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Erinnerungen

von Andrea Muche

Kapitel 1

Prolog, Mulder

Die Gehirnforschung hält es für möglich, daß der freie Wille unter Umständen nicht existiert. Experimente ergeben immer wieder aufs neue, daß unser Denkorgan Entscheidungen für uns getroffen hat, lange bevor sie uns wirklich bewußt werden. Zwar glaubt der Mensch, sich entschieden zu haben, und kann auch durchaus logische Begründungen angeben, warum er dieses getan, jenes gelassen hat. Doch stellt sich bei näherer Betrachtung seitens der Forscher jedes Mal dieselbe Tatsache heraus: Zuerst fällte das Gehirn die Entscheidung – und erst dann suchte es nach einer Begründung für sein Tun. Nach einer „Ausrede“ gewissermaßen.
Während diese Erkenntnisse nun einerseits die Frage aufwerfen, ob man denn dann Straftäter letztlich überhaupt für das Schändliche, das sie tun, verantwortlich machen kann, wenn sie sich für das Böse quasi entscheiden „mußten“, weil ihnen ihr Gehirn gar keine andere Wahl gelassen hat, so ergibt sich daraus gleichzeitig auch noch eine viel universellere Frage, nämlich: Was ist der Mensch? Was sind wir, wie sind wir, wer sind wir? Wen wir hassen, wen wir lieben, für wen wir unser Leben geben würden, unsere Hoffnungen, Wünsche, Träume – alles nur eine Illusion, die das Gehirn uns vorgaukelt? Entscheiden wir nichts davon? Wird all das von unserem eigenen Gehirn gewissermaßen „fremdbestimmt“, so, als säße ein Alien unter unserer Schädeldecke? Und sollte uns das Angst machen?
Vermutlich wird keiner die Antwort je kennen. Und je stärker wir nach ihr suchen, desto mehr werden wir nur wissen, daß wir nichts wissen. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Für den Körper mag eine Antwort ja noch gefunden werden. Aber für die Seele, für den Geist? Woher kommen unsere Gedanken, Träume und Entscheidungen wirklich? Und was passiert mit ihnen, wenn wir sterben? Oder schon lange vorher? „Was ich hier oben habe, das kann mir keiner nehmen“, hat mein Mathematiklehrer, der aus seinem Land fliehen mußte und nichts Materielles mit sich nehmen konnte, immer wieder gesagt und dabei auf seinen Kopf gedeutet. Als Kind fand ich den Gedanken tröstlich. Aber er ist nicht wahr. Vielen werden im Alter ihre Erinnerungen genommen, Stück für Stück, bis sie sich selbst verloren haben. Wer Tagebuch schreibt, bemerkt auch schon früher, daß die Erinnerung weit weniger verläßlich ist, als wir gemein! hin glauben. Wer Ereignisse nachliest, die länger zurückliegen, wundert sich bisweilen darüber, was wirklich passiert ist. Und wie man gedacht hat. Warum man entschieden hat, wie man es tat. Oder warum das Gehirn so entschieden hat.
Wem können wir dann trauen? Niemandem. Nicht einmal uns selbst. Auch nicht unseren Gefühlen? Sind sie es, die uns definieren, die ausmachen, wer wir sind? Oder sind auch sie nur Illusion? Vielleicht sollte man manchmal aufhören, wie ein Besessener die letzte, die ultimative Wahrheit zu suchen. Manchmal findet man sie wohl nur, wenn man glaubt.

******

Die Kontaktaufnahme war überraschend gekommen. Nicht Mulders übliche Quelle von außerhalb des FBI. Der Agent wußte nicht, wer es war, der sich bei ihm gemeldet und ein Treffen vorgeschlagen hatte. Er wußte nur, daß er hingehen würde. Vielleicht war es nur wieder eine von vielen falschen Hoffnungen auf die Wahrheit – vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wollte ihm wirklich jemand helfen, vielleicht erfuhr er wieder einen Teil des großen, geheimnisvollen Puzzles. Vielleicht würde er irgendwann endlich das ganze Bild sehen und Bescheid wissen. Sicher war: Er mußte diese Chance nutzen. Er konnte nicht anders.
Und deswegen saß er nun in dieser schummrigen Spelunke, in die so wenig Licht drang, daß es statt neun Uhr vormittags auch neun Uhr abends und finster hätte sein können. Wenn man sich am Anblick der wenigen Gäste orientierte, war die Tageszeit ebenso unklar: Entweder waren die immer noch betrunken – oder schon wieder. Es roch muffig, möglicherweise hatte sich in irgendeiner Ecke auch jemand erbrochen, auf dem Tresen standen Pfützen vom wenig treffsicheren Einschenken. Wie erst die Toiletten aussahen, wollte Mulder lieber gar nicht wissen.
Der Agent hatte einen Eistee vor sich stehen, vom Wirt mit deutlicher Mißbilligung nach seiner Bestellung vor ihn auf den Tresen hingeknallt. „Und Ihnen auch einen wunderschönen guten Morgen“, murmelte Mulder und prostete seinem Bild im Spiegel hinter der Batterie an Alkoholika-Flaschen zu. Wer auch immer ihn hierher bestellt hatte, war noch nicht da, und Fox Mulder begann langsam, sich zu fragen, was er eigentlich hier machte. Er fühlte sich müde, und so sah er vermutlich auch aus. Vielleicht doch ganz gut, daß der Spiegel hinter der Bar fast blind war. Wie lange würde er noch ergebnislos der Wahrheit hinterherrennen?
„Whiskey“, sagte in dem Moment eine offensichtlich befehlsgewohnte Stimme neben ihm. „Kein Eis.“
Mulder riskierte einen Blick zur Seite. Der Mann war etwas älter als er selbst, wirkte durchtrainiert, trug die schon leicht angegrauten Haare militärisch kurz, statt einer Uniform aber Jeans, Holzfällerhemd und eine speckige Jacke. Vielleicht, um sich der Spelunke anzupassen.
„Ist es dafür nicht noch ein bißchen früh?“ fragte Mulder und blickte dem Fremden nun mit seinen blau-grauen Augen offen ins Gesicht.
Möglicherweise zuckte es leicht amüsiert um die Mundwinkel des Thekennachbarn. Es hätte aber auch sein können, daß Mulder sich täuschte. Der andere langte ohne ein weiteres Wort zu seinem Eistee hinüber, nahm ihn auf und roch einen Moment daran. „Aha“, sagte er. Im selben Moment schob der Wirt ihm seinen Whiskey hin. Der Fremde nahm sein Glas in die eine Hand, behielt Mulders in der anderen, erhob sich vom Barhocker und machte eine Geste Richtung der Tische, die abseits der übrigen Gäste standen. „Reden wir.“
Sie ließen sich nieder. Mulder wartete, bis sein Gegenüber einen Schluck von seinem Whiskey genommen hatte, nippte selber von seinem Eistee und fragte dann: „Worüber?“
„Wollen Sie nicht die Wahrheit wissen?“ Wieder das amüsierte Zucken. Oder Einbildung. In einem finsteren Loch wie diesem.
„Die Wahrheit in Bezug auf was?“
„Was genau die sind, die hier unter uns sind. Was sie wollen. Was man dagegen tun kann.“
Mulder nahm wieder einen Schluck. Der andere wartete. Dann sagte er: „Die Wahrheit in Bezug auf Ihre Schwester.“
„Was wissen Sie über meine Schwester?“
„Daß sie nicht tot ist, zum Beispiel. Auch, warum sie nicht tot ist.“
„Und wo sie ist?“
„Das auch.“
Mulders Lippen öffneten sich, er fühlte seinen Mund trocken werden, mußte krampfhaft schlucken. Konnte es sein, daß es wirklich so einfach war? Daß hier jemand saß, der ihm tatsächlich sagen konnte und würde, wie er sie wiederfand? Einfach so? Oder war das bloß ein weiterer Trick? Er sah sein Gegenüber prüfend an. Wer war das? Was wußte er? Wieso wollte er sich ihm anvertrauen?
Und was hatte der Mann ihm bisher gesagt? Nichts, rein gar nichts, wenn er ehrlich war.
In dem Moment vibrierte das Mobiltelefon in Mulders Jackentasche. Er dachte, er hätte es komplett ausgeschaltet, und erschrak durch die plötzliche Bewegung in seiner Jacke. Beim Versuch, es möglichst schnell abzuwürgen, stieß er an sein Glas, das vom Tisch auf den Boden rutschte und zerschellte. Der Eistee spritzte in alle Richtungen. Nicht, daß das hier noch wirklich viel ausgemacht hätte.
„Hey! Was soll denn das?!“ schrie der Wirt, jetzt plötzlich eifrig geworden. Als ob er Meissener Porzellan zerschlagen habe.
„Tut mir leid!“ rief Mulder.
„Nun sehen Sie sich doch mal den ganzen Dreck an!“ lamentierte der Wirt weiter, der sich langsam näherte. „Und die Scherben!“
Mulders Gegenüber sah ziemlich unglücklich aus. Vermutlich wollte er schnell wieder verschwinden. Und dem Wirt nicht unbedingt auffallen, schon gar nicht zusammen mit Mulder.
„Ich habe ja nicht absichtlich damit geworfen!“ versuchte Mulder den Wirt zu beruhigen.
„Deswegen ist es auch meine Zeit und mein Geld“, motzte der Wirt.
„Schon gut“, fauchte Mulder, zückte seinen Geldbeutel und knallte einen Schein auf den Tisch. „Ich bezahle das verdammte Glas. Okay?!“
Er warf seinem Gegenüber wieder einen Blick zu – und glaubte sich plötzlich zu erinnern. Der andere war doch kein Fremder. Er hatte ihn schon einmal gesehen. Und zwar zusammen mit dem Raucher. Dann war ihm aber nicht zu trauen. Niemandem aus der Umgebung des Rauchers war zu trauen.
Oder irrte er sich? Mulder starrte den anderen weiter an. Nein, er kannte ihn doch nicht. Definitiv. Auch nicht aus der Umgebung des Rauchers.
„Warten Sie, ich hole Ihnen einen neuen Drink“, bot der Mann nun an; der Wirt hatte sich – den Schein in der Hand – wieder entfernt. Nur die Scherben lagen noch da.
Seine Stimme... Wieder mußte ihn Mulder anstarren. Und jetzt sah er in seiner Erinnerung erneut das Bild, wie der Mann neben dem Raucher stand, er sagte etwas zu ihm, beide sahen zu ihm, Mulder, her und lachten...
„Nein“, sagte Mulder.
Der andere sah ihn fragend an, schien zu überlegen. Dann stand er abrupt auf und sagte: „Ich muß gehen.“
„Ja, aber...“ Mulders Kinnlade klappte nach unten. „Wir haben doch gerade erst angefangen zu reden, und Sie haben mich schließlich hierher bestellt...“
„Das stimmt. Aber jetzt muß ich gehen.“
Der andere drehte sich um und verließ den Tisch.
„Halt! Warten Sie! Sie können doch nicht einfach...! Halt! Wie kann ich Sie denn erreichen?!“
Der FBI-Agent begann, dem anderen durch die Kneipe nachzulaufen. Der Mann schien den Hinterausgang anzusteuern, er wurde jetzt schnell, fing an zu laufen.
„Halt!“ rief Mulder noch einmal. Doch der andere war schon aus der Tür. Mit metallischem Scheppern schlug sie wieder zu, bevor der FBI-Agent sie erreichte. Er riß sie auf, trat in die rückwärtige Gasse und mußte einen Moment geblendet vom plötzlichen, hellen Tageslicht die Augen schließen. Er hörte seinen Kontaktmann rennen.
„Halt!“ schrie er wieder und setzte ihm nach.
Diesmal blieb der Mann tatsächlich stehen. „Ich brauche Antworten!“ rief Mulder, während er sich dem anderen näherte, der sich wieder zu ihm umgewandt hatte.
„Mist, vergessen Sie's“, sagte der Unbekannte. „Nicht jetzt. Vielleicht wann anders.“
„Was ist da drin passiert?“ fragte Mulder. „Wieso haben Sie Ihre Meinung geändert?“
„Ich sagte doch, vergessen Sie's“, wiederholte der Mann.
Und im selben Moment rief jemand hinter Mulder: „Hände hoch! Werfen Sie die Waffe weg!“