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To absent friends

von Lara Means

1/1

Ich kann nicht schlafen.

Nicht dass ich dachte, ich könnte es, aber ich musste es versuchen. Aber ich konnte nicht. Also kam ich hierher für eine Zigarette.

Sie haben vor einigen Stunden die Untersuchung des Tatorts abgeschlossen. A.D. Skinner ist gegangen bevor sie fertig waren – er brachte Agent Scully zurück in die Stadt zur Leichenhalle. Gemeinsam mit Agent Mulder.



John und ich blieben zurück. Er, um die Vernehmung der Zeugen zu beaufsichtigen, ich um... um niemandem im Weg herumzustehen, nehme ich an.

Ich kann beim besten Willen nicht herausfinden, warum John mich zu diesem Fall hinzugezogen hat. Wenn er vor einem oder zwei Monaten angerufen hätte, hätte ich vielleicht helfen können – aber einfach abzuwarten, bis sie eine sichere Spur hatten, ein Zeichen, dass Agent Mulder bald auftauchen würde... Aber ich kenne John Doggett. Er wollte den Fall auf die altmodische Art lösen. Mit guter, solider Polizeiarbeit. Nun, John. Manchmal ist das einfach nicht genug.



Es ist eine verblüffend klare Nacht- klarer als die letzte. Ich erinnere mich an das, was ich sah und wieder frage ich mich, ob das das Schiff war, welches Agent Mulder zurückbrachte. Wenn ich vor den Männern im Wagen zu ihm gekommen wäre, wären wir fähig gewesen, ihn zu retten? Wenn wir die Razzia aufgehalten hätten, wäre dieser Mann, Smith, fähig gewesen ihn zu heilen, wie Scully glaubte?



Agent Scully. Gott, niemals werde ich ihren Gesichtsausdruck vergessen, als ich sie in dieser Nacht traf. Ihr Herz schien gebrochen – jetzt...



„Kann ich mir eine von denen schnorren?“

Ich zucke kaum merklich zusammen, als ich diese dunkle Stimme an meiner Seite höre. Ich sehe zu ihm hinüber und lächle verlegen. Er tut es mir gleich.

„Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Ich schüttle meinen Kopf und halte ihm die Schachtel Zigaretten hin.

„Ich wusste nicht, dass Sie und Agent Scully zurück sind.“

A.D. Skinner nimmt eine Zigarette und schüttelt seinen Kopf. „Ich bin vor etwa einer Stunde zurückgekommen. Sie ist... sie ist noch immer in der Leichenhalle. Doggett ist bei ihr. Sie wird ihn nicht alleine lassen.“



Als er die Zigarette anzündet, streift er leicht über meine Hand, die das Feuerzeug umklammert hält. Er nimmt einen zu tiefen Zug, was ihm einen Hustenanfall einbringt.



„Länger her?“, frage ich nachdem er wieder Luft bekommt.

„Ich habe vor zehn Jahren aufgehört“, erzählt er mir und nimmt noch einen Zug.

Er hat seinen Anzug ausgezogen und trägt jetzt Jeans und ein Sweatshirt. Auch seine Brille ist verschwunden und ich könnte tief in diese dunklen, dunklen Augen blicken – würde er mich ansehen. Aber er starrt nach oben, in die Nacht, zu den Sternen.

Keiner von uns sagt ein Wort. Wir stehen einfach nur auf dem Motelparkplatz, rauchend und die Sterne ansehend.

Schließlich sagt er etwas, aber seine Stimme ist so leise, dass ich es fast nicht bemerke.



„Vor zwei Nächten stand ich genau hier und erzählte ihr, sich nicht auf das vorbereiten zu müssen, was... was jetzt doch passiert ist.

Ich sehe ihn an, kann die Szenerie in Gedanken betrachten. Skinner sie dazu drängend, nicht die Hoffnung aufzugeben; sie sich auf seine Stärke verlassend, um weitermachen zu können.

„Aber das war vor zwei Nächten. Es gab noch Grund zur Hoffnung.“

„Ich hätte ihr vor Monaten dabei helfen sollen sich hierauf vorzubereiten. Aber ich konnte sie nicht dazu auffordern aufzugeben. Nicht, wenn ich selbst nicht aufgeben konnte.“

Ich lasse meine Zigarette fallen und drücke sie aus. „Sie haben alles in Ihrer Macht stehende getan, um Mulder zu finden.“

Als ich ihn ansehe schüttelt er seinen Kopf und nimmt einen weiteren Zug. „Nicht alles“, murmelt er.

Wieder eine lange Pause. Vielleicht braucht er nicht zu reden. Vielleicht ist das einfach nur ein Hinweis darauf, dass er keine weitere Gesellschaft braucht und ich zurück in mein Zimmer gehen soll. Vielleicht-

„Gott, ich könnte einen Drink gebrauchen.“

Ich drehe mich gerade noch rechtzeitig zu ihm um zu sehen, wie er seine eigene Zigarette zertritt. Vielleicht kann er letztlich doch einen Gesprächspartner brauchen. Ich berühre seinen Arm, so dass er mir folgt, und wende mich in Richtung meines Zimmers.



Drinnen ziehe ich eine Flasche Jack Daniels aus einer braunen Papiertüte und zeige sie ihm. Seine Augen blicken mich fragend an.

„Ich wusste, ich würde einen brauchen, also habe ich auf dem Weg zurück angehalten. Ist das okay für Sie?“ Er nickt, schenkt mir sogar ein kleines Lächeln.

Ich mache unsere Drinks und drehe mich um, um ihn auf dem einzigen Stuhl des Zimmers sitzen zu finden. Also setze ich mich auf das Bett. Er trinkt nicht sofort, starrt nur in das dünne Plastikglas- als würde er all die Antworten darin finden.

Ich mache den ersten Schritt und hebe mein Glas. „Für abwesende Freunde.“

Er sieht nicht zu mir auf. Er nickt nur und trinkt. Ich tue das gleiche.

Ich kann spüren, dass er reden *will*, aber ich habe auch so ein Gefühl, dass dies ein Mann ist, der nicht viele Menschen hat, mit denen er reden *kann*. Wenn ich will, dass er sich mir gegenüber öffnet, dann muss ich ihn dazu bringen.

„Es ist in Ordnung, dass Sie trauern, Sir.“ Er sieht auf, schüttelt dann seinen Kopf und nimmt wieder einen Schluck. „Sie haben mehr als einen Agent verloren, nicht wahr? Sie sehen Mulder auch als einen Freund an.“

„Ja. Er war ein Freund.“

„Und Sie waren nicht darauf vorbereitet ihn tot aufzufinden. Sie brauchen Zeit um zu verarbeiten-„

„Ich *habe* keine Zeit. Ich muss in ein paar Stunden mit Agent Scully in einem Flugzeug sitzen, um ihn zurück nach D.C. zu bringen – sie wird eine Autopsie machen wollen... Gott, ich kann sie das nicht tun lassen... Dann die Beerdigung...“ Er sieht mich an, seine Augen emotionslos, aber hinter dieser Fassade verbirgt sich Feuchtigkeit. „Ich habe keine Zeit zu trauern. Ich muss stark sein, für sie. Sie braucht mich jetzt stark.“

Ich sehe ihm zu, wie er sein Glas leert, dann nehme ich es ihm ab. Ich fülle es erneut und gebe es ihm zurück, während ich sage: „Nicht *jetzt*.“

Seine Augen werden schmal. Er ist sich nicht sicher, was ich meine.

„Jetzt ist Agent Scully in der Leichenhalle. Agent Doggett ist bei ihr. Er kann jetzt für sie stark sein.“

Er schüttelt seinen Kopf wieder, starrt abermals in das Glas. Aber ich will nicht aufgeben. Etwas sagt mir, dass dieser Mann den Aufwand wert ist.

„Erzählen Sie mir von ihm.“ Das lässt ihn reagieren. „Ich habe ihn niemals getroffen, habe nur Geschichten über ihn gehört-“

„Er war nicht wie in den Geschichten.“ Er nimmt einen Schluck und sieht mir dann direkt in die Augen.

„Er war intelligent, voller Enthusiasmus, ging leidenschaftlich seiner Arbeit nach... Er hatte mehr Integrität als jeder andere Agent, den ich jemals kannte- bis auf Agent Scully vielleicht. Er... er sorgte sich um Menschen, die Fälle, an denen er arbeitete, die niemand anders auch nur anfassen wollte.“ Er sieht jetzt weg und ich kann fast etwas in ihm zerbrechen sehen. „Aber er konnte einem auch auf den Wecker gehen... rannte ohne Erlaubnis zu Fällen, reichte Berichte ein, die sich wie Science Fiction lasen...“ Eine Träne rollte seine Wange hinunter und ich rutsche vom Bett herunter auf meine Knie. „Ich bewunderte ihn. Ich habe es ihm nie gesagt...“

Die erste Träne bekommt Gesellschaft von noch einer, und noch einer. Ich stelle sein Glas auf den Tisch und schließe meine Arme um ihn, führe seinen Kopf an meine Schulter. Seine Arme legen sich um mich und er hält mich fest, lässt aber sogleich wieder von mir ab.



Nachdem seine Tränen versiegen und er sich von mir wegdreht kann ich die Mauer sich selbst wiedererrichten sehen, seine Emotionen versteckend. Dies nicht gerade jetzt enden lassen wollend, stehe ich auf und nehme seine Hand. „Kommen Sie“, sage ich, ihn auf die Füße ziehend. Als ich mich hinunterbeuge um die Decken meines Bettes geradezuziehen lässt er meine Hand los.

„Agent Reyes, ich hatte nicht-“

„Es heißt Monica und ich genauso wenig.“ Ich reiche abermals nach seinem Gesicht und trockne eine vereinzelte Träne. Er lehnt sich sanft gegen meine Berührung und ich staune über die Möglichkeiten mit diesem Mann. „Sie müssen sich ausruhen. Um wie viel Uhr müssen Sie zum Flughafen fahren?“

„Acht.“

„Ich werde mich um einen Weckanruf für halb sieben kümmern.“

„Wenn ich gesehen werde, wie ich das Motelzimmer eines Agents morgens um halb sieben verlasse-“

„Wäre das besser oder schlechter, als dabei gesehen zu werden, wie Sie das Motelzimmer eines Agents um halb drei verlassen?“ Er blickt zur Bestätigung auf seine Uhr, aber er entscheidet sich noch. „Wenn Sie jetzt zurück in Ihr eigenes Zimmer gingen, würden Sie nur dort liegen und sich hundertmal fragen, was Sie hätten anders machen können.“ Er zuckt darauf leicht seine Arme und ich weiß, ich habe ihn. „Ziehen Sie Ihre Schuhe aus und gehen Sie ins Bett.“

Nach einem weiteren Zögern tut er es. Ich ziehe meine Schuhe auch aus, aber er ist erstaunt, als ich von der anderen Seite aus in das Bett klettere. Ich bleibe über den Decken und sage ihm, er soll sich auf seinen Bauch drehen. Der Blick, den er mir zuwirft, ist unbezahlbar und ich muss gegen den Drang zu lachen ankämpfen.

„Ich will Ihnen nur helfen sich zu entspannen.“

„Das ist nicht die Art, das zu erreichen.“

Er schenkt mir ein richtiges Lächeln und dreht sich auf den Bauch und ich bin zufrieden mit seiner Reaktion – das er den Humor erkennen kann, dass er wenigstens ein bisschen interessiert ist – aber vor allem, dass er endlich die Notwendigkeit der Selbstheilung sieht. Ich schlage die Decken bis zu seiner Taille hinunter und platziere meine Knie links und rechts neben ihm.

Seine Muskeln sind unglaublich hart, vor allem seine Schulter. Ich lasse meine Hände zart darüber wandern, bis sie beginnen, sich zu entspannen. Dann streiche ich sanft über seinen Nacken, über seine Haare, seine Schultern hinunter bis zu seinen Armen. Als ich fertig bin schläft er fest.

Ich klettere aus dem Bett und rufe die Rezeption an, wegen dem Weckruf und gehe dann ins Badezimmer. Als ich wiederkomme hat er sich ein bisschen mehr zusammengerollt, aber schläft immer noch. Es ist eine kühle Nacht, also krieche ich neben ihm unter die Decken, darauf bedacht ihn nicht aufzuwecken.

Nach ein paar Minuten rutsche ich näher, strecke versuchsweise eine Hand aus, um seinen Rücken zu streicheln. Er scheint sich noch mehr zu entspannen, deswegen rücke ich näher, schmiege mich an ihn, meinen Arm um seine Taille legend.

Seine Hand findet meine und wir beide können ruhen.




END