zusammenreißen konnte und nicht über sie herfallen würde. Und jeden Morgen waren sie in den Armen des anderen aufgewacht. Hatten sich im Schlaf und im Unterbewusstsein geradezu magisch angezogen. Natürlich hatte seine Morgenlatte nicht gerade zur Entspannung der Situation beigetragen und so wurde auch nie ein großes Wort über die Lage verloren. Wie so oft in ihrer komplizierten Beziehung waren sie einfach zum Tagesgeschäft übergegangen und hatten so getan als wäre nichts geschehen. Denn das konnten sie am allerbesten. Und so trieben sie dahin und würden weitertreiben. Er und sie zusammen, auf der Suche nach der Wahrheit. Bis wieder das Schicksal zuschlug, wie vor ein paar Tagen. Man hatte sie einfach einem Fall zugeteilt. Ohne ihn. Aber was das schlimme war, man hatte auch noch einen anderen Partner an ihre Seite gestellt. Diesen Ritter. Er spuckte den Namen geradezu aus. Nicht, dass er gegen den Agenten etwas hatte. Oh, doch, das hatte er. Er würde gegen jeden etwas haben, der mit seiner Partnerin zusammen arbeitete. Sie war seine Partnerin. Da war er wie das Alphatierchen. Besitzergreifend. Natürlich hatte er seine Hände nicht von dem Fall lassen können. Wie denn auch, wenn sie darin verwickelt war? Er hatte sich ihr geradezu aufgedrängt. Ja, so einfach würde er sich nicht geschlagen geben. Nicht er. Nicht Fox Mulder. Nachdem er entscheidende Hinweise gefunden hatte, hatte er sich dazu entschlossen, wieder einmal alle Vorschriften zu umgehen. Er hatte sie nicht erreichen können und nur diesen Ritter ans Telefon bekommen und ihn auf die Suche nach ihr geschickt. Dann hatte er gleich die nächste Maschine bestiegen, um zu ihr zu fliegen. Er konnte sich schon Kershs Gesicht und den Wutausbruch vorstellen. Das würde ihn mindestens einen weiteren Monat Farmerehepaarbefragungen oder etwas Ähnliches bescheren. Aber das war ihm egal, er wollte nur zu Scully und wissen, dass es ihr gut ging. Und da machte er sich keine Illusionen. Er wollte ihr auch zeigen zu wem sie gehörte. Ja er war ein Egoist. Aber Scully war alles was er noch hatte und er würde sie niemals freiwillig hergeben.

Sein Handy piepste das dritte Mal und dieses Mal kam er zu dem Entschluss, dass es wohl doch wichtig sei und er es nicht länger ignorieren könne. Während er mit einem Auge auf die Fahrbahn schielte, las er mit dem anderen die SMS auf seinem Telefon. Es waren drei entgangene Anrufe und alle waren aus Skinners Büro getätigt worden. Daraus wurde er nun gar nicht schlau. Die nächste Ampel schaltete auf Rot. Herrgottnochmal, so würde er niemals weiterkommen. Er überlegte gerade, ob er Skinner zurückrufen sollte, als sein Handy klingelte. Die Frage schien sich selbst zu klären, an der Nummer erkannte er, dass der Anruf aus Skinners Büro kam.

„Mulder.“

„Herrgott Mulder, wo sind Sie und warum gehen Sie nicht ans Handy?“ Skinner persönlich war an der anderen Leitung. Mulder entschied sich für die Wahrheit, denn mit dieser schien er bei Skinner immer am weitesten zu kommen.

„Ich bin in New York auf dem Weg zu Agent Scullys Hotel. Bei ihrem Fall haben sich neue Erkenntnisse ergeben, die ich ihr miteilen wollte.“ Er konnte sich direkt vorstellen, wie sein ehemaliger Chef am anderen Ende der Leitung die Brille abnahm, einmal tief durchatmete um dann zum großen Rundumschlag auszuholen. Was ihn umso mehr überraschte, war der tiefe Seufzer am andere Ende der Leitung.

„Sir?“

„Agent Mulder…“ Skinners Stimme schien mehr als beherrscht zu sein. Es folgte eine kurze Pause, die Mulder das Blut in den Adern gefrieren ließ. Irgendetwas stimmte nicht. Skinner atmete hörbar nochmals tief durch, bevor er weiterfuhr.

„Es gab eine Schießerei. Agent Scully wurde in den Bauch getroffen. Sie ist schwer verletzt und liegt im Krankenhaus. Ihr Zustand ist kritisch.“

In diesem Moment blieb für Mulder die Welt stehen. Sein Atem schien aus seinen Lungen zu weichen und ihn zu verlassen. Das Blut schien nur noch träge in sein Herz zu fließen. Sein Hirn schaltete alle Funktionen aus. In seinem Kopf wiederholte sich immer wieder ein Satz. Nicht Scully, nicht Scully, nicht Scully. Mulder hatte so viele Fragen, doch momentan war nur Leere. Er konnte nicht denken, nicht atmen, sich nicht rühren. Er war erstarrt und versuchte wieder die Kontrolle über seinen Körper zu erlangen.

Plötzlich riss ihn ein Hupen aus seinem lethargischen Zustand. Am Rande seines Bewusstseins registrierte er, dass die Ampel auf Grün geschalten hatte und er die Spur blockierte. Völlig mechanisch fuhr er an. Skinners Stimme schlich sich wieder in sein Bewusstsein. Anscheinend versuchte er schon eine Zeitlang mit ihm zu reden, ohne wirklich Gehör zu finden.

„Agent Mulder, sind Sie noch dran…? Agent Mulder… Mulder!“ Das letzte Mulder glich einem Schreien und es beförderte ihn wieder in die Gegenwart zurück.

„Ja... was... ich meine wie... also...“ Er war nicht fähig einen ganzen Satz zusammen zu bekommen. Er, einer der Topagenten des FBI, mit hervorragender Oxfordausbildung und Bestnoten in Quantico, konnte sich nicht mal mehr artikulieren.

Skinner, am anderen Ende der Leitung, schien froh darüber, seinen Agenten wieder bei sich zu haben und entschied anscheinend, dass er ihm alle Informationen auf einmal mitteilen wollte. Zu gut kannte er seinen Agenten. Kannte er seine Unfähigkeit klare Gedanken zu fassen, wenn es um seine Partnerin ging.

„Sie war bei einem Verdächtigen. Sie stand hinter ihm als auf ihn geschossen wurde. Die Kugel durchschlug den Verdächtigen und traf Agent Scully in den Bauch. Sie wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, hat jedoch viel Blut verloren. Sie schwebt in Lebensgefahr. Man hat sie in die Universitätsklinik gebracht. Mulder, sie hat als sie noch bei Bewusstsein war, nach Ihnen gefragt. Sie braucht Sie jetzt.“

Ja, und er würde für sie da sein. Würde nicht mehr von ihrer Seite weichen. Doch er musste noch mehr wissen, er würde keine Ruhe haben, bis er das letzte bisschen Information erlangt hatte. Das letzte bisschen, das ihm Skinner anscheinend vorenthalten hatte.

„Wer hat sie angeschossen?“ Die Frage war mit einem tödlichen Unterton gestellt und das war auch Skinner nicht entgangen. Er hatte gehofft, dass Mulder so in Gedanken, so abgelenkt sein würde, dass ihm entgehen würde, dass er den Schützen nicht genannt hatte. Doch er müsste ihn besser kennen. Mulder entging nie irgendetwas. Als Skinner nicht sofort antwortete, fuhr Mulder in doppelter Lautstärke fort.

„Wer?“

„Es war Agent Ritter...“ Weiter kam er nicht mehr, das Telefonat wurde von Mulder beendet und der Assistant Direktor legte den Höher langsam auf die Gabel und schickte ein paar Gebete in den Himmel. Gebete für Ritter.





Die Tür zur Universitätsklinik wurde mit einem solchen Schwung aufgerissen, dass durch den Luftzug an der Anmeldung ein Stapel Papiere in die Luft flog und auf dem Boden landete. Die diensthabende Schwester schaute voller Zorn in Richtung der Tür, durch die ein Mitdreißiger gestürmt kam. Sie taxierte den Mann mit einem Blick und fuhr ihn in ihrer schärfsten Stimme an.

„Was zum ....“

Doch weiter kam sie nicht, als der Mann einen FBI-Ausweis aus der Tasche zog, sie unterbracht und nur zwei Worte herausbrachte.

„Dana Scully.“

Doch die Schwester war viel gewohnt und hatte schon unendlich viele aufgebrachte Männer hereinstürmen sehen. Nicht im Mindesten beeindruckt fuhr sie ihn an.

„Erst mal entschuldigen Sie sich für ihren Auftritt hier. Wir sind ein Krankenhaus und keine Irrenanstalt. Und dann beruhigen Sie sich und formulieren Ihr Anliegen in einem ganzen Satz.“

Nun wurde der Mann zornesrot im Gesicht, schnaufte dreimal tief durch, was ihn aber keineswegs wieder auf ein annehmbares Level zu bringen schien und fuhr, anscheinend seine ganze Beherrschung aufbietend, vor.

„Ich habe keine Zeit für diese albernen Spiele. Meine Partnerin wurde angeschossen und liegt hier irgendwo und kämpft um ihr Leben. Ich will wissen, wo sie ist.“

Doch die Schwester war immer noch nicht bereit nur einen Zentimeter nachzugeben. Sie würde sich diesem Mann nicht beugen.

„Das ändert nichts daran, dass Sie hier auf unverschämte Art und Weise auftreten. Was glauben Sie eigentlich, wie viele Männer hier hereinstürmen und meinen sie wären am allerwichtigsten und bevorzugt zu behandeln. Nur bei ihnen ginge es um Leben und Tot. Wir haben in diesem Krankenhaus 300 Patienten. Ale zehn Minuten kommt ein Notfall rein, und in der Hauptverkehrszeit sind es alle fünf Minuten. Wir wollen alle nur unsere Arbeit tun und da sind Typen wie Sie keine große Hilfe. Also beruhigen Sie sich und sagen ganz ruhig was Sie wollen.“

Mit einer Stimme, die Wasser zu Eis gefrieren lassen könnte antwortete der Mann.

„Mein Name ist Fox Mulder, ich bin Special Agent beim FBI und meine Partnerin wurde in dieses Krankenhaus gebracht, nachdem sie angeschossen wurde. Ihr Name ist Dana Scully. Könnten Sie bitte nachschauen wo sie liegt, damit ich zu ihr kann.“ Das Bitte hob er besonders deutlich hervor.

„Na sehen Sie, geht doch.“

Als sie sich ihrem Computer zuwandte um den Namen einzugeben, hörte sie ein verächtliches Schnauben. Sie entschloss sich dazu, es zu ignorieren. Schon blinkten die Patientendaten auf.

„Sie wird gerade operiert. Sie können leider nicht zu ihr. Aber, wenn Sie vor dem Aufwachraum warten, wird Sie der zuständige Doktor über alles informieren.“ Mit zuckersüßer Stimme fügte sie hinzu.

„Den Gang entlang zum Fahrstuhl, vierter Stock, links unter der Treppe durch, am Ende des Flurs.“

Der Mann drehte sich auf dem Absatz um, stürmte den Gang hinunter, blieb nach fünf Metern stehen und hämmerte seine rechte Faust in die Wand. Ein kleiner Schmerzensschrei und ein Fluch waren anschließend zu hören, bevor er weiter zum Aufzug rannte und viermal hintereinander auf den Knopf schlug. Als der Fahrstuhl immer noch nicht kam, drehte er sich zur Seite und nahm die Treppen. Die Schwester schaute ihm nach und schüttelte nur den Kopf.





Agent Ritter leerte schon seinen dritten Kaffee in einer halben Stunde. Bei dem Tempo würde er sich noch einen Koffeinschock zuziehen, aber das war im Moment seine geringste Sorge. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Nichts, dass war ja sein Problem. Er hatte eine, in seinen Augen, eindeutige Situation vorgefunden. Jemand hatte auf ihn gezielt und so hatte er nur wie jeder andere Mensch mir einem gewissen Selbsterhaltungstrieb reagiert. Er hatte abgedrückt. Mit Entsetzen hatte er bemerkt, dass er nicht nur den verdächtigen Felling getroffen hatte, der zu allem Überfluss auch nur einen Fotoapparat in der Hand gehalten hatte, sondern auch seine Partnerin.

Soweit man in diesem Fall von Partnerin sprechen konnte, denn schließlich hatte sie ihn einfach sitzen lassen und war ohne ein Wort zu Felling gefahren. Das hatte nicht das geringste mit Teamarbeit zu tun. Aber man konnte auch nicht wirklich von einem Team sprechen. Seit sie ihm zugeteilt war, hatte sie ihn geschnitten, wo es nur ging. Ihn behandelt, wie einen Agenten, der noch grün hinter den Ohren war. Okay, er war gerade frisch im Job, aber das Ganze war schließlich sein Fall gewesen und er hatte sie hinzugebeten. Die ganze Situation wurde auch dadurch noch kompliziert, dass sich ihr eigentlicher Partner ständig in die Ermittlungsarbeiten eingemischt hatte. Dieser Fox Mulder hatte sogar die Frechheit besessen ihn anzurufen, ihm neue Ermittlungsdetails mitzuteilen und ihn dann einfach wie einen Schuljungen auf die Suche nach seiner Partnerin geschickt.

Dieser arrogante, selbstgefällige Schnösel. Wie nannten ihn die anderen doch immer? Spooky. Vielleicht hätte er gewarnt sein müssen, als er hörte, dass seine Partnerin Mrs. Spooky genannt wurde. Man brauchte sich nicht wirklich anzustrengen, um die Gerüchte zu hören, die über die beiden im Umlauf waren. Und er hatte sie gehört. Zwar bei weitem nicht alle, aber doch einige. Und die hatten ausgereicht. Angeblich waren die beiden nicht nur beruflich Partner. Angeblich taten sie die wilde Sache an allen möglichen Stellen im Hoover Gebäude. Aber anscheinend wusste es auch keiner genau, da die Wetten, die auf beide abgeschlossen waren noch immer mit guten Quoten liefen. Es hatte wohl noch nie jemand die beiden in einer verfänglichen Situation beobachtet.

Auch er war nicht wirklich hinter die wahre Natur der Beziehung der Agenten gekommen, aber eines hatte er deutlich zu spüren bekommen. Die Ablehnung seitens Agent Scullys gegenüber einem anderen Partner. Dabei, fand er selbst, hatte er sie doch anständig behandelt. War höflich und zuvorkommend gewesen. Aber Agent Scully war von Anfang an mit der falschen Einstellung an die Sache ran gegangen. Sie wollte keinen anderen Partner. Nicht einmal für ein paar Tage. Vielleicht war ihr das selbst nicht bewusst. Aber sie verhielt sich nicht gerade kollegial. Ach, wie kannst du nur so denken, schalt er sich selbst. Du hast sie angeschossen. Du bist wohl der untalentierteste und bescheuertste Agent, der rumläuft. Wie konnte das nur passieren?

Ein neuer Kaffee wäre jetzt genau das richtige. Ja, den könnte er gebrauchen und so stand er das vierte Mal in einer halben Stunde auf und ging erneut zum Kaffeeautomaten in der Ecke. Eine Goldgrube für den Automatenbetreiber. Er wollte sich gar nicht ausrechnen, wie viele Kaffees hier getrunken wurden, während verzweifelte Frauen und Männer auf Nachricht von ihren Liebsten warteten. Uns so war er auch heute nicht alleine. Mit ihm saßen noch zwei weitere Polizisten im Warteraum, die routinemäßig mitgekommen waren. Außerdem noch eine ältere Frau, deren Mann, wie er herausgefunden hatte, einen Herzinfarkt erlitten hatte und ein Mann, dessen Bruder in einen Autounfall verwickelt gewesen war.

Er nahm sich gerade einen neuen Becher, warf eine Münze ein und drückte auf die Kaffeetaste, als am Ende des Ganges eine Tür so heftig aufgeschleudert wurde, dass sie an die Wand flog. Alle Blicke richteten sich augenblicklich in diese Richtung und so auch Agent Ritters. Was er da sah, ließ sein Herz in die Hose sinken. Nein, das war noch untertrieben, es sank eher in seine Kniekehlen. Wer da den Gang raufstürmte, war Agent Mulder. Wie war der so schnell hierher gekommen? An eine Konfrontation mit ihm hatte Ritter keinen Gedanken verschwendet, er hatte sich mindestens noch einen Tag Zeit ausgerechnet, bis er auf ihn treffen würde. Vielleicht nimmt mich die Polizei ja noch in ihr Zeugenschutzprogramm auf, wenn ich mich beeile. Doch das war relativ unwahrscheinlich. Also tat er wieder einmal das, was ihm sein Selbsterhaltungstrieb riet. Er dreht sich wieder Richtung Kaffeeautomat und versuchte möglichst unauffällig zu wirken.





Seine Augen fixierten ihn, wie der Jäger die Beute. Er nahm nichts anderes wahr, hatte nur noch den Blick auf sein Opfer gerichtet. Jegliche Emotionen, bis auf unglaublichen Zorn waren aus ihm gewichen. Er ballte die Hände zu Fäusten, ließ sie wieder locker und ballte sie erneut. Unbewusst beschleunigte er seinen Schritt, bis er in ein leichtes Lauftempo fiel. Er sah nicht, dass noch andere Leute im Warteraum anwesend waren. Er sah nur ihn. Ritter. Er stand seitlich zu ihm, den Blick stur auf einen Automaten gerichtet und wechselte nervös sein Körpergewicht von einem auf den anderen Fuß.

Nur noch zwei Meter bis zu ihm. Der junge Agent drehte sich zu ihm um und wollte gerade die Arme nach oben reißen, aber Mulder war schneller. Ritter hatte nicht den Hauch einer Chance, denn er wurde nur noch von einem Gefühl geleitet. Er war in Rage, er wollte Rache und wollte seinen ganzen Zorn an diesem Mann auslassen. Er packte ihn mit beiden Händen an den Schultern und rammte ihn in den Getränkeautomaten. Als nächstes folgte eine stattliche Rechte ins Gesicht und die Linke in die Magengegend. Sein Gegenüber krümmte sich vor Schmerz. Als er ihn gerade am Hals fassen wollte packten ihn starke Hände von hinten und zogen ihn weg. Er schlug wie wild um sich, drängte nach vorne. Wollte Ritter noch eine verpassen. Doch die zwei Polizisten, die er am Anfang gar nicht bemerkt hatte, griffen noch stärker zu, hatten ihn in ihrer Gewalt. Aufgebracht schrie er.

„Loslassen.“

Doch niemand kam seinem Wunsch nach. Sie zogen noch heftiger an ihm, redeten auf ihn ein. Er hörte nicht zu. Er hatte nur Augen für Ritter, wie er ihn mit geweiteten Augen, leicht nach vorne gebeugt und seinen Bauch haltend, anstarrte.

„Wenn sie stirbt, sind Sie ein toter Mann. Das schwöre ich.“

Ritter sah ihn mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck an und brachte nur stammelnd ein paar Worte heraus.

„Es tut mir leid.“

„Oh ja, das wird es, wenn ich hier los komme.“

Aus seinem Augenwinkel sah er eine Stationsschwester um die Ecke stürmen, die aufgebracht auf ihn zu lief. Sie baute sich vor ihm auf, während die Polizisten hinter ihm, ihn immer noch versuchten in Schach zu halten. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte er über das Bild lachen müssen.

„Junger Mann, beruhigen sie sich. Hier liegen Patienten, die Ruhe brauchen. Bitte.“

Er starrte die Frau an. Sie war genau dass, was in das Bild passte, dass einem in allen Fernsehserien von Schwestern vermittelt wurde. Nett, zuvorkommend, höflich, durchschnittliches Aussehen, mit einem unendlich gütigen Blick. Aber sie strömte eine Aura aus, die alle auf sie horchen ließ. Sie fasste ihm am Arm, nickte den Polizisten zu, damit sie ihn losließen und zog ihn hinter sich her zu ihrer Station. Dort ließ sie ihn stehen, wanderte um den Tresen und blickte ihn wieder an.

„Also schießen sie los.“

Er wusste nicht, wie sie es gemacht hatte, aber fast sein ganzer Zorn war aus ihm gewichen, sein Puls hatte sich wieder beruhigt und er atmete wieder normal. Anstelle des Zornes war jedoch ein anderes Gefühl getreten, dass nicht weniger schlimm war. Angst.

„Mein Name ist Fox Mulder. Ich bin FBI-Agent und suche nach meiner Partnerin. Dana Scully.“

Ein Lächeln trat auf ihr Gesicht, das ihm in dieser Situation gar nicht angemessen erschien.

„Ach ja, die FBI Agentin mit der Bauchschussverletzung. Sie sind also Mulder.“

Er legte seine Stirn in Falten und bemühte sein fotografisches Gedächtnis. Aber nein, diese Frau hatte er noch nie gesehen.

„Kennen wir uns?“

„Nicht persönlich, wenn Sie das meinen, aber Ihren Namen habe ich hier durchaus schon öfters fallen hören.“

Wie? Was hatte das nun wieder zu bedeuten. Die Fragezeichen, die sich über seinem Kopf auftürmten, waren wohl auch für die Schwester nicht zu übersehen, denn sogleich klärte sie ihn auf.

„Ich bin die Schwester, die Agent Scully auf die Operation vorbereitet hat. Sie murmelte immer wieder ihren Namen. Dann haben wir uns bei Agent Ritter nach ihnen erkundigt, und er meinte sie wären ihr Partner. Agent Ritter hat dann das FBI in Washington informiert. Es überrascht mich etwas, dass Sie schon hier sind.“

Scully hatte nach ihm verlangt. Nicht nach ihrer Mutter, oder nach einem Arzt oder einem Pfarrer oder wer weiß sonst noch wem. Nein nach ihm. Wenn die Umstände anders gewesen wären, hätte sein Herz einen Freudensprung getan.

„Wie geht es ihr?“

„Das kann ich Ihnen leider noch nicht genau sagen. Sie wird immer noch operiert. Sie hat einen Bauchschuss und sehr viel Blut verloren. Wir konnten vor der Operation nicht feststellen, ob und welche inneren Organe beschädigt sind. Ich werde aber veranlassen, dass Sie der Arzt sofort informiert, wenn die OP abgeschlossen ist. Es tut mir leid, Sie können jetzt nichts weiter machen, als hier zu warten.“

Warten. Wusste die Frau eigentlich, was sie von ihm verlangte. Er sollte hier draußen ruhig sitzen, während ganz in der Nähe Scully mit ihrem Leben rang. Und damit auch mit seinem Leben. Denn wenn sie starb, würde er zwangsläufig in eine so tiefe Dunkelheit fallen, die ihn verschlingen würde. Sie war alles, was ihm vom Wahnsinn abhielt. Sie machte ihn ganz. Ohne sie würde er keinen Tag leben können.

„Ich will zu ihr.“

„Es tut mir leid, aber dass ist leider völlig unmöglich.“

Feuchtigkeit schoss in seine Augen. Er war den Tränen nahe. Nein. Er würde nicht vor diesen Fremden das Weinen anfangen.

„Bitte.“

„Da ist leider nichts zu machen, aber ich werde dafür sorgen, dass Sie der Arzt sofort informiert. Versprochen. Setzten Sie sich hin.“

Wie in Trance glitt er auf den nächsten freien Platz, stützte seine Ellenbogen auf seine Beine, ließ seinen Kopf in seine Hände sinken und rang verzweifelt um seine Fassung. Er bemerkte noch nicht einmal, dass Agent Ritter nur drei Meter von ihm entfernt stand und ihn mit einer Mischung aus Angst und Mitleid betrachtete.





Tick, Tack, Tick, Tack

Wie langsam sich doch die Zeit bewegt, wenn man auf etwas wartet. Wie Sekunden zu Minuten werden und Minuten zu Stunden. Mulder hatte sich seit genau 4500 Sekunden nicht von seinem Platz bewegt. Er hatte Ritter unmissverständlich klar gemacht, dass er ihm so schnell nicht mehr unter die Augen treten sollte oder es würde doch noch ein Unglück geschehen. Auch die beiden Polizisten waren nicht mehr anwesend, nachdem sie nicht mehr gebraucht wurden. Und so saß Mulder auf seinem Platz, wechselte nur ab und zu seine Position, damit keine Körperteile einschliefen. Die Krawatte und sein Jackett hatte er schon lange abgelegt. Die Hemdärmel nach oben gerollt.

Hin und wieder warf er einen Blick zu der Schwester, die jedes Mal den Kopf schüttelte. Sie hatte ihm vor rund einer halben Stunde einen Kaffee gebracht, der immer noch unberührt neben ihm stand. Er hörte leise Fußschritte den Flur entlang kommen. Der Doktor kam vom Operationssaal. Sofort schoss Mulder in die Höhe und fasste sich unbewusst an seinen Rücken. Das gebückte Sitzen hatte seinem Kreuz nicht gerade gut getan. Die Schwester umrundete ihren Tresen, warf Mulder einen aufmunternden Blick zu und dirigierte den Doktor sofort in seine Richtung.

„Doktor Antilles, das ist Agent Mulder, Agent Scullys Partner.“ Der Doktor nickte ihm kurz zu, während Mulder seinen Atem anhielt.

„Ihre Partnerin hat viel Blut verloren.“ Das waren nicht gerade Neuigkeiten, doch er schwieg und wartete weiter ab, während sein Herz nur noch langsam zu schlagen schien.

„Sollten keine unvorhergesehenen Komplikationen auftreten, ist Agent Scully über den Berg. Sie hat einen sehr starken Kampfeswillen.“ Dabei lächelte der Doktor und Mulder stieß den Atem aus, von dem er nicht bemerkt hatte, dass er ihn anhielt. Oh Gott, ich danke dir, auch wenn ich nicht an dich glaube. Scully wird leben. Sie wird wieder gesund werden. Auch dieses Klippe schienen sie irgendwie umschifft zu haben.

„Kann ich sie sehen?“

Der Doktor blickte zu der Schwester, die ihm zunickte.

„Wissen Sie, eigentlich dürfen nur Familienangehörige auf die Intensivstation. Aber in Ihrem Fall können wir, glaube ich, eine Ausnahme machen. Aber nur fünf Minuten. Agent Scully braucht vor allem eines. Ruhe.“

„Danke.“

Er schüttelte dem Doktor kurz die Hand und folgte dann der Schwester. Vor einem Raum blieb sie stehen, öffnete die Tür und wies ihn hinein. Hinter ihm schloss sie diese wieder und gönnte ihm und Scully einen Augenblick alleine. Mulder ging langsam auf sie zu. Oh Gott, sie ist so blass. Statt des Stuhles, der neben dem Bett stand, nahm er direkt neben ihr auf dem Krankenbett Platz und nahm eine ihrer Hände in seine Hand. Sie war noch nicht bei Bewusstsein und würde wahrscheinlich auch noch eine Zeitlang schlafen. Zärtlich strich er ihr eine Haarsträhne, die sich gelöst hatte, aus dem Gesicht. Eine altvertaute Geste zwischen ihnen. Er wagte es nicht zu sprechen. Nicht, weil er Angst hatte sie zu stören sondern weil er glaubte, dass seine Stimme ihm den Dienst versagen würde.

Eine Träne rollte über seine Wange. Er führte ihre Hand an seinen Mund und küsste sie. Ließ sie dort einen Moment verweilen, ehe er sie wieder in seinen Schoß gleiten ließ. Sie sah so friedlich aus. Das kontinuierliche Piepsen auf dem Herzmonitor war wie Musik in seinen Ohren. Ein ständiger, rhythmischer und starker Herzschlag. Sie würde leben. Sie hatte ihn nicht verlassen. Sie würde bei ihm bleiben. Überwältigende Gefühle stürmten auf ihn ein. Sie hatten wieder einmal eine neue Chance bekommen. Doch wie lang würde ihnen ihr Glück noch treu bleiben. Doch all das war momentan egal. Jetzt zählte nur der Moment. Und in diesem war er unglaublich glücklich, sie bei sich zu wissen.

Ja, er liebte Dana Scully, obwohl sie ihm fast immer widersprach und ihm nie einer seiner Theorien abnahm. Doch er könnte sich sein Leben gar nicht mehr ohne sie vorstellen. Sie forderte ihn, wie es noch niemand getan hatte. Das alles hatte er ihr schon einmal gesagt, vor zwei Jahren in seinem Flur. Für einen Moment waren ihre Mauern gefallen. Doch irgendetwas stand ihnen immer im Weg und so hatte sich der Moment, der einer seiner glücklichsten im Leben hätte werden können, in puren Horror verwandelt. Danach hatten sie nie wieder ein Wort über diesen Fast-Kuss verloren. Und so wusste er wieder nicht, wo er bei ihr stand. Wie ihre Empfindungen für ihn waren.

Das Öffnen der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Er musste unwillkürlich lächeln. Vorher, auf dem Flur war die Zeit nicht schnell genug vergangen, während sie jetzt geradezu dahin geflogen war. Seine fünf Minuten waren um. Er stand auf und hielt immer noch Scullys Hand in der seinen. Bevor er ging beugte er sich noch mal über sie, küsste sie auf die Stirn und flüsterte ihr ins Ohr.

„Ich komme wieder.“