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Der 24. August

von Andrea Muche

Kapitel 1

Es war eine ruhige Sommernacht auf der Polizeiwache in dem kleinen Ort auf dem Land. Jedenfalls bis kurz vor Mitternacht. Die Uhr zeigte genau 11.21 Uhr, als plötzlich die Hölle losbrach. Vom Bierfest im Nachbarort wurde eine Massenschlägerei gemeldet, auf dem nahegelegenen Highway rasten mehrere Autos ineinander, die Streife entdeckte einen offensichtlich Besoffenen, der Schlangenlinien fuhr, und dann rief auch noch die verrückte Hilda an.
„Was wollen Sie?!“ schnauzte der Officer, der Bereitschaft hatte, ins Telefon. „Sind mal wieder Ihre Farben gestohlen worden, oder verbellt der Hund einen angeblichen Einbrecher? Oder ist Ihnen langweilig, weil im Fernsehen nichts Gescheites läuft? Mir ist nicht langweilig, das kann ich Ihnen sagen, hier bricht nämlich gerade der Laden zusammen!“
„Nun, daß Ihre Arbeitseinstellung bisweilen zu wünschen übrig läßt, ist mir schon aufgefallen“, kam die Antwort in deutlich ungehaltenem Ton aus dem Hörer. „Ich würde Ihnen jedoch raten, Ihren fetten Hintern möglichst bald hier rauf zu schwingen. Mein Mann ist nämlich weg.“
Der Officer saß auf einmal sehr gerade und steif auf seinem Stuhl, während er den Schweiß in seinen Hemdkragen rinnen fühlte.
„Was? Wie weg?“
„Weg. Verschwunden. Soll ich's Ihnen buchstabieren?!“
Bevor der Officer zu einer Antwort kam, krächzte der Funk los: „Hey, Hank, räum schon mal die Zelle auf, wir kriegen ein paar Gäste!“
Der Officer seufzte. „Tolle Nachricht. – Nein, nicht Sie.“ Das letzte galt Hilda, die schon wieder angefangen hatte, in den Hörer zu brüllen. „Moment.“ Er hielt sich den Hörer vor die Brust und widmete sich erneut dem Funkgerät. „Was für Gäste, zum Teufel?“
„Ein paar übel verprügelte Burschen. Im Knast bei den Nachbarn sind nicht mehr genug Zimmer frei, fürchte ich. Und dann haben wir noch den Typen festgenommen, der die ganze Breite der Straße nur für sich alleine gebraucht hat.“
Der Officer stöhnte. „Der Abend wird immer besser. Was hat er denn intus? Alkohol, Drogen?“
„Wissen wir noch nicht ganz genau. Vielleicht beides. Oder er ist aus einer Klinik abgehauen. Behauptet, er sei nur deswegen in Schlangenlinien gefahren, um das Ufo abzuschütteln, das gerade neben ihm hergeflogen ist.“
„Meint der Kerl das etwa ernst?“
„Keine Ahnung. Im Augenblick behauptet er gerade, in seiner Hosentasche ein Fax zu empfangen.“
Na toll. Ein Irrer mit Halluzinationen – großartig.
„Apropos Irre: Ich habe hier mal wieder Hilda in der Leitung. Diesmal behauptet sie, ihr Mann sei verschwunden. Könnt ihr da mal hinfahren, sobald ihr Zeit habt?“
„Ein Vermißtenfall? Schon wieder einer?!“
„Naja. Wer weiß. Du kennst doch Hilda...“
Es kam ein undefinierbarer Laut vom anderen Ende der Leitung. Der Officer interpretierte es als Mißfallensäußerung. „Okay, wir fahren später hin. Das kann in einer Nacht wie dieser aber noch dauern, das sag ich dir! Jetzt kommen wir erstmal zu dir und laden unsere Fracht ab!“
Der Funk schwieg, und der Officer nahm den Telefonhörer wieder ans Ohr.
„Okay, Hilda, es kommt ein Wagen, sobald es geht, um die Vermißtenmeldung aufzunehmen. Es kann aber dauern, hier ist wie gesagt gerade ganz schön was los.“
„Alles klar, beeilt euch bloß nicht. Ist ja auch nur die verrückte, alte Hilda!“ Dann hörte der Officer ein scharfes „Klick“: Hilda hatte wütend aufgelegt.
Der Officer lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück, schloß für einen Moment die Augen und wappnete sich für alles, was in den nächsten Minuten kommen würde. Dann langte er hinter sich und zog den Rollschub auf, in dem die jüngsten Fälle im Register hingen. Die vermißten Personen nahmen langsam überhand. Fünf allein in den letzten vier Wochen. Sechs mit Hildas Mann. Und dabei war das hier sonst eine völlig ruhige Kleinstadt, in der noch nicht einmal jemand aus dem Supermarkt etwas mitgehen ließ...
Weiter kam der Officer in seinen Überlegungen nicht. Das Klingeln des Telefons riß ihn erneut aus seinen Gedanken.
„Polizeiwache hier. Was ist denn jetzt schon wieder?“
Halb erwartete er, erneut Hilda zu hören. Statt dessen erklang eine erregte Männerstimme: „Sie müssen bitte jemanden zum Highway schicken. Schnell! Hier kreisen fliegende Untertassen!“

Die Tür zum Kellerbüro im FBI-Gebäude öffnete sich, und der rötliche Haarschopf einer schlanken, zierlichen Frau erschien. Sie blickte zu dem Mann hin, der in Papiere vertieft am Schreibtisch gesessen hatte und nun aus wachen, grauen Augen zu ihr hinsah. „Hallo, Mulder. Was gibt's?“
Der dunkelhaarige FBI-Agent winkte ihr, einzutreten. „Kommen Sie rein, Scully, setzen Sie sich. Ich habe da etwas geschickt bekommen, von einer Polizeistation in einer kleinen Stadt auf dem platten Land. Dort haben sich in der vergangenen Nacht gehäuft merkwürdige Dinge zugetragen.“
Mulders Partnerin trat ganz ein, schloß die Tür hinter sich, stellte ihre Aktentasche auf den Boden und ließ sich auf dem Stuhl auf der anderen Seite von Mulders Schreibtisch nieder. „Was verstehen Sie unter merkwürdig?“
Er zählte auf, was in dem Ort alles gleichzeitig passiert war. „Und dann wurde auch noch jemand als vermißt gemeldet. Der sechste Fall in nur vier Wochen.“
„Und? Ich sehe hier noch keinen Fall fürs FBI, erst recht nicht für die X-Akten.“
Mulder lehnte sich nach vorne und sah Scully über seine Papiere hinweg eindringlich an. „In nur vier Wochen, Scully, ich bitte Sie! In einer Stadt, in der sonst das ganze Jahr so wenig passiert, daß die noch nicht mal eine Kriminalstatistik schreiben!“
„Okay, das ist ungewöhnlich. Und was weiter?“
Er lehnte sich wieder zurück, zog seine Unterlippe zwischen die Zähne und atmete dann hörbar aus. „In der letzten Nacht haben auch mehrere Zeugen behauptet, dort Ufos gesehen zu haben.“
Scully rollte mit ihren blauen Augen, dann fixierte sie Mulder erneut.
„Natürlich. Alles klar. Der Satz mußte jetzt ja wohl kommen, nicht?“
„Scully! Vielleicht sind die Verschwundenen entführt worden! Wie Sie! Vielleicht fliegen die Außerirdischen wirklich jetzt gerade dort rum. Wir müssen da hin.“
„Mulder!“ Sie sprach jetzt genauso erregt wie er. „Ich weiß nicht, was mir passiert ist, ich kann mich jedenfalls an keine kleinen, grünen Männchen erinnern. Und wenn Leute glauben, Ufos zu sehen... Das kann bekanntlich alles mögliche sein.“
Er schwieg ein paar Sekunden und stierte auf seine Papiere. Dann sah er wieder hoch, ihr in die Augen und entgegnete nun ganz ruhig: „Sie sind grau. Die Männchen. Und Sie wissen, daß Sie von ihnen entführt wurden.“
Sie preßte ihre Lippen hart zusammen und blickte zur Seite. „Ich möchte dieses Thema jetzt nicht vertiefen, Mulder.“ Dann langte sie nach seinen Papieren und fragte in wieder versöhnlicherem Ton: „Was genau haben wir denn? Wer sind die Zeugen, die die Ufos gesehen haben wollen?“
„Ähm, naja...“
Etwas in Mulders Ton ließ sie erneut auf- und ihn ansehen. Er hatte jetzt wieder genau diesen Ausdruck, den früher immer ihr Bruder gezeigt hatte, wenn er bei irgend einer Sache furchtbar übertrieben hatte, um sie zu beeindrucken, und kurz davor stand, als Aufschneider entlarvt zu werden. Sie runzelte die Stirn. Mit Skepsis wandte sie sich dann den Unterlagen zu – und fand ihren Verdacht sogleich bestätigt.
„Also, das ist ja wohl nicht Ihr Ernst. Ein Autofahrer meldet Ufos, ist aber unauffindbar, als die Polizei zu der von ihm angegebenen Stelle kommt. Von Ufos keine Spur. Und der zweite, der letzte Nacht von Ufos gesprochen hat, ist wer?! Ein Irrer auf LSD? Der einem Ufo ausweicht und Faxe in der Hose empfängt?!“
Die FBI-Agentin sah ihren Partner wieder an. Jetzt war sie deutlich sauer.
„In der Hose von dem Typen scheint ja jedenfalls ganz schön was los zu sein“, versuchte es Mulder mit einer flapsigen Bemerkung, „ganz im Gegensatz zu meiner.“
Scully blieb der Mund offen. „Vielleicht gleicht es ja den Mangel an Aktivität in seinem Gehirn aus. In Ihrem Oberstübchen scheint allerdings auch nicht gerade alles wirklich wach zu sein. Oder ist Ihnen entgangen, daß zu allem Überfluß im Nachbarort auch noch ein riesiges Sauf-Gelage im Gange war, das unter anderem zu einer Massenschlägerei und zu einem Mega-Auffahrunfall geführt hat?! Fox Mulder, diese Leute waren ganz einfach blau und high!“
Er sah sie zerknirscht an. „Ja. Sie haben ja recht. Wahrscheinlich war es so. Aber... nur...“
„Nur?“
Er seufzte. „Können wir nicht wenigstens hinfahren? Uns da mal umsehen? Wahrscheinlich ist tatsächlich nichts dran. Aber warum vergewissern wir uns nicht?“
Damit hatte er sie am Haken, und sie wußten es beide. „Sich vergewissern“, das war Dana Scullys wissenschaftliche Welt des rational Erklärbaren. Vor allem: Sich vergewissern, daß etwas Ungewöhnliches da draußen nicht existierte. Sie stand auf und sah ihn an. „In Ordnung, von mir aus. Lassen Sie uns gehen.“

Auf der Fahrt reichte er ihr die Mappe mit den Daten der vermißten Personen.
„Das hat uns die Polizeistation gefaxt. Der jüngste Fall ist von letzter Nacht. Alfred Kowalski, 60, Ehemann einer verschrobenen Künstlerin. Sie wohnen abseits des Ortes auf einer Einöde. Die anderen sind zwei Frauen mittleren Alters, zwei jüngere Männer und ein Kind. Ein Zwölfjähriger.“ Mulder warf einen kurzen Blick zu Scully auf den Beifahrersitz. Sie fing ihn auf und wußte, an was er dachte: seine in Kindertagen entführte Schwester. „Er heißt Matthew Parker.“
„Irgendwelche Zeugen, die Ungewöhnliches gesehen haben wollen?“
„Nein, nicht im direkten Zusammenhang mit dem Verschwinden der Personen. Es kamen aber auch keine Erpresserbriefe. Fast, als ob sich alle gleichzeitig entschlossen hätten, einfach nicht mehr nach Hause zu kommen. Aber dann waren da zur selben Zeit natürlich auch Ufo-Sichtungen. Vor allem letzte Nacht.“
„Na klar.“ Scully rollte mit den Augen. „Nach dem achten Bier sehe sogar ich Ufos.“
Mulder schmunzelte.

Sie hatten einen Leihwagen zur Polizeistation beordert, um von dort aus getrennt zu Zeugenbefragungen bei den Familien der vermißten Menschen fahren zu können. Den jüngsten Fall – Alfred Kowalski – wollten sie jedoch noch gemeinsam abhaken, zumal der Einödhof schon ein Stück vor dem Ort auf ihrer Strecke lag. Sie bogen von der Hauptstraße ab, folgten einer Landstraße, dann etwas, das mehr wie ein Feldweg aussah und nicht asphaltiert war. Scully sah stirnrunzelnd in die Karte.
„Wo sind wir?“ fragte ihr Partner. „Sind wir hier noch richtig?“
„Mhm. Ich glaube schon. Wenn es stimmt, müßten wir es gleich sehen. Okay, ja, da vorne!“
Sie schaukelten auf ein altes Bauernhaus aus Holz zu. Daneben stand eine Scheune, in die aber nachträglich große Fenster eingebaut worden waren.
Die beiden FBI-Agenten verließen ihren Wagen, gingen zum Haus und klopften an die Tür. Es erfolgte keine Reaktion.
„Hallo? Jemand zu Hause?“ Scully und Mulder versuchten, durch die Fenster zu spähen. Sie konnten aber auch drinnen niemanden entdecken. Mulder deutete auf die Scheune. „Versuchen wir's doch mal da.“
Die Tür war offen – und als sie eintraten, fanden sie sich in einem Künstleratelier wieder. Scully entfuhr ein leises „Wow“. Überall hingen Bilder. Sie waren alle gut, und es handelte sich um die verschiedensten Motive: Familienszenen, Landschaften, historische Darstellungen.
„Hallo.“ Erst jetzt bemerkten die Agenten die resolute, alte Frau, die ihre grauen Haare zu einem Knoten geschlungen trug und – in einer Hand die Palette, in der anderen den Pinsel – hinter einer Staffelei stand.
„Hallo.“ Sie zückten ihre Marken. „FBI. Ich bin Fox Mulder, und das ist meine Partnerin Dana Scully“, stellte Mulder sie vor. „Sie haben letzte Nacht Ihren Mann als vermißt gemeldet?“
Die grauhaarige Frau nickte. „Ja, Alfred Kowalski. Ich bin Hilda Kowalski.“ Sie legte die Malutensilien fort und wischte sich die farbverschmierten Finger an dem Schutzkittel ab, den sie trug. „Aber lassen Sie uns doch ins Haus gehen. Ich bin nur hierhergekommen, weil... naja. Wenn ich traurig bin oder nicht weiter weiß, dann male ich eigentlich immer. – Aber wieso interessiert das FBI der Fall? Hanks Leute haben mich doch schon nach allem gefragt, das weiterhelfen könnte, ihn zu finden.“
„Ihr Mann ist nicht der einzige, der in letzter Zeit verschwunden ist. Und auch sonst passieren hier ein paar merkwürdige Dinge, wie aus den Protokollen der Polizei hervorgeht...“

Hilda glaubte allerdings nicht an eine Entführung durch Außerirdische und behauptete steif und fest, ihr Mann habe zudem mit den anderen Verschwundenen nichts zu tun. Da sei sie sich ganz sicher. Sie habe auch weder Ufos gesehen, noch etwas, das man dafür halten könnte. Im Prinzip machte sie sich offenbar vor allem deswegen große Sorgen um ihren Mann, weil er nach einem schlimmen Streit fortgegangen und nicht mehr zurückgekommen war. Hilda hatte Angst, er könnte einen Rückfall in die Alkoholsucht erleiden und wieder der Quartalssäufer werden, der er einmal war. Das war eigentlich alles. „Saufen scheint hier die Freizeitbeschäftigung Nummer eins zu sein“, merkte Scully an, als sie und Mulder auf dem Weg zur Polizeistation waren.