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Mein ist die Rache

von Andrea Muche

Kapitel 1

„Hab’ ich nicht gesagt, du sollst zu Willi nett sein?!“ Der Gürtel fuhr mit häßlichem Klatschen auf das Deckbett nieder.

„Nein, nicht schlagen!“, schrie das Mädchen in Panik.

„Kannst du nicht ein einziges Mal tun, was man dir sagt, du nichtsnutziges Miststück!“

Der bullige Mann, der den Gürtel schwang, holte erneut aus.

„Nein, nein, bitte nein, bitte, bitte nicht!“

Klatsch.

„Warum, zum Teufel, tust du nicht, was man dir sagt? Du hast zu gehorchen, verstehst du?! Ich bestimme die Regeln in diesem Haus! Und denen entzieht man sich nicht einfach so!“

Das Kind hielt die Hände über den Kopf, Tränen rannen über seine Wangen. „Es tut mir leid“, heulte es, „ich will auch ganz brav sein. Es tut mir leid, es tut mir leid, nicht schlagen, nicht schlagen, biiiiitteeeee!“

Wieder fuhr der Gürtel aufs Bett nieder, wie ein Peitschenhieb, und nur um Haaresbreite verfehlte er die nackten Arme des Mädchens, mit denen es seinen Kopf zu schützen suchte. Es schrie erneut in Panik auf.

„So, jetzt auf einmal“, brüllte der Erwachsene. „Und wieso dann nicht vorher, he?! Wieso nicht, als ich sagte, stell Willi ein Bier hin, du Hurenkind?!“

Das Mädchen weinte still vor sich hin.

Da packte der Mann es an den Haaren. „Antworte! Ich hab’ dich was gefragt!“

„Aua, aua, du tust mir weh!“

„Antworte!“

„Weil... weil... Willi stinkt so!“

Klatsch! Diesmal hatte der Mann mit der flachen Hand ausgeholt – dafür sich aber nicht mehr mit einem Treffer auf der Bettdecke begnügt.

„Au! Aufhören, bitte, bitte, aufhören!“

„Meine Kumpels stinken nicht, verstanden! Die einzige, die hier stinkt, bist du! Und jetzt mach gefälligst kein solches Theater wegen einer gerechten Strafe! So geht es den unfolgsamen Kindern, daß du’s weißt...!“ Und er packte das Kind, zog es vom Boden, wo es gekauert hatte, hoch und drückte es aufs Bett. Das Mädchen hörte sein Herz vor Angst so laut pochen, daß selbst das dumpfe Wrumm-wrumm-wrumm der Maschinen eines in der Nähe vorbeifahrenden Schiffes nicht mehr an sein Ohr drang. Die Hand mit dem Gürtel holte aus. In diesem Moment jedoch flog ein dunkler Schatten durchs geöffnete Kinderzimmerfenster, der rasch größer wurde, der Mann fühlte sich zu Boden gerissen, der Gürtel wurde seiner Faust entwunden, dann war das dunkle Etwas auf ihm, und bevor er noch die leiseste Vorstellung davon bekam, was gerade vor sich ging, spürte er auch schon einen stechenden Schmerz an seinem Hals...



„Packen Sie den Koffer, Scully, wir fliegen nach Europa.“

Die rothaarige, schlanke Agentin war gerade erst in das Büro im Keller des FBI-Hauptgebäudes eingetreten, doch ihr Partner Fox Mulder wollte ganz offensichtlich schon wieder hinaus. Verwirrt sah sie dem Agenten in seine grau-blauen Augen. „Europa? Was wollen wir denn da? Gehen Ihnen die Ufo-Sichtungen in den USA aus?“

„Hier geht es nicht um Ufos.“ Er legte die Hand auf die Türklinke. Scully dachte, er würde nun ohne eine weitere Erklärung hinausrauschen und sie einmal mehr unwissend stehenlassen wie eine Idiotin, wie er das so gerne tat. Irgendwann würde sie ihm in dem Moment einmal noch eine kleben, dachte Scully.

Doch diesmal zögerte er. Er blieb an der Tür stehen, trat unbehaglich von einem Bein aufs andere und biß sich auf die Lippe. „Es hat... ahm... mit einem früheren Fall zu tun.“

Seine Stimme klang irgendwie komisch. Scully kniff ihre blauen Augen zusammen und sah ihn fragend an. „Welcher Fall?“

„Wie genau haben Sie Ihren Bram Stoker gelesen?“

„Wie bitte?“

„Dracula. Vampirismus. Was wissen Sie darüber?“

Sie sah ihn an, noch immer neugierig, wohin das führen mochte, und gab ihm einen groben Überblick über das, was sie wußte: „Der Name Dracula geht auf einen äußerst blutrünstigen Herrscher in Osteuropa zurück, der, soweit ich weiß, besonderen Gefallen daran fand, seine Feinde auf Pfähle zu spießen. Ein Vampir war er aber wohl kaum. Den hat erst Bram Stoker aus ihm gemacht, der in Wahrheit allerdings eigentlich gar keine Gruselgeschichte, sondern eine Story über Sex geschrieben hat.“

„Über Sex?“ Mulder sah halb amüsiert, halb überrascht auf sie herunter.

Nun konnte Scully sich das Grinsen nicht verkneifen, als sie ihn anblickte. „Deswegen haben Sie die Geschichte wahrscheinlich auch so gerne gelesen. Ich meine, bevor man Sie an den ,Playboy‘ gelassen hat...“

„Über Sex? Ach, kommen Sie...!“

„Doch, im Ernst. Der Verführer Dracula. Die jungen Frauen, die zwischen Angst und Selbsthingabe schwanken, der entblößte Hals, das Blut... Es thematisiert in Wahrheit doch ganz klar die Faszination des körperlichen Zusammenseins von Mann und Frau, die Erregung, und gleichzeitig die Angst, sich hinzugeben...“

„Über sowas denken Sie nach, wenn Sie ,Dracula‘ lesen...?“

„Nein. Sie haben mich nach meiner wissenschaftlichen Meinung zum Thema gefragt. Das war sie. Zu ergänzen wäre noch, daß zu den Mythen über das Blutsaugen vermutlich auch noch eine Mangelkrankheit beigetragen hat. Die Betroffenen glaubten, ihren Zustand bessern zu können, indem sie Blut tränken. – Und fertig war die Mär vom Vampir.“

„Es schmeckt gefährlich, süß und dick...“ sagte Mulder geistesabwesend.

„Was?“

„Das war ein Zitat. Über den angeblichen Geschmack von Blut.“

„Und von wem, wenn ich fragen darf? Und sagen Sie mir jetzt nicht, Sie hätten einen Vampir getroffen.“

Mulder zog seine Unterlippe zwischen die Zähne und sah Scully leicht betreten an. „Damals war sie noch keiner.“

„Sie?! Welche Sie? Und jetzt verraten Sie mir außerdem mal endlich, von welchem Fall Sie eigentlich überhaupt reden.“

Er schüttelte leicht den Kopf. „Sie waren nicht dabei. Es war... während Ihrer Entführung. Der Fall mit der unheiligen Dreieinigkeit. Vielleicht kennen Sie ihn aus den Akten.“

Sie überlegte, dann nickte sie. „Ja, ich erinnere mich. Fälle, bei denen immer mit dem Blut der Opfer eine Bibelstelle an die Wand geschrieben war, nicht wahr? Drei Täter. Die sich für Vampire hielten und glaubten, nicht sterben zu können. Zuletzt sind sie aber zusammen mit noch einer Frau, an deren Fersen sie sich geheftet hatten, alle in einem Feuer umgekommen.“

„Oder auch nicht“, sagte Mulder.

„Was soll das heißen? Sie glauben das mit dem Nicht-Sterben-Können doch nicht etwa?“

Der Agent biß sich auf die Lippe. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß in der Nähe von reichlich blutleeren Leichen in Europa jeweils eine Frau gesehen wurde, deren Beschreibung auf Kristen Kilar paßt. Sie war die Frau, die als viertes Opfer in dem Feuer umgekommen ist. Und immer war mit dem Blut der Opfer etwas an die Wand geschrieben: ,Mein ist die Rache...‘ Ich glaube, sie ist wieder da, Scully. Sie ist nicht tot.“



Scully faßte es nicht: ein Vampirfilm, ausgerechnet. „Mulder, ich glaube, das Bordprogramm ist nicht so ganz mein Geschmack. Ich mache ein Nickerchen.“ Sie griff sich ihre Schlafmaske. „Gute Nacht.“

„Träumen Sie nicht davon, sich dem geheimnisvollen Unbekannten hinzugeben“, neckte er sie, legte sich dann in seinem Sitz zurück und blickte nachdenklich auf die Wolken, die draußen unter dem Flugzeug hinwegzogen. Es war ihm ganz recht, nicht mit Scully reden zu müssen, sondern seinen eigenen Gedanken nachhängen zu können. Kristen Kilar... Ob sie es wirklich war?

Er dachte daran, wie er sie einst hatte beschützen und retten wollen. Oder war er einfach nur in ihren Bann geraten? Ihrer Anziehungskraft erlegen? Mit gemischten Gefühlen erinnerte er sich an die morbide Faszination, die sie auf ihn ausgeübt hatte. Er hatte Angst vor dem, was sie vielleicht war. Und gleichzeitig fühlte er den unbezwingbaren Drang, ihr nah zu sein, sie zu ergründen – und zu beschützen. Erst recht, als er von ihr gehört hatte, wie sie zeitlebens von Männern nur mißhandelt worden war, erst von ihrem Vater, später von ihrem sogenannten Freund. Sie spielte mit ihm, Mulder, und wollte sein Blut kosten. Und entfachte damit eine wilde Leidenschaft in ihm. „So bist du nicht“, hatte er gesagt – und ihr dann eine andere Form der Extase nahegebracht. Blut und Sex... Scully wußte ja gar nicht, wie recht sie hatte.

Er sah auf den roten Haarschopf der Agentin hinunter, der friedlich auf dem Kopfpolster des Flugzeugsessels ruhte, und seufzte. Er hatte seiner Partnerin nie erzählt, was damals mit Kristen vorgefallen war. Auf welche Weise er sich davon überzeugt hatte, daß sie kein Vampir war. Und von seinem Schmerz, als der Feuerwehrmann ihm nun wenige Stunden später sagte, daß sie in ihrem Haus bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war. Dazu das Wissen, daß sie es selbst getan haben mußte, da sie ihn absichtlich von sich fortgelockt hatte...

Und nun? War sie das? War sie doch nicht tot? Oder, vielmehr: War sie untot? War sie nach dem Feuer als Vampir wieder auferstanden? Und brachte nun selbst Menschen um? Der Agent vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Hatte er schon in jener Nacht kaum gewußt, warum er so handelte, wie er es tat, und was er für Kristen empfand, so wußte er das unter diesen Umständen nun noch viel weniger. Hatte er sich damals auf diese Art beweisen müssen, selbst noch am Leben zu sein? Als er Scully verloren glaubte, um sie trauerte und gleichzeitig nicht wirklich wußte, wie er mit seinem Schmerz umgehen sollte? Oder hatte ein Teil von ihm gar gehofft, Kristen würde ihn töten, ihn erlösen, ihn von allen Fragen und Vorwürfen an sich selbst befreien...? Doch sie war ein Mensch, und dann war sie selbst umgekommen, verbrannt, er hatte sie nicht beschützen können, und sein Schmerz war nur um so stärker.

Und jetzt? Kristen konnte nicht die Kristen sein, die er kannte, denn die war gestorben. Und Scully war wieder an seiner Seite, seine treue Kollegin, deren Nähe und Freundschaft ihm teurer war, als er sich eingestehen wollte. – Was würde sie von ihm denken, wenn sie nur wüßte...?



Der Kriminalkommissar erwartete sie, als sie den Ankunftsterminal des Wiener Flughafens verließen.

„Hallo, Grüß Gott, Sie san die Experten vom FBI?“, fragte das kleine, dickliche Männchen, das Mulder an einen Schauspieler namens Hans Moser erinnerte, den er von alten Schwarzweißfilmen als herumschusselnden Österreicher in Erinnerung hatte. Er sprach auch fast genauso, mit langen, gedehnten Vokalen, und Mulder brauchte zwei Sekunden, bis er ,Eeefbiieiii‘ als den Namen seines Arbeitgebers identifiziert hatte. „Ich heiß’ Kramhöller.“

„Hans?“, fragte Mulder spontan, um dann seine Partnerin und sich vorzustellen.

„Jo, aber woher wissen’S? Also, wenn Sie beim Ermitteln auch so flott sind, dann werden Sie uns bestimmt eine große Hilfe bei dem Fall sein.“

„Wie sind Sie auf uns gekommen?“, fragte Scully.

„Auch das gute, alte Österreich weiß inzwischen, was das Internet ist“, versetzte der Kommissar. „So sind wir darauf gestoßen, daß wir es ganz offensichtlich mit einem Serientäter zu tun haben. Oder vielmehr wohl mit einer Serientäterin. Und daß das Muster das gleiche ist, das vor einiger Zeit aus den USA gemeldet wurde. Und Sie, Agent Mulder, waren an der Aufklärung des Falles ja ganz erheblich beteiligt. Allerdings habe ich Ihrer Seite entnommen, daß die Beteiligten tot sind?“

„Äh, ja“, sagte Mulder. „Das dachte ich jedenfalls.“

Scully sah stirnrunzelnd von einem zum anderen. „Seite? Was für eine Seite?“

„Na, die Seite über diese Frau Kilar, die Ihr Partner ins Netz gestellt hat. Auf der er den heroischen Akt beschreibt, in dem sie das Mörder-Trio in das Haus gelockt, es angezündet und dabei ihr eigenes Leben verloren hat.“

„Sie haben was?!“

Mulder hob die Achseln. „Sehen Sie mich nicht so an, Scully. Kristen hat mich auf eine falsche Fährte geschickt, um mich rauszuhalten. Und dann hat sie ihr eigenes Leben gegeben...“

„Soso, Kristen. Was Sie da sagen, klingt, als hielten Sie sie für Jesus“, bemerkte Scully sarkastisch. „Wobei der meines Wissens aber nie Bibelstellen mit dem Blut irgendwelcher Opfer an die Wand geschrieben hat.“

Mulder hustete verlegen. „Und was halten Sie von dem Teil mit der Auferstehung?“

Kramhöller verfolgte ihr Gespräch zunehmend frustrierter. „Wovon reden Sie beide da eigentlich?“

„Naja“, sagte Mulder, „davon, daß zumindest Kristen Kilar, die mit der unheiligen Dreieinigkeit zu tun hatte, wohl wieder auferstanden ist, wenn man den Berichten glauben darf, daß sie an den Tatorten gesehen worden ist. Eine Frau, die tot sein müßte.“

„Ich fürchte, Sie haben da etwas mißverstanden. Ich weiß nicht, wer diese Unbekannte ist oder wie sie zumindest an unseren Tatort hier überhaupt kommen konnte, mit all den Sicherheitskameras... Aber auf keinen Fall hat sie ein von Feuer entstelltes Gesicht. Im Gegenteil. Sie ist wunderschön, wenn Sie mich fragen.“

„Sie halten Sie für jemand, die den früheren Fall von Agent Mulder imitiert?“

„Durchaus möglich. Die Ganoven haben auch Internet-Anschluß...“

„Sie denken, meine Seite im Netz hat jemanden inspiriert? Aber Sie haben doch auch gesagt, sie sieht aus wie sie!“

„Nun ja, wenn sie sie bewundert...? Gibt es nicht auch schon eine Frau, die sich so oft hat operieren lassen, daß sie inzwischen wie ihr Idol Barbie aussieht?“

„Sie erwähnten Sicherheitskameras“, unterbrach Scully das in ihren Augen nutzlose Geplänkel der beiden Männer. „Wo ist der Mord denn eigentlich passiert?“

„Eh... ja... nun, das ist ein bißchen peinlich an der Geschichte...“

Die beiden US-Agenten sahen den Österreicher abwartend an. Der fuhr sich mit der Hand in den Nacken, sah kurz zu Boden und blickte dann an ihnen vorbei, während er antwortete und eine leichte Röte über sein Gesicht huschte. „Im Polizeikommissariat.“



„Und die Täterin ist hier hereinspaziert?!“ Scully sah Hans Kramhöller fassungslos an. Die Fenster des betreffenden Kommissariats waren gesichert, es gab Kameras sowie eine Sicherheitsschleuse.

„Wo ist es passiert?“, fragte Mulder.

„Hier hinten, im Pausenraum. Während der Nachtschicht. Zu der Zeit ist kaum jemand hier.“

„Oh mein Gott.“ Das war Scully. Kramhöller hatte soeben die schwere, graue Tür zum Pausenraum geöffnet, und was sich ihnen bot, war ein Bild aus einem Horrorstreifen. Das Blut war überall. Auf dem Boden, den Tischen, an der Wand. Und am hinteren Ende war ,Mein ist die Rache‘ damit an die Wand geschrieben. Die Schrift hatte sich bereits dunkel verfärbt. Weiße Linien zeigten an, wo das Opfer auf einem Tisch gefunden worden war.

„Wir wollten möglichst viel unverändert lassen, bis Sie es sich auch ansehen konnten“, erklärte Kramhöller, der einen Schritt hinter ihnen zurückgeblieben war.

„Diesmal war der Pausensnack dann wohl Schlachtplatte“, bemerkte Mulder, der immer einen Hang zu extrem schwarzen Humor hatte.

„Womit Ihre Theorie vom Vampir wohl haltlos wäre: Nur ein Kleinkind saut so viel von seinem Essen an die Wände! Es sieht mir schon eher nach einem Overkill aus, wenn Sie mich fragen. Und dazu der Rache-Spruch. Ich denke, die Täterin hatte irgendeine Art von Beziehung zu unserem Opfer.“

„Er muß dagelegen haben wie aufgebahrt.“ Mulder starrte auf die Umrisse des Opfers. „Oder aber wie zum Mahl angerichtet...“

Scully hatte sich interessiert einigen der Blutspuren an den Wänden genähert. „Bevor er auf diesem Tisch dort gestorben ist, muß er aber bereits schwer mißhandelt worden sein. Das Blut an all den verschiedenen Orten sagt uns, daß er durch den Raum getrieben und immer wieder verletzt wurde. Und nach diesen Spritzspuren hier würde ich sagen, er ist möglicherweise gepeitscht worden. Mit einer Nagelpeitsche vielleicht, die die Haut sofort aufreißt.“

„Eine Geißelung? Wie bei Jesus?“, fragte Mulder und fügte leise hinzu, so daß nur sie es hören konnte: „Und woher wissen Sie so gut über Peitschen Bescheid? Schon mal als Domina gearbeitet?“

„Wollen Sie, daß ich Ihnen mal eins drüberziehe, Mulder? – Ich dachte, Sie halten die Täterin für auferstanden, nicht das Opfer. Wer war das Opfer nun überhaupt genau?“ Das letzte galt Kramhöller. „Bislang wissen wir nur, daß er Polizist war.“

„Das mit den Peitschenhieben sieht Tomacek, unser Gerichtsmediziner, ganz genauso... Das Opfer war Josef Stranner, 50, unverheiratet.“ Er seufzte. „Und eigentlich war er gar nicht mehr hier.“

Die beiden Agenten sahen ihn fragend an.

„Er hat uns einen hübschen, kleinen Skandal eingebrockt“, erläuterte der Kommissar. „Die Kollegen an der Grenze mühen sich ab, den modernen Sklavenhandel aus dem Osten zu unterbinden, und er macht mit den Schleusern Geschäfte für die Befriedigung seiner perversen Gelüste. Und sowas is’ bei der Polizei! Es war wochenlang die Schlagzeile in der Kronenzeitung.“

„Frauenhandel?“, fragte Scully.

Kramhöller nickte. „Frauenhandel. All die Nadjas, Tatjanas und Olgas aus der Ukraine und von sonstwo erwarten sich ein besseres Leben im Westen. Sie denken, sie arbeiten als Bedienung oder Kindermädchen oder sowas. Zwar mit nicht viel Verdienst, weil sie ja Illegale sind, aber, wie sie hoffen, mit weniger als gar nichts, denn gar nichts ist genau das, was sie da drüben haben. Und sie haben alte Mütter oder kranke Kinder, die Medizin brauchen, oder auch nur etwas zu essen. Sie zahlen dem Schleuser ihr letztes Geld, der ihnen als erstes den Paß abnimmt, angeblich zu ihrer eigenen Sicherheit, und dann landen sie hier in irgend einem Loch, in dem sie verprügelt und vergewaltigt werden, und dann dürfen sie die Schulden, die sie immer haben, ganz gleich wofür angeblich, erstmal ,abarbeiten‘. Diese Frauen können kein Deutsch, sie haben keine Ahnung von ihren Rechten, sie werden außerdem meist noch damit bedroht, daß ihren Angehörigen zu Hause etwas passiert, wenn sie nicht spuren. Es ist die moderne Sklavenhaltung. Immer, wenn wir wieder einem Fall auf die Spur kommen, ein illegales Bordell aufspüren, eines dieser Rattenlöcher, in denen die jungen Frauen eingepfercht werden, kommt den Kollegen das Kotzen. Die Frauen sind abgemagert, krank, verwahrlost, zerschunden am ganzen Körper. Welche Illegale wird sich schon beschweren, wenn ihr Freier auf so ein kleines bißchen Mißhandlung steht? Und dann haben wir da so ein Schwein in den eigenen Reihen, das da hingeht, einen dieser Scheißtypen mit Tips über Razzien versorgt und sich dafür immer mal wieder ein paar der Huren schicken läßt, bei denen es egal ist, was er mit ihnen macht...“

Scully schluckte hart. Sie wußte, daß es diese Schicksale gab, aber es war ihr fast unmöglich, sich das Leben einer dieser unglücklichen, mißbrauchten Frauen ohne Hoffnung bis ins letzte Detail wirklich vorzustellen. Auch Kramhöller ging der Fall sichtlich an die Nieren.

„Stranner wurde sofort suspendiert, als es herauskam“, sprach der Kommissar weiter. Als das da...“ – er deutete auf die grausige Szenerie im Pausenraum – „...passiert ist, war er nur noch einmal da, um seine Sachen zu holen, die noch in seinem Spind da hinten waren. Vermutlich kam er bei Nacht, um nicht von der Presse belagert zu werden.“

„Und wurde abgeschlachtet.“ Mulders Gesicht zeigte keine Regung, er sprach allerdings sehr sachlich, irgendwie monoton. Ein Trick, mit dem er sich davor schützte, von Gefühlen überwältigt zu werden, wie Scully wußte.

„Ja.“

„Denken Sie, es war die Rache einer mißhandelten Hure?“, fragte Scully, während sie sich vorsichtig dem Spind näherte, auf den Kramhöller gedeutet hatte.

„Ich wüßte nicht wie. Schon mal angefangen damit, daß es praktisch unmöglich ist, hier reinzukommen. Und wie gesagt: Diese Frauen wagen im Normalfall nicht, sich zu wehren. Noch nicht mal ansatzweise.“

Auch der Spind war blutverschmiert. Er war nicht verschlossen, und davor stand eine Tasche, vermutlich war das Opfer also beim Packen überrascht worden. Die Agentin zog sich einen Handschuh über und zog die Tür des Schrankes ganz auf. Sie rümpfte mißbilligend die Nase, als sie das Pinup-Poster an der Innenseite sah: eine nackte, gefesselte Frau mit Peitschenstriemen.

„Wir inspizieren nicht die Schränke unserer Beamten, das ist Privatsphäre“, beeilte sich Kramhöller zu sagen.

Im Schrank hing noch die Dienstkleidung. Viel Privates war außer dem dreckigen Bild nicht da. Ein T-Shirt, eine Trainingshose, Laufschuhe, Socken. Eine der Socken war beim Öffnen der Tür offenbar herausgefallen. Sie lag unter dem Spind, direkt bei einer Blutlache. Vielleicht hatte das Opfer sie auch gerade in der Hand gehabt, als es angegriffen wurde. Scully sah genauer hin und bückte sich.

„Was ist das?“

Mulder, der neben sie getreten war, sah ihr interessiert über die Schulter. „Was haben Sie da?“

Sie hob das dünne, leicht gewellte Haar, das direkt neben der Socke am Rand der Blutlache gelegen hatte, vorsichtig auf und zeigte es ihm. „Wofür halten Sie das, Mulder?

Er sah sie fragend an. „Frauenhaar?“

Sie nickte. „Würde ich auch sagen. Es sei denn, Stranner hätte Karl Lagerfeld imitiert. Das Haar hat sich genau mit dem Rand der Blutlache gedeckt, weswegen es wahrscheinlich auch übersehen wurde. Und wie es aussieht, ist es ein Haar mit Wurzel.“

„Das lassen wir doch sofort analysieren“, knurrte Kramhöller. Er hielt den Agenten ein Beweismittel-Tütchen hin.

„Können wir jetzt vielleicht die Videoaufzeichnungen der Sicherheitskameras von dem Abend sehen, an dem der Mann umgebracht wurde?“, fragte Mulder.

„Aber natürlich. Folgen Sie mir.“



„Sehen Sie? Da!“ Alle Flure im Erdgeschoß waren videoüberwacht. Und auf einem der Bänder war urplötzlich, wie aus dem Nichts, eine schwarz gekleidete, schlanke Frau mit starker Schminke und dunklen Locken zu sehen. Sie näherte sich dem Pausenraum und trat ein.

„Zwei Minuten vorher ist auf dem Band zu sehen, wie Stranner hineingeht. – Es ist mir absolut unbegreiflich, woher diese Frau auf einmal aufgetaucht ist. Auf dem Band der Kamera, die den anderen Flur überwacht, ist sie nicht drauf. Im Gegensatz zu Stranner. Und auch der wachhabende Beamte an der Eingangsschleuse hat niemanden außer Stranner gesehen. Und sich irgendwann gewundert, als er nicht zurückgekommen ist. Er hat einen Kollegen nachsehen geschickt, der hat die Leiche gefunden. Von der geheimnisvollen Frau war keine Spur zu sehen.“

„Könnte jemand die Kamera manipuliert haben?“ fragte Scully.

„Sie meinen, ein Standbild eingespeist oder sowas in der Art?“

„Ja.“

„Aber das... das würde dann ja heißen, daß die Frau einen Komplizen hatte. Sie meinen... jemand von uns?! Von der Polizei?“

„Nicht notwendigerweise. Obwohl auch das eine Möglichkeit ist. Vielleicht waren über das, was Stranner getan hat, auch noch andere ähnlich empört wie Sie?“

„Also, das, ich...“ Kramhöller war kalkweiß geworden. Schweiß stand ihm auf der Stirn, er fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht.

„Ich glaube, die Kameras waren in Ordnung“, beruhigte Mulder ihn. Er drückte den Rückspulknopf, hielt das Bild in einer Stellung an, in der das Gesicht der unbekannten Mörderin gut zu sehen war, und drehte sich Scully zu. „Das ist sie. Das ist Kristen.“

Sie starrten alle drei das Band an. „Eine... eine verbrannte Frau?!“, japste Kramhöller.

„Eine tote Frau“, korrigierte Mulder. „Oder besser: eine untote.“

„Aber das ist doch nicht möglich!“

„Hans“, sagte Mulder, „hat man Ihnen denn nicht mitgeteilt, mit was für einer Art von Fällen wir uns genau befassen?“

„Nun ja, doch, schon, so ungefähr jedenfalls, aber...“ Kramhöller seufzte. „Was schlagen Sie vor?“

Mulder deutete auf die Beweismitteltüte. „Daß Sie das da schleunigst analysieren lassen, um sich Klarheit zu verschaffen. Wenn wir beim Daten-Abgleich einen Treffer mit Kristen Kilar kriegen, wissen wir, mit wem wir es zu tun haben. Scully, Sie sollten vielleicht mitgehen. Und könnten Sie sich auch die Leiche ansehen, der Vollständigkeit halber?“

„Und was machen Sie inzwischen?“

„Noch einen genaueren Blick auf diese Überwachungsbänder werfen.“